Pharmazeutische Zeitung online
Impfungen bei Senioren

Auch im Alter gut geschützt

26.04.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Fritz Grasberger / Mit zunehmenden Lebensalter verändert sich das Immunsystem, und das Risiko für Infektionskrankheiten steigt. Daher brauchen auch Senioren Schutzimpfungen. Aber welche Impfungen sind für ältere Menschen indiziert? Sind die empfohlenen Impfstoffe gut wirksam und verträglich, und wie lange hält der Impfschutz an?

Impfungen – nur was für Kinder? Dieses Vorurteil ist noch immer bei vielen älteren Menschen zu finden. Das bestätigen die niedrigen Durchimpfungsraten bei Standard- und Indikationsimpfungen in dieser Altersgruppe. Die Apotheke sollte an Schutzimpfungen denken, wenn Senioren oder pflegende Angehörige fragen, was sie vorbeugend für die Gesundheit tun können. Impfungen gehören zu den wirksamsten, kostengünstigsten und nebenwirkungsarmen Prophylaxemaßnahmen.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt für Menschen ab dem 60. Lebensjahr die jährliche Grippeschutzimpfung, eine in der Regel einmalige Impfung gegen Pneumokokken sowie alle zehn Jahre eine Auffrischung gegen Diphtherie und Tetanus (Td). Neu seit 2009 ist, dass bei der nächsten fälligen Immunisierung gegen Td einmalig auch der Schutz gegen Pertussis aufgefrischt werden soll (1). Impfungen gegen Hepatitis A und -B sowie Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) können für ältere Menschen je nach individueller Risikosituation hinzukommen. Dies gilt ebenso für Reiseimpfungen.

 

Immunsystem wird vergesslich

 

Mit zunehmendem Lebensalter verringert sich die Aktivität des Immunsystems; sowohl die zelluläre als auch die humorale Immunabwehr nehmen ab. Dieser altersabhängige Prozess wird als Immunseneszenz bezeichnet. Die komplexen Vorgänge betreffen alle Ebenen des Immunsystems und beeinflussen die Reaktionsfähigkeit auf Infektionserreger und Impfstoffe gleichermaßen (Grafik, Tabelle 1).

 

Als Folge dieser Veränderungen lässt die Antikörperproduktion der B-Zellen (spezifische humorale Abwehr) nach einer Schutzimpfung im Alter nach. So kommt es zu niedrigeren Impftitern, zum Beispiel bei der Tetanus- oder der FSME-Immunisierung. Schwindet die Immunantwort schneller, sprechen Experten von einer »waning immunity«. Der Impfschutz hält bei Kindern, Erwachsenen und Senioren unterschiedlich lange an und sollte altersabhängig zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgefrischt werden.

Auch die spezifische zelluläre Immunabwehr altert. Bereits ab dem 50. Lebensjahr verringern sich Anzahl und Aktivität der T-Zellen, und das Immunsystem reagiert nicht mehr so empfindlich auf neue Antigene (Tabelle 1). Diese Schwächung der T-Zell-vermittelten spezifischen Immunabwehr ist dafür verantwortlich, dass ältere Menschen häufig schlechter auf neue Impfungen ansprechen. Umso wichtiger ist es, rechtzeitig zu impfen. Experten fordern aber nicht nur die Steigerung der niedrigen Durchimpfungsraten bei Senioren, sondern auch neue, speziell auf die Zielgruppe abgestimmte Strategien mit verkürzten Impfabständen, rechtzeitigem Beginn und neuen Impfstoffen (2).

 

Im Alter schlechter verträglich?

 

Die Verträglichkeit von Impfstoffen ist bei jüngeren Erwachsenen und Senioren generell sehr gut. Schwere Nebenwirkungen sind äußerst selten. Impfreaktionen, zum Beispiel nach der Gabe von Lebendimpfstoffen, treten aber mit zunehmendem Lebensalter häufiger und intensiver auf.

