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Allergien

Prävention von Anfang an

21.04.2008
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Allergien

Prävention von Anfang an

Von Hildegard Tischer

 

Nach wie vor ist ungeklärt, warum manche Menschen auf Pollen, Erdbeeren oder Katzenhaare allergisch reagieren und andere nicht. Dementsprechend schwer fällt es, der Krankheit vorzubeugen. Einige Präventionsempfehlungen gelten jedoch als gesichert.

 

Allergien nehmen seit einigen Jahrzehnten weltweit zu, vor allem in den hochentwickelten Industrieländern. Allein in Deutschland leiden nach Angaben der AOK mehr als drei Millionen Menschen an Neurodermitis, rund vier Millionen an Asthma. Eine genetische Veranlagung spielt zwar im Einzelfall eine wichtige Rolle bei der Entstehung einer atopischen Erkrankung, aber sie kann nicht der Grund sein für den sprunghaften Anstieg der Erkrankungszahlen in der Bevölkerung. Daher wird schon länger vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen Allergien und der modernen, westlichen Lebensweise gibt.

 

So bestätigte denn auch ein Forscherteam um Aida Semic-Jusufagic von der Universitätsklinik Manchester frühere Studien, wonach Kinder aus bäuerlicher Umgebung seltener Neurodermitis oder Heuschnupfen entwickeln als Stadtkinder, weil sie mehr Allergenen ausgesetzt sind und damit ihr Immunsystem trainiert wird. Die britischen Wissenschaftlicher kamen außerdem zu dem Ergebnis, dass eine anthroposophische Lebensweise das Allergierisiko senkt. In Familien, die nach Steiner'schen Grundsätzen leben, würden Kinder weniger geimpft und sie bekämen seltener Antibiotika. Zudem enthalte ihr Speiseplan vorwiegend biodynamisch angebaute und weitgehend naturbelassene Lebensmittel, so die Erklärung (»Allergy«, Doi 10.1111/.1398-9995.2006.01104.x).

 

Leitlinien erstellt

 

Auch das Aktionsbündnis Allergieprävention (abap) bestätigt, dass Faktoren des modernen, städtischen Lebensstils, wie die Isolierung von Wohnungen, Haustierhaltung, exotische Lebensmittel, Reisen, Stress und eine geringe Geschwisterzahl das Allergierisiko erhöhen können. Es hält jedoch die »Bauernhoftheorie« für zu ungesichert, um daraus eine Empfehlung für die Prävention abzuleiten, wie beispielsweise, Kinder bereits ab dem zweiten Lebensjahr in eine Krippe zu geben.

 

Das Aktionsbündnis Allergieprävention, dem Vertreter allergierelevanter Berufsgruppen, Ärzteverbände, Krankenkassen, Selbsthilfegruppen, Forscher und Gesundheitspolitiker angehören und das vom Bundesgesundheitsministerium gefördert wird, hat vor einigen Jahren begonnen, 322 Studien zu sichten und zu vergleichen, um daraus evidenzbasierte Leitlinien zur Prävention allergischer Erkrankungen abzuleiten. Diese wurden in der Fachzeitschrift »Allergo Journal« (Band 13, Seiten 252 bis 260) veröffentlicht.

 

Die Empfehlungen gelten vor allem für Kinder mit familiärem Risiko. Leidet ein Elternteil unter einer Allergie, besteht für das Kind ein Risiko von 20 bis 40 Prozent, ebenfalls zu erkranken. Sind beide Elternteile betroffen, beträgt das Risiko 40 bis 60 Prozent, und wenn es sich bei beiden Eltern um die gleiche Art von Allergie handelt, im Schnitt 60 bis 80 Prozent.

