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Pharmazie der Zukunft

Herausforderungen und Chancen

13.04.2016
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Von Ilse Zündorf, Frankfurt am Main / Aufwendige Zulassungsverfahren, steigende Kosten und Arzneimitteltherapiesicherheit in Zeiten des demografischen Wandels sind Themen, die Pharmazeuten in Offizin und Industrie aktuell und zukünftig beschäftigen werden. Ein Symposium in Frankfurt am Main, das vom House of Pharma & Healthcare, der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft und Industrieverbänden ausgerichtet wurde, beschäftigte sich damit.

Von den 39 Arzneimitteln, die die europäische Zulassungsbehörde EMA im vergangenen Jahr zugelassen hat, waren rund ein Viertel Biologicals. Gerade in der Tumortherapie werden zunehmend mehr personalisierte Medikamente eingesetzt, die nur beim Vorliegen bestimmter Biomarker angewendet werden können. Professor Dr. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, zeigte in seinem Vortrag, dass nun vermehrt Advanced Therapy Medicinal Products (ATMP) verfügbar werden.

 

Teure Therapien für wenige Patienten 

Unter diesem etwas abstrakten Begriff werden gentherapeutische Ansätze ebenso wie somatische Zelltherapeu­tika und Produkte aus Gewebezüchtungen zusammengefasst. Bei der EMA ist mittlerweile ein eigener Ausschuss, das Committee for Advanced Therapies, mit der Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit von ATMP beschäftigt. In Europa sind inzwischen sieben ATMP zugelassen, darunter das sogenannte 1-Million-Dollar-Drug Glybera® (Alipogentiparvovec), ein Gentherapievektor, der eine Lipoproteinlipasedefizienz heilen soll. Nur wenige Patienten können davon profitieren und die Frage bleibt, inwieweit sich das Gesundheitswesen leisten kann, solche kostspieligen Therapien zu finanzieren.

 

Ähnlich sieht die Situation bei den anderen ATMP aus: Sie sind teuer und es ist unsicher, ob der Therapieansatz wirklich langfristig funktioniert, ohne andere Schäden hervorzurufen. Derzeit geht man davon aus, dass die mit Glybera behandelten Patienten mindestens fünf Jahre lang von der Therapie profitieren und nicht ihre, ebenfalls sehr teuren, anderen Behandlungen benötigen. Bewahrheitet sich diese Einschätzung, relativieren sich die Kosten. Für alle Therapien mit ATMP gilt, dass die wenigen behandelten Patienten langfristig beobachtet werden, um die Effektivität der Medikamente nachweisen zu können.

 

Mit den neuen ATMP werden die meisten Apotheker in der Offizin wenig zu tun bekommen. Ganz anders sollte es mit einem ähnlich klingenden Kürzel aussehen: der Arzneimitteltherapie­sicherheit (AMTS). Professor Dr. Ulrich Jaehde von der Universität Bonn verdeutlichte in seinem Vortrag die Problematik eindrücklich. Jährlich sterben in Deutschland schätzungsweise 16 000 bis 58 000 Menschen an ihrer Medikation, exakte Zahlen sind dazu jedoch schwierig zu erheben. Ähnlich wie Sicher­heitsgurte, Airbags und elektronische Hilfssysteme die Zahl der Opfer im Straßenverkehr auf mittlerweile jährlich 4000 reduziert haben, könnten geeignete Maßnahmen dazu beitragen, die Zahl der Todesfälle infolge falscher Medikation oder unerwünschter Arzneimittelwirkungen zu senken.

 

Besonders betroffen sind ältere Menschen, die oftmals an mehreren Erkrankungen leiden und demzufolge mehrere Medikamente einnehmen müssen. Bei ihnen gehen immerhin 10,7 Prozent der stationären Aufnahmen auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurück. Leider wird zu selten erkannt, dass die neuen Symptome durch die Medikation verursacht werden und anstelle einer Reduktion der kritischen Arzneimittel werden weitere Medikamente zur Linderung der neuen Symptome verabreicht. Ein klassischer Circulus vitiosus, den es zu durchbrechen gilt.

 

Zusammenarbeit gefragt

 

Einiges ist bereits in Richtung AMTS passiert. Zu nennen sind etwa die Priscus-Liste potenziell inadäquater Medikamente für ältere Menschen, die von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft herausgegebenen Aktionspläne zur Arzneimitteltherapiesicherheit, das Aktionsbündnis Patientensicherheit, die Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN) und das ATHINA-Projekt der Apothekerkammer Nordrhein.

 

Um die AMTS zu verbessern, ist absolute Transparenz in der medikamentösen Versorgung der Patienten nötig, was allerdings Datenschützer aufschreckt. Zudem müssen sich Ärzte und Apotheker zusammensetzen, um gemeinsam zum Wohle ihrer Patienten zu entscheiden. Beide Berufsgruppen müssen dafür bereits während des Studiums sensibilisiert werden, beispielsweise in gemeinsamen Veranstaltungen, in denen AMTS thematisiert und an konkreten Beispielen geübt wird. /

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