Tabelle 1: Altersbedingte Veränderungen des Immunsystems

Zellkompartiment Veränderung
T-Zellen nachlassende T-Zell-Lymphopoese
geringerer Anteil naiver T-Zellen
erhöhte Anzahl von Gedächtnis-T-Zellen
beeinträchtigtes Proliferationsvermögen
schwächere Signaltransduktion
vermindertes Ansprechen von Gedächtniszellen auf Antigene
Makrophagen nachlassende phagozytische Aktivität
gestörte Toll-like-Rezeptor-Expression und -Funktion
verminderte Funktion von MHC-Klasse-II-Oberflächenmolekülen
B-Zellen nachlassende B-Zell-Lymphopoese
verminderte Bildung von Immunglobulin
Bildung von Antikörpern mit niedrigerer Affinität
gestörte B-Zell-Rezeptor-Signalübertragung
Dendritische Zellen verminderte Anzahl im Blut
geringere Fähigkeit zur Bildung von Interleukin (Il-)12
NK-Zellen steigende Zahl von NK-Zellen
geringere zytotoxische Aktivität
verminderte Zytokinbildung bei Stimulation mit Il-2 und Il-12

Kritisch abwägen sollte man die Empfehlung zur Gelbfieberimpfung, denn das Risiko schwerer systemischer und neurologischer Nebenwirkungen (Gelbfieber-Impfstoff-assoziierte viszerotrope und neurotrope Erkrankungen, YEL-AVD und YEL-AND) steigt ab dem 60. Lebensjahr an. Daher wird die Gabe des Lebendimpfstoffs in dieser Altersgruppe nur bei hohem Infektionsrisiko empfohlen (3, 4). Ist eine Impfung kontraindiziert, kann der Arzt eine in englischer Sprache verfasste Befreiung ausstellen (Exemption Certificate). Damit ist die Einreise auch in Länder, die eine Gelbfieberimpfung vorschreiben, möglich.

 

Tetanus und Diphtherie

 

Zu den wichtigsten Impfungen für Senioren zählt die regelmäßige Auffrischung gegen Tetanus und Diphtherie, die nach einer kompletten Grundimmunisierung in Deutschland im Abstand von zehn Jahren empfohlen wird (Tabelle 2). Laut Robert-Koch-Institut (RKI) wurden 2010 acht Diphtherie-Fälle und ein Tetanusfall gemeldet.

Tabelle 2: Empfohlene Impfungen für Senioren

Impfung Zahl der Impfungen bei Grundimmunisierung Auffrischung Bemerkungen
Tetanus 3 alle 10 Jahre Auffrischung gemeinsam mit Diphtherie, Kombinationsimpfstoff
Diphtherie 3 alle 10 Jahre Auffrischung gemeinsam mit Tetanus, Kombinationsimpfstoff
Keuchhusten 1 einmalig, für Erwachsene mit Tdap (oder Tdap-IPV) bei der nächsten fälligen Td-Impfung Impfung nur als Kombinationsimpfstoff mit Tetanus/Diphtherie (Td) oder Tetanus/Diphtherie/Polio
Influenza 1 jährlich Impfstoff gemäß der aktuellen WHO-Empfehlung
Pneumokokken 1 nach 5 Jahren, nur für
bestimmte Personengruppen
Auffrischung nur bei Patienten mit hohem Risiko für Pneumo-
kokken-Erkrankungen
Zoster (Gürtelrose) 1 Dauer des Impfschutzes
bislang nicht bekannt
Impfstoff in Europa zugelassen, aber noch nicht verfügbar
Poliomyelitis 3 nach 10 Jahren, nur bei
Fernreisen in Endemiegebiete
Eine Auffrischung nach vollständiger Grundimmunisierung

Am häufigsten infizieren sich ältere Menschen mit den Sporen der Tetanusbakterien bei der Gartenarbeit. Die Bakterientoxine, die den Wundstarrkrampf auslösen, schädigen die Nervenzellen und verursachen typische schwere Muskelkrämpfe und Lähmungen. Die aktive Immunisierung mit einem Toxoidimpfstoff schützt zuverlässig und ist abgesehen von gelegentlichen schmerzhaften Lokalreaktionen an der Einstichstelle gut verträglich.

Verletzen sich Patienten ohne vollständigen Tetanus-Impfschutz, muss schnell simultan aktiv und passiv immunisiert werden, um die Ausbreitung der anaeroben Bakterien zu unterbinden. Dies erfolgt durch die gleichzeitige Gabe von Immunglobulin und Toxoidimpfstoff in unterschiedliche Körperhälften. Damit ist ein Sofortschutz sichergestellt, und der Zeitraum, den der Körper zur Produktion von eigenen Antikörpern benötigt, wird überbrückt.

