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Suizidgefahr

Erkennen und reagieren

22.04.2013
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Von Ulrike Viegener / Apotheker spielen bei der Suizidprävention eine wichtige Rolle: Ihr »guter Draht« zu Kunden und Patienten gibt ihnen die Möglichkeit, Warnsignale zu erkennen. Bei der Abgabe von Medikamenten mit Suizidpotenzial können sie auf Verdachtsmomente achten.

Im Jahr 2011 sorgte ein Selbstmord für großes Aufsehen: Gunter Sachs nahm sich im Alter von 78 Jahren durch einen Kopfschuss das Leben. Gerade von diesem Mann mit seinem abwechslungsreichen, aufregenden Leben hätte das niemand erwartet. Er habe die Diagnose Alzheimer erhalten, so hieß es unbestätigt, und sei in den Tod gegangen, weil er Siechtum und Abhängigkeit fürchtete.

 

Ganz anders der Fall des Profifußballers Robert Enke: Mit nur 32 Jahren warf sich Enke vor einen Zug. Er soll seit Jahren unter Depressionen gelitten und dagegen angekämpft haben, aber am Ende war die Depression wohl stärker. Laut Medienberichten kam der Suizid für Enkes Umfeld völlig überraschend. Kaum einer habe bemerkt, in welcher verzweifelten Abwärtsspirale Enke gefangen war.

 

Viele Menschen haben sich die Frage gestellt, ob dieser Suizid zu verhindern gewesen wäre. Hätte dieser Mann mit Beistand und Unterstützung zurück finden können in ein für ihn lebenswertes Leben?

 

Prävention ist WHO-Priorität

 

Die skizzierten Kasuistiken zeigen, dass Hintergründe und Motive für einen Suizid sehr unterschiedlich sein können. Eine Selbsttötung kann eine bewusst getroffene Entscheidung angesichts extremer Lebensumstände sein. In der Fachliteratur spricht man von Bilanzsuizid: Der Mensch, der sich das Leben nimmt, hat vorher eine Beurteilung seiner Lebensumstände vorgenommen und daraufhin eine Entscheidung getroffen. Der Bilanzselbstmord wird als letzter Ausdruck persönlicher Freiheit gesehen, ohne dass eine psychosoziale Fehlentwicklung oder eine psychische Erkrankung vorgelegen hat (1).

 

Bei Menschen dagegen, die im Vorfeld eines Suizids an einer Depression leiden, ist eine freie Entscheidung laut Expertenurteil nicht vollumfänglich möglich. Dasselbe könne auch für eine sich krisenhaft zuspitzende Belastungsreaktion nach einschneidenden Lebens­ereignissen zutreffen. Ein oft langer Prozess mit zunehmender Einengung des Blicks führe schließlich in eine tiefe Hoffnungslosigkeit, aus der die Betroffenen keinen anderen Ausweg mehr sehen als den Tod. Der Suizid wird in solchen Fällen als eine Art Kurzschlusshandlung interpretiert.

 

Ob es einen Bilanzsuizid in reiner Form tatsächlich gibt, wird bis heute kontrovers diskutiert. Kritiker leugnen das und sehen in jedem Suizid die Tat eines Leidenden, der – in welcher Form auch immer er leidet – in seinem Willen nie vollkommen frei sein kann (2).

 

Gegner dieser Position wiederum wehren sich gegen eine grundsätzliche Pathologisierung der Selbsttötung wie sie mit der Leugnung eines Suizids aus freiem Willen verbunden ist. Dazu sagte der Rettungsmediziner Michael de Ridder: »Es gibt Suizidwünsche, die sich nicht dadurch aus der Welt schaffen lassen, dass sie pathologisiert werden« (3).

Wie auch immer: Die große Herausfor­derung ist die Suizidprävention. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bewertet diese als eine gesamtgesell­schaftliche Aufgabe und ein vordringliches gesundheitspolitisches Problem.

