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Alkohol

Schutz im unteren Promillebereich

23.04.2013
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Von Sven Siebenand, Wiesbaden / Achtung! Bevor Sie weiterlesen, sollten Sie schauen, ob Sie Alkohol im Haus haben. Gut möglich, dass man nach der Lektüre gewillt ist, ein Fläschchen Wein oder Bier zu öffnen. Denn Alkohol schützt vor verschiedenen Erkrankungen, wenn er in moderaten Mengen genossen wird. So zumindest lautete das Fazit eines Symposiums auf dem Deutschen Internistenkongress.

»Nur die Dosis macht das Gift.« Diese Aussage von Paracelsus lässt sich auch auf Ethanol übertragen. Wer die komplette Minibar auf einmal leert und seiner Leber Alkohol »nachschenkt«, tut seinem Körper nichts Gutes. Eine akute Alkoholvergiftung und Spätschäden drohen. Auch die Experten des von der Deutschen Weinakademie ausgerichteten Symposiums in Wiesbaden betonten, dass zu viel Alkohol giftig und für den Körper schädlich ist. Moderater Genuss schütze aber, zum Beispiel vor Typ-2-Diabetes. Professor Dr. Kristian Rett vom Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt am Main ging in seinem Vortrag näher auf den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Typ-2-Diabetes ein.

 

Teil der Diabeteskost

 

Alkohol habe man schon in der Vor- Insulin-Ära gezielt bei Diabetes-Patienten eingesetzt, informierte der Mediziner. Alkoholhaltige Getränke waren fester Bestandteil der Diabetes-gerechten Ernährung und wurden zur Fetteinsparung und Reduktion der Harnzucker­ausscheidung verordnet. »Enthaltung muss die unbedingte Anforderung zur Erhaltung des Lebens sein.« So schrieb der deutsche Diabetologe Carl von Noorden in einem Lehrbuch bereits 1895. Rett präzisierte, dass von Noorden die Enthaltung damals auf Kohlenhydrate und nicht etwa auf Alkohol bezog. Ganz im Gegenteil: Diabetikern empfahl von Noorden, täglich 308 Kilokalorien über Rotwein aufzunehmen, also etwa eine halbe Flasche zu trinken.

Heute weiß man mehr darüber, wie die positiven Wirkungen des Alkohols vermutlich zustande kommen. Bereits in kleinen Mengen habe Ethanol weitreichende Auswirkungen auf den Stoffwechsel der Leber, auf die Nährstoffpräferenz der Organe sowie einen direkten insulinähnlichen Effekt an der Skelettmuskelzelle, sagte Rett. Der Mediziner erklärte, dass Ethanol in der Leber über Acetaldehyd zu Essigsäure beziehungsweise Acetat oxidiert wird. Bei diesen Oxidationsschritten wird das Coenzym Nicotinamid-Adenin- Dinucleotid (NAD+) zu NADH reduziert. Dadurch verschiebt sich das Verhältnis NADH/NAD+, was Forscher als Redox­shift bezeichnen. Wegen des hohen Redoxpotenzials wird das Acetat in der Leber nicht weiteroxidiert, so Rett. Es gelange stattdessen überwiegend in den Kreislauf. Dort stelle es ein zusätzliches oxidierbares Substrat dar. Das verändert wiederum die Substratpräferenz peripherer Gewebe (sogenannter Substratshift). So verwenden Muskeln nun zum Beispiel Acetat statt freier Fettsäuren zur Oxidation. Zudem werde die Lipolyserate aus Fettgewebe um etwa die Hälfte reduziert. Die Konsequenz: Durch die Abgabe von Acetat ins System wird die Lipid­bilanz verbessert.

 

Im Folgenden erklärte Rett, dass akuter Alkoholgenuss auch die Glykogenolyse (den Glykogenabbau) der Leber stimuliert, was langfristig die Glykogenspeicher entleert. Zudem wird die Gluconeogenese der Leber reduziert. Die Folge ist ein geringerer Blutzucker-Anstieg. »Dieser Effekt ist wegen der Unterzuckerungsgefahr nach abendlichem Alkoholgenuss für Diabetiker gefährlich«, gab Rett zu bedenken. Daher sollten diese alkoholische Getränke nur zu den Mahlzeiten konsumieren, vor dem Schlafengehen den Blutzucker testen und gegebenenfalls noch etwas essen.

 

Alkohol wirkt wie Insulin

 

Über die genannten metabolischen Wirkungen hinaus besitzt Ethanol offensichtlich auch eigene insulinähnliche Effekte am Muskel. Rett stellte Ergebnisse aus Tierversuchen vor, wonach Muskelgewebe in Anwesenheit realitätsnaher Ethanol-Konzentrationen mehr Glucose aufnimmt als ohne. Selbst in insulinfreien Muskelfaser­präparaten sei mit Alkohol eine insulinähnliche Wirkung auf den Glucosetransport nachweisbar. Insulin steigert die Glucoseaufnahme unter anderem durch die Translokation von Glucosetransportern (GLUT-4) aus dem Zellinnern an die Membran. »Auch Ethanol kann diese Translokation auslösen«, sagte Rett.