 

Die Diphtherie wird ebenfalls durch das Toxin eines Bakteriums (Corynebacterium diphtheriae) verursacht. Früher wurde die Erkrankung als »Würgeengel der Kinder« bezeichnet. Das verdeutlicht, wie gefürchtet diese Infektion der oberen Atemwege war. Immer häufiger sind nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene und Senioren betroffen. Dies liegt vor allem daran, dass die Auffrischungen gar nicht oder nur selten wahrgenommen werden. Vermutlich sind weniger als 35 Prozent der Senioren in Deutschland ausreichend gegen Diphtherie geschützt. Wie schnell sich die Erkrankung in einer unzureichend geschützten Population ausbreiten kann, zeigte sich vor zehn Jahren in Russland, als es zu 150 000 Diphtherie-Erkrankungen und 5000 Todesfällen kam.

 

Nach einer kompletten Grundimmunisierung empfiehlt die STIKO die Auffrischung im Abstand von zehn Jahren in Kombination mit Tetanus (Td). Interessant ist ein Blick nach Österreich. Dort wurde das Impfintervall für die Td-Impfung bei Senioren ab dem 60. Lebensjahr von zehn auf fünf Jahre verkürzt, da es Anzeichen dafür gibt, dass der Impfschutz gegen diese bakteriellen Erkrankungen bei älteren Menschen nicht mehr so lange anhält (5).

 

Kokonstrategie gegen Pertussis

 

Trotz hoher Durchimpfungsraten kommt Keuchhusten in Deutschland mit etwa 30 Er­krankungen pro 100 000 Einwohner wieder häufiger vor (6). Betroffen sind immer mehr ältere Menschen, denn eine Erkrankung hinterlässt keine lebenslange Immunität, und der Impfschutz lässt im Alter nach.

 

Die Diagnose ist wegen der untypischen Symptome bei Senioren häufig schwierig zu stellen. Man geht heute davon aus, das 10 bis 20 Prozent der Erwachsenen, die länger als sieben Tage husten, an Pertussis leiden! Daran sollte die Apotheke bei der Beratung denken. Die Hustenattacken kommen zwar anfallsartig, aber die für Kinder typischen Symptome wie Stakkatohusten und Würgereiz fehlen sehr häufig. Mehr als 40 Prozent der über-60-jährigen Patienten erleiden weitere Komplikationen wie Pneumonie, Otitis media, Rippenbrüche und Inkontinenz.

 

Säuglinge sind unmittelbar nach der Geburt durch eine Pertussis-Infektion besonders gefährdet, da es zu lebensbedrohlichen Atemstillständen kommen kann. Die Mutter kann dem Kind für die ersten Lebensmonate keinen ausreichenden Nestschutz gegen Bordetella pertussis geben, und eine Impfung gegen den Erreger ist erst ab der 9. Lebenswoche möglich. Etwa 50 bis 70 Prozent der Kleinkinder, die heute an Keuchhusten erkranken, werden von ihren Eltern oder Großeltern angesteckt. Neugeborene können geschützt werden, wenn alle Kontaktpersonen rechtzeitig vor ihrer Geburt gegen Pertussis geimpft wurden. Dieses Vorgehen bezeichnet man als Kokonstrategie.

 

Der Impfschutz gegen Keuchhusten ist daher für Kinder, Erwachsene und Senioren wichtig. Die STIKO empfiehlt die Grund­immunisierung für Säuglinge zum frühestmöglichen Zeitpunkt, zwei Auffrischungen im Kindes- und Jugendalter und eine einmalige Auffrischung des Impfschutzes für alle Erwachsenen. Am besten erfolgt diese mit der nächsten fälligen Td-Impfung, denn der azelluläre Pertussis-Impfstoff (aP) ist in Deutschland nur als Dreifach- (Tdap) oder Vierfach-Kombinationsvakzine mit zusätzlicher Poliomyelitis-Komponente (Tdap-IPV) verfügbar. Bei entsprechender Indikation ist es bereits einen Monat nach der letzten Td-Impfung möglich, den Pertussis-Schutz mit Tdap oder Tdap-IPV aufzufrischen, ohne dass man mit vermehrten Nebenwirkungen durch das Tetanusantigen rechnen muss (3, 7).