 

»Um nachhaltig zu wirken und die Tabuisierung suizidalen Verhaltens zu brechen, müssen sich die Einstellungen gegenüber suizidalem Verhalten ändern. Der Wandel der Einstellungen entlastet Suizidgefährdete und ihre Ange­hörigen und öffnet Wege für eine bessere Prävention und Versorgung suizid­gefährdeter Menschen«, heißt es auf der Webseite des Nationalen Suizid­präventionsprogramms für Deutschland (4).

 

Die Stigmatisierung werde allein schon mit dem Begriff »Selbstmord« zum Ausdruck gebracht. Dieser Begriff spiegelt eine verbreitete Haltung wieder, die den Akt der Selbsttötung grundsätzlich kriminalisiert – eine Haltung, die Türen verschließt statt sie zu öffnen.

 

Kein Randphänomen

 

Fakt ist: Suizid ist kein gesellschaft­liches Randphänomen. Das Ausmaß der Problematik ist weit größer als gemein­hin angenommen wird. Alle 56 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben. Und alle sechs Minuten findet ein Suizidversuch statt (5). Jährlich werden in der Bundesrepublik rund 10 000 Selbsttötungen registriert (4).

 

Damit versterben infolge Suizid doppelt so viele Menschen wie im Straßen­verkehr. Bei Männern kommen Selbsttötungen deutlich häufiger vor: Im Jahr 2007 waren es 7009 Männer und 2393 Frauen (4). In der Bundesrepublik stirbt jeder 87. Mann durch eigene Hand (4). Die Dunkelziffer ist hoch. Hinter Verkehrs- und Drogentoten dürften sich in einem nicht geringen Prozentsatz Selbsttötungen verbergen. Und dasselbe gilt auch für Todesfälle mit unklarer Ursache (6).

 

Mit zunehmendem Alter steigen die Suizidziffern an. Das war immer so (4). Allerdings ist in letzter Zeit der Anteil alter Menschen, die ihr Leben selbst beenden, überproportional gestiegen. Das gilt für Männer und auch für Frauen (4). Jede zweite Frau, die Suizid begeht, ist inzwischen über 60 Jahre alt (6).

 

Bei den Suizidversuchen dagegen liegen in der Statistik jüngere Menschen vorn, wobei sich auch hier in den letzten Jahren ein deutlicher Anstieg abzeichnet. Am meisten gefährdet sind junge Frauen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren (4).

 

Große Hoffnungslosigkeit

 

Die häufigste Suizidmethode ist Tod durch Erhängen, und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Vergiftungen stehen insgesamt an zweiter Stelle, gefolgt von Tod durch Erschießen bei Männern und Sturz aus großer Höhe bei Frauen (6).

 

Zu den – fast immer tödlich endenden – harten Methoden gehört auch das Werfen vor einen fahrenden Zug. Dasselbe gilt für die Provokation von Verkehrsunfällen. Dass sich dahinter tatsächlich ein Suizid verbergen kann, zeigte in jüngster Zeit der Fall eines Geisterfahrers, der in suizidaler Absicht mehrere Menschen mit in den Tod gerissen hat.

 

Männer wenden öfter harte Methoden an. Entsprechend führen Suizidversuche bei ihnen häufiger tatsächlich zum Tod. Das Verhältnis »vollendete Selbsttötung zu Suizidversuch« beträgt bei Männern 1:3, bei Frauen dagegen 1:10 (7).

 

Zu den weichen Methoden werden alle Arten von Vergiftungen gezählt. An erster Stelle steht dabei der Medikamentensuizid mit Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmitteln.

 

Mehr und mehr kommen auch moderne Antidepressiva mit hohem Intoxikationspotenzial sowie Kardiaka zur Anwendung. Alkohol spielt ebenfalls eine zunehmende Rolle. Bei rund 30 Prozent aller Suizide werden Medikamente mit Alkohol kombiniert (8). Aber auch Pflanzenschutzmittel werden benutzt. Der Tod durch Autoab­gase sowie das Öffnen der Pulsadern gehören ebenfalls in die Kategorie weicher Suizide (7).

