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Nebenwirkungen

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30.03.2015
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Von Sven Siebenand / Das eine geht an die Nieren. Das andere schlägt auf den Magen. Ein Nächstes lässt das Herz rasen. Diese Nebenwirkungen von Medikamenten sind gängig, bekannt und gefürchtet. Daneben gibt es aber auch weniger geläufige, außergewöhnliche und teilweise sogar ganz angenehme Nebenwirkungen von Wirkstoffen.

Angenehme Nebenwirkungen? Richtig gelesen. Nehmen wir zum Beispiel Clomipra­min. Im Canadian Journal of Psychiatry ist von vier Patienten die Rede, die nach Einnahme des Anti­depressivums darüber berichteten, dass sie beim Gähnen das Gefühl eines Orgasmus erleben (1). Eine Patientin wollte nach erfolgreicher Behandlung die Tabletten wegen dieser Nebenwirkung unbedingt weiterhin einnehmen, schreiben die Wissenschaftler.

 

Warum es in seltenen Fällen zu diesem »Gähngasmus-Effekt« kommt, ist nicht geklärt. Clomipramin schlucken und auf der nächsten Party zielsicher nach der langweiligsten Person Ausschau halten? Diese Taktik wird in aller Regel nicht aufgehen und das Antidepressivum taugt mit Sicherheit nicht als neues Life-Style-Präparat. Denn die Liste weiterer Nebenwirkungen von Clomipramin ist lang. Nicht nur Schwindel, Schwitzen und Gewichtszunahme sind sehr häufig, sondern auch Libido- und Potenzstörungen.

 

Künstliche Wimpern überflüssig

Während der Gähngasmus wohl zu den sehr seltenen Nebenwirkungen zählt, tritt eine durch das Glaukommittel Bimato­prost hervorgerufene Arzneimittelwirkung häufig auf: Wimpernwachstum. Vor allem viele Frauen finden Gefallen daran und sehen eine Chance, den Augenaufschlag zu optimieren. Und wo es Nachfrage gibt, findet sich in aller Regel auch ein Anbieter. In diesem Fall ist es Pharm Allergan, der Hersteller der Bimatoprost-hal­tigen Augentropfen Lumigan®. Mit Zweitverwertung hat das Unternehmen früher bereits gute Erfahrungen gesammelt. Botox® war ursprünglich nicht als Anti-Faltenmittel geplant, hat sich als solches aber einen Namen ­gemacht.

 

Ein ähnlicher Coup könnte Pharm Allergan mit Latisse® glücken. In den USA brachte die Firma eine verschreibungspflichtige Lösung auf den Markt, die für die Behandlung der Hypotrichose der Wimpern zugelassen ist. Auf Nachfrage der PZ teilt Pharm Allergan mit, dass eine Einführung von Latisse in Deutschland aktuell nicht geplant ist. Das Präparat enthält 0,03 Prozent Bimatoprost, lässt die Härchen an den Augenlidern wachsen und macht sie länger, dichter und dunkler. Mithilfe eines Applikators wird die Wirkstoff­lösung vor dem Schlafengehen auf den Rand des oberen Augenlids auf­getragen.

 

Warum das Prostaglandin-Analogon wie Dünger für die kleinen Härchen wirkt und Wimpern-Extensions überflüssig macht, ist nicht ganz geklärt. Vermutet wird, dass sich durch Bimatoprost zum einen mehr Haare in der Wachstumsphase des Haarzyklus befinden, zum anderen soll diese ­sogenannte Anagenphase durch den Wirkstoff verlängert sein.

 

Ein wichtiger Hinweis: Dem Längenwachstum sind selbstverständlich natürliche Grenzen gesetzt, und nach Absetzen des Präparats ist es auch mit dem Wachstum vorbei. Die Wimpernlänge kehrt im Lauf von Wochen bis Monaten zum Ausgangszustand zurück. Ebenfalls reversibel ist eine mög­liche Verfärbung des Augenlids durch den Wirkstoff. Eine potenzielle Iris-Pigmentierung, wenn das Mittel – so wie bei Lumigan-Augentropfen – ins Auge kommt, kann dagegen etwas für den Rest des Lebens sein.

