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Kassenärzte suchen neue Wettbewerbsordnung

08.04.2008  17:38 Uhr

Kassenärzte suchen neue Wettbewerbsordnung

PZ, dpa / Die Welt der Ärzte ist im Umbruch. Gemeinschaftspraxen und Medizinische Versorgungszentren machen den Einzelpraxen Konkurrenz. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung will nun einen Rahmen für den Wettbewerb zwischen den Organisationsformen schaffen.

 

In den Städten müssen sich die Patienten wohl auf eine stärkere Verlagerung der ambulanten Versorgung von kleinen Praxen in zentrale Einrichtungen einstellen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Verbraucherzentrale Bundesverband berichteten am vergangenen Mittwoch in Berlin, vor allem in der Spitzenmedizin werde es voraussichtlich mehr Gemeinschaftsformen geben. Die KBV diskutiert derzeit ein entsprechendes Konzept, bestätigte Sprecher Roland Stahl.

 

Nach einem Bericht des Deutschen Ärzteblatts gehen die Autoren des Konzepts davon aus, dass es auch in Zukunft Kollektivverträge zwischen Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen geben werde. Kollektivverträge seien notwendig, um den Versicherten Wohnortnähe und Flächendeckung zu garantieren. Je spezialisierter die Medizin werde, desto mehr Wettbewerb sei notwendig. Hier müssten die Krankenkassen zwischen verschiedenen Anbietern auswählen können. Das Konzept sieht nach Angaben von KBV-Chef Andreas Köhler außerdem eine freie Wahl des Arztes auf jeder Versorgungsebene, also Allgemeinarzt, Facharzt und Krankenhaus vor. Der Zugang zur jeweils nächsten Ebene soll auf der darunterliegenden gesteuert werden.

 

950 Versorgungszentren

 

Als eine zukunftsfähige Variante für ambulante Ärzte bezeichnete KBV-Sprecher Stahl Medizinische Versorgungszentren (MVZ) mit Ärzten unter einem Dach. Rund 60 Prozent der 950 seit 2004 in Deutschland entstanden MVZ befinde sich in ärztlicher Trägerschaft, sagte Stahl. In der Grundversorgung, vor allem auf dem Land, würden weiter Einzel- und Gemeinschaftspraxen dominieren, sagte Stahl. Das KBV-Konzept soll in diesen Tagen im Deutschen Ärzteblatt vorgestellt werden.

 

Mit dem Reformkonzept will die KBV wohl auch auf die aktuellen Differenzen innerhalb der Ärzteschaft reagieren. Seit Monaten beschweren sich die Hausärzte, vor allem in Bayern, massiv über die Kassenärztlichen Vereinigungen. Sie sehen sich gegenüber den Fachärzten benachteiligt. Der angedrohte Ausstieg der bayerischen Hausärzte aus dem KV-System musste allerdings wegen mangelnder Bereitschaft der Mitglieder auf Eis gelegt werden.

 

Ebenfalls von sich Reden macht zurzeit die »Freie Ärzteschaft«. Sie hat die niedergelassenen Ärzte in der Woche nach Ostern zum Streik aufgerufen. Ihr Ziel war eine »Kehrtwende in der Gesundheitspolitik, die Patient und Arzt wieder in den Mittelpunkt stellt und die ambulante wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung sichert«. Allerdings mit mäßigem Erfolg. Vereinspräsident Martin Grauduszus zeigte sich mit der Beteiligung an der Protestwoche dennoch zufrieden. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Freie Ärzteschaft nennt eine Quote von 25 Prozent. Die KVen gehen von niedrigeren Zahlen aus.

 

Der NAV-Virchowbund kritisierte die Proteste der Freien Ärzteschaft denn auch. Es sei nicht der richtige Zeitpunkt für rückwärtsgewandte Abwehrschlachten, erklärte der Vorsitzende des Verbands der niedergelassenene Ärzte, Dr. Klaus Bittmann. Die niedergelassenen Ärzte sollten nun »massiv Kooperationen und Zusammenschlüsse intensivieren«. Der Verband will Ärztenetze in der gesamten Bundesrepublik unterstützen und so den »drohenden Angriff von Krankenhäusern und Finanzinvestoren auf die ambulante Medizin« verhindern.

 

Ärztemangel auf dem Land

 

Ob der Wettbewerb der Versorgungsformen den Patienten tatsächlich nützt, ist fraglich. Auf dem Land und in Kleinstädten geht die Zahl der Arztpraxen bereits heute zurück. Dieser Trend dürfte sich wohl noch verstärken, da in den kommenden Jahren zahlreiche Mediziner ihre Praxis aus Altersgründen aufgeben. Die KBV beziffert die Zahl der Praxen, die bis 2012 geschlossen werden, auf 34.000.

 

Angesichts des drohenden Ärztemangels hat der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, deshalb eine grundlegende Reform des Medizinstudiums gefordert. Die Ausbildung an den Universitäten müsse viel stärker am Patienten orientiert sein, sagte er. »Es müssen vorrangig jene ausgesucht werden, die ihre Berufung in der Krankenversorgung sehen.« Finanzielle Anreize reichten gegen den Mangel an Ärzten nicht aus. Zudem gingen der Medizin rund ein Viertel der ausgebildeten Ärzte verloren, die nach dem Studium in andere Berufe abwanderten. Um sein Ziel zu erreichen, ist Hoppe auch bereit, heilige Kühe zu schlachten. So bezweifelt er, ob die Auswahl der Studierenden nach dem Abiturnotendurchschnitt noch richtig sei.

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