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100 Tage AMNOG

Becker fordert Kompensation

05.04.2011
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Von Daniel Rücker, Stuttgart / Seit 100 Tagen leiden die Apotheker unter dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG). Der Präsident des Landesapothekerverbands (LAV) Baden-Württemberg, Fritz Becker, fordert von der Politik schnelle Änderungen. Doch die macht in Gestalt des CDU-Gesundheitspolitikers Michael Hennrich nur bedingt Hoffnung.

Für die Apotheker ist die Bilanz nach drei Monaten AMNOG verheerend. Nach einer Mitgliederbefragung des LAV müssen 97 Prozent der Apothekenleiter mit zum großen Teil deutlich schlechteren Lieferkonditionen des Großhandels zurecht kommen. Genauso viele erwarten für 2011 sinkende Erträge, sagte Becker bei einer Veranstaltung des LAV zu 100 Tagen AMNOG in Stuttgart. Gleichzeit rechnen rund 98 Prozent der knapp 750 befragten Apotheker mit mehr Bürokratie.

 

Solche Zahlen müssen auch Konsequenzen für die Angestellten haben. Nach den Angaben der Umfrageteilnehmer droht der Verlust von rund 1000 Stellen in baden-württembergischen Apotheken. Am stärksten betroffen wären die PTA. Tatsächlich würden aber wohl nicht 1000 Arbeitsplätze komplett wegfallen. Rund die Hälfte der Apothekenleiter gab an, über eine Reduzierung der Stundenzahl von Angestellten nachzudenken. Einen ausführlichen Bericht zur Umfrage finden Sie auf Seite 56 dieser Ausgabe.

Für LAV-Präsident Becker ist die Botschaft dieser Umfrage eindeutig: »Unsere schlimmsten Befürchtungen haben sich bestätigt.« Er appellierte deshalb an die Politik, schnell zu handeln: »Wir brauchen eine Honorierung, mit der wir unseren Versorgungsauftrag finanzieren können. Das ist heute nicht der Fall.« Die durchschnittliche Apotheke erwirtschafte mit der Versorgung gesetzlich Krankenversicherter nur noch einen Ertrag von rund 60 000 Euro pro Jahr. Davon könne kein Betrieb existieren.

 

Apotheker sollten deshalb ein zusätzliches Honorar für neue Dienstleistungen erhalten. Außerdem müsse die packungsabhängige Vergütung mit einer Dynamisierungskomponente versehen werden. Die aktuelle Situation sei dramatisch. Becker: »Es geht um unsere Existenzgrund- lage.«

 

Das AMNOG zeigt nicht nur bei den Apothekern Wirkung. Die Arzneimittelausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung lagen im Februar 2011 um 5,2 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Damit sei der Trend aus dem Januar noch verstärkt worden, sagte Becker. Im Januar lag das Minus im Vergleich zu 2010 bei 1,24 Prozent. Die Einsparungen im Arzneimittelbereich resultieren dabei vornehmlich aus dem AMNOG. Der Deutsche Apothekerverband beziffert den Sparbeitrag von Herstellern und Apothekern auf 290 Millionen Euro. Die Zahl der eingelösten Rezepte stieg in den beiden ersten Monaten des Jahres um 5,5 Prozent.

 

Bei der Politik ist angekommen, dass die Apotheker vom AMNOG erheblich belastet werden. Ob die Regierung die von den Apothekern gewünschten Korrekturen aber tatsächlich vornehmen wird, scheint noch nicht festzustehen. Bei der LAV-Veranstaltung forderte der baden-württembergische Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich als Vorbedingung verlässliche Zahlen über die Umsatz- und Ertragsentwicklung in den öffentlichen Apotheken.

Die Politiker seien während der Diskussion um das Gesetz mit deutlich voneinander abweichenden Zahlen konfrontiert worden. Zwischen den Daten der Apotheker, des Großhandels, der Krankenkassen und des Bundesgesundheitsministeriums habe es gravierende Unterschiede gegeben, sagte Hennrich, der für die Union im Gesundheitsausschuss sitzt. Welche Zahlen die richtigen seien, könnten die Fachpolitiker nicht sicher erkennen, gestand er ein. Er bestätigte allerdings Beckers Aussage, dass die Apotheker mit sauberen Zahlen gearbeitet hätten.

 

Dennoch hat Hennrich für die aktuelle Diskussion um mögliche Korrekturen am Gesetz eine klare Forderung: »Wir brauchen verlässliche gemeinsame Zahlen der Beteiligten.« Es wäre eine große Hilfe, wenn sich zumindest Apotheker und Krankenkassen auf eine Datenbasis einigen könnten. Wie eine von Becker vehement geforderte Kompensation der drastischen Ertragsverluste der Apotheker aussehen könnte, ließ Hennrich offen.

 

In seinem Statement machte er deutlich, dass die Belastung der Apotheker kein Betriebsunfall sei, das Volumen aber doch höher ausfalle als erwartet. Hennrich: »Es war das erklärte Ziel, die Apotheker zu belasten. Das wusste jeder Gesundheitspolitiker.« Nach seinen Ausführungen soll sich dabei die FDP intensiv für höhere Einsparungen eingesetzt haben. Hennrich: »Mir hätte die Anhebung des Kassenabschlags auf 2 Euro gereicht.« Die FDP um Gesundheitsminister Philipp Rösler habe auf 2,05 Euro bestanden.

 

Das Beharren der FDP auf einen höheren Abschlag erklärte Hennrich mit der Angst der Freien Demokraten, in Medien und Öffentlichkeit als Lobbypartei für Apotheker dazustehen. Rösler habe bei den Verhandlungen immer wieder darauf bestanden, dass die Apotheker einen deutlichen Sparbeitrag leisten müssten. Das sei auch das Resultat von Medienberichten, die Apotheker würden beim AMNOG verschont.

 

Doch auch die Union scheint Medien und Volkesstimme derzeit sehr aufmerksam wahrzunehmen. Die zögerliche Haltung seiner Partei erklärte Unionspolitiker Hennrich mit dem mangelnden Verständnis der Bevölkerung und der Medien, namentlich der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, für einen solchen Schritt. Eine Kompensation für apothekerliche Einbußen sei der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln, sagte Hennrich. Wenn die Apotheker mehr Geld wollten, müssten sie die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass ihr Einkommen unangemessen niedrig sei.

 

So viel Volksnähe mochten die rund 200 anwesenden Apotheker Hennrich dann doch nicht abnehmen. Die Regierung habe sich auch in der Vergangenheit bei mancher Entscheidung die Meinung der Bevölkerung ignoriert, so eine Anmerkung aus dem Auditorium. Eine Regierung sollte das tun, was richtig ist, auch wenn dies nicht immer Mehrheitsmeinung sei.

 

Kein wirklicher Trost für die anwesenden Apotheker war auch Hennrichs Aussage, die Regierung habe die gesetzliche Anhebung des Kassenabschlags auf zwei Jahre befristet, und ab 2013 könnten Apotheker und GKV-Spitzenverband wieder über dessen Höhe verhandeln. Auch Becker zeigte sich wenig euphorisch. Die Apotheker hätten beim Abschlag kein Vertrauen mehr in die Politik. In den vergangenen Jahren hätten die verschiedenen Bundesregierungen immer wieder in die Hoheit der Selbstverwaltung eingegriffen und den Abschlag nach politischem Kalkül festgesetzt. / 

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