 

Krebsmittel löscht Fingerabdruck

 

Mit einer neuen Augenfarbe können die Beamten bei der US-Einreise vielleicht noch umgehen. Ist es aber aufgrund fehlender Fingerlinien nicht möglich, Fingerabdrücke abzugeben, hat man es schwer, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten einzureisen.

So wurde schon vor einigen Jahren von einem Mann berichtet, der vier Stunden an der Einreise gehindert wurde, weil die Beamten bei ihm keine ­Fingerabdrücke nehmen konnten (2). Verantwortlich dafür war das Krebsmittel Capecitabin, das ein Hand-Fuß-Syndrom auslösen kann. Das palmar-plantare Erythrodysästhesie-Syndrom ist eine chronische Entzündung der Hand­innen­flächen und Fußsohlen und kann in schweren Fällen bis zum Verlust des Fingerabdrucks führen. Auch das Entsperren von Smartphones oder Notebooks ist dann unter Umständen nicht mehr möglich.

 

Im Beipackzettel ist nichts über diese sicher seltene Neben­wirkung zu lesen. Daher sollten Apotheker betroffenen Patienten raten, bei einer Reise in entsprechende Länder ein Schreiben vom Arzt mitzunehmen, das über diese Nebenwirkung von Capecitabin informiert.

 

Capecitabin ist nicht der einzige Wirkstoff, der ein Hand-Fuß-Syndrom auslösen kann. Laut Arznei-Telegramm tritt dieses auch unter vielen anderen Arzneistoffen sehr häufig (mehr als 10 Prozent der Patienten) auf, zum ­Beispiel unter Aflibercept, Axitinib, ­Cabozantinib, Clofarabin, Dabrafenib, 5-Fluoro­uracil, Lapatinib, Regorafenib, Sorafenib, Suniti­nib und Trastuzumab.

 

Kürzlich wurde auch über einen Paclita­xel-induzierten Verlust des Finger­abdrucks bei einer iranischen Krebspatientin berichtet (3). In der Veröffentlichung heißt es, dass die lokale Behandlung mit Hautpflegeprodukten, Lichtschutzmitteln und Betamethason zur leichten Besserung geführt habe. Allerdings wird auch auf eine Publika­tion aus 2012 verwiesen, die einen möglichen Zusammenhang zwischen einem Langzeitgebrauch externer Corticoide bei Ekzemen und dem Verlust von Fingerlinien herstellt.

Blauer Urinbeutel

In der Kranken- und Altenpflege sorgt das »Purple Urine Bag Syndrom« (PUBS) mitunter für große Aufregung (8, 9). Dabei handelt es sich um eine spektakulär aussehende, aber harmlose Verfärbung des Urins und der damit in Kontakt kommenden Kunststoffflächen von Harnableitungssystemen – vermutlich mit Indigoblau, einem Abbauprodukt von Tryptophan.

 

Die Aminosäure wird im Darm durch das von Escherichia coli gebildete ­Enzym Tryptophanase in Indol und andere Metaboliten gespalten. In der Leber wird Indol zu Indoxylsulfat metabolisiert. Für die Verstoffwechselung im alkalischen Milieu zum blau färbenden Indigo und roten Indigorubin sind diverse Keime, unter anderem Provincia stuartii (häufig in den Harnwegen katheterisierter Patienten) und Klebsiella pneumoniae verantwortlich. Auch Pseudomonaden und Proteus-Arten sollen dies tun. Obstipation, weibliches Geschlecht, lange Verweildauer des Blasenkatheters sowie Nachweis von Phosphat im alkalischen Urin gelten als Risikofaktoren.

Überraschung beim Toilettengang

 

Normalerweise ist Urin klar und bernsteingelb. Ändert sich die Farbe, kann das viele Ursachen haben. Einige sind harmlos, andere nicht. In der Krankenpflege sorgt gelegentlich das Purple Urine Bag Syndrom (PUBS) für Unruhe (Kasten). Generell ist es ratsam, eine Trübung des Urins und eine Verfärbung, insbesondere eine Rotfärbung, ärztlich abklären zu lassen.