 

Stillen als Schutz

 

Zur Prävention uneingeschränkt empfohlen wird Stillen über mindestens vier Monate und ohne zusätzliche Flaschenmilch. Die Wirksamkeit einer längeren Stillzeit sei nicht ausreichend in Studien untersucht, so das abap. Durch Stillen erhalte der Säugling zum einen Antikörper der Mutter, zum anderen sei er vor Nahrungsmittelallergenen geschützt. Das Risiko für allergisches Asthma sinke bei familiär vorbelasteten Kindern durch Stillen um 30 Prozent. Bei Kindern ohne besonderes Risiko sei, was Asthma angeht, zwar kaum ein Effekt nachzuweisen, jedoch würden sie zumindest im ersten Lebensjahr seltener eine Neurodermitis entwickeln. Falls Stillen nicht möglich ist, können hypoallergene Milchpräparate das Risiko bei familiär vorbelasteten Kindern senken, wobei extensiv-hydrolysierte, auf Caseinbasis hergestellte Produkte vorzuziehen seien. In hypoallergener Milch sind die Eiweißmoleküle aufgespalten, sodass das Immunsystem sie nicht als Fremdkörper ansieht. Konsens besteht ebenfalls, dass Beikost frühestens ab dem vollendeten vierten Lebensmonat gegeben werden sollte.

 

Schwangere und stillende Mütter müssen sich keiner Diät unterwerfen. Die Studienlage derzeit lasse »keine Ableitungen von Empfehlungen darüber zu, dass durch die Elimination potenter Nahrungsmittelallergene in der Ernährung von Mutter und Kind die Entwicklung atopischer Erkrankungen verhindert beziehungsweise verzögert werden kann«, so das Aktionsbündnis. Nur in Risikofamilien kann der Verzicht der Mutter auf hochpotente Allergene wie Fisch, Kuhmilch, Eier und Nüssen während der Stillmonate vor der Entwicklung einer atopischen Dermatitis schützen.

 

Kinder vor Zigarettenrauch schützen

 

Einigkeit herrscht dagegen darüber, dass Passivrauchen das Risiko bei Kleinkindern erhöht, eine Allergie, vor allem Asthma, zu entwickeln. Eltern ist deshalb unbedingt davon abzuraten, in der Wohnung zu rauchen. Raucht die Mutter während der Schwangerschaft, neigt das Kind ebenfalls häufiger zu allergischem Asthma, nicht zuletzt aus diesem Grund ist es wichtig, in dieser Zeit auf Zigaretten zu verzichten.

 

Andere Umweltgifte, wie Dieselruß, Emissionen aus Gasöfen, Teppichböden, Lacke und dergleichen, erhöhen zwar nach Angaben des abap ebenfalls das Allergierisiko, Präventionsempfehlungen würden sich jedoch derzeit noch nicht aussprechen lassen.

 

Anders sieht es bei Schimmel und Hausstaubmilben aus. Hier ergibt die Studienlage ganz klar, dass es vor allem familiär vorbelasteten Kindern hilft, wenn diese Allergene vermieden werden, beispielsweise durch richtiges Lüften, Encasing der Matratze und regelmäßiges Waschen von Plüschtieren und Kissen.

 

Auch in der Debatte darüber, ob Hunde und Katzen in der Wohnung das Allergierisiko erhöhen, senken oder überhaupt nicht beeinflussen, hat das abap einen Konsens gefunden. Es rät davon ab, Haustiere eigens zur »Abhärtung« vor Allergenen anzuschaffen, wenn ein Kleinkind im Haushalt lebt. Denn sollte das Kind dann doch eine Tierhaarallergie entwickeln, muss es sich von dem lieb gewonnenen Vierbeiner trennen. Besonders Familien mit entsprechender Vorbelastung sei die Anschaffung von Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen und Hamstern nicht zu empfehlen. Hunde dagegen würden nach derzeitiger Studienlage das Allergierisiko im Kleinkindalter nicht erhöhen. Ein bereits vorhandenes Tier vorbeugend wegzugeben, sei aber überflüssig.

