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Option bei Reizblase

03.04.2018  16:27 Uhr

Von Kerstin A. Gräfe / Mit Desfesoterodin (Tovedeso® 3,5 und 7 mg Retardtabletten, Ratiopharm) ist ab März ein neues Präparat zur Behandlung einer hyperaktiven Blase auf dem Markt. Wirklich neu ist der darin enthaltene Wirkstoff nicht: Desfesoterodin ist der primäre aktive Metabolit von Fesoterodin, das als Toviaz® schon seit 2008 im Handel ist.

Tovedeso ist wie Toviaz zugelassen zur symptomatischen Behandlung von ­erhöhter Harnfrequenz, imperativem Harndrang und/oder Dranginkontinenz bei Erwachsenen mit überaktiver Blase. Desfesoterodin ist ein kompetitiver, spezifischer Muskarin-Rezeptor­antagonist und gilt als wichtigster pharmakologischer Metabolit von Fesoterodin (Prodrug). Im Vergleich zu Fesoterodin ist die Affinität von Desfesoterodin für Muskarin-Rezeptoren um zwei Zehnerpotenzen höher. 

 

Der antagonistische Effekt an den Rezeptoren führt zur Entspannung der Muskeln, die dafür sorgen, dass Urin aus der Blase gedrückt wird. Dies erhöht die Blasenkapazität und führt zu Veränderungen in der Art und Weise, wie die Muskeln sich anspannen, wenn sich die Blase füllt. Dadurch trägt das neue Medikament wie Toviaz zur ­Vorbeugung von unerwünschtem Wasserlassen bei.

 

Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 3,5 mg einmal täglich. Je nach Ansprechen kann die Dosis auf maximal 7 mg einmal täglich erhöht werden. Da mit der vollen Wirksamkeit nach zwei bis acht Wochen zu rechnen ist, sollte der Behandlungserfolg auch erst nach acht Wochen überprüft werden.

 

Bei Patienten mit normaler Nieren- oder Leberfunktion, die gleichzeitig starke CYP3A4-Hemmer erhalten, beträgt die Tageshöchstdosis 3,5 mg. Für Patienten mit eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion listet die Fachinformation gesonderte Empfehlungen auf. Ausschlaggebend ist dabei die Stärke der Funktionsbeeinträchtigung des Organs (leicht, mäßig, schwer) und die Stärke der CYP3A4-Hemmung (mäßig, stark).

 

Tovedeso ist bei Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung kontra­indiziert. Gleiches gilt für Patienten mit mäßiger bis schwerer Einschränkung der Leber- oder Nierenfunktion, wenn sie gleichzeitig starke CYP3A4-Hemmer einnehmen. Ebenfalls nicht zum Einsatz kommen darf Desfesoterodin beim Vorliegen einer Harn- oder Magenretention sowie einer Colitis ulcerosa oder eines toxischen ­Megakolons. Darunter versteht man eine seltene, aber lebensbedrohliche Komplikation der Colitis ulcerosa, die schnell voranschreitend zu einer akuten Erweiterung des Dickdarms führt. Zudem ist das neue Präparat kontraindiziert bei einem nicht ausreichend behandelten oder unbehandelten Engwinkelglaukom oder bei Myasthenia gravis.

 

Mit Vorsicht angewendet werden sollte Desfesoterodin unter anderem bei Patienten mit Harnabflussstörungen, zum Beispiel infolge einer benignen Prostatahyperplasie, oder bei solchen mit obstruktiven gastrointestinalen Störungen oder verminderter gastro­intestinaler Motilität. Gleiches gilt für Patienten mit gastroösophagealem Reflux und/oder gleichzeitiger Behandlung mit Bisphosphonaten. Zudem ist Vorsicht geboten bei Betroffenen mit autonomer Neuropathie und Engwinkelglaukom, selbst wenn dieses ausreichend behandelt ist. Ebenfalls mit Vorsicht anzuwenden ist der neue Arzneistoff bei Patienten, bei denen ein Risiko für eine QT-Zeit-Verlängerung besteht. Unter dem Prodrug Fesoterodin wurde über das Auftreten von Angioödemen berichtet. Sollte die Hautschwellung ­unter Tovedeso auftreten, ist das Medikament sofort abzusetzen und eine ­geeignete Therapie einzuleiten.

 

Vorsicht bei CYP3A4- Hemmern

Die gleichzeitige Anwendung mit starken oder mäßigen CYP3A4-Hemmern wird nicht empfohlen. Auch die gleichzeitige Anwendung von Desfesoterodin mit anderen Antimuskarinika oder Arzneimitteln mit anticholinergen Neben­wirkungen, zum Beispiel trizyk­lische Antidepressiva, sollte mit Vorsicht erfolgen, da es zu verstärkten therapeutischen Wirkungen und Nebenwirkungen kommen kann. Die ­Anwendung von Desfesoterodin in Schwangerschaft und Stillzeit wird nicht empfohlen, da das potenzielle ­Risiko nicht bekannt ist.

Die Zulassung von Desfesoterodin basiert auf den Zulassungsstudien von Fesoterodin. Wirksamkeit und Sicherheit bewies Fesoterodin in zwei Phase-III-Studien mit insgesamt knapp 2000 Patienten, in denen die beiden Dosierungen 4 und 8 mg mit Placebo beziehungsweise Tolterodin verglichen wurden. 

 

Die Studiendauer betrug zwölf Wochen. Primäre Endpunkte waren die Veränderung in der Häufigkeit des Wasserlassens in einem Zeitraum von 24 Stunden vor und nach der Behandlung sowie die Ansprechrate. Fesoterodin war in Bezug auf die Häufigkeit des Wasserlassens in einem Zeitraum von 24 Stunden signifikant wirksamer als Placebo und ebenso wirksam wie Tolterodin. Verglichen mit Placebo war die Erfolgsrate, das heißt der Anteil an ­Patienten, der seine Erkrankung als »erheblich verbessert« oder »verbessert« empfand, signifikant höher. Zudem konnte Fesoterodin die Anzahl der Tage mit Kontinenz und das ausgeschiedene Volumen pro Miktion verbessern.

 

Aufgrund der pharmakologischen Eigenschaften des Wirkstoffs kann die Behandlung leichte bis mittelschwere antimuskarinische Effekte verursachen wie Mundtrockenheit, trockene Augen, Dyspepsie oder Verstopfung. Davon trat Mundtrockenheit mit 28,8 Prozent in der Fesoterodin-Gruppe als einzige sehr häufige Nebenwirkung auf (Placebo 8,5 Prozent). Ein Harnverhalt kann gelegentlich auftreten. /

 

vorläufige Bewertung: Analogpräparat

Kommentar

Langweilig

Der Wirkstoff Desfesoterodin ist im Prinzip nichts Neues. Es handelt sich um den aktiven Metaboliten von Fesoterodin, das bereits vor einigen Jahren in den Handel kam. Hinsichtlich des Anwendungsgebietes gibt es keinen Unterschied und die Zulassung von Desfesoterodin basiert sogar auf denselben Studien wie die von Fesoterodin. Wenig überraschend sind auch die Nebenwirkungen der Präparate die gleichen. Auch für die Patienten ergibt sich keine Verbesserung. Fesoterodin nehmen sie einmal täglich ein. Bei Desfesoterodin ist es genauso. Ein therapeutischer Fortschritt ist nicht erkennbar und Desfesoterodin daher als Analog­präparat einzustufen.

 

Sven Siebenand, 

stellvertretender Chefredakteur

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