 

Auch beim Keuchhusten gibt es Hinweise, dass die Dauer des Impfschutzes mit zunehmendem Lebensalter abnimmt. Daher wird in Österreich für Menschen ab dem 60. Lebensjahr nicht nur die Td-Impfung, sondern auch die Pertussis-Auffrischung alle fünf Jahre empfohlen (5).

 

Influenza: Anstecken ein Kinderspiel

 

Im Gegensatz zum Keuchhusten sind bei der Virusgrippe auch ältere Menschen selbst akut bedroht. Schwere Verläufe und Komplikationen durch bakterielle Sekundärinfektionen kommen mit zunehmendem Alter häufiger vor. Senioren stecken sich oft bei ihren Enkelkindern an, die sich wiederum meist in Kindergärten und Schulen infizieren. Aber auch in Alten- und Pflegeheimen besteht ein hohes Infektionsrisiko.

 

Obwohl die STIKO die jährliche Grippeschutzimpfung für alle Personen ab dem 60. Lebensjahr empfiehlt, sind viele Senioren nicht geimpft. Untersuchungen zu den Durchimpfungsraten zeigen, dass in Deutschland das WHO-Ziel von 75 Prozent noch lange nicht erreicht ist. In einer Befragung 2006/2007 gaben 53 Prozent der Senioren an, gegen die Virusgrippe geimpft zu sein. Dagegen zeichnet sich für die Saison 2010/2011 ein deutlicher Rückgang der Impfquoten in allen Altersgruppen ab; Gründe dafür liegen in der Pandemie-Debatte im Vorjahr und der damit ausgelösten Verunsicherung der Bevölkerung (8).

 

Aber wie gut schützen die Impfstoffe? In klinischen Studien erreichten 50 bis 60 Prozent der Impflinge über 65 Jahren ausreichende Antikörpertiter, bei gesunden jüngeren Erwachsenen waren es 70 bis 90 Prozent (9). Durch den Zusatz von Adjuvanzien, mit Virosomentechnologie und neuen Impftechniken, zum Beispiel der intradermalen Injektion, versucht man, die Immun­antwort weiter zu verbessern. Auf eine Hühnereiweißallergie muss man weiterhin achten, da die meisten Grippeimpfstoffe embryonales Hühnereiweiß enthalten. Der beste Zeitpunkt für die Impfung ist jährlich im Herbst von September bis November.

 

Todesursache Pneumokokken

 

Die gefürchtete Lungenentzündung tritt häufig als Folge einer Influenzainfektion auf. Erreger sind meist Bakterien der Gattung Streptococcus pneumoniae, Pneumokokken genannt, von denen mehr als 80 verschiedene Typen bekannt sind. Die Übertragung erfolgt durch Tröpfcheninfektion.

Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung tragen Pneumokokken im Nasen- oder Rachenraum. Pathogen werden die Bakterien aber erst, wenn das Immunsystem schwächelt. Dann kann es zur invasiven Infektion mit Bronchopneumonie, Meningitis, Endokarditis und Bronchosepsis kommen. Tückisch ist: Bei älteren Menschen sind die Symptome einer Pneumokokken-Infektion häufig uncharakteristisch, denn nicht immer treten hohes Fieber, Schüttelfrost, Husten oder Rasselatmung auf. Manchmal sind Kurzatmigkeit und Herzrasen die einzigen klinischen Anzeichen. Erst durch Labordiagnostik und eine Röntgenaufnahme des Thorax kann die Diagnose gesichert werden.

 

Patienten mit Herz- und Lungenerkrankungen sowie betagte Menschen sind besonders gefährdet. Pneumonie und Influenza sind bei Senioren die vierthäufigste Todesursache nach Herzkrankheiten, Krebs und Schlaganfall (10). Besonders wichtig ist die Prävention invasiver Pneumokokken-Erkrankungen für Bewohner von Alten- und Pflegeheimen.

