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Zielpreismodell

Noch ist viel Überzeugungsarbeit nötig

21.04.2008
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Zielpreismodell

Noch ist viel Überzeugungsarbeit nötig

Von Uta Grossmann, Stuttgart

 

ABDA-Geschäftsführer Karl-Heinz Resch warb während der Messe Interpharm für das Zielpreismodell des Deutschen Apothekerverbandes (DAV). Vertreter von AOK und Generika-Herstellern ließen sich allerdings nicht recht überzeugen.

 

Anders als die rein aufs Geldsparen ausgerichteten Rabattverträge der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) ist das Zielpreismodell von DAV und DAPI (Deutsches Arzneiprüfungsinstitut) ein »Partnerschaftsmodell«, sagte Karl-Heinz Resch, ABDA-Geschäftsführer Wirtschaft und Soziales.

 

Anlass seiner Werbung für Zielpreise war eine Diskussion während der Stuttgarter Messe Interpharm am vergangenen Samstag. Es ging um die Frage »Rabattverträge: Ärger ohne Ende oder Alternativen in Sicht?« Die Alternative aus Reschs Sicht ist klar. Im Zielpreismodell teilen sich Ärzte und Apotheker die Verantwortung, die Patientenversorgung wird optimiert und der Herstellermarkt bleibt vielfältig, weil im Unterschied zu den Rabattverträgen kein Unternehmen von der Marktteilnahme ausgeschlossen wird.

 

Die Landesapothekerverbände und die Krankenkassen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) schließen auf Bundesebene Verträge über Zielpreise ab, koordiniert vom DAV. Es werden Durchschnittspreise für Wirkstoffe vereinbart, die die Kasse erstattet. Der Apotheker hat die Auswahl unter verschiedenen Präparaten, die in einem Preiskorridor um den Zielpreis herum liegen. Der DAV geht von einem Einsparvolumen zugunsten der GKV von 359 Millionen Euro im Jahr aus. Ein pharmazeutischer Vorteil ist die Möglichkeit, problematische Wirkstoffe etwa gegen Schmerzen, Asthma oder Epilepsie auszunehmen.

 

»Für dieses Modell sind keine Ausschreibungen nötig. Es beruht auf dem Transparenzgrundsatz«, sagte Resch. Auch das unterscheidet das Zielpreismodell von den Rabattverträgen, deren Konditionen nur den Vertragspartnern bekannt sind, so dass die tatsächlichen Einsparungen deren Geheimnis bleiben. Resch verwies auf die guten Erfahrungen mit dem Modell in Rheinland-Pfalz, wo GKV, Kassenärztliche Vereinigung und der Landesapothekerverband von April bis Dezember 2007 einen Vertrag über Zielpreise hatten. Derzeit werde über eine Fortführung gesprochen.

 

Peter Schmidt hält das Zielpreismodell für einen »Horror« für die Hersteller. Schmidt ist Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes der Generikahersteller Pro Generika. Eine »systemimmanente Abwärtsspirale« werde dazu führen, dass die Preise auf oder unter das Zielpreisniveau reduziert würden. Wenn dann die vereinbarte Marktabdeckung bei niedrigerem Preis erreicht sei, sänken wiederum die Zielpreise - ein »Rutschbahneffekt«.

 

Schmidt befürchtet, das Zielpreismodell könne ebenso wie die Rabattverträge nicht rechtssicher sein. DAV und Landesapothekerverbände seien bundesweite beziehungsweise regionale Monopolisten, daher sei das Kartellamt zuständig, so seine Argumentation. Resch konterte, der Gesetzgeber habe die Möglichkeit zu Zielpreisvereinbarungen ins GKV-WSG (Wettbewerbsstärkungsgesetz) geschrieben - »das zum Thema Rechtssicherheit«.

 

Sortimentsverträge, bei denen eine Kasse mit einem Hersteller einen Vertrag über dessen komplettes Sortiment abschließt, hält Schmidt zwar auch nicht für »das Gelbe vom Ei«, denn sie bieten kein Belieferungsprivileg. Immerhin sei dem Hersteller aber der Zugang zum Markt gesichert, sagte Schmidt - anders als bei den Rabattverträgen, die Hersteller ohne Vertrag vom jeweiligen Kassenmarkt ausschließen.

 

Während Schmidt von ProGenerika vor einer Preisspirale abwärts durch das Zielpreismodell warnte, fürchtet Dr. Christopher Hermann das Gegenteil, nämlich einen »Preismissbrauch einzelner Akteure«. Der stellvertretende Vorsitzende der AOK Baden-Württemberg und Verhandlungsführer der bundesweiten AOK-Rabattverträge vertrat die These, die Rabattverträge auf Wirkstoffebene seien ökonomisch unübertroffen - ungeachtet der Niederlage der AOK vor dem Landessozialgericht Baden-Württemberg, das Ende Februar die bundesweiten Rabattvereinbarungen zu 61 Wirkstoffen wegen wettbewerbsrechtlicher Verstöße gekippt hatte.

 

Unzugänglich für Kritik

 

Für Kritik an den Rabattausschreibungen zeigte sich der AOK-Mann unzugänglich. Einen Einwand des Moderators Dr. Thomas Müller-Bohn bügelte Hermann rüde ab. Müller-Bohn hatte darauf hingewiesen, dass galenische Besonderheiten und die Therapietreue der Patienten in der Vertragsgestaltung der Rabattverträge keinen Raum fänden. Hermann behauptete kurz und bündig: »Diese Frage hat nicht den Stellenwert, den Sie ihr geben.« Die pharmakotherapeutische Verantwortung liege beim Arzt. Bei begründeten Bedenken müsse der Apotheker ein Arzneimittel nicht abgeben und werde auch nicht retaxiert, sagte Hermann.

 

Der Zielpreis-Verfechter Resch ließ sich von der Ablehnung seiner Mitdiskutanten nicht beirren. »Mit guten Modellen muss man einen langen Atem haben«, sagte er. Zunächst müsse man abwarten, wie der Markt auf die Festbetragsanpassung im Juni reagiere. Wenn der Gesundheitsfonds 2009 kommt, könnte das Zielpreismodell auch ein Argument im Kampf um Kunden werden. Dann hätten die Kassen, die Zielpreisvereinbarungen abschließen, im Wettbewerb die Nase vorn - durch eine größere Vielfalt an Arzneimitteln.

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