 

Eine besondere Form des Suizids ist der Suizid auf Raten. In diesem Sinne werden Todesfälle infolge Drogen­abusus, aber auch Todesfälle infolge fortgesetzter Unterernährung bei Anorexia nervosa interpretiert.

 

Es gibt viele Auslöser

 

Die erfolgreiche Suizidprävention setzt ein Grundverständnis dafür voraus, warum sich Menschen das Leben nehmen. Dabei ist es wichtig, zwischen Motiv und Ursache zu unterscheiden (7).

 

Diese können zusammenfallen. Häufig reichen die Ursachen aber weit zurück, der Suizid ist in diesen Fällen die Zuspitzung einer seelischen Entwicklung (6). Das Motiv ist dann ein aktuelles Ereignis oder eine aktuelle Situation, die das Fass zum Überlaufen bringt.

 

Viele Menschen, die sich das Leben nehmen, leiden seit Jahren an Depressionen. Aber auch Persönlichkeits­störungen können in Suizidalität münden (7). Sie sind gekennzeichnet durch starre, unflexible Erlebens- und Verhaltensmuster, die sich häufig bereits in der Kindheit entwickelt haben.

Suizid als Nebenwirkung

Selbsttötung als Nebenwirkung von Medikamenten? Dass es das tatsächlich gibt, ist spätestens seit dem Fall des Appetitzüglers Rimonabant bekannt. Nach langem Ringen hat der Hersteller das Schlankheitsmittel 2008 auf Druck der Europäischen Aufsichtsbehörde vom Markt genommen.

 

Problematische Medikamente lösen bei Menschen, die nie zuvor an Selbsttötung gedacht haben, imperative Suizid-Ideen aus. Das sind aus heiterem Himmel auftretende Selbsttötungstendenzen, denen sich die Betroffenen kaum entziehen können.

 

Zu den unter Verdacht stehenden Pharmaka zählen unter anderem auch Gyrase-Hemmer. Wiederholt wurde vor neurotoxischen Nebenwirkungen dieser liquorgängigen Antibiotika gewarnt: Halluzinationen, Psychosen und auch vollendete Selbsttötungen wurden beschrieben (17,18).

 

Im Falle des bei schwerer Akne eingesetzten Retinoids Isotretinoin wird ebenfalls seit langem eine suizidfördernde Wirkung diskutiert (19). Eine 2010 publizierte große retrospektive Studie fand unter Isotretinoin ein erhöhtes Suizidrisiko, das allerdings teilweise mit der schweren Akneerkrankung selbst zusammen hängen könnte (20). Sowohl diese Studie als auch Fallberichte weisen darauf hin, dass Suizidgedanken auch noch Monate nach Absetzen des Retinoids auftreten können.

 

Der Wirkstoff Vareniclin, der seit einigen Jahren zur Raucherentwöhnung zugelassen ist, steht ebenfalls unter Verdacht. Er kann negative psychotrope Effekte wie Geschmacksstörungen und Alpträume auslösen. Auch Fälle von Selbsttötungen sind dokumentiert (21).

Eine Form ist die narzistische Persönlichkeitsstörung mit einem Mangel an Selbstbewusstsein und daraus resul­tierender leichter Kränkbarkeit. Beim Borderline-Syndrom hingegen sind zwischenmenschliche Beziehungen, Stimmung und Selbstbild gestört.

 

Wenn Menschen mit Persönlichkeitsstörungen Schicksalsschläge erleiden, besteht erhöhte Gefahr, da ihnen die normale Anpassungsfähigkeit und Reaktionsbandbreite fehlt. Leichter als andere können sie deshalb aus der Bahn geworfen werden. Das kann im schlimmsten Fahl in eine alles verdunkelnde Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit führen.

 

Noch explosiver ist das Aufeinandertreffen von Persönlichkeitsfärbung und negativen Lebensereignissen im Fall einer Depression, also einer affektiven Störung mit Niedergeschlagenheit als Leitsymptom.

