Pharmazeutische Zeitung online
Zwangsstörungen

Den eigenen Marotten ausgeliefert

03.04.2012
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Von Nicole Schuster / Menschen mit Zwangsstörungen fühlen sich gezwungen, Handlungen wie Waschen, Kontrollieren oder Zählen in übertriebener Weise auszuführen. Unbehandelt verläuft die Krankheit chronisch. Verhaltenstherapien und Medikamente wirken den Symptomen entgegen.

Die meisten Patienten mit Zwangsstörungen leiden sowohl an Zwangsgedanken als auch an Zwangshandlungen. Die zwanghaften Gedanken drängen sich den Betroffenen immer wieder gegen deren Willen auf. Zwangshandlungen nehmen unterschiedliche Formen an: Sie können harmlos sein, in anderen Fällen sind sie aggressiver oder sexueller Art. Sie können auch gedanklich ablaufen, wie ständiges Zählen oder Aufsagen bestimmter Sätze oder Gebete.

Studien lassen vermuten, dass etwa 2,5 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer Zwangsstörung erkranken. Männer und Frauen sind in etwa gleich oft betroffen. »Häufig treten erste Symptome im Kindes- oder Jugendalter auf«, sagte Professor Dr. Ulrich Voderholzer, Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck, der Pharmazeutischen Zeitung (PZ). »Im Alter von 20 bis 25 Jahren manifestiert sich die Krankheit meistens.«

 

Die Grenzen zwischen Zwängen und normalem Verhalten verlaufen fließend. Für eine Zwangshandlung ist typisch, dass die Person nicht anders kann, als sich den Zwängen hinzugeben, obwohl sie diese selbst als unsinnig, überflüssig und belastend wahrnimmt. Das Verhalten behindert andere Tätigkeiten und schränkt das normale Funktionieren im Alltag, im Beruf und im sozialen Umfeld ein beziehungsweise macht es unmöglich.

 

Eine Zwangshandlung kennzeichnet ein ritualisierter und jedes Mal auf genau dieselbe Weise zu wiederholender Ablauf. Diplom-Psychologe Thomas Hillebrand, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen, sprach gegenüber der PZ von einem Vollständigkeitsgefühl, nach dem die Betroffenen bei ihren Routinen streben: »Die Patienten verspüren einen starken inneren Drang zur Vollendung. Sie führen eine bestimmte Handlung so lange aus, bis es sich für sie gut anfühlt.« Kommt es dabei zu Unterbrechungen, etwa durch einen Telefonanruf oder ein Klingeln an der Haustür, muss das Ritual von Neuem begonnen werden.

 

Abwehr vermeintlicher Gefahren

 

Oft stecken Ängste hinter den Zwangsstörungen. Diese können unspezifisch sein oder konkret wie etwa die Furcht vor Infektionserregern. »Für Betroffene kann es unmöglich sein, etwas anzufassen, das ein anderer zuvor berührt hat. Wesentlich ist nicht, ob der andere wirklich eine Krankheit hat. Allein die Vorstellung, dass er eine schlimme Infektion haben könnte, reicht aus«, erläuterte Hillebrand. Kontrollzwänge können auch auf der Furcht beruhen, durch einen Fehler sich selbst oder andere zu gefährden. Das ständige Überprüfen, ob die Haustür abgeschlossen, die Kerze ausgeblasen oder der Stecker vom Wasserkocher aus der Steckdose gezogen ist, gehört in diese Kategorie. Mitunter können Familienangehörige und Freunde in die Zwänge mit eingebunden werden. Auch sie müssen sich dann bestimmten Reinigungsritualen unterwerfen, vorgeschriebene Ordnungsregeln befolgen oder den Betroffenen zur Befriedigung des Kontroll­bedürfnisses wiederholt versichern, dass alles in Ordnung ist.

Zu den Ursachen sagt Voderholzer: »Der Krankheit liegt wie anderen psychischen Erkrankungen eine Kombina­tion aus genetischen Ursachen und begünstigenden Faktoren aus der Umwelt und dem eigenen Erleben zugrunde. Dazu zählen vor allem traumatische und belastende Ereignisse.« Lebenskrisen können Zwangshandlungen und -gedanken auslösen oder verstärken. Ein Beispiel sind Frauen, die in ihrer Kindheit Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind, und sich noch als Erwachsene immerwährend als schmutzig empfinden, sodass sie sich ständig waschen wollen. Den typischen Zwangspatienten beschreibt Voderholzer als eher unsicher, ängstlich, perfektionistisch und sehr verantwortungsbewusst.

 

Obwohl die Krankheit mit einem hohen Leidensdruck verbunden ist, kann viel Zeit bis zur Diagnose vergehen. Ein Grund ist die Scham der Betroffenen, die es ihnen unmöglich macht, sich anderen mitzuteilen. Auch mangelt es bei einigen Patienten sehr lange an der Einsicht, dass ihr Verhalten übertrieben und abweichend vom Normalen ist. Zudem fehlt es gerade im ambulanten Bereich an spezialisierten Fachkräften, die eine Zwangsstörung erkennen und behandeln können.

 

Bevor die Diagnose gestellt werden kann, sind medikamentöse Ursachen sowie neurologische Erkrankungen wie Autismus oder eine geistige Behinderung auszuschließen, da diese ebenfalls Auslöser von Zwangsverhalten sein können. Ausschlaggebend für die Diagnose ist, dass die wiederkehrenden Gedanken und/oder Handlungen als den Patienten eigen erkennbar sind und die Betroffenen zumindest den Versuch unternehmen, sich den Zwängen zu widersetzen. Zu überprüfen ist weiterhin, ob eine zwanghafte Persönlichkeit vorliegt. Dabei handelt es sich um Menschen, die sehr kontrolliert und von Regeln bestimmt leben. Sie wirken nach außen festgefahren in ihren Routinen und wenig flexibel. Für sie entsteht daraus jedoch kaum Leidensdruck, im Gegenteil: Sie sind oft stolz auf ihre durchplanten Tagesabläufe, die sie als optimal empfinden.

 

Ohne Behandlung verläuft die Krankheit chronisch. »Phasen verstärkter Symptomentwicklung können sich dann mit relativer Symptomfreiheit abwechseln«, erklärt Voderholzer. Zwangspa­tienten können als Begleiterkrankungen Depressionen, Schlaf- und/oder Angststörungen entwickeln und sogar suizidal werden, was eine möglichst frühe Behandlung umso wichtiger macht.

 

Die Therapiemöglichkeiten sind heute so weit entwickelt, dass die einst als unheilbar betrachtete Störung beherrscht werden kann. Je nach Schweregrad reicht eine ambulante Therapie aus oder es wird eine stationäre Intervention erforderlich. Die kognitive Verhaltenstherapie gilt als wirksamste Option und sollte zuerst zur Anwendung kommen. Wichtiger Bestandteil der Behandlung ist die Expositionstherapie mit Reaktionsverhinderung.

 

Konfrontation mit den eigenen Ängsten

 

Dabei lernen die Betroffenen, sich mit Unterstützung von Therapeuten den auslösenden Reizen auszusetzen ohne das üblicherweise folgende Zwangs­ritual auszuführen. Die vorübergehend verstärkte Angst und Anspannung gilt es auszuhalten. Falls diese Therapie nicht ausreichend hilft oder bereits eine schwere Depression besteht, sollten selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer zum Einsatz kommen.

 

Als völlig geheilt und entsprechend symptomfrei können sich danach zwar nur wenige Patienten betrachten. Den meisten gelingt es aber, die Zwänge auf ein erträgliches Maß zu reduzieren und ihr Leben wieder selbstbestimmt zu leben. / 

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