 

Für Apotheker ist wichtig zu wissen, dass Farbveränderungen des Urins auch durch Arzneistoffe und ihre Metaboliten hervorgerufen werden können. In manchen Fällen hat der Wirkstoff eine Eigenfarbe und verändert bei der Elimination über die Nieren die Farbe des Urins. So sind Anthrazykline wie Doxo- und Daunorubicin rötlich bis rotbraun. Ebenso ist es bei den Abführ­drogen aus der Gruppe der Anthrachinone. Da sie in den Urin übergehen können, verfärbt sich dieser manchmal rotbraun. Gleiches kann bei der Einnahme von Rifamycinen geschehen. Vitamin B2 (Riboflavin) verfärbt durch seine Eigenfarbe den Urin dagegen intensiv gelb, und das Diagnostikum Methylenblau führt – da sich gelb und blau mischen – zu grünem Harn.

 

Der »farbenfrohe Toilettengang« dürfte Patienten noch mehr verunsichern, wenn der eingenommene Wirkstoff farblos ist. Ein Paradebeispiel ist ein Metabolit von Pyrazolon-Derivaten, die Rubazonsäure. Diese kann eine Rotverfärbung des Urins nach Einnahme von Metamizol, Propyphenazon oder Phenazon verursachen. Aufgrund ihrer Molekülstruktur sind auch Ami­triptylin und Indol-Derivate wie Indometacin und Dihydroergotamin dafür prädestiniert, dass bei ihrem Abbau Chromophore entstehen, die den Harn wie bei den Indol-Derivaten grünlich oder im Fall von Amitriptylin grün bis blau verfärben. Ein grün-blaues Wunder auf der Toilette können auch Triamteren-Anwender erleben.

 

Last but not least sind Phenole, Phenol-Derivate und phenolische Carbonsäuren zu nennen. Sie können zur Rot-, Braun- oder gar Schwarzfärbung des Harns führen. Das betrifft zum Beispiel die Wirkstoffe L-Dopa und Methyl­dopa. Zunächst ist der Urin rötlich, nach längerem Stehenlassen schwarz verfärbt. Ursache ist die Bildung chinoider Pigmente.

 

Gut zu wissen: Einige Medikamente können sogar die Farbe des Stuhls beeinflussen. So verfärbt das Wurmmittel Pyrviniumembonat den Stuhl hellrot, Kohle, Eisen- und Bismutverbindungen führen dagegen zu Grau- und Schwarzfärbungen.

 

Schwarze Haarzunge

Apropos dunkel: Als Nebenwirkung von Arzneimitteln kann auch eine schwarze Zunge auftreten. Und damit ist der Spuk noch nicht vorbei. Denn es scheint so, als würden aus der sogenannten black hairy tongue auch noch Haare wachsen. Was wie Haare aussieht, sind verlängerte und verdickte Papillen, weil die obersten verhornten Schichten der Haut nicht richtig abgestoßen wurden. In diesen Papillen bleiben Essensreste, Pilze und Bakterien hängen, was zur Verfärbung der Zunge beiträgt.

 

Als medikamentöse Auslöser dieser unschönen, aber harmlosen Nebenwirkung stehen vor allem Antibiotika und Wirkstoffe, die zur Mundtrockenheit führen, in Verdacht. Die schwarze Zunge bildet sich oft von allein zurück, wenn die auslösenden Medikamente, zum Beispiel Anticholinergika, abgesetzt werden.

 

Zudem kann man versuchen, die Abschuppung der Haut zu regulieren. Eine gute Mundhygiene mit Bürsten, einem Zungenschaber und Spülungen ist daher ratsam.

 

Eine pharmakologische Therapie der schwarzen Haarzunge, deren Wirksamkeit belegt ist, gibt es bis dato nicht. Bildet sich diese Nebenwirkung trotz aller Bemühungen nicht zurück, lassen sich die Papillen auch scheren oder per Laser veröden.

Tabelle 1: Arzneimittel als Auslöser von Störungen des Geruchssinns; nach (4)

Stoffgruppe Beispiele
Calciumantagonisten Nifedipin, Felodipin, Amlodipin, Diltiazem
Antibiotika Doxycyclin
Lokaltherapeutika chronischer Gebrauch von Vasokonstriktiva (Nasentropfen)
Sonstige Lovastatin, Amitriptylin, Enalapril, Amiodaron, Methotrexat, Terbinafin, D-Penicillamin

Zahnfleischwucherung durch Blutdrucksenker

 

Ebenso wie eine schwarze Zunge sind auch Zahnfleischwucherungen ein ästhetisches Problem. Aber nicht nur das: Sie sind mit Blick auf Karies, Zahnfleischbluten und Entzündungen im Mund auch ein medizinisches Problem. Zudem bereiten sie den Betroffenen Schwierigkeiten beim Kauen und Sprechen. Die Gingivahyperplasie ist eine altbekannte, ungeliebte Nebenwirkung von Phenytoin.