 

Die genannten positiven Effekte von Ethanol auf den Glucosestoffwechsel ließen sich in einer Metaanalyse auf der Basis von 477 200 Menschen aus 20 Kohortenstudien bestätigen, die 2009 im Fachjournal »Diabetes Care« publiziert wurde (doi: 10.2337/dc09-0227). Das Typ-2-Diabetes-Risiko ist bei moderatem Alkoholgenuss im Vergleich zu lebenslang Abstinenten prospektiv am geringsten, so Rett. Für Frauen mit einem mittleren Konsum von 24 g Alkohol pro Tag fand man im Vergleich zu lebenslanger Abstinenz den stärksten Schutzeffekt. Bei dieser Menge war das Diabetesrisiko um 40 Prozent gesenkt. Mehr als 50 g Alkohol pro Tag waren jedoch mit einem steigenden Diabetes-Risiko verbunden. Insgesamt profitierten Frauen stärker von der Alkoholaufnahme als Männer, so Rett. Bei Männern fanden die Wissenschaftler den deutlichsten Effekt bei täglichen 22 g Alkohol mit einer Senkung des Risikos um 13 Prozent. Ab einer Menge von 60 g Alkohol pro Tag stieg bei Männern das Diabetesrisiko im Vergleich zu Abstinenten an.

 

Schutz vor Demenz

 

In Deutschland leben derzeit rund 1,4 Millionen Demenzkranke. »Zwei Drittel von ihnen leiden an Morbus Alzheimer«, informierte Professor Dr. Siegfried Weyerer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Es bestehe kein Zweifel, dass ein dauerhafter Alkoholmissbrauch das Risiko für kognitive Beeinträchtigungen und Demenzerkrankungen erhöht. Eine im Fachjournal »Neuropsychiatric Disease and Treatment« publizierte Metaanalyse (doi: 10.2147/NDT.S23159) aus 69 Studien mit insgesamt mehr als 110 000 Probanden zeigte, dass starker Alkoholgenuss im Vergleich zu Abstinenz das Risiko für eine demenzielle Erkrankung um 12 Prozent erhöht. Allerdings zeige diese Untersuchung auch, dass bei geringem Konsum das Demenzrisiko um 25 Prozent und bei moderatem Konsum sogar um 31 Prozent reduziert ist. Weyerer konnte auch den Einwand, dass die positiven Auswirkungen eines leichten oder moderaten Alkoholkonsums dadurch zu erklären sind, dass sich ehemals Alkoholkranke unten den Abstinenten befinden, widerlegen. Selbst wenn ehemalige Trinker aus der Gruppe der Abstinenten ausgeschlossen wurden, betrug die Reduktion des Demenzrisikos durchschnittlich immer noch 21 Prozent.

Der Mediziner stellte im Folgenden auch die Ergebnisse der sogenannten AgeCoDe-Studie aus Deutschland vor, an der 3202 Patienten im Alter ab 75 Jahren teilnahmen. Bei Studienstart war bei keinem Probanden eine demenzielle Erkrankung diagnostiziert worden. Zudem war zum Zeitpunkt der Erstbefragung die Hälfte der Studienteilnehmer alkoholabstinent, etwa 38 Prozent konsumierte weniger als 20 g Alkohol pro Tag und circa 12 Prozent tranken mehr als 20 g Alkohol. Einige Teilnehmer hatten einen riskanten Alkoholkonsum, so Weyerer.

 

Eine Untersuchung nach drei Jahren ergab, dass insgesamt 217 der 3202 Personen inzwischen eine demenzielle Erkrankung entwickelt hatten. In 14 Fällen handelte es sich dabei um eine Alkoholdemenz, was zeigt, dass zu viel Alkohol schädlich ist. Aber: Auch nach Kontrolle von anderen Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Rauchen oder Bildung hatten Personen mit geringem bis mäßigem Alkoholkonsum eine signifikant niedrigere Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken, als Abstinente. Dem Referenten zufolge war sie insgesamt um 29 Prozent reduziert. Das Risiko für Morbus Alzheimer war gar um 42 Prozent niedriger. Die besten Werte, so Weyerer, erzielten Personen, die täglich zwischen 20 und 29 g Alkohol zu sich nahmen. Wieso Alkohol, wenn er in Maßen getrunken wird, anscheinend auch vor Demenzerkrankungen schützt, konnte dem Mediziner zufolge bisher nicht geklärt werden. Mögliche Hypothesen seien antioxidative Effekte oder eine Wirkung auf den Cholesterolspiegel.

