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Adipositas

Abnehmen, aber richtig

13.04.2016
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Von Ulrike Viegener / Unzählige Methoden und Produkte werden angeboten, die Übergewichtigen das Abnehmen erleichtern sollen. Aber leicht ist das nie. Es braucht ein langfristiges Konzept und viel Geduld.

Eine dauerhafte Gewichtsreduktion gelingt in der Regel nur dann, wenn Abnehm­willige ihre Lebensgewohnheiten aufgeben oder sie zumindest modifizieren – und das ist sehr schwierig. Außerdem haben Übergewichtige nach Diäten mit dem Jo-Jo-Effekt zu kämpfen. 

 

Der Körper besitzt die Tendenz, das ursprüngliche Gewicht zu erhalten beziehungsweise wieder herzustellen. Deshalb schaltet er auf Sparflamme, wenn ihm weniger Kalorien zur Verfügung stehen. Das Abnehmen kommt ins Stocken und sobald die Nahrungsaufnahme gesteigert wird, steigt das Gewicht wieder an. Das ist besonders nach Crash-Diäten der Fall, die grundsätzlich nicht zu empfehlen sind.

 

Betroffenen muss klar sein, dass Abneh­men ein Langzeitprojekt ist. Appelle an die Disziplin sind bei dieser schwierigen Aufgabe wenig zielführend. Vielmehr brauchen Übergewichtige umfangreiche Schulung und Unterstützung, wobei Ernährungsberatung, körperliche Aktivierung und Verhaltenstherapie Hand in Hand gehen sollten.

 

Wer sollte abnehmen?

 

Adipositas, also krankhaftes Übergewicht, beginnt ab einem Body Mass Index (BMI) von 30 kg/m2. Aber auch bei einem BMI zwischen 25 und 30 – bei nicht krankhaftem Überwicht – kann eine Gewichtsreduktion medizinisch indiziert sein. Laut der Interdisziplinären S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Adipositas ist dies dann der Fall, wenn relevante Begeleiterkrankungen vorliegen, die durch das Übergewicht bedingt oder verschlimmert werden. Auch die Fettverteilung ist zu berücksichtigen, denn Fettdepots am Bauch besitzen eine andere pathologische Wertigkeit als an der Hüfte oder am Po. Die sehr stoffwechselaktiven viszeralen Fettzellen spielen beim metabolischen Syndrom als kardiovaskulärer Hochrisikokonstellation eine zentrale Rolle.

 

Übergewicht kann, muss aber nicht mit Essstörungen einhergehen. Typisch für die Binge-Eating-Störung sind mehrmals wöchentlich auftretende Essanfälle, bei denen die Betroffenen unangenehme Gefühle eines Kontrollverlusts erleben. Beim sogenannten Grasen (Grazing) nehmen Betroffene über den ganzen Tag verteilt kleine Mengen Nahrung auf. Und beim Night-Eating-Syndrom (NES) erfolgt ein Großteil der Nahrungsaufnahme in den Abend- und Nachtstunden. Während die NES-Inzidenz in der Allgemeinbevölkerung auf 1,5 Prozent veranschlagt wird, ist diese Essstörung bei Teilnehmern an Gewichtsreduktionsprogrammen in bis zu 50 Prozent der Fälle anzutreffen. Längsschnittstudien legen einen kausalen Zusammenhang zwischen NES und Adipositas nahe.

 

Die bisherigen Langzeiterfolge in der Adipositasbehandlung sind bescheiden. Das hat eine intensive interdisziplinäre Auseinandersetzung mit diesem Thema in Gang gebracht. Die Leitlinie betont, dass Abnehmwillige ein individuelles Konzept und eine langfristige Begleitung brauchen. Die Weichen müssen von Anfang an richtig gestellt werden, was schon bei der Formulierung der Therapieziele beginnt.

 

Diese müssen realistisch und auf die individuelle Situation zugeschnitten sein. Dabei sind Komorbiditäten und Risiken, aber auch Erfahrungen und Ressourcen des Betroffenen zu berücksichtigen, und zwar bei den Abnehmzielen ebenso wie bei der Abnehmstrategie. Bei einem BMI zwischen 25 und 35 wird innerhalb von sechs bis zwölf Monaten eine Gewichtsreduktion um mindestens 5 Prozent als erstrebenswert und machbar angesehen. Bei einem BMI über 35 sollte das Gewicht um mindestens 10 Prozent reduziert werden.

 

Alle Abnehmwilligen sollten mit einem Basisprogramm aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie langfristig unterstützt werden, wobei auch die Phase der Gewichtsstabilisation nach erfolgreichem Abnehmen begleitet werden sollte. Ziel ist ein dauerhaft erfolgreiches Gewichtsmanagement. Sowohl die Ernährungsempfehlungen als auch die empfohlene körperliche Aktivierung müssen die persönlichen Vorlieben und Fähigkeiten im Auge haben. Die Ernährungsumstellung ist für die Betroffenen mit Verzicht verbunden und in puncto Bewegung wird ihnen etwas abverlangt, das sie in aller Regel nicht gerne tun. Deshalb müssen individuell tolerable Programme entwickelt werden.

Gefährlicher Trend: Immer mehr Adipöse

Christina Müller / Die Zahl der fettleibigen Menschen auf der Erde hat sich in den vergangenen 40 Jahren mehr als versechsfacht. Hält dieser Trend an, könnte nach Einschätzung eines britischen Forscherteams im Jahr 2025 rund ein Fünftel der Weltbevölkerung adipös sein. Eine entsprechende Studie wurde jetzt im Fachjournal »The Lancet« veröffentlicht (DOI: 10.1016/S0140-6736(16)30054-X).

 

Die Wissenschaftler um Professor Dr. Majid Ezzati vom Imperial College in London fassen darin die Daten aus etwa 1700 populationsbasierten Studien der Jahre 1975 bis 2014 zusammen. Insgesamt flossen in die Auswertung Angaben zum Body Mass Index (BMI) von fast 2 Millionen Menschen ein.

 

Das Ergebnis: Während im Jahr 1975 noch etwa 105 Millionen Menschen als adipös galten (BMI > 30 kg/m2), stieg die Zahl bis zum Jahr 2014 auf rund 641 Millionen. 2014 waren etwa jeder zehnte Mann und mehr als jede siebte Frau fettleibig. 1975 waren es noch jeder dreißigste Mann und jede fünfzehnte Frau. Der durchschnittliche BMI ist nach Angaben der Forscher im betrachteten Zeitraum bei beiden Geschlechtern um mehr als 2 kg/m2 gestiegen. Umgerechnet bedeutet das eine Zunahme des durchschnittlichen Körpergewichts um 1,5 kg pro Dekade.

 

Gleichzeitig warnen die Autoren davor, die gesundheitlichen Folgen starken Untergewichts (BMI < 18,5 kg/m2) aus den Augen zu verlieren. Das sei in vielen armen Nationen nach wie vor ein Problem. Demnach weise etwa ein Viertel der Bevölkerung Südasiens ein zu geringes Körpergewicht auf.

 

»Vor 40 Jahren war die Prävalenz für Untergewicht im Vergleich zu Übergewicht noch etwa doppelt so hoch. Heute gibt es dagegen mehr fettleibige als untergewichtige Menschen«, fasst Ezzati die Resultate zusammen. /

 

Flexibler Umgang mit Genussmitteln

 

Am besten wird die Gewichtsreduktion mit einer kalorienreduzierten Mischkost erreicht. Dabei sollte in erster Linie der Fettanteil gedrosselt werden, und zwar auf rund 60 Gramm pro Tag. Diese Reduktionskost hat den großen Vorteil hat, dass sie im Grundsatz auch der langfristig empfohlenen Ernährungsweise entspricht. Außerdem lässt sich so am besten sicherstellen, dass der Körper trotz Kalorienreduktion ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird.

Langfristig empfehlenswert ist eine Ernährung, die sich am mediterranen Vorbild orientiert: viel frisches Obst und Gemüse, viel Fisch und hochwertige pflanzliche Öle und ab und zu auch ein Nudelgericht. Es ist ganz wichtig, dass der Speiseplan – in adäquaten Mengen – immer auch Speisen enthält, die den individuellen Vorlieben entsprechen. Das sind realistischerweise oft Speisen mit höherem Fett- und Kohlenhydratgehalt. Übergewichtige sollten lernen, flexibel und nicht rigide mit ihren persönlichen Genussmitteln umzugehen.

 

Zur Gewichtsreduktion ist ein tägliches Energiedefizit von mindestens 500 Kilokalorien (kcal) erforderlich, womit ein Gewichtsverlust von etwa 0,5 kg pro Woche über einen Zeitraum von etwa drei Monaten zu erwarten ist. Mit einem höheren Energiedefizit lässt sich der Gewichtsverlust steigern, allerdings nur so lange, bis sich ein neues Energiegleichgewicht eingestellt hat.

 

Der Ersatz einer Mahlzeit durch ein Formulaprodukt hilft manchen Übergewichtigen, das erforderliche Energiedefizit zu realisieren. Reine Formuladiäten mit einer täglichen Zufuhr von 800 bis 1200 kcal sind aber nur indiziert, wenn kurzfristig eine starke Gewichtsabnahme erforderlich ist. Die Anwendung sollte entsprechend der Zulassung maximal über zwölf Wochen und unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.

Tipps für die Beratung

  • Die Ziele beim Abnehmen sollten realistisch sein. 0,5 bis 1 Kilo pro Woche ist eine gute Hausnummer.
  • Abnehmwillige sollten darauf vorbereitet sein, dass das Gewicht während der Reduktionsdiät immer wieder stagnieren kann.
  • Lieblingsspeisen sollten nicht ganz vom Speisezettel gestrichen, sondern wohldosiert genossen werden.
  • Übergewichtige sollten versuchen, ungünstigen Essgewohnheiten – zum Beispiel Essen bei Stress oder aus Langeweile – auf die Schliche zu kommen.
  • Es kann helfen, Verlockungen aus dem Weg zu gehen, also im Supermarkt die Süßwarenabteilung oder auf dem Nachhauseweg die Bäckerei zu meiden.
  • Regelmäßige Mahlzeiten wirken Leistungstiefs und Heißhunger entgegen. Das Essen sollte bewusst und ohne Ablenkung erfolgen.

Reduktionskost plus Bewegung

 

Zusätzlich zur Reduktionskost steigert adäquate körperliche Aktivierung die Abnehm­erfolge, das haben kon­trollierte Studien übereinstimmend gezeigt. Bewegung wirkt dem Jo-Jo-Effekt sowie dem Verlust an fettfreier Körpermasse entgegen. Zu empfehlen ist regelmäßiger gelenkschonender Ausdauersport je nach Vorlieben und Belastbarkeit, wobei die Leitlinie als Pensum mindestens 150 Minuten pro Woche bei einem Energieverbrauch von 1200 bis 1800 kcal angibt. Auch die Steigerung der Bewegung im Alltag kann zur körperlichen Aktivierung beitragen.

 

Die dritte Säule der Adipositas­behandlung sind verhaltenstherapeu­tische Interventionen, die den Betroffenen nachweislich helfen, ihre Lebensgewohnheiten langfristig umzustellen. Das Spektrum reicht vom Training einer flexiblen Verhaltenskontrolle über die Stimuluskontrolle bis hin zum Training von adäquater Konfliktlösung und sozialer Kompetenz. Ein weiteres zentrales Element ist die kognitive Umstrukturierung, bei der dysfunktionale Gedankenmuster entlarvt und modifiziert werden. Spezielle verhaltenstherapeutische Settings stehen darüber hinaus für die Behandlung von Essstörungen zur Verfügung. /

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