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HIV-Multiresistenzen

Erster HIV-Attachment-Inhibitor auf dem Markt

Mit Rukobia® ist seit dem 1. April ein neues Medikament zur Behandlung von Erwachsenen mit multiresistenter HIV-1-Infektion verfügbar. Der Wirkstoff Fostemsavir ist ein Prodrug, dessen aktiver Metabolit Temsavir das Eindringen der HI-Viren in menschliche Zellen verhindert.
Kerstin A. Gräfe
08.04.2021  15:33 Uhr

Fostemsavir ist der erste HIV-1-Attachment-Inhibitor und ein Prodrug von Temsavir. Letzteres bindet direkt an die Untereinheit des viralen Glykoproteins 120 (gp120) auf der Virusoberfläche. Durch die Bindung blockiert Temsavir das Andocken des HI-Viruspartikels an CD4+- und andere Immunzellen. Es verhindert dadurch, dass das HI-Virus die Zellen infiziert. Hersteller ViiV Healthcare zufolge gibt es derzeit aufgrund des Wirkmechanismus keine bekannten Kreuzresistenzen gegen verfügbare antiretrovirale Medikamente anderer Klassen. Von Fostemsavir profitieren könnten daher Patienten, deren HI-Viren gegen die meisten anderen Medikamente resistent geworden sind, so das Unternehmen in einer Pressemitteilung.

Rukobia ist indiziert zur Behandlung von Erwachsenen mit multiresistenter HIV-1-Infektion, die kein stabil supprimierendes Regime zur Verfügung haben. Eine Tablette enthält 600 mg Fostemsavir. Die empfohlene Dosis beträgt zweimal täglich je eine Tablette.

Die Zulassung erfolgte im Februar 2021 auf Basis der Daten der pivotalen Phase-III-Studie BRIGHTE. Sie untersuchte Sicherheit und Wirksamkeit von Fostemsavir in Kombination mit einer optimierten Hintergrundtherapie bei stark vorbehandelten Erwachsenen mit multiresistenter HIV-Infektion, von denen viele bei Studieneintritt eine fortgeschrittene HIV-Erkrankung hatten. Unter Fostemsavir erreichten 60 Prozent der 272 Patienten in der randomisierten Studienkohorte nach 96 Wochen eine virologische Kontrolle der HIV-Infektion, definiert als < 40 Kopien HIV-RNA pro ml.

Die häufigsten Nebenwirkungen (Grad 2 bis 4) waren Übelkeit, Durchfall, Kopfschmerzen, Erbrechen, Fatigue und Kraftlosigkeit. Die häufigsten unerwünschten Ereignisse, die zum Abbruch der Behandlung führten, standen im Zusammenhang mit Infektionen. Die schwerwiegendste Nebenwirkung war ein Immunrekonstitutionssyndrom. Dabei handelt es sich um eine überschießende Immunreaktion bei opportunistischen Infektionen, die häufig zu Beginn einer hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART) auftritt.

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