 

Das Spektrum belastender Lebensereignisse oder Lebenssituationen, die einen Suizid auslösen können, ist breit gefächert: Unheilbare körperliche Erkrankungen mit oft starken chronischen Schmerzen, Pflegebedürftigkeit, Abhängigkeit und Entmündigung können ebenso Gründe sein wie Einsamkeit und Verlust eines geliebten Menschen durch Trennung oder Tod, Arbeitslosigkeit, finanzielle Not, berufliche Überforderung, Mobbing, Diskriminierung oder erlebte Gewalt.

 

Zunehmend spielen negative Aspekte des Berufslebens bei Suiziden eine Rolle. Immer mehr Menschen leiden an beruflicher Überforderung, wie der Stressreport Deutschland 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin dokumentiert (9). Und das kann bis hin zum Suizid führen.

 

In französischen Großkonzernen – diese Meldung ging kürzlich durch die Medien – ist die Rate beruflich bedingter Suizide in den letzten Jahren so stark angestiegen, dass man in vielen Unternehmen versucht, das Wir-Gefühl zu stärken und hierarchische Strukturen aufzubrechen, wobei sich gemeinschaftliches Singen im firmeneigenen Chor als hilfreich erwiesen hat (10). Als Gründe für die Suizide wurden nicht zu bewältigende Arbeits­anforderungen, Druck von oben und Mobbing angegeben.

Die erhöhte Suizidrate unter Medizinern dürfte ebenfalls maßgeblich auf das Konto enormer beruflicher Belastungen gehen. Ärzte neigen dreimal, Ärztinnen sogar fünfmal häufiger zum Suizid als der Bevölkerungsdurchschnitt (11). Komplexität der Arbeit, großes Arbeits­pensum unter Zeitdruck, hohe Verantwortung, Konfrontation mit Leiden und Tod – das alles sind außergewöhnliche Belastungen, die mit dem Arztberuf verbunden sind.

 

Zunehmend spielt Langzeitarbeitslosigkeit mit sozialem Abstieg und finanzieller Not als Suizidgrund eine Rolle. Dass manche Menschen einen Status­verlust als extreme Kränkung erleben, zeigen auch immer wieder vorkommende Suizide selbst infolge von Führerscheinentzug, bei denen neben einer drohenden Strafverfolgung der Entzug des Statussymbols »Auto« offenbar von großer Bedeutung ist (7).

 

Verschiedene Risikogruppen

 

Neben Menschen mit Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen zählen auch Alkoholiker sowie Medikamenten- und Drogenabhängige zu den besonders gefährdeten Risikogruppen. Dasselbe gilt für Menschen in dauerhaft schwierigen Lebenssituationen und für Personen, die bereits früher einen Suizidversuch unternommen haben. Senioren und Jugendliche sind ebenfalls zu den Risikogruppen zu rechnen.

 

Last but not least sind Personen besonders gefährdet, die Medikamente anwenden, die imperative Suizidgedanken auslösen können (siehe Kasten). In solchen Fällen sollten Apotheker besonders aufmerksam sein. Sie sollten auch die Wirklatenz antriebssteigernder Antidepressiva im Auge haben. Ihre stimmungsaufhellende Wirkung tritt in der Regel erst nach zwei bis drei Wochen ein. Der antriebssteigernde Effekt dagegen tritt sehr rasch ein und kann bei starken Depressionen zu einem Durchbruch suizidaler Tendenzen führen.

Für das Kollektiv von Menschen mit Depressionen wird eine Suizidrate von rund 15 Prozent angegeben (12). Da Depressionen häufig eine lichtabhängige Dynamik zeigen, könnte man vermuten, dass in der dunklen Jahreszeit verstärkt mit Suiziden zu rechnen ist. Das ist jedoch nicht der Fall. Im Frühling und Frühsommer werden paradoxerweise die meisten Suizide begangen (7).

 

Die Gründe sind nicht abschließend erforscht. Ein Erklärungsmodell stützt sich auf die Tatsache, dass depressive Menschen in einem fröhlichen, lebensbejahenden Umfeld besonders leiden – und genau das könnte auch in den »Wonnemonaten« relevant sein.

