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Palliativmedizin

Cannabinoide gegen Anorexie

01.04.2015
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Appetitlosigkeit, Übelkeit und Schmerzen: Wenn schwerkranke Menschen an solchen Beschwerden leiden, können Cannabinoide hilfreich in der Palliativtherapie sein. Dronabinol-Tropfen erlauben eine vorsichtige Dosistitration.

»Lebensqualität ist das herausragende Ziel für Menschen am Lebensende«, sagte Professor Dr. Andreas S. Lübbe von der Palliativstation in Bad Lippspringe beim Münchner Fachpresse-Workshop Supportivtherapie. Nicht nur starke Schmerzen, sondern auch Symptome wie Appetitlosigkeit (An­orexie), Fatigue, Übelkeit und Erbrechen belasten viele Patienten – und ihre Angehörigen – enorm. Nicht essen können oder wollen kann zu starkem Gewichtsverlust und zur Kachexie führen (siehe Kasten).

 

Tropfen oder Kapseln 

Als einen Baustein zur medikamentösen Behandlung der Anorexie nannte Lübbe die Cannabinoide. Derzeit gibt es nur ein Fertigarzneimittel auf dem Markt: das Mundspray Sativex® zur Behandlung der mittelschweren bis schweren Spastik bei MS-Patienten. Eine Alternative bietet Dronabinol- Rezeptursubstanz, die Apotheker gemäß NRF-Vorschrift zu öligen Tropfen (25 mg/ml) oder in Kapseln (2,5 oder 5 oder 10 mg/Kapsel) verarbeiten können. Informationen zur Rezeptur bietet der Hersteller unter www.bionorica-ethics.de an. Der Arzt muss das Rezepturarzneimittel auf einem Betäubungsmittelrezept verordnen.

 

Indikationen für Dronabinol sind unter anderem Übelkeit, Erbrechen und An­orexie bei Krebs- oder Aidspatienten sowie Spastizität und Hypersalivation. Ebenso gibt es eine hohe Evidenz bei Patienten mit Kachexie-Syndrom, so Lübbe. Das Medikament könne Appetit und Geschmackserleben anregen und Übelkeit mildern. Laut Hersteller sind Appetitanregung und Muskelrelaxa­tion die Hauptwirkungen von Drona­binol. Antiemetische, analgetische, anxiolytische, sedierende und antiphlogistische Effekte sind weniger stark ausgeprägt.

 

Dronabinol wird zudem eingesetzt bei Schmerzen anstelle von oder ergänzend zu Opioiden. Dies sei vor allem sinnvoll, wenn Patienten an weiteren Symptomen leiden, gegen die Canna­binoide wirksam sind, sagte Lübbe. Als Beispiele nannte er Übelkeit, Anorexie, Spastizität, Hypersalivation und Schlafstörungen.

 

Langsam auftitrieren

 

Zur Appetitstimulation sollte man mit einer niedrigen Dosis beginnen und langsam auftitrieren. Das heißt: Initial zweimal täglich einen bis drei Tropfen der öligen Lösung (0,83 bis 2,5 mg) geben und alle drei Tage steigern. »Die meisten Patienten brauchen nicht mehr als 10 mg pro Tag«, so Lübbe. Bei Chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen sowie zur Schmerz­behandlung wird Dronabinol in der Regel höher dosiert.

 

Typische unerwünschte Wirkungen sind Schwindel (mehr als 10 Prozent der Patienten) sowie Müdigkeit, Amnesie, Dysarthrie (Sprechstörungen) und affektive Störungen. Gegenanzeigen sind psychiatrische Erkrankungen wie Psychosen, Panikattacken oder Depression sowie Krampfanfälle und Epilepsie in der Anamnese. Lübbe bezeichnete Cannabinoide als eine Bereicherung in der Palliativmedizin und forderte »mehr Mut zum Einsatz«. /

Sarkopenie und Kachexie

Im Alter verlieren Menschen natür­licherweise an Muskelmasse und -kraft. Ein übermäßig fortschreitender Abbau der Skelettmuskulatur bei erhaltener Fettmasse wird als Sarkopenie bezeichnet. Noch schwerer verläuft die Kachexie (Auszehrung), bei der Fett- und Muskelmasse schwinden und das Körpergewicht deutlich abnimmt. Sie tritt meist als Folge einer schweren Grunderkrankung auf, zum Beispiel bei Patienten mit Krebs, chronischer Herz- oder Niereninsuffizienz, chronischer obstruktiver Atemwegs­erkrankung oder Aids. Zugrunde liegt eine systemische inflammatorische Reaktion, bei der die Aufnahme und Verwertung von Amino- und Fettsäuren sowie Monosacchariden gestört ist (lesen Sie dazu auch Sarkopenie und Co.: Gewichtsverlust bei alten Menschen).

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