 

Effektiven Schutz bietet ein Polysaccharidimpfstoff (Beispiel: Pneumovax 23®), der Antigene von 23 humanpathogenen Pneumokokken-Stämmen enthält und speziell für ältere Menschen geeignet ist. Die neu entwickelten Konjugat-Impfstoffe sind zwar besser immunogen, enthalten aber weniger Antigene und sind nur für Kinder bis zum 5. Lebensjahr zugelassen. Die Komponenten der 23-valenten Polysaccharid-Vakzine decken nach Daten des Nationa­len Referenzzentrums für Streptokokken 88,7 Prozent der Stämme ab, die bei Erwachsenen in Deutschland Erkrankungen verursachen (11). Die Wirksamkeit des Impfstoffs wurde in zahlreichen Studien belegt. Die Effektivität hängt von Alter und Gesundheitszustand des Patienten ab, wobei die Schutzraten 50 bis 80 Prozent betragen. In einer Studie an 1006 Bewohnern eines Seniorenheims sank die Inzidenz von Pneumokokken-Pneumonien durch die Schutzimpfung um 64 Prozent (12).

 

Die STIKO empfiehlt die einmalige Impfung gegen invasive Pneumokokken-Erkrankungen mit einem 23-valenten Polysaccharid-Impfstoff ab dem 60. Lebensjahr. Eine Auffrischung erfolgt wegen häufig auftretender Lokalreaktionen nicht routinemäßig. Nur Personen, die ein hohes Sterberisiko durch solche Infektionen haben, sollten im fünfjährigen Abstand wieder geimpft werden. Dazu zählen Patienten mit Asplenie (fehlender Milz), angeborenen oder erworbenen Immundefekten sowie chronischen Nierenerkrankungen.

 

Bemerkenswert ist, dass trotz der STIKO-Empfehlung in Deutschland vermutlich drei Viertel der Über-60-Jährigen nicht gegen Pneumokokken geimpft sind. Auf diese potenzielle Impflücke sollte der Apotheker seine Kunden hinweisen.

 

Effektiver Schutz vor Gürtelrose

 

Bereits seit einigen Jahren besteht in den USA die Möglichkeit, vorbeugend gegen Gürtelrose (Zoster) zu impfen. Die Gürtelrose, ein sehr schmerzhafter, regional begrenzter Hautausschlag, wird durch das Varizella-Zoster-Virus (VZV) ausgelöst und tritt als zeitlich verzögerte Sekundärinfektion nur bei Menschen auf, die bereits Windpocken hatten. Nach einer Windpockenerkrankung nisten sich Viren in den Ganglien des Nervensystems ein und werden erst wieder aktiv, wenn das Immunsystem unter Druck steht.

 

Zu einer Gürtelrose kommt es aber nicht nur durch Stress oder bei Einnahme von Immunsuppressiva. Auch zunehmendes Alter ist ein Risikofaktor. Denn die Ak­tivität der VZV-spezifischen zellulären Immunität nimmt ab dem 50. Lebensjahr ab. Dann verläuft die Erkrankung oft schwerer, und Komplikationen häufen sich (13).

Besonders problematisch für ältere Patienten ist die postherpetische Neuralgie (PHN), bei der die Schmerzen in den betroffenen Körperbereichen mehrere Jahre anhalten können. Klinische Studien belegen, dass 37 Prozent der Über-60-Jährigen und 48 Prozent der Über-70-Jährigen länger als ein Jahr unter den neuralgischen Schmerzattacken leiden (14). Weitere schwere Komplikationen wie Rückenmark- und Hirnhautentzündungen oder das Erblinden sind gefürchtet. Da die Möglichkeiten zur Behandlung der lang andauernden Infek­tion begrenzt sind, hat die Impfung als einzige effektive präventive Maßnahme eine hohe Bedeutung.

 

In der EU wurde bereits 2006 ein Impfstoff gegen Gürtelrose zugelassen, der seit 2008 als Zostavax® auch in Deutschland gelistet ist. Wegen mangelnder Produk­tionskapazitäten ist er bisher nur in den USA und nicht in Europa verfügbar. Die Impfung soll sowohl vor der Erkrankung selbst als auch vor Komplikationen wie der postherpetischen Neuralgie schützen. Die Vakzine enthält abgeschwächte Varizella-Zoster-Lebendviren und ist in Deutschland für Personen ab dem 50. Lebensjahr zugelassen. Virusstamm und Produktionsprozess sind identisch mit dem des Windpockenimpfstoffs. Die Dosis wird subkutan als Einmalgabe verabreicht und ist mit mindestens 19 400 Plaque-bildenden Einheiten (PBE) deutlich höher als bei der Windpockenimpfung (1350 PBE). Die Dauer des Impfschutzes ist noch nicht bekannt.

