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VDGH

Hohe Hürden für Diagnostika

27.04.2010
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Von Werner Kurzlechner, Berlin  / Wirtschaftlich haben die Hersteller von Labortests derzeit wenig Grund zur Beschwerde. Um weiterhin prosperieren zu können, fordern sie einen Abbau bürokratischer Hemmnisse und eine schnellere Aufnahmen von Innovationen in den Leistungskatalog der Kassen.

Es war ein bezeichnender Satz, der der Bundestagsabgeordneten Maria Michalk (CDU) auf der Mitgliederversammlung des Verbandes der Diagnostika-Industrie (VDGH) in Berlin entfuhr. »Über Sie reden wir nicht wirklich oft«, bekannte die Gastrednerin, die Mitglied im Gesundheitsausschuss des Parlaments ist. Zwar schob Michalk nach, das sei wohl ein Zeichen, dass mit den Herstellern von Diagnoseinstrumenten aus Sicht der Politik vieles richtig laufe. Für die eher kleine und strukturell mittelständisch geprägte Branche dürfte die Äußerung jedoch vor allem ein Zeichen dafür gewesen sein, dass man ohne Anstrengungen und lauteres Trommeln als bisher von den Entscheidungsträgern im Lande überhört zu werden droht.

Dabei erwirtschaften die rund 90 Mitgliedsunternehmen zusammen immerhin 3,7 Milliarden Euro jährlich – 2,2 Milliarden Euro im Gesundheitswesen, 1,5 Milliarden in der lebenswissenschaftlichen Forschung. Zuversichtlicher dürfte die Verbandsmitglieder die von der Regierungskoalition inzwischen bekannte Absicht zur Förderung der Gesundheitswirtschaft auch aus Michalks Munde gestimmt haben. Und dass die Abgeordnete die Branche ausdrücklich auch in die Pflicht nahm, ist ja durchaus als Ausdruck von Wertschätzung zu verstehen: »Sie werden in Zukunft noch früher gebraucht werden.«

 

Das sollte heißen, dass in einer alternden Gesellschaft einer frühzeitigen und treffenden Diagnose wachsende Bedeutung zukommt. Ein Argument, das Wasser auf die Mühlen des bisherigen Verbandsvorsitzenden Dr. Jürgen Schulze trieb, der sein Amt an Matthias Borst abtrat und künftig die Präsidentschaft des europäischen Diagnostika-Verbandes EDMA übernimmt. Innovative Labortests seien in der Tat ein Schlüssel zu mehr Effizienz im Gesundheitswesen, so Schulze. Allerdings würden die Chancen zur Kostendämpfung durch Labordiagnostik bislang nicht optimal genutzt.

 

Scharf kritisierte der scheidende VDGH-Chef bürokratische Hemmnisse, die eine schnelle Einführung von neuen Entwicklungen erschwerten. Als Beispiel nannte Schulze den heute in der Herzinfarktdiagnostik unverzichtbaren Troponin-Test, der erst nach acht Jahren in den Leistungskatalog der Kassen übernommen worden sei. Anders als neue Arzneimittel seien Laborinnovationen nicht sofort nach ihrer Zulassung erstattungsfähig. Dabei seien die Entwicklungszyklen in der Diagnostika-Branche extrem kurz und die oftmals sehr kleinen Unternehmen von einer schnellen Vergütung entsprechend abhängig.

 

Schulze formulierte daraus abgeleitet eine Reihe von Forderungen. Verfahren zur Nutzenbewertung müssten transparent und schnell sein, Mitwirkungsrechte der Leistungsanbieter vorsehen und allzu strikte Anforderungen zur Studiendokumentation vermeiden. Über die zentralen Aussagen dazu im Koalitionsvertrag äußerte sich Schulze zwar lobend, dennoch folgte ein nachdrücklicher Appell an die Politikerin Michalk: »Nehmen Sie die Selbstverwaltung in die Pflicht, diese politischen Vorgaben auch umzusetzen.« Die Verfahrenspraxis im Alltag sei oft zu weit vom politisch Gewollten entfernt.

 

Mehr Prävention und Früherkennung

 

Die Branche benötige außerdem einen auskömmlichen Gebührenrahmen, der »nicht im Wochentakt« reformiert werde. Ferner forderte der VDGH-Vorsitzende, die Krankheitsfrüherkennung müsse ein angemessener Bestandteil des Leistungskatalogs der Gesetzlichen Krankenversicherung werden. »Jeden Tag, an dem in Sachen Prävention nichts geschieht, vergeuden wir Geld«, so Schulze. Dieses Geld fehle dann im Gesundheitssystem. Die gesetzlichen Vorsorgeprogramme müssten außerdem regelmäßig auf ihre wissenschaftliche Aktualität überprüft werden.

 

Trotz dieser Kritik haben die Diagnostika-Hersteller mit ihren rund 24 000 Mitarbeitern wie die Medizintechnikbranche insgesamt derzeit wenig Grund zur Klage. Die Firmen erwarteten in diesem Jahr Umsatzsteigerungen und einen Zuwachs an Arbeitsplätzen, berichtete Schulze. / 

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