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Handeln ist angesagt

27.04.2010  18:50 Uhr

Wenn es um das sensible Gut Medikamente und Fragen der Arzneimittelsicherheit geht, ist ein »ausreichend« beim Testkauf von Stiftung Warentest nicht ausreichend, ein »mangelhaft« ist indiskutabel. 19 von 23 getesteten Versandapotheken kamen nicht über so ein schlechtes Ergebnis hinaus (siehe dazu Stiftung Warentest: Präsenzapotheken besser als Versender). Eine große Überraschung ist das nicht. Denn es bestätigt, was Mitarbeiter in öffentlichen Apotheken seit Langem sagen. Das schnelle Geschäft, das im Versandhandel Standard ist, verschlechtert die Versorgung. Die Präsenzapotheke ist die deutlich bessere Wahl, wenn es um die Begleitung der Patienten geht.

 

Medizinische und pharmazeutische Bedürfnisse der Stammkunden kennt das Apothekenpersonal aus dem Effeff, aber auch bei der sogenannten Laufkundschaft dürfte eine Beratung von Angesicht zu Angesicht wesentlich besser möglich sein als in einem Telefongespräch oder beim E-Mail-Verkehr. Hat der Patient etwas nicht verstanden, dann sehe ich ihm das oft auch an der Körpersprache an. Ein Zögern, ein Stirnrunzeln oder Fragezeichen in den Augen des Patienten kann ich leicht erkennen und sofort darauf reagieren.

 

Reagieren müssen jetzt auch andere: An erster Stelle ist der Gesetzgeber zu nennen. Wenn Patienten in der herkömmlichen Versandapotheke offensichtlich schlechter beraten werden, dann müssen die noch unpersönlicheren Pick-up-Stellen ganz schnell verboten werden. Auch die Kontrollinstanzen sollten jetzt agieren. »Die Apothekenkammern sind gefordert, die Einhaltung berufsrechtlicher Verpflichtungen zu überprüfen«, sagt Dr. Holger Brackemann von Stiftung Warentest. Er spielt damit auf die Rosinenpickerei der Versandapotheken an. Acht von ihnen hatten zum Beispiel das Anfertigen einer individuellen Rezeptur schlichtweg abgelehnt.

 

Handeln erfordert das Testergebnis auch bei den Präsenzapothekern. Immerhin haben 23 von 27 getesteten Apotheken mindestens ein »befriedigend« erreicht, aber auch hier gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten. Unter anderem bemängelte Stiftung Warentest, dass eine diskrete Beratung nicht überall möglich war. Diesen Hinweis sollten Apotheker ernst nehmen und reagieren.

 

Last but not least wäre erfreulich, wenn einige große Tageszeitungen den Tenor ihrer Berichterstattung über öffentliche Apotheken überdenken würden. Eine Überschrift wie »Glücksspiel Apothekenbesuch« in der »Süddeutschen Zeitung« ist ärgerlich und spiegelt keinesfalls das Testergebnis wider. Denn sie lenkt vom katastrophalen Ergebnis für die Versandapotheken ab und führt den Leser in die falsche Richtung.

 

Sven Siebenand

Stellvertretender Chefredakteur

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