Pharmazeutische Zeitung online
150 Jahre PZ

Das 19. Jahrhundert - Steife Starre und rigoroses Pflichtgefühl

31.03.2006
Datenschutz bei der PZ

Das 19. Jahrhundert

Steife Starre und rigoroses Pflichtgefühl

von Christiane Berg, Hamburg

 

Das politische Klima Preußens war 1856 vom Scheitern der Märzrevolution 1848/49 geprägt. Das gesellschaftliche Miteinander bestimmten die »preußischen Tugenden«. Diese ließen auch demokratisch gesinnte Literaten wie Heinrich Heine (1797 bis 1865) und Theodor Fontane (1819 bis 1898) in Konflikt mit der Obrigkeit geraten.

 

Im Jahr 1856 regiert noch Friedrich Wilhelm der IV. Nach seinem Amtsantritt 1840 weckte er liberale Hoffnungen. In der Tat beendete er die so genannte Demagogenverfolgung, die mit der Amtsenthebung oder Verhaftung von Angehörigen der Universitäten wie Ernst Moritz Arndt (1769 bis 1860), späterer Rektor der Universität Bonn, beziehungsweise Mitgliedern der Burschenschaften oder der Turnerschaft einhergegangen war.

 

Ideal des Gottesgnadentums

 

So entließ Wilhelm der IV. den demokratisch gesinnten Studenten der Rechtswissenschaften und Burschenschaftler sowie späteren niederdeutschen Schriftsteller Fritz Reuter (1810 bis 1874) aus der Festungshaft. Dieser war revolutionärer Umtriebe verdächtigt und 1835 wegen »Majestätsbeleidigung und versuchtem Hochverrat« zum Tode verurteilt worden. 1837 war seine Begnadigung zu 30 Jahren Gefängnisstrafe erfolgt.

 

Auch den Turner und Burschenschaftler Friedrich Ludwig Jahn (1778 bis 1852) ließ Wilhelm der IV. rehabilitieren. Jahn hatte die von ihm initiierte nationale Turnbewegung politischen Gesichtspunkten untergeordnet. 1817 hatte er eine Vortragsreihe zum »deutschen Volkstum« gestartet, in der er die Missstände im preußischen Heer anprangert, die ständischen Schranken kritisiert und die Beschränkung bürgerlicher Rechte bedauert. Mit seinen staatsfeindlichen Äußerungen schaffte er sich nicht nur Freunde, sondern auch Feinde. Es kam zur Turnsperre. Infolge der so genannten Karlsbader Beschlüsse war Jahn 1819 verhaftet und ein Turnverbot in ganz Preußen und anderen deutschen Staaten erlassen worden.

 

Recht des Ständestaates

 

Erst 1842 beendete Wilhelm IV. das generelle Turnverbot. Turnen wird in Preußen zugelassen und offiziell Schulfach. Mit den beschriebenen Maßnahmen, so die Historiker, hat die vom Volk ersehnte Liberalität in Preußen jedoch auch bald ein Ende: Friedrich Wilhelm der IV., der einerseits als »Romantiker« auf dem Thron galt, beharrte andererseits auf das Ideal des Gottesgnadentums, also auf das Recht der von göttlicher Gewalt abgeleiteten Herrschaft sowie auf das Recht des Ständestaates und der mittelalterlichen Reichsidee.

 

Zwar erzwang die Märzrevolution 1848/49 die Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung, die in Frankfurt am Main in der Paulskirche zusammentrat. Doch wurden bis Juli 1849 die ersten Versuche, einen demokratischen einheitlichen Nationalstaat zu schaffen, von überwiegend preußischen und österreichischen Truppen gewaltsam niedergeschlagen. Am 28. April 1849 lehnte Friedrich Wilhelm der IV. in Nichtanerkennung der Volkssouveränität die ihm von der Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone ab. Die deutsche Einheit und die Reichsverfassung waren damit gescheitert.

 

Blut- und Eisen-Politik

 

1858 tritt Wilhelm IV. aus gesundheitlichen Gründen zurück und übergibt seinem Bruder Prinz Wilhelm von Preußen die Geschäfte. Der lässt sich 1861 zu Wilhelm I. krönen. Über diesen schreibt der Publizist Siegfried Fischer Fabian: »Er war schlichten Gemüts, mit der vom Vater ererbten Aversion gegen alles Genialische, der Neigung zum Zaudern. Auch die Sparsamkeit stammte von Friedrich Wilhelm III. Die Kosten für seine Krönung zum Beispiel zahlte er aus eigener Kasse, und wenn nach Truppenparaden das von den Stabsoffizieren ersehnte Diner nahte, zog er seine Semmel aus der Rocktasche.