 

Die Deutsche Hochdruckliga informiert, dass auch Calciumantagonisten solche Zahnfleischwucherungen auslösen können. Bei der Behandlung mit Nifedipin seien bis zu 15 Prozent der Patienten betroffen, bei Diltiazem bis zu 20 Prozent und bei Verapamil etwa 5 Prozent. Bei den Wirkstoffen Felodipin, Amlodipin oder Isradipin würden die Wucherungen dagegen nur sehr selten oder bisher gar nicht beschrieben. Auch bei der Behandlung mit Ciclospo­rin sind Gingivahyperplasien beschrieben.

 

Wenn die Sinne trügen

 

In Mund und Nase spielen sich weitere, sehr unangenehme Nebenwirkungen ab: Störungen von Geruch und Geschmack.

Medikamente können das Riechvermögen völlig auslöschen oder teilweise ausschalten. Mediziner sprechen dann von Anosmie oder Hyposmie (Tabelle 1). Darüber hinaus ist es möglich, dass Arzneimittel die Wahrnehmung von Gerüchen plötzlich verändern. Beispielsweise wird das Kaffee­aroma aus der Küche plötzlich als Gegen­wind aus der Jauchegrube empfunden.

 

Zu den Medikamenten, nach deren Einnahme Riechstörungen beobachtet wurden, zählen zum Beispiel die Calcium­antagonisten Diltiazem und Nifedipin. Hier wird angenommen, dass sie die sensorische Transmission über Nervenbahnen beeinflussen und sogar den kompletten Geruchsinn lahmlegen können. Das Auslösen einer Hyposmie wurde unter anderem bei Methotrexat beobachtet, das wahrscheinlich direkt toxisch auf die Mukosa und die Nerven wirkt. In der Literatur finden sich einige andere Beispiele für Arzneimittel, die das Riechvermögen stören können. So werden häufig der Dauergebrauch von Nasentropfen oder -sprays mit vasokonstriktiven Substanzen, Doxycyclin, D-Penicillamin und das Schmerzmittel Remifentanil genannt. Werden die auslösenden Medikamente abgesetzt, kommt der Geruchssinn in der Regel zurück.

 

Zudem arbeiten Forscher an Pharmaka zur Behandlung von Riechstörungen. Getestet werden unter anderem bereits verfügbare Wirkstoffe wie Pentoxi­fyllin und Roflumilast oder einfach nur eine Lokaltherapie mit einem Citratpuffer.

 

Wie bei den Riechstörungen sind es ganz unterschiedliche Arzneimittelgruppen, die auf das Geschmacksvermögen einwirken und sogenannte Dysgeusien auslösen können (Tabelle 2). Verschiedene Szenarien lassen sich dabei unterscheiden. Bei einer Ageusie reagieren die Betroffenen gar nicht auf Geschmacksreize, bei einer Hypogeusie nehmen sie die Reize weniger stark auf. Wer zum Beispiel unter einer Kakogeusie leidet, empfindet alle Geschmacksreize als übel und unangenehm.

 

Zu den Wirkstoffen, die sich auf den Geschmack auswirken können, gehö­ren Antibiotika, insbesondere Makro­lide und Gyrasehemmer, Antimykotika, ACE-Hemmer, Calciumant­agonisten, Psychopharmaka, Parkinsonmittel und Zytostatika. So unterschiedlich wie die Arzneistoffgruppen sind auch die Mechanismen der Einflussnahme. Anticholinerg wirkende Psychopharmaka sorgen zum Beispiel für Mundtrockenheit. Weniger Speichel bedingt im Folgenden eine Störung der Geschmacksknospen und damit ein anderes Geschmacksempfinden. Lithium wirkt dagegen wahrscheinlich über einen Effekt an Natriumkanälen, und Calciumantagonisten beeinträchtigen – ähnlich wie bei den Riechstörungen beschrieben – über Calciumkanäle die Neurotransmission. Bei dem ACE- Hemmer Captopril könnte dagegen die im Wirkstoffmolekül vorhandene SH-Gruppe für die Veränderung des Geschmacksempfindens verantwortlich sein.

