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Gesunder Genuss?

23.04.2013  16:38 Uhr

Alkohol ist ein Zellgift, das alle Organe schädigen kann. Das sollte eigentlich weitläufig bekannt sein. Ein Symposium auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin hat dennoch mein Interesse geweckt. Unter dem Motto »Aktuelles zum Lebensstilfaktor Wein« sollten neue Forschungs- und Studienergebnisse zum Einfluss von Alkohol auf Diabe­tes, Demenz und das Herz vorgestellt werden. Ich dachte dabei vor allem an die gesundheitlichen Gefahren durch den Alkoholkonsum. Das könnte einen Artikel in der PZ wert sein.

 

Die erste Überraschung erlebte ich, als ich den Sitzungssaal fünf Minuten vor Beginn der Veranstaltung betrat. Alle Sitzplätze waren besetzt und selbst einen Stehplatz zu ergattern, war nicht leicht – eine Situation, die man beim Internistenkongress eigentlich so gar nicht kennt. Die zweite Überraschung wurde in den folgenden 90 Minuten immer größer. Alle Referenten betonten nämlich nicht nur, wie schädlich exzessiver Alkoholgenuss ist, sie lobten auch die protektiven Effekte des Alkohols, wenn er in Maßen getrunken wird (lesen Sie dazu Alkohol: Schutz im unteren Promillebereich). Zum Beispiel ein Viertel Wein soll diese Wirkung haben. Wer diesen möglichen Vorteil nutzen will, darf diese Grenze nicht überschreiten.

 

Auch wenn das Symposium von der Deutschen Weinakademie unterstützt war, worauf es im Kongressprogramm übrigens keinen Hinweis gab, lassen sich die präsentierten Studienergebnisse, allen voran jene der vorgestellten großen Metaanalysen, nicht wegdiskutieren. Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass geringe Mengen Alkohol vor Demenz, Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen könnten. Das ist zweifelsohne interessant. Und es ist wert, weiter erforscht zu werden.

 

Nun bereits für den moderaten Konsum zu plädieren, ist aber wohl zu früh. Einer der Referenten wies darauf hin, dass die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) moderaten Alkohol­konsum mittlerweile – neben Nicht-Rauchen, gesunder Ernährung und viel Bewegung – zu den Lebensstilfaktoren zählen, die für ein längeres Leben stehen. Ganz korrekt wiedergegeben ist das nicht. Was die CDC meinen, ist vielmehr der Verzicht auf exzessiven Alkoholgenuss. Verschwiegen wurde auch, dass die CDC explizit darauf hinweisen, dass es nicht ratsam ist, aufgrund von potenziellen Gesundheitsvorteilen mit dem Alkoholtrinken anzufangen oder regelmäßiger als bisher Alkohol zu konsumieren. Angesichts von mehreren Tausend Alkohol-Toten jährlich allein in Deutschland ist das sicherlich ein wichtiger Hinweis.

 

Sven Siebenand

Stellvertretender Chefredakteur

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