 

Vom Militärischen verstand er etwas. Er war Soldat mit Leib und Seele und verkörperte die preußischen Tugenden in seinem Pflichtbewusstsein, seinem Fleiß, seinem Gerechtigkeitsgefühl, seiner Redlichkeit, in seiner ganzen Arzt, mehr zu sein als zu scheinen. Aber auch die Untugenden, das Beschränkte, das Steif-Pedantische, die Übertragung militärischer Kategorien auf das zivile Leben, der Glaube, dass die Welt nicht sicherer ruhe auf den Schultern des Atlas als der preußische Staat auf seiner Armee. Denkweisen, die ihn zum Kartätschenprinz hatten werden lassen.«

 

In Preußen begann eine Periode, die von Zeitgenossen verheißungsvoll »Neue Ära« genannt wird. Wilhelm I. entließ reaktionäre Politiker und begann eine gemäßigt liberal-konservative Politik. Nachzulesen ist, dass ihm die Entwicklungen allerdings aus den Händen zu gleiten schienen, da die Liberalen mehr und mehr Fuß fassten. Der König dachte ans Abdanken, da er sich nicht sicher war, ob ihm das Parlament den Etat für seine Heeresreform bewilligen würde. Die Lösung aus der Klemme war Bismarck, den der König 1862 zum Ministerpräsidenten berief und der mit »Blut- und Eisen-Politik« nicht nur das Gesetz zur Heeresreform durchpeitschte.

 

Preußische Tugenden

 

Die Popularität des Königs steigt 1864. Seine militärische Intervention gegen den dänischen Versuch, sich Schleswig einzuverleiben, war erfolgreich gewesen. Die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg wurden gemeinsamer Besitz von Preußen und Österreich. Im Krieg gegen Österreich um die Vormachtstellung in Deutschland siegten die Preußen 1866 bei Königgrätz. Preußen erhielt Schleswig-Holstein und die Zustimmung Österreichs zur Bildung eines Staatenbundes. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst, der Norddeutsche Bund unter Führung Preußens gegründet, dessen Kanzler Bismarck wurde. Nach einem Konflikt mit Frankreich über die spanische Thronfolge schlug eine deutsche Armee unter Führung Preußens die Franzosen 1870 bei Sedan.

 

Bismarck gewann die süddeutschen Fürsten für die Gründung eines deutschen Nationalstaates. Am 18. Januar 1871 wurde Wilhelm der I. in Versailles zum Kaiser des Deutschen Reiches proklamiert. Der Geldsegen der französischen Reparationszahlungen bescherte dem Deutschen Reich die »Gründerzeit«. Die Chroniken besagen, dass der Kaiser kaum noch eine Rolle spielte und die Politik von Bismarck gemacht wurde. Die entscheidenden Schritte hin zur nationalstaatlichen Einigung fanden denn auch unter der Regie Bismarcks statt: Es war unter anderem seine talentierte Kabinettspolitik, die erste Voraussetzungen schuf, den Führungsanspruch Preußens bei der Herausbildung eines deutschen Reiches zu zementieren. Das Sozialistengesetz, aber auch die Sozialgesetzgebung mit Einführung der Kranken-, Unfall-, Renten- und Invaliditätsversicherung prägten preußisch-deutsche Entwicklungen der damaligen Zeit und eine nunmehr konsequente Friedenspolitik. Der Kaiser hatte ungebrochene Popularität genossen, die sich noch verstärkte, als er zwei Attentate überlebte. Nach seinem Tod am 9. März 1888 kondolierten über 200 000 Untertanen im Berliner Dom.

 

Im Konflikt mit der Obrigkeit

 

Pflichtbewusstsein, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Sparsamkeit, Kameradschaft, Diszi-plin, Ordnung, Durchsetzungsfähigkeit und »knappes« Auftreten galten als die wesentlichen Eigenschaften, die landläufig als preußische und später als deutsche Tugenden begriffen wurden. Der Geschichtsschreibung gemäß erhielten sie ihre Prägekraft durch die ethische Verankerung des Herrscherhauses im Calvinismus, der gekennzeichnet ist von Askese, Fleiß und Arbeitskraft sowie Leistungswille und »Gemeinnützigkeit« des Staatsbürgers oder Staatsdieners, der sich am Erfolg Preußens zu orientieren hat.