 

Kein Placebo-Wein

 

Ein Update zum Konsum von Alkoholika und den Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System gab Professor Dr. Nicolai Worm aus München. Der Ernährungswissenschaftler räumte ein, dass es keine placebokontrollierten Studien zur Schutzwirkung eines mäßigen Alkoholkonsums gibt. Es gebe eben keinen Placebo-Wein. Alkoholhersteller können so auch nicht mit dem Gesundheitsnutzen ihrer Getränke werben. Dennoch betonte Worm, dass es plausible Erklärungen für Schutzwirkungen von Ethanol gebe. So fördere moderater Alkoholgenuss die Insulinsensitivität und wirke so der Hyperinsulinämie und den assoziierten metabolischen Störungen entgegen. Zudem wirke eine moderate Dosis antiinflammatorisch, hemme die Thrombozytenaggregation und erhöhe den Spiegel des »guten« Cholesterols. »Mit nichts anderem in der Ernährung kann man das HDL-Cholesterol so steigern wie mit Alkohol«, sagte Worm.

 

Sein Fazit: »Die Zufuhr geringer bis moderater Mengen Alkohol senkt auch die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit.« Ab 30 g Alkohol pro Tag steigt sie aber an, so der Ernährungswissenschaftler. Er ging auf eine 2011 im »British Medical Journal« veröffentlichte Metaanalyse von 84 Langzeitstudien ein (doi: 10.1136/bmj.d671). Kanadische Wissenschaftler haben darin herausgefunden, dass moderater Alkoholkonsum im Vergleich zur Abstinenz das Risiko, eine kardiovaskuläre Erkrankung zu entwickeln oder daran zu versterben, um 25 Prozent senkt. Auf Schlaganfälle hatte Alkohol jedoch keinen Einfluss. Dafür sei aber die Gesamtmortalität bei moderatem Konsum im Vergleich zur Abstinenz signifikant um 23 Prozent niedriger gewesen, so Worm.

 

Eine andere Metaanalyse aus acht Studien hat Worm zufolge ergeben, dass auch Personen mit einer bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankung von einem moderaten Alkoholgenuss profitieren. »Das berühmte Viertel Wein pro Tag war auch hier mit der niedrigsten kardiovaskulären Sterblichkeit verbunden«, sagte der Referent.

 

Dem Argument, dass möglicherweise nicht der moderate Alkoholverzehr, sondern ein insgesamt gesünderer Lebensstil für die positiven Ergebnisse verantwortlich sein könnte, widersprach Worm. »Auch die fittesten und schlankesten Männer profitieren davon, wenn sie moderat trinken.« Der Ernährungswissenschaftler nahm dabei Bezug auf eine Untersuchung, in welcher Auftreten und Versterben an koronarer Herzkrankheit bei besonders gesund lebenden Männern unter die Lupe genommen wurde. Moderater Alkoholgenuss konnte auch in dieser Gruppe die Koronarsterblichkeit deutlich senken.

 

Selbst die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) erkennen diese Daten an. Sie weisen in ihren Ernährungsempfehlungen von 2010 darauf hin, dass ein moderater Alkoholkonsum mit positiven Gesundheitseffekten assoziiert zu sein scheint und die Gesamtmortalität senkt. Dennoch weisen die CDC darauf hin, dass es nicht ratsam ist, aufgrund von potenziellen Gesundheitsvorteilen mit dem Alkoholtrinken anzufangen oder regelmäßiger als bisher Alkohol zu konsumieren. Denn bereits ein moderater Konsum erhöht das Risiko für Brustkrebs, Ertrinken, Gewaltakte, Stürze und Verkehrsunfälle. Außerdem besteht immer die Gefahr, Grenzen zu überschreiten: Jedes Jahr sterben in Deutschland 74 000 Menschen an den Folgen von übermäßigem Alkoholkonsum. /

Wie viel ist drin?

Die Wirkung von Alkohol hängt vor allem von der Menge an getrunkenem, reinem Alkohol ab. Angaben zum Alkoholgehalt von Getränken werden in Volumenprozent gemacht. Bier enthält ungefähr 5, Wein etwa 12 und Schnäpse um die 40 Volumenprozent Alkohol. Der Anteil an reinem Alkohol von Getränken wird so berechnet:

 

Menge in ml x (Volumenprozent/100) x 0,79 = Gramm reiner Alkohol

 

Der Faktor 0,79 ist die Dichte von Alkohol.

 

Als Alternative zur Rechenformel kann der Alkoholgehalt auch mit den sogenannten Standardgläsern geschätzt werden. Ein Standardglas enthält immer zwischen 10 und 12 Gramm reinen Alkohol. Ein Glas Bier (0,25 l) entspricht einem Standardglas, ebenso ein kleines Glas Wein oder Sekt (0,1 l) und ein Shot Wodka (4 cl).

 

Ein Gramm Alkohol entspricht übrigens etwa 7 kcal. Neben dem Kaloriengehalt durch die enthaltenen Kohlenhydrate besitzen Alkoholika damit einen weiteren Energieträger.

 

Quelle: www.kenn-dein-limit.de

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