 

Wenn bereits eine Zoster-Erkrankung ausgebrochen ist oder eine postherpetische Neuralgie besteht, sollte nicht geimpft werden. Weitere Kontraindikationen sind akute behandlungsbedürftige Erkrankungen mit Fieber über 38,5 °C, angeborene Immunschwäche sowie eine Therapie mit Immunsuppressiva oder hohen Corticosteroiddosen. Wichtig für die Beratung: Zostavax® ist nicht kontraindiziert bei Patienten, die Corticosteroide topisch oder inhalativ anwenden.

 

Der Lebendimpfstoff ist gut verträglich. Nach der Impfung wurden die typischen Reaktionen wie Rötung und Schmerz an der Injektionsstelle und ein leichter Zoster-ähnlicher Hautausschlag beobachtet. Eine Übertragung des Impfvirus auf Kontakt­personen ist theoretisch möglich, wenn im Rahmen der normalen Impfreaktion Gürtelrosebläschen auftreten. Daher sollten gefährdete Personen wie immungeschwächte Patienten oder schwangere Frauen den Kontakt zu Geimpften bis zum Abklingen der Bläschen meiden. Sehr selten kam es nach der Schutzimpfung zu einer allergischen Sofortreaktion mit Schock.

 

Eine gleichzeitige Verabreichung von Zoster- und Influenza-Impfung an getrennten Körperstellen ist möglich. Die zeitgleiche Gabe mit 23-valentem Pneumokokken-Impfstoff wird jedoch nicht empfohlen, da dies zu einer geringeren Immunogenität der Vakzine führen kann. Ob man zu anderen Impfstoffen oder zur Therapie mit antiviralen Arzneistoffen einen Zeitabstand einhalten muss, ist noch nicht ausreichend untersucht.

 

Die Ergebnisse der klinischen Studien mit mehr als 38 000 Personen belegen, dass mit dem VZV-Lebendimpfstoff eine effektive Prävention von Herpes zoster und den damit verbundenen Komplikationen möglich ist. In der wichtigsten Untersuchung sank die Inzidenz von Herpes zoster bei Erwachsenen über 60 Jahren um 51 Prozent und die Häufigkeit von postherpetischen Neuralgien um 67 Prozent (15).

 

Derzeit diskutieren Experten, wann der beste Zeitpunkt für die Impfung ist. Während in Europa eine Zulassung ab dem 50. Lebensjahr besteht, ist die Vakzine in den USA erst ab dem 60. Lebensjahr zugelassen. Der Grund für die unterschiedliche Einstufung: Man weiß nicht, wie lange der Impfschutz anhält. Bei 50- bis 59-Jährigen ist zwar das Zosterrisiko erhöht, das Risiko einer postherpetischen Neuralgie scheint aber relativ gering zu sein. Eine Immunisierung gegen Gürtelrose zu einem zu frühen Zeitpunkt könnte daher die Erkrankung auf ein späteres Lebensalter mit erhöhter Wahrscheinlichkeit einer postherpetischen Neuralgie verschieben (16, 17).

 

Die Vakzine wird voraussichtlich erst ab 2012 in Europa verfügbar sein. Die STIKO hat noch keine öffentliche Empfehlung zur Impfung gegen Gürtelrose ausgesprochen.

 

Vom Schwarzwald bis in die Tropen

 

Neben den genannten Impfungen können bei besonderer epidemiologischer Situa­tion oder Gefährdung weitere Maßnahmen für Senioren indiziert sein. So ist beispielsweise darauf zu achten, dass Bewohner von Alten- und Pflegeheimen nicht nur gegen Grippe und Pneumokokken geimpft sind, sondern auch gegen Hepatitis B. Diesen Schutz empfiehlt die STIKO auch für Dialysepatienten. Das führt nicht selten zu Problemen, denn die Zahl der Hepatitis-B-Nonresponder steigt mit zunehmendem Lebensalter. Nur etwa 80 Prozent aller Menschen über 50 Jahren sprechen noch auf die Impfung an. Je höher das Lebensalter, umso schlechter die Serokonversionsrate. Der Schutz vor einer Infektion besteht, solange die Anti-HBs-Konzentration über einem Wert von 10 IU/L liegt.

