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Ungewollte Schwangerschaften durch Arzneimittel-Interaktionen

25.04.2006
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Orale Kontrazeptiva

Ungewollte Schwangerschaften durch Arzneimittel-Interaktionen

von Christiane Berg, Hamburg

 

Hormonelle Kontrazeptiva unterliegen komplexen Abbau- und Regulationsmechanismen. Damit können zahlreiche Interaktionen bis hin zum Verlust der empfängnisverhütenden Wirkung verbunden sein. Anwenderinnen sollten daher über potenzielle Wechselwirkungen informiert werden.

 

Eine verstärkte Aufklärung von Frauen, die mittels oraler Kontrazeptiva verhüten, sei nicht nur hinsichtlich Nutzen und Risiko, sondern auch mit Blick auf Neben- und Wechselwirkungen wichtig, sagte Professorin Dr. Karen Nieber, Leipzig, auf einer Veranstaltung des Deutschen Pharmazeutinnen Verbandes (dpv) und des Deutschen Ärztinnenbundes, Hamburg. Die Beratung und Information gerade junger Mädchen müsse nicht zuletzt auf Grund gravierender »Fehlinformationen« der Boulevardpresse intensiviert werden. Um die oft erschreckenden Informationsdefizite hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen moderner Verhütungsmethoden zu beheben, müssten Ärzte und Apotheker stärker zusammenarbeiten.

 

Spezielle Risiken

 

»Die Entwicklung hormoneller Kontrazeptiva ermöglichte zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die sichere Trennung von Fortpflanzung und Sexualität«, sagte die Pharmazeutin. Auf Grund ihres Pearl-Index von < 1 sind orale Kontrazeptiva zum Maßstab für die Sicherheit und Zuverlässigkeit anderer Verhütungsmethoden wie Vaginalring, Hormonpflaster, Kupfer- oder Hormonspirale, Dreimonatsspritze, Hormonimplantat, »Pille danach« oder Kondome geworden.

 

Die regelmäßige Einnahme synthetischer Estrogene und Gestagene verhindert die Ovulation mittels Gonadotropinhemmung sowie Veränderung des Zervixschleims, des Endometriums und der Tubenfunktion. Sie kann jedoch mit speziellen Gefahren wie Erhöhung des kardio- und cerebrovaskulären Risikos sowie einem vermehrten Auftreten von Brustkrebs und Zervixkarzinomen oder venöser Thrombosen und Lungenembolien einhergehen, betonte Nieber. Als besonders fatal hob die Referentin den gleichzeitigen Nikotinkonsum bei Einnahme oraler Kontrazeptiva hervor. So steigen kardio- und cerebrovaskuläre Morbidität und Mortalität deutlich an. Bei mehr als 15 Zigaretten pro Tag sei das Sterberisiko gegenüber nicht rauchenden Pillenanwenderinnen um 114 Prozent erhöht.

 

Kind trotz Pille

 

Verstärkt müssen Ärzte und Apotheker nicht nur über Gesundheitsgefahren durch die Kombination von Rauchen und Pille, sondern auch über die Folgen von Interaktionen bei gleichzeitiger Einnahme anderer Medikamente informieren, forderte Nieber. So bewirken Antiepileptika wie Phenytoin, Phenobarbital, Primidon oder Carbamazepin durch Induktion der Cytochrom-P450-Enzyme der Leber einen gesteigerten metabolischen Abbau und somit eine Verminderung der Wirksamkeit oraler Kontrazeptiva.

 

Gleiches gelte für Tranquilizer, Neuroleptika, Hypnotika und Sedativa wie Barbiturate, Promethazin, Chlorpromazin oder Benzodiazepine. Auch Antimykotika wie Griseofulvin können zu einer Induktion der Cytochrom-P450-Enzyme und somit zu einem verstärkten Metabolismus und Abfall der Serumspiegel, sprich: »Kontrazeptionslücke« führen. Da auch Hypericin die Aktivität von CYP 3A4 induziert, gehe die gleichzeitige Einnahme von Johanniskraut-Präparaten mit vermehrten Zwischenblutungen und einer Abnahme der empfängnisverhütenden Wirkung oraler Kontrazeptiva einher. Auch hier müsse die Patientin auf die Bedeutung zusätzlicher empfängnisverhütender Maßnahmen aufmerksam gemacht werden.

 

Viele ungewollte Schwangerschaften sind auf die gleichzeitige Einnahme von Antibiotika wie Penicillin(derivate), Tetrazykline, Cephalosporine und Chloramphenicol zurückzuführen, betonte Nieber. Der Mechanismus der Interaktion sei bisher nicht restlos geklärt, so Nieber. Bei einer Antibiotika-Therapie seien zusätzlich zur oralen Kontrazeption unbedingt nicht hormonelle Methoden in der Zeit der Anwendung sowie bis zu 7 bis 14 Tagen danach zu empfehlen.

 

Durch Schädigung der Magenschleimhaut sowie eine verminderte Resorption und verringerte Serumspiegel können auch Erkrankungen wie Gastritiden, Enteritiden, Zöliakie, Morbus Crohn, Diarrhö oder Erbrechen infolge von Anorexie oder Bulimie zur Abnahme der Wirksamkeit oraler Kontrazeptiva führen. Einen negativen Einfluss auf den empfängnisverhütenden Effekt oraler Kontrazeptiva durch erhöhte Aktivität der Cytochrom-P450-Enyzme können zudem drastisches Untergewicht zum Beispiel durch psychische Erkrankungen beziehungsweise exzessive Diäten oder übermäßiges sportliches Training haben, sagte die Apothekerin.

 

Kontrazeptiva wirken diabetogen

 

In Kombination mit Antidiabetika führen orale Kontrazeptiva zu einer Veränderung der Glucosetoleranz und Zunahme der peripheren Insulinresistenz. Der diabetogene Effekt mache die strenge Kontrolle bei Diabetikerinnen erforderlich. Die Pharmazeutin unterstrich, dass orale Kontrazeptiva bei Patientinnen mit metabolischem Syndrom als »häufigste Risikokonstellation« kontraindiziert sind. Als Gegenanzeigen nannte sie des Weiteren hormonabhängige maligne Tumoren, schwere Leberschäden, kardiovaskuläre Erkrankungen, Adipositas und schwere Formen der Hypertonie, angeborene oder erworbene Fettstoffwechselstörungen sowie Thrombosen und Embolien.

Verhütung in Zahlen

In Deutschland lebten 2004 circa 17,2 Millionen Frauen im reproduktionsfähigen Alter zwischen 14 und 44 Jahren. 6,6 Millionen verhüteten mit oralen Kontrazeptiva, 0,13 Millionen mit Hilfe des Vaginalringes, circa eine Million mittels der Kupfer- und noch einmal eine Million mit der Hormonspirale als vorrangige Methode der Kontrazeption neben Kondomen. 2003 kam es zu 128.030 Schwangerschaftsabbrüchen. Ein Drittel der jährlich etwa 700.000 Geburten sind nicht geplant. 50.000 dieser Kinder werden gezeugt, obwohl die werdenden Mütter die Pille nahmen.

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