 

Klar äußert sich das abap auch zu Antibiotika und Impfungen: »Es fehlt der Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen Antibiotikagabe und Allergieentstehung.« Ein Verzicht auf Antibiotika bei erhöhtem Allergierisiko ist demnach nicht nötig. Weiter heißt es: »Alle Kinder, auch Allergiegefährdete, sollen nach den STIKO-Empfehlungen geimpft werden.« Dies widerspricht zunächst der Erkenntnis der britischen Wissenschaftler um Semic-Justufagic, wonach in eher impfscheuen anthroposophisch geprägten Familien seltener Allergien vorkommen. »Es zeigt sich zunehmend, dass eine der unvorhergesehenen Folgen der Bekämpfung von Infektionskrankheiten und unserer Sauberkeitsbesessenheit in der Interferenz mit der Entwicklung des ImmunsyZKstems liegt«, schreiben die Autoren sogar. Der Rückgang von Infektionskrankheiten könnte dazu führen, dass das Immunsystem langsamer reift und länger braucht, um seine Abwehrreaktionen auszutarieren. Allerdings sei unklar, ob bestimmte Infektionen oder eine allgemeine mikrobielle Grundbelastung atopischen Erkrankungen vorbeugt. So scheinen das Mycobacterium tuberculosis und der Hepatitis-A-Virus vor Allergien zu schützen, indem sie die Freisetzung des Tx1-Zytokins anregen, aber es fehlten prospektive Studien. Deshalb raten auch die Briten zur Impfung.

 

Sowohl das abap als auch Semic-Justufagic haben zudem das Potenzial von Probiotika bei der Prävention atopischer Erkrankungen untersucht. Die britischen Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Zusammensetzung der Darmflora die Entstehung von Allergien beeinflusst. Je nachdem, welche Art von Bakterien in welcher Anzahl den Gastrointestinaltrakt besiedelt, steige oder sinke das Risiko. Sie schließen dies aus der Tatsache, dass die Prävalenz atopischer Erkrankungen je nach Region, Hygiene- und Ernährungsgewohnheiten stark schwankt. Dementsprechend müsste die Gabe erwünschter Bakterien wie Probiotika das Allergierisiko senken. Hierzu lägen aber noch keine ausreichend gesicherten Daten vor. Die Einnahme von Lactobazillus-GG-Präparaten lindere zwar Neurodermitis-Symptome, doch die Wirkung sei nur vorübergehend. Auch eine Kombination mit Prebiotika habe keine dauerhafte Verbesserung gebracht. Zum gleichen Schluss kommt auch die abap: Für eine verbindliche Empfehlung sei es noch zu früh.

 

Einen Ansatz für zukünftige Forschungen sieht das Team um Semic-Justufagic in Darmparasiten beziehungsweise deren Sekrete. Die These: In Entwicklungsländern, wo Kinder häufig von Würmern befallen sind, kommen atopische Erkrankungen kaum vor. Die Wurminfektion führe zu einer erhöhten Ausschüttung von TH2-Zytokinen, wie dies auch bei einer Sensibilisierung der Fall ist. Zudem geben die Würmer hochwirksame immunmodulatorische Moleküle ab, die die Aktivität der T-Zellen bremsen. Dies werfe die Frage auf, ob eine Wurmexposition beziehungsweise Kontakt mit deren Sekreten die Behandlung oder Prävention von Allergien unterstützt.

 

Auf alle Fälle müsse man von der Vorstellung abrücken, dass »eine Größe jedem passt«, so Semic-Justufagic. Empfehlungen könnten nicht für alle Patienten pauschal gelten. Vielmehr gelte es, die individuellen Prädispositionen zu ermitteln und spezifische therapeutische oder präventive Maßnahmen für Menschen mit Allergierisiko zu finden: »Langfristig ist es notwendig, gemeinsame protektive Faktoren aus all den veröffentlichten Studien herauszufiltern und daraus Maßnahmen abzuleiten, die sich in den westlichen Lebensstil integrieren lassen.«

Allergie- und Asthmatag

Am 26. April richtet sich der Blick wieder auf atopische Erkrankungen. Dann findet der Deutsche Allergie- und Asthmatag 2008 statt. Die zentrale Veranstaltung der vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB) initiierten Aktionstages findet in Ludwigshafen statt. Das Programm und nähere Informationen zu der Veranstaltung erhält man beim DAAB unter www.daab.de.

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