 

Deutlich besser immunogen ist die Hepatitis-A-Vakzine, mit denen altersunabhängig Schutzraten von 94 bis 100 Prozent erzielt werden. Schwere, sogenannte fulminante Krankheitsverläufe mit Leberversagen sind mit zunehmendem Lebensalter jedoch häufiger. Hauptindikation für eine Hepatitis-A-Impfung sind Urlaubsreisen, aber auch für Patienten in psychiatrischen Einrichtungen besteht eine Impfempfehlung.

 

Mit freizeitaktiven Senioren, die in FSME-Endemiegebieten leben oder dorthin reisen, sollte die Apotheke über die Schutzimpfung sprechen. Schwere Verlaufsformen der von Zecken übertragenen Meningoenzephalitis kommen im höheren Lebensalter häufiger vor, und eine Impfung bietet neben der Expositionsprophylaxe den einzigen Schutz.

 

Für die zugelassenen FSME-Impfstoffe gibt es bei Senioren einige Besonderheiten. Wenn die Grundimmunisierung erst nach dem 60. Lebensjahr erfolgt, soll der Antikörpertiter 30 bis 60 Tage nach der zweiten Impfung (konventionelles Schema) oder nach der dritten Impfung (Schnellschema) kontrolliert werden. Bei zu niedrigen Titern wird eine vierte Impfung empfohlen, um die Immunantwort verbessern. Bei der FSME-Auffrischung ist zu beachten, dass der Impfschutz bei Personen ab dem 50. Lebensjahr nicht nach fünf, sondern bereits nach drei Jahren erneuert werden sollte (18).

 

Senioren, die eine Fernreise planen, sollte die Apotheke auch auf besondere Impfungen ansprechen (Tabelle 3). Wichtig ist in jedem Fall, den Schutz gegen Polio (Kinderlähmung) zu überprüfen. Europa gilt seit 2002 als »poliofrei« und auch in Amerika, Australien und Neuseeland kommt die Erkrankung nur noch vor, wenn sie von Reisenden eingeschleppt wurde. Ansteckungsgefahr besteht bei Reisen in den indischen Subkontinent und nach Afrika.

Tabelle 3: Reiseimpfungen für Senioren (Auswahl)

Impfung Zahl der Impfungen bei Grundimmunisierung Auffrischung Bemerkungen
Meningokokken; tetravalenter Konjugatimpfstoff (A, C, W135, Y) 1 Dauer des Impfschutzes nicht bekannt Zugelassen für Jugendliche ab 11 Jahren und Erwachsene. Laut Fachinformation liegen nur begrenzte Daten für die Altersgruppe von 55 bis
65 und keine Daten ab dem 65. Lebensjahr vor.
Tollwut 3 (präexpositionelle Impfung) bei anhaltendem Expositionsrisiko ein Jahr nach der ersten Impfung und dann im Abstand von jeweils fünf Jahren Gute Immunantwort bei neuen Tollwut-HDC-Impfstoffen auch für Personen über 50 Jahren
durch klinische Studien belegt.
Japanische Encephalitis 2 bei anhaltendem Expositionsrisiko 12 bis 24 Monate nach der Grundimmunisierung In Zulassungsstudien keine signifikanten Unterschiede der Serokonversionsraten zwischen jungen und älteren Erwachsenen.

Viele ältere Menschen kennen noch die »Schluckimpfung« gegen Polio. Heute wird nur noch ein Injektionsimpfstoff (IPV) eingesetzt; dies gilt auch für Personen, die die Grundimmunisierung mit dem alten Schluckimpfstoff erhalten haben. Als geschützt gilt, wer die komplette Grundimmunisierung und mindestens eine Auffrischung bekommen hat. Weitere Auffrischungen im Abstand von zehn Jahren sind dann nur noch vor Fernreisen nötig.

