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Krebstherapie

Wirkstofftests an Mikrotumoren

16.04.2014
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Von Hannelore Gießen, München / Noch immer sind die Behandlungserfolge bei vielen Tumorerkrankungen unbefriedigend. Einer der Hauptgründe liegt im unzureichenden Ansprechen auf eine Therapie. Prädiktive Tests helfen, die individuell beste Behandlung zu finden.

Auch wenn sie das gleiche Organ betreffen, verlaufen die Tumorerkrankungen einzelner Patienten oft sehr verschieden. Mitunter profitieren nur wenige Patienten von einer Behandlung, da bösartige Tumoren unterschiedliche Ursachen und Eigenschaften haben können. Ob der Patient auf eine Therapie anspricht oder nicht, hängt von Mutationen in seinem Erbgut sowie Resistenzen des Tumors ab.

 

Nur für einzelne Wirkstoffe wird das Tumorgewebe vor Beginn der Therapie auf bestimmte Marker untersucht. So wird der Antikörper Trastuzumab gezielt bei Patientinnen mit einer HER2-neu-Mutation des Mammakarzinoms angewandt. Cetuximab ist zugelassen für die Therapie des metastasierenden Kolorektalkarzinoms, wobei vor der Therapie geprüft werden muss, ob und welche Mutationen des KRAS-Gens vorliegen. Wie eine individualisierte Tumortherapie auch anderen Tumorpatienten helfen kann, stellte Dr. Barbara Mayer, Spherotec GmbH, beim Strategieworkshop des Münchner Biotech-Clusters m4 Ende März in München vor.

 

Mikrotumore züchten

 

Tumorgewebe, das dem Patienten über eine Biopsie oder bei der Operation entnommen wurde, wird zu Spherotec geschickt, einer Ausgründung der Chi­rurgischen Klinik des Universitätsklinikums der Münchner Ludwig-Maximi­lians-Universität. Dort werden die Krebszellen zur Bildung dreidimensionaler Zellverbünde, sogenannter Sphäroide, stimuliert. Diese Mikrotumoren von 100 bis 500 Mikrometer Durchmesser bilden die biologischen Eigenschaften des Tumors ab und werden mit den Therapieoptionen entsprechend der Leitlinien behandelt. »Unsere Modelle enthalten wie die Tumore Stützzellen sowie Immunzellen wie Leukozyten oder Makrophagen«, erklärte Mayer im Gespräch mit der PZ. »Die Angiogenese können wir allerdings nicht darstellen, da wir den Flüssigkeitstransport in einem Gewebe nicht nachahmen können«, so die Wissenschaftlerin.

 

Getestet werden nicht nur Zytostatika, sondern auch Hormon- und Immuntherapeutika sowie Biologicals in Mono- und Kombinationstherapie. So werden die Substanzen identifiziert, die den Tumor am wirksamsten bekämpfen. Das Ergebnis steht nach etwa einer Woche fest und kann anschließend in der Klinik bei der Therapieplanung berücksichtigt werden.

 

Das Testverfahren wurde bisher in der Behandlung besonders schwieriger Fälle eingesetzt, beispielsweise beim Mamma-, Ovarial-, Kolon-, Magen-, Bronchial- und Pankreaskarzinom. Auch bei Patienten in fortgeschrittenen Stadien anderer Tumorerkrankungen, bei denen leitlinienbasierte Therapien gescheitert sind, kann der Test helfen, weitere Optionen für eine Behandlung zu finden.

 

Mayer stellte eine aktuelle prospektive Studie zum Mammakarzinom vor, die kürzlich in Zusammenarbeit mit vierzehn Brustkrebszentren abgeschlossen wurde. Laut den noch nicht publizierten, aber zur Veröffentlichung eingereichten Daten zeigte der Test beim neoadjuvanten Mammakarzinom eine hohe Sensitivität und Spezifität.

 

Verschiedene Organe, ähnliche Tumore

 

Durch neue genetische und molekularbiologische Erkenntnisse der vergangenen Jahre zeigte sich, dass verschiedene Tumorentitäten, zum Beispiel das Mamma- und das Magenkarzinom, ähnliche molekulare Veränderungen aufweisen. Trastuzumab wird seit 2011 auch in der Behandlung des Magenkarzinoms eingesetzt. In der Therapie werden also nicht nur der Ort des Tumors, sondern auch Erkenntnisse über seine Entstehung berücksichtigt. Ob auch andere Tumore eine HER2neu-Muta­tion aufweisen, wird derzeit erforscht.

 

Bisher wurden Tests, wie Medikamente auf Tumore wirken, an isolierten Krebszellen vorgenommen. Stattdessen sollen die dreidimensionalen Mikrotumoren die individuellen Tumoreigenschaften des Patienten widerspiegeln. »Wir können so die Heterogenität der Tumorzellen darstellen und das Mikromilieu eines Tumors abbilden, in dem Fibroblasten, Immunzellen und Tumorzellen interagieren«, erklärte Mayer. Gerade Patienten mit äußerst aggressiven Tumoren könnten von einer differenzierten Wirkstofftestung profitieren. /

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