 

Mit der preußischen Obrigkeit hatten nicht nur Ernst Moritz Arndt, Fritz Reuter oder Ludwig Jahn Konflikte: In ein noch schärferes Spannungsverhältnis zu seinem Land geriet der preußische Staatsbürger Heinrich Heine (1797 bis 1856), der als politischer Schriftsteller für die bürgerliche Gleichstellung unterdrückter Minderheiten und die Durchsetzung einer universellen Demokratie durchaus auch mit revolutionären Mitteln stritt. Der geborene Rheinländer tat sich schwer mit den innerpreußischen Verhaltensmaximen. Er entwickelte sich mehr und mehr zum scharfen Preußen-Kritiker.

 

Scharfe Zensur

 

In der Vorrede zu den »Französischen Zuständen« fasst Heine seine Abneigung gegen das zeitgenössische Preußen 1832 zusammen: »Widerwärtig, tief widerwärtig war mir dieses Preußen, dieser Tartüff unter den Staaten.« Zwangsläufig unterlagen die Arbeiten, Artikel und Beiträge Heines in Preußen einer scharfen Zensur. Den Anfeindungen überdrüssig, entschloss er sich 1831 nicht zuletzt auch wegen der fehlenden Aussicht auf eine bürgerliche Anstellung, für den Rest seines Lebens nach Paris überzusiedeln.

 

Er sollte sein Heimatland, nach dem er große Sehnsucht hatte, nur noch zweimal wiedersehen. Endgültig wurde Paris zu Heines Exil, als seine Werke 1833 in Preußen und 1835 auf Beschluss des Frankfurter Bundestages in allen Mitgliedstaaten des deutschen Bundes verboten wurden. Seine beiden letzten Reisen 1843 und 1844 nach Deutschland unternahm Heine nicht zuletzt zum Besuch seiner dort allein lebenden, verwitweten Mutter. Die erste Reise beschrieb er im »Wintermärchen«. Mit den deutschen Zuständen abrechnend schreckte Heine auch vor scharfer, aggressiver, zum Teil auch ironischer und satirischer Kritik nicht zurück. So heißt es im Caput III über seine Eindrücke bei seinem Aufenthalt in Aachen: »Ich bin in diesem langweil´gen Nest ein Stündchen herumgeschlendert, sah wieder preußisches Militär, hat sich nicht sehr verändert. Es sind die grauen Mäntel noch mit dem hohen roten Kragen (das Rot bedeutet Franzosenblut, sang Körner in früheren Tagen). Noch immer das hölzern pedantische Volk, noch immer ein rechter Winkel in jeder Bewegung, und im Gesicht der eingefrorene Dünkel. Sie stelzen noch immer so steif herum, so kerzengerade geschniegelt, als hätten sie verschluckt den Stock, womit man sie einst geprügelt.«

 

Beginnende Radikalisierung

 

»Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht«: Zu Beginn der 1840er-Jahre radikalisierte sich Heines Ton zusehends, so seine Biographen. Im Dezember 1843 begegnete er zum ersten Mal Karl Marx (1818 bis 1883), der im »Vorwärts« das »Wintermärchen« wie einen Text aus eigenem politischen Wirkungszusammenhang heraus gibt. Heine gehörte zu den ersten deutschen Dichtern, die die Folgen der einsetzenden industriellen Revolution zur Kenntnis nahmen und das Elend der neu entstandenen Arbeiterklasse in ihren Werken aufgriffen.

 

Als beispielhaft dafür gilt sein Gedicht »Die schlesischen Weber« 1844, das von dem Weberaufstand inspiriert war, der in den schlesischen Ortschaften Peterswaldau und Langenbielau ausbrach. In dem Gedicht heißt es: »Im düstern Auge keine Träne, sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne; Alt-Deutschland: Wir weben Dein Leichentuch. Wir weben hinein den dreifachen Fluch. Wir weben. Wir weben. Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, den unser Elend nicht konnte erweichen, der den letzten Groschen von uns erpresst und uns wie Hunde erschießen lässt. Wir weben. Wir weben.«

 

Das auch als »Weberlied« bekannt gewordene Gedicht erschien im Juli 1844 im »Vorwärts« und wurde in einer Auflage von 50 000 Stück als Flugblatt in den Aufstandsgebieten verteilt.

 

Der preußische Innenminister Arnim bezeichnete das Werk in seinem Bericht an König Friedrich Wilhelm IV. als eine »im aufrührerischem Ton gehaltene und mit verbrecherischen Äußerungen angefüllte Ansprache an die Armen im Volke«. Das Königlich Preußische Kammergericht ordnete ein Verbot des Gedichtes an. Friedrich Engels (1820 bis 1895), den Heine im August 1844 in Paris kennen lernt, übersetzte das Weberlied ins Englische und publizierte es im Dezember desselben Jahres in der Zeitschrift »The New Moral World«.

 

Märzrevolution 1848

 