 

Depressionen werden bei Frauen doppelt so häufig diagnostiziert wie bei Männern. Allerdings dürfte bei Männern eine hohe Dunkelziffer existieren (13). Zähne zusammenbeißen, sich nicht mitteilen, vor allem dann nicht, wenn es um die psychische Befindlichkeit geht – solche bei Männern häufigen Verhaltensweisen behindern die Diagnosestellung. Hier muss in Verdachtsfällen besonders aufmerksam auf Hinweise für eine Suizidgefährdung geachtet werden.

 

Bei älteren und hoch betagten Männern ist das Risiko, in eine depressive Stimmung zu verfallen, besonders hoch. Im Alter können sich die Lebensumstände in verschiedener Hinsicht dramatisch verändern: Krankheit und Gebrechlichkeit, Abhängigkeit von anderen, Verlust des Lebenspartners, Vereinsamung, finanzielle Not, das Fehlen einer Aufgabe – nicht selten kommen gleich mehrere dieser Faktoren zusammen.

 

Auch sexuelle Probleme spielen bei Depressionen älterer Männer eine wichtige Rolle. Vor diesem komplexen Hintergrund ist die stark gestiegene Suizidrate bei Männern wie bei Frauen jenseits des 60. Lebensjahrs zu sehen.

 

Der Werther-Effekt

 

In der Pubertät – ebenso wie das Alter eine Lebensphase des Umbruchs – können familiäre und schulische Probleme, Liebeskummer und Orientierungslosigkeit einen noch nicht gefestigten jungen Menschen sehr stark belasten und Suizidgedanken provozieren. Nicht selten fehlt es den Jugendlichen in einer zunehmend virtuellen Welt an echten menschlichen Verbindungen, sodass die in dieser Alters­gruppe gipfelnden Suizidversuche oft als Hilferufe aufzufassen sind.

Im Internet gibt es heute Chat­rooms, in denen sich vor allem Jugendliche über Selbsttötung austauschen. Diese Foren werden von Fachleuten ambivalent beurteilt: Sie können zu einer Deeskalierung beitragen, aber auch genau das Gegenteil bewirken: Junge Menschen verabreden sich im Internet zum gemeinsam Suizid – ein Phänomen, das als Cybersuizid bezeichnet wird (14).  Ein weiteres mediengetriggertes Phänomen ist der Werther-Effekt (7). Ein prominenter Suizid – fiktiv oder real – entfaltet dabei eine enthemmende Sogwirkung und löst eine Welle von Nachahmungstaten aus. Das Phänomen ist benannt nach Goethes Briefroman »Die Leiden des jungen Werther«, nach dessen Erscheinen vor rund 200 Jahren so viele Selbsttötungen auftraten, dass das Buch verboten wurde.

 

Als analoges Beispiel aus jüngerer Vergangenheit wird die Tatsache bewertet, dass nach der Ausstrahlung des Fernsehfilms »Tod eines Schülers« im Jahr 1981 die Suizidrate unter männ­lichen Jugendlichen kurzfristig um 175 Prozent stieg (7). Auch nach dem Tod des Fußballers Robert Enke wurde ein sprunghafter Anstieg der Suizidrate verzeichnet (15).

 

Indirekte Signale

 

Das Wissen um Risikogruppen und Auslöser kann helfen, im konkreten Fall frühzeitig eine Suizidgefährdung zu erkennen. Apotheker können hier eine wichtige Rolle spielen. Sie kennen viele ihrer Kunden gut, verfügen über Hintergrundinformationen und können so hinter die Fassade blicken.

 

Andererseits stehen Apotheker für fachliche Kompetenz. Diese spezielle Mischung aus professionellem Berater und Vertrauensperson macht sie zu poten­ziellen Adressaten für bewusst oder unbewusst ausgesendete Signale suizidgefährdeter Menschen.