 

Ebenso wie bei Riechstörungen gilt: Das Absetzen der auslösenden Medikation führt in der Regel dazu, dass sich das Problem von allein wieder gibt und der gute Geschmack zurückkehrt.

Tabelle 2: Arzneimittel als Auslöser unspezifischer Störungen des Geschmackssinns; nach (4)

Art der Störung Auslösende Wirkstoffe (Beispiele)
Unspezifisch
Hypogeusie Amphotericin B, Carbamazepin, Cisplatin,
Diltiazem, Carboplatin, Levodopa, Nifedipin,
Metronidazol
Ageusie Cisplatin, Diltiazem, Enalapril, Hydrochloro­thiazid,
Atorvastatin, Nifedipin, Ofloxacin, Spirono­lacton,
Terbinafin, Triazolam
Dysgeusie Amiodaron, Captopril, Diltiazem, Enalapril,
Losartan, Lisinopril, Morphinsulfat, Nifedipin,
Nitroglycerin, Selegilin
Spezifische Störungen
metallische Phantogeusie Allopurinol, Ethambutol, Vitamin D
metallische Dysgeusie Carbidopa, Cisplatin, Lidocain, Lithium,
Methotrexat, Metronidazol, Zinksalze, Zopiclon
bittere Dysgeusie Amphetamine, Flurazepam
salzige Dysgeusie Amitriptylin, Captopril, Carboplatin
süße Dysgeusie 5-Fluorouracil
saure Ageusie Isotretinoin
salzige Hypogeusie Amilorid

Problemfall Männerbusen

 

Nicht im Mund, aber an der Brust sorgen andere Wirkstoffe für unangenehme Effekte – und zwar bei Männern. Eine Vergrößerung der Brust bei Männern, die sogenannte Gynäkomastie, kann zum Beispiel bei Neugeborenen, in der Pubertät oder bei älteren Männern durch einen relativen Estrogenüberschuss physiologisch auftreten, ist aber auch eine mögliche Arzneimittelnebenwirkung.

 

In diesem Kontext denkt man als Erstes an eine Hormonentzugstherapie, also eine Anti-Androgen-Therapie bei Männern mit Prostatakrebs oder an die Behandlung der gutartigen Prostatavergrößerung mit 5α-Reduktase-Hemmern wie Finasterid oder Dutasterid. Beide können eine Schwellung der Brustdrüsen mit Spannungsgefühl ­verursachen. Auch eine Testosteron-Behandlung oder ein Anabolika-Missbrauch kann das Brustwachstum fördern.

 

Nachvollziehbar ist auch, dass Estrogenpflaster der Partnerin beim Mann zum Problem werden können, wenn er unbeabsichtigt über die Haut länger in Kontakt mit den weiblichen Sexualhormonen kommt. Ähnlich sieht es bei Estrogen-haltigen Haarwässern oder häufiger Anwendung von Pflegeprodukten aus, die Estrogene oder Estrogen-ähnliche Substanzen enthalten. Hier kommen Teebaumöl und Lavendelöl ins Spiel, die bei übermäßigem Gebrauch aufgrund Estrogen-imitierender und Androgen-inhibierender Inhaltsstoffe offenbar zur Gynäkomastie führen können. Beobachtet wurde dies zumindest bei Jungen vor der Pubertät. Auch übermäßiger Bier­genuss wird nicht nur für das Wachstum des Bauchs, sondern auch für eine größe­re Körbchengröße verantwortlich gemacht. Schließlich enthalten Hopfenblüten Phytoestrogene.

Eine wachsende Oberweite bei Männern kann darüber hinaus bei anderen Wirkstoffen eine Nebenwirkung sein, die im Vergleich zu den genannten Beispielen nicht direkt auf der Hand liegt. So gibt es etliche Fallberichte, die dem H2-Rezeptorblocker Cimetidin eine solche Wirkung zuschreiben. Offenbar verdrängt der Wirkstoff Androgene von den Rezeptoren an der Brustdrüse und hemmt zudem den Abbau von Estrogenen. Auch bei den Magenmitteln Ranitidin und Omeprazol sowie beim Diuretikum Spironolacton wurde diese Nebenwirkung bereits mehrfach gemeldet.