 

Fit bis ins hohe Alter

 

Um alte Menschen vor gefährlichen Infek­tionskrankheiten und den häufig auftretenden schweren Komplikationen besser zu schützen, gibt es speziell auf Senioren abgestimmte Indikations- und Auffrischimpfungen. Jedoch lassen Akzeptanz und Durchimpfungsraten zu wünschen übrig. Daher ist es nötig, dass die Apotheker sich an der Aufklärungsarbeit beteiligen und ihre älteren Kunden und deren Angehörige aktiv ansprechen. Bleiben die Menschen bis ins hohe Alter fit und gut geschützt, nützt dies allen – auch der Apotheke. /

Literatur

<typolist type="1">

STIKO, Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut, Stand Juli 2010. Epid. Bull. 30 (2010) 279-298.

Hutt, H. J., et al., Immunseneszenz und Impfungen im höheren Lebensalter. Ein Diskussionsbeitrag. Med. Klin. 105 (2010) 802-807.

Monath, T. P., et al., Yellow fever 17D vaccine safety and immunogenicity in the elderly. Human Vaccines 5 (2005) 207-214.

Fachinformation Stamaril®.

Impfplan 2011 Österreich. www.bmg.gv.at

STIKO, Zusätzliche Pertussis-Impfung im Erwachsenenalter als Tdap-Kombinationsimpfung bei der nächsten fälligen Td-Impfung – Empfehlung und Begründung. Epid. Bull. 31 (2009) 299-318.

Beytout, J., et al., Safety of Tdap-IPV given one month after Td-IPV booster in healthy young adults. Human Vaccines 5 (2009) 315-321.

Blank, P.R., et al., Influenza coverage in five European countries during season 2006/­2007 and trends over six consecutive seasons. BMC Public Health (8) (2008) 272-282.

Nichol, K. L., The efficacy, effectiveness and cost-effectiveness of inactivated influenza virus vaccines. Vaccine 21 (2003) 1769-1775.

Yoshikawa, T. T., Epidemiology and unique aspects of aging and infectious diseases. Clin. Infect. Dis. 30 (2000) 931-933.

Imöhl, M., et al., Regional differences in serotype distribution, pneumococcal vaccine coverage, and antimicrobial resistance of invasive pneumococcal disease among German federal states. Int. J. Med. Microbiol. 300 (2009) 237-247.

Maruyama, T., et al., Efficacy of 23-valent pneumococcal vaccine in preventing pneumonia and improving survival in nursing home residents: double blind, randomised and placebocontrolled trial. Brit. Med. J. 340 (2010) 1004.

Oxman, M. N., Clinical Manifestations of herpes zoster. In: Arvin, A. M., et al., Varicella zoster virus: virology and clinical management, Cambridge University Press (2000) 246-275.

Kost, R. G., Postherpetic neuralgia – pathogenesis, treatment and prevention. N. Engl. J. Med. 335 (1996) 32-42.

Oxman, M. N., A vaccine to prevent herpes zoster and postherpetic neuralgia in older adults. N. Engl. J. Med. 352 (2005) 2271-2284.

Herpes zoster Impfstoff, Zostavax®. a-t 40 (2009) 96-97.

FDA, Vaccines and Related Biological Products Advisory Committee Meeting, 15. Dez. 2005. www.fda.gov/ohrms/dockets/ac/05/transcripts/2005-4199t2-03.pdf

Fachinformation Encepur E® 12/2009

Fachinformation Zostavax® 12/2010

 

Der Autor

Fritz Grasberger studierte Pharmazie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und absolvierte während des Studiums und des praktischen Jahres mehrere Praktika in den USA. Nach der Approbation 1996 folgte die Promotion an der LMU. In dieser Zeit arbeitete er auch als angestellter Apotheker. Seit 2002 ist er Inhaber der Alten Stadtapotheke Miesbach. Dr. Grasberger ist Fachapotheker für Pharmazeutische Analytik und hat die Zusatzbezeichnungen Homöopathie und Naturheilverfahren sowie Ernährungsberatung erworben. Neben seinem berufspolitischen Engagement ist er als Referent zum Thema »Impf- und Reiseimpfberatung« in der Begleitenden Unterrichtsveranstaltung der Bayerischen Landesapothekerkammer für Pharmaziepraktikanten sowie bei DPhG-Fortbildungen tätig.

 

Dr. rer. nat. Fritz Grasberger

Alte Stadtapotheke

Schlierseer Straße 1

83714 Miesbach

info(at)apotheke-miesbach.de

Mehr von Avoxa