Viele Suizidgefährdete suchen Hilfe in ihrer ausweglos erscheinenden Situa­tion. In den Wochen vor einem Suizid beziehungsweise Suizidversuch suchen sie häufiger als sonst den Arzt auf – das ist in Studien dokumentiert (4). Hilfe wird aber in aller Regel nicht direkt erbeten, vielmehr ist eine entsprechende Sensibilität des Gegenübers für indirekte Signale erforderlich, die viele Suizidgefährdete aussenden. Sehr oft werden diese Signale nicht erkannt – auch das zeigen die Untersuchungen (4).

 

Warnzeichen, die auf eine Suizidgefährdung hindeuten, sind Aussagen über die Sinnlosigkeit des Lebens, gegen sich selbst gerichtete Schuldvorwürfe, Thematisierung von Suizid sowie das Äußern konkreter Suizidpläne. Verstärkte Aufmerksamkeit ist auch geboten, wenn unruhige und/oder traurig gestimmte Menschen plötzlich eine unheimliche Ruhe und Freude ausstrahlen. Dieses Phänomen wird als präsuizidale Aufhellung bezeichnet. Das Sammeln von Medikamenten, das Aufsetzen eines Testaments oder das Verschenken von Besitztümern sind weitere Warnzeichen.

 

Das Schweigen brechen

 

Hat sich ein konkreter Verdacht ergeben, besteht die Herausforderung darin, diesen Verdacht zu thematisieren, ohne den Betroffenen zu verschrecken. Viele Suizidgefährdete warten nur darauf, mit jemandem reden zu können.

 

»Suizid ist Abwesenheit der anderen«, sagt der Psychiater Professor Volker Faust (7). Suizidprävention kann also umgekehrt als Angebot von Gespräch und Anteilnahme definiert werden.

Hilfe in seelischer Not

  • www.ak-leben.de (bietet Entlastung, Hilfestellung und Beratung für Menschen in Sorge um einen anderen Menschen, aber auch für Hinterbliebene nach Suizid)
  • www.das-beratungsnetz.de (ermöglicht Online-Beratung bei Selbstmordgedanken und -absichten)
  • www.telefonseelsorge.de (Betroffene können kostenfrei und anonym anrufen, um ihre Sorgen zu teilen)
  • www.neuhland.net(nennt Möglichkeiten der Suizidprävention für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene)
  • www.u25-freiburg.de (Infos und online-Beratung für junge Menschen in Krisen und Suizidgefahr)
  • www.suizidprophylaxe.de (Die Deutsche Gesellschaft für Suizid­prävention zeigt weitere Kontaktadressen für Suizid­gefährdete auf).

Bei dem Versuch der Annäherung an einen Suizidgefährdeten ist es wichtig, ihn in seiner Not ernstzunehmen. Diese Botschaft muss ihm vermittelt werden. Ideal ist eine Gesprächsführung im Sinn des aktiven Zuhörens, bei dem man auf Äußerungen nicht nur verbal, sondern wohlwollend affektiv reagiert.

 

Kontraproduktiv sind Appelle, es sei »doch alles nicht so schlimm«. Auch Hinweise auf positive Aspekte des Lebens werden den Betroffenen in seiner düsteren Verzweiflung nicht erreichen (5, 7).

 

Eine Aufhellung und Weitung des Blicks für neue Perspektiven braucht Zeit. Suizid­gefährdete brauchen deshalb langfristige Begleitung und Unterstützung. Sie brauchen einen geschützten Raum, in dem sie sich langsam in ein lebenswertes Leben hinein entwickeln können. In einer Psychotherapie wird ein solcher Raum geschaffen.

 

Unbedingt sollte der konsultierte Psychotherapeut über Erfahrung im Umgang mit Suizidgefährdeten ver­fügen. Parallel zur psychotherapeutischen Intervention ist der Aufbau eines privaten Netzwerks wichtig, das vielen Suizidgefährdeten fehlt. Grundsätzlich ist eine Konstanz der Bezugspersonen von größter Bedeutung (5,7).

 

In einem konkreten Verdachtsfall kann der Apotheker versuchen, den Betroffenen beziehungsweise seine Angehörigen direkt anzusprechen. Eventuell kann er auch den Kontakt zu einer Anlaufstelle für Suizidgefährdete vermitteln (siehe Kasten). In jedem Verdachtsfall sollte er darüber hinaus den behandelnden Arzt kontaktieren. Bei akuter Suizidgefahr kann dieser spezifische Maßnahmen einleiten, um den Betroffenen vor einer Kurzschlusshandlung zu schützen. /

Die Autorin

Ulrike Viegener ist freie Journalistin mit Schwerpunkt Medizin und Pharmazie. Nach ihrem Studium der Biologie und Chemie war sie viele Jahre verantwortlich für die Sonderproduktionen zum Deutschen Ärzteblatt. Heute schreibt sie für Apotheker und Ärzte ebenso wie für Laien, wobei ihr gesundheits- und gesellschaftspolitische Themen besonders wichtig sind. Neben dem Journalismus hat Viegener noch eine zweite Passion: die Malerei.

 

Ulrike Viegener, Höhenweg 7a,  51465 Bergisch Gladbach,  E-Mail: ulrike.viegener(at)gmx.de

Literatur

  1. Scobel, G., Suizid. Freiheit oder Krankheit? In H. Henseler, Ch. Reimer (Hrsg.): Selbstmordgefährdung, Frommann-Holzboog Stuttgart 1981, ISBN-13: 978-3772808142.
  2. Stein, C., Spannungsfelder der Krisenintervention, Kohlhammer Stuttgart 2009, ISBN-13: 978-3170203518.
  3. Psychotherapie im Dialog: Suizid, Thieme Stuttgart 2012, ISBN-13: 978-3131709912.
  4. Nationales Suizid-Präventions-Programm für Deutschland, www.suizidpraevention-deutschland.de
  5. www.u25-freiburg.de/suizid.html
  6. www.uke.de/extern/tzs/daten/germany/Deutschland.html
  7. www.psychosoziale-gesundheit.net/seele/suizid.html
  8. www.anaesthesie-intensivmedizin.com/172.html
  9. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Stressreport, Deutschland 2012.
  10. Singen gegen Selbstmord, WDR 2 Kompakt 25.1.2013
  11. Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen: Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz, 2008.
  12. www.buendnis-depression.de/depression/suizidalitaet.php
  13. www.klinikum.uni-muenchen.de/klinik-und-Poliklinik-fuer-Psychotherapie/de/ forschung/psychozio/schwerpunkte/ gender/index.html
  14. Becker, K., et al.: Cybersuizid oder Werther-Effekt online: Suizidchatrooms und -foren im Internet, Kindheit und Entwicklung 2004: 13 (1).
  15. »Enkes Tod löst Werther-Effekt aus«, Zeit online 23.11.2010
  16. Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention, www.suizidprophylaxe.de
  17. Arznei-Telegramm 8/1995
  18. Arznei-Telegramm 7/2006
  19. Arznei-Telegramm 1/2001
  20. Association of suicide attempts with acne and treatment with isotretinoin: retrospective Swedish cohort study, BMJ 2010, 341: c5812.
  21. Arznei-Telegramm 2/2008

 

Weiterführende Lektüre

 

  • R. Willemsen: Der Selbstmord: Briefe, Manifeste, literarische Texte, Fischer Frankfurt 2007, ISNN-13: 978-3462031690
  • T. Bronisch: Der Suizid, Beck München 2007, ISBN-13: 978-3406390067
  • M. Wolfersdorf: Suizid und Suizidprävention, Kohlhammer Stuttgart 2011, ISBN-13: 978-3170204089
  • G. Sonneck et al.: Krisenintervention und Suizidverhütung, UTB Stuttgart 2012, ISBN-13: 978-3825238407
  • D. Fenner: Suizid – Krankheitssymptom oder Sig­natur der Freiheit?, Karl Alber Freiburg 2008, ISBN: 978-3495482766
  • E. Durkheim: Der Selbstmord, Suhrkamp Frankfurt 1983/2006, ISBN: 978-3518280317

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