 

Daneben können offenbar auch Rauschmittel wie Marihuana, Alkohol und Heroin sowie andere Wirkstoffe, zum Beispiel bestimmte Calciumant­agonisten wie Nifedipin und Verapamil, bestimmte Betablocker wie Atenolol und Propranolol, der HIV-Wirkstoff Efavirenz und Digoxin diese Nebenwirkung auslösen. Eine gute Nachricht: Eine Arzneimittel-induzierte Gynäkomastie ist nach Absetzen des Auslösers im Allgemeinen reversibel.

 

Schmerzhafte Dauererektion


Männer sind auch bei einer anderen Nebenwirkung die alleinigen Leidtragenden. Als Priapismus wird eine schmerzhafte Versteifung des männlichen Glieds bezeichnet, die mindestens zwei Stunden lang anhält und nicht auf sexuelle Erregung zurückzuführen ist.

 

Ursachen dafür gibt es mehrere. Eine davon ist die Einnahme von bestimmten Medikamenten. In erster Linie muss man an PDE-Hemmer wie Sildenafil und Co. denken. Aber auch Medikamente, die bei der Schwell­körper-Autoinjektionstherapie (SKAT) injiziert werden, sowie einige Blutdruckmittel, etwa Prazosin und Nifedipin, Psychopharmaka wie Trazodon und Chlorpromazin sowie Immun­suppressiva und Corticoide kommen als Auslöser infrage. Vor Kurzem wies die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA zudem auf das Risiko eines Priapismus unter Methylphenidat-haltigen Medikamenten hin. Auch der ADHS-Wirkstoff Atomoxetin könne – und das sogar häufiger – dazu führen (5).

 

Albträume nach der Einnahme

 

Allein die Vorstellung eines Priapismus dürfte für viele Männer eine Horrorvorstellung sein. Echte Albträume oder zumindest abnormale Träume oder eine erhöhte Traumaktivität können Folge unterschiedlicher Medikamente sein – und dies bei Männern und Frauen.

 

Sehr häufig tritt unnormales Träumen laut Fachinformation bei Einnahme des Malariamittels Mefloquin (Lariam®) und des zur Raucherentwöhnung eingesetzten Wirkstoffs Vareniclin (Champix®) auf. Auch der HIV-Wirkstoff Efavirenz (unter anderem in der HIV-Fixkombination Atripla® enthalten) und das Antidepressivum Mirta­zapin lösen häufig abnorme Träume aus. Interessanterweise finden sich auch in den Fachinformationen von Betablockern wie Bisoprolol und Metoprolol Hinweise auf gelegentlich unter Therapie auftretende Albträume beziehungsweise eine verstärkte Traum­aktivität.

 

Mondsüchtig durch Z-Substanzen

 

Albträume sind nicht die einzige Nebenwirkung von Medikamenten, die sich auf den wohlverdienten Schlaf beziehen. Nachts das Bett verlassen und seltsame Dinge tun, an die man sich später nicht mehr erinnert: Einige Arzneistoffe werden mit Schlafwandeln in Verbindung gebracht. Dazu zählen unter anderem die Z-Substanzen. 

In den Fachinformationen von Zolpidem- und Zopiclon-haltigen Präparaten findet sich folgender Hinweis: Schlafwandeln und damit assoziierte Verhaltensweisen wurden von Patienten berichtet, die Zolpidem/Zopiclon eingenommen hatten und nicht vollständig wach waren. Dazu zählten unter anderem schlafwandelndes oder übermüdetes Führen eines Fahrzeugs (»Schlaffahren«), Zubereiten und Verzehren von Mahlzeiten, Telefonieren sowie Geschlechtsverkehr, ohne dass sich die Betroffenen später daran erinnern konnten. Der »Focus« berichtet gar über einen Fall an Bord eines Flugzeugs, bei dem ein Passagier unter Zolpidem-Einfluss in der Kabine randalierte und der Trans­atlantikflug schließlich sogar umgeleitet werden musste.

 

Neben den Z-Substanzen werden noch andere, insbesondere zentral­nervös wirkende Arzneistoffe verdächtigt, das in der Fachsprache als Somnambulismus bezeichnete Phänomen auszulösen. Dazu gehören Antidepressiva wie Doxepin und Sertralin, Benzodiazepine wie Bromazepam und Flunitrazepam sowie Neuroleptika und Chloralhydrat. Laut Arzneitelegramm wurden aber auch Antibiotika wie Clarithromycin und Ciprofloxacin sowie Ketoti­fen, Pravastatin und Propranolol damit in Verbindung gebracht (6).

