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Hautkrebs

Wolfsmilchsaft gegen Präkanzerosen

10.04.2012
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<typohead type="1">Von Ulrike Viegener / Ingenol, ein Inhaltsstoff der Garten-Wolfsmilch, hat sich als hochwirksames Lokaltherapeutikum bei aktinischer Keratose erwiesen. Mit nur wenigen Applikationen lassen sich die Präkanzerosen in vielen Fällen komplett zurückbilden.

 

Die aktinische Keratose, die gekennzeichnet ist durch eine gesteigerte Verhornung der Oberhaut, ist die zweithäufigste Hautkrebs-Vorstufe. Weitet sich der krankhafte Prozess auf die Lederhaut aus, entsteht ein Spinaliom (Plattenepithelkarzinom), das Metastasen bilden kann. Die Entartungsfrequenz der aktinischen Keratose, die durch UV-Licht verursacht wird und sich deshalb nur an exponierten Körperpartien entwickelt, liegt bei rund 10 Prozent.

Die neue Therapieoption mit Ingenol, das aus dem Pflanzensaft der Wolfsmilch gewonnen wird, könnte die Behandlung der aktinischen Keratose optimieren. Eine jetzt im »New England Journal of Medicine« veröffentlichte Metaanalyse (1) unterstreicht eindrucksvoll die Schlagkraft des Phytopharmakons: Aktinische Keratosen auf der Gesichts- beziehungsweise Kopfhaut ließen sich in den ausgewerteten kontrollierten Studien in 42,2, Prozent der Fälle komplett zurückbilden. Die Clearance-Rate unter Placebo lag dagegen bei nur 3,7  Prozent. Befanden sich die Hautläsionen auf den Armen oder am Rumpf, war unter der Verumtherapie eine komplette Remission in 34,1 Prozent der Fälle zu verzeichnen gegenüber 4,7 Prozent unter Placebo. Die Remissionsraten beziehen sich auf die Abschlussbegutachtung nach 57 Tagen.

 

Nur wenige Applikationen erforderlich

 

Ausgewertet wurden vier placebokontrollierte Doppelblindstudien, in die 547 Patienten mit Läsionen im Bereich des Kopfes und 458 Patienten mit Läsionen an Rumpf und Armen eingeschlossen waren. Bei Kopfläsionen wurde ein Gel mit 0,015 Prozent Ingenol drei Tage lang einmal täglich angewendet. Bei Läsionen an Rumpf beziehungsweise Armen enthielt das Gelpräparat 0,05 Prozent Ingenol, und die Behandlung wurde über zwei Tage bei ebenfalls einmal täglicher Applikation durchgeführt.

 

Unter der Ingenol-Therapie kommt es an der Haut zu mehr oder weniger starken Entzündungsreaktionen, die allerdings im Verlauf weniger Wochen wieder abklingen. Die Abheilung erfolgt in aller Regel narbenfrei.

 

Überzeugendes Rundumprofil

 

Aufgrund seines Rundumprofils – hohe Effizienz, kurze Therapiedauer, gute Verträglichkeit – hat Ingenol das Potenzial, zu einem First-Line-Therapeutikum bei aktinischer Keratose zu werden. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat die Zulassung für Ingenol Mebutat (Picato) kürzlich erteilt. Wann der Wirkstoff in Deutschland zur Verfügung stehen wird, ist noch offen.

 

Weil es keine Prädiktoren gibt, mit denen man das Entartungsrisiko der aktinischen Keratose im Einzelfall abschätzen könnte, wird grundsätzlich immer eine Behandlung der Verhornungsstörung empfohlen. Da es sich dabei um eine primärpräventive Intervention handelt, sind die Anforderungen an das Profil des Therapeutikums besonders hoch. Gegenüber herkömmlichen topischen Pharmakotherapien besitzt Ingenol die Vorzüge einer besseren Verträglichkeit beziehungsweise einer deutlich verkürzten Anwendungsdauer.

 

Folgende Wirkstoffe wurden bisher eingesetzt:

 

Diclofenac als 3-prozentige Lösung: Unter einer durchschnittlichen Behandlung von 2,5 Monaten bei zweimal täglicher Applikation heilen rund 40 Prozent der Läsionen ab.

Der Immunmodulator Imiquimod wird dreimal wöchentlich angewendet und führt nach mehrmonatiger Therapie zu Remissionsraten bis zu 80  Prozent. Die zytotoxischen Entzündungsreaktionen sind sehr viel heftiger als unter Diclofenac, nässende Läsionen sind häufig.

Das Chemotheapeutikum 5-Fluoruracil wird in der Regel zweimal täglich über drei Wochen appliziert. Die Heilungsraten korrelieren mit der Stärke der – oft schmerzhaften – Entzündungsreaktion.

 

Die herkömmlichen Pharmakotherapien der aktinischen Keratose sind in erster Linie für Patienten mit wenigen einzelnen Herden geeignet. Dasselbe gilt auch für ablative Therapieverfahren wie Curretage, Laser und Kryotherapie sowie für die chirurgische Exzision, die bei ausgeprägter Infiltration die Methode der Wahl darstellt.

 

Bei ausgedehnten Defekten kommt bisher vor allem die photodynamische Therapie zum Einsatz, bei der die Hautläsionen nach Vorbehandlung mit einem Photosensibilisator therapeutischem Licht ausgesetzt werden. Das Profil von Ingenol lässt es denkbar erscheinen, dass diese innovative Pharmakotherapie eventuell auch auf größeren Hautarrealen angewendet könnte. Das bleibt zu überprüfen. / 

 

Quelle:

Lebwohl, M. et al.: Ingenol Mebutate Gel for Actinic Keratosis, New England Journal of Medicine 2012; 366: 1010-1019

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