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Neurologie

Aids im Kopf

08.04.2008  17:38 Uhr

Neurologie

Aids im Kopf

Von Daniela Biermann, Berlin

 

Eine HIV-Infektion greift nicht nur das Immunsystem an, sie nistet sich auch im Gehirn ein. Depressionen und Demenz können die Folge sein.

 

HIV-positiv: Die Diagnose trifft die Betroffenen hart. Als Reaktion auf diese Mitteilung erleidet die Hälfte von ihnen eine depressive Episode, berichtete Professor Dr. Ingo Husstedt auf den 12. Münchener Aids-Tagen. 2 Prozent reagieren mit einem Suizidversuch. »Nur 50 Prozent der Fälle werden korrekt diagnostiziert; davon werden nur 10 Prozent adäquat behandelt«, sagte der Neurologe vom Universitätsklinikum Münster. Die Diagnose wird dadurch erschwert, dass bei mehr als 80 Prozent der Patienten körperliche Symptome wie Dauerkopfschmerz, diffuse Schmerzen, Leistungsverlust und Schwindel im Vordergrund stehen.

 

Die HIV-Infektion selbst führt bereits zu einer Veränderung des Serotoninmetabolismus im zentralen Nervensystem. Depressionen können jedoch auch Nebenwirkungen der hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART) sein. Dosisabhängig können sie zum Beispiel bei der Behandlung mit dem nicht-nukleosidalen Revertasehemmer Efavirenz auftreten. Zu Beginn der Einnahme treten eher diffuse Symptome wie Schwindel, Müdigkeit und Schlaflosigkeit auf; im Laufe der Therapie können sich Depressionen entwickeln. Da psychische Erkrankungen in der Vorgeschichte des Patienten sein Risiko für Depressionen erhöhen, muss der Arzt eine gründliche Anamnese durchführen, bevor er Efavirenz  verschreibt. Auch bei einer Interferon-Behandlung können Depressionen auftreten. In einer prospektiven Studie mit Hepatitis-C-Koinfizierten führte die Behandlung mit Interferon-α in 23 Prozent der Fälle zu depressiven Episoden.

 

Finger weg von Johanniskraut

 

Husstedt empfiehlt, nicht zu lange mit dem Einsatz von Antidepressiva zu warten. Denn bei HIV-Patienten, die ihrer Zukunft negativ entgegenblicken, leidet die Compliance. Das wiederum gefährdet die antiretrovirale Therapie. »Immer muss auch eine Psychotherapie miteinbezogen werden«, sagte Husstedt. Arzt und Apotheker müssen den Patienten darauf hinweisen, dass die Wirkung des Antidepressivums erst mit einer Verzögerung von zwei bis drei Wochen eintritt, Nebenwirkungen jedoch sofort einsetzen können.

 

Aufgrund der Gefahr von Interaktionen der Antidepressiva mit den antiretroviralen Medikamenten über das Cytochrom-P450-System ist Vorsicht geboten: »Der Arzt sollte mit wenigen Substanzen arbeiten, diese aber gut kennen«, empfiehlt Husstedt. Ein geringes Wechselwirkungspotenzial haben die selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Venlafaxin und Duloxetin. Duloxetin empfiehlt sich auch bei neuropathischen Schmerzen, die als Folge einer HIV-Infektion auftreten können. Als dritte Alternative nannte der Neurologe den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Citalopram, der die CYP-Enzyme im Vergleich mit den anderen Arzneistoffen dieser Gruppe am geringsten blockiert. Von Fluoxetin und Fluvoxamin riet er dagegen ab. »Immer problematisch ist Johanniskraut«, sagte Husstedt. »Darauf sollten HIV-Patienten grundsätzlich verzichten.«

 

Da die Lebenserwartung von HIV-Infizierten dank verbesserter antiretroviraler Therapien steigt, treten im Alter zunehmend Begleiterkrankungen in den Vordergrund. So ist eine HIV-Infektion einer der häufigsten Gründe für das Auftreten einer Demenz. Am Anfang macht sich ein kognitives Defizit kaum bemerkbar. »Der Patient fühlt sich gut und es gibt keine Beeinträchtigung im Alltag«, sagte Professor Dr. Gabriele Arendt vor, Leiterin der neurologischen HIV-Ambulanz am Universitätsklinikum Düsseldorf. Auch wenn langsam die ersten Anzeichen auftreten, ist das Defizit noch potenziell reversibel. Kann der Betroffene seinen Alltag ohne Hilfe nicht mehr allein bewältigen, spricht man von HIV-assoziierter Demenz. »Eine optimale Behandlung haben wir nicht«, sagte die Neurologin. »Aber die HAART kann die Symptome lindern.« Dazu muss der Arzneistoff jedoch über die Blut-Hirn-Schranke den Liquor erreichen. Vollständig penetrieren zum Beispiel Zidovudin oder Nevirapin. Man könne jedoch nicht unbedingt sagen, dass eine hohe Penetrationsrate eine niedrige Viruslast bedeute, schränkte Arendt ein. Umgekehrt kann ein Arzneistoff mit niedriger Penetrationsrate im Liquor potenter wirken, falls er normal eine hohe Proteinbindung aufweist. Denn im Liquor sind weniger arzneistoffbindende Eiweiße als im Blut vorhanden. Somit steht mehr aktiver Wirkstoff zur Verfügung.

 

Die Rolle des CCR5-Corezeptors

 

Ebenso sei zweifelhaft, ob die Viruslast im Liquor mit der im Gehirn gleichgesetzt werden kann. Nichtsdestotrotz gibt der Liquor wichtige Hinweise für die Diagnostik. »Jeder Schwerpunktarzt sollte lumbal punktieren können«, sagte Arendt. Vor allem wenn es um opportunistische Infektionen geht , sei »bei richtiger Technik und Indikation die Analyse des Liquor sehr hilfreich«. So kann anhand des Liquors ein zerebrales Lymphom, oft ausgelöst durch das Epstein-Barr-Virus, von einer zerebralen Toxoplasmose unterschieden werden. Arendt wies darauf hin, dass auch ausgeheilte opportunistische Infekte noch Jahre später eine demenzielle Entwicklung begünstigen können. Durch die Interaktionen der Erreger mit dem HI-Virus kann Letzteres seine Replikationsrate steigern.

 

Anhand des Zytokin-Musters kann der Arzt die Gefährdung einzelner Patienten, eine Demenz zu entwickeln, abschätzen. Denn eine chronische Entzündung macht die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger für die HI-Viren. Das Virus braucht zur Überwindung den CCR5-Corezeptor, der nicht bei jedem Menschen vorkommt. Das könnte ein Grund sein, warum nicht alle langjährig HIV-Infizierten eine Demenz entwickeln. In Zukunft könnten Genanalysen helfen, ein Risikoprofil zu erstellen.

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