 

Sex, Sex, Sex

 

Von mondsüchtig zu sex- und spielsüchtig: Dopamin fungiert als wichtiger Antriebsfaktor im Gehirn und ist für das Belohnungssystem des Körpers von großer Bedeutung. Das erklärt, warum Dopamin-Agonisten, die etwa bei Morbus Parkinson oder beim Restless-Legs-Syndrom zum Einsatz kommen, auch ungewöhnliche Nebenwirkungen wie Spielsucht, Hypersexualität und Kaufrausch auslösen können. Im Internet wimmelt es von Fallbeispielen, die beschreiben, wie Patienten von Sexsucht getrieben sind oder ihr ganzes Vermögen im Casino verspielt haben.

 

Auslöser dieser Nebenwirkung können sowohl die Ergolin-Derivate wie Cabergolin und Pergolid als auch die Nicht-Ergolin-Derivate wie Pramipexol und Ropinirol sein. Eine Untersuchung mit mehr als 3000 Parkinsonpatienten an der Universität in Pennsylvania (7) zeigte, dass selbst eine Monotherapie mit L-Dopa bei 7 Prozent der Patienten zu Impulskontrollstörungen führte. Unter Pramipexol stieg die Häufigkeit gar auf mehr als 17 Prozent und unterschied sich nicht signifikant von Ropi­nirol oder Pergolid. Ein Bescheid des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte aus dem Jahr 2007 forderte die Hersteller von Dopamin-haltigen oder dopaminerg wirkenden Arzneimitteln auf, die Produktinformationen der Präparate zu ändern und konkret auf die Gefahren einer Spielsucht beziehungsweise pathologisches Spielen, Libidosteigerung und Hyper­sexualität hinzuweisen. /

Literatur 

  1. McLean, J. D., Forsythe, R. G., Kapkin, I. A., Unusual side effects of clomipramine associated with yawning. Can. J. Psychiatry Vol 28 (7) (1983) 569-570.
  2. Wong, M., et al., Travel warning with capecitabine. Ann. Oncol. 2009; DOI: 10.1093/annonc/mdp278. Al-Ahwal, M. S., Chemotherapy and Fingerprint Loss: Beyond Cosmetic. The Oncologist 17 (2012) 291-293.
  3. Azadeh, P., Paclitaxel-induced Fingerprints Loss. Ann. Pharmacother. 48 (2014) 1249-1250. DOI: 10.1177/1060028014539145.
  4. N. N., Arzneimittelinduzierte Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns. Arzneimittelbrief 44 (2010) 81.
  5. FDA Drug Safety Communication: FDA warns of rare risk of long-lasting erections in males taking methylphenidate ADHD medications and has approved label changes. Stand 26. 12. 2013. www.fda.gov/Drugs/DrugSafety/ucm375796.htm
  6. N.N., Arzneimittel und Schlafwandeln. Arznei-Telegramm Nr. 4 (2001) 48.
  7. Weintraub, D., et al., Impulse Control Dis­orders in Parkinson Disease. Arch. Neurol. 67 (5) (2010) 589-595. doi:10.1001/ archneurol.2010.65.
  8. Ahrens, D., Scherer, M., Was sehen Sie? Dtsch. Med. Wschr. 133 (2008). www.allgemein medizin.med.uni-goettingen.de/de/ media/2008_Ahrens_Mediquiz.pdf
  9. Kamo, R., et al., Farbenfrohe Urinanalyse. Swiss medical forum 15 (2015) 161-163. www.medicalforum.ch/docs/smf/2015/07/fr/fms-02186.pdf

Der Autor

Sven Siebenand studierte Pharmazie an der Martin-Luther-Universität in Halle. Die Approbation als Apotheker erfolgte 2001 nach dem Praktischen Jahr in der pharmazeutischen Industrie und der öffentlichen Apotheke, wo er im Anschluss mehrere Jahre tätig war. Seit seinem Vo­lontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung arbeitet er als Redakteur bei der PZ, seit 2010 ist er stellvertretender Chefredakteur.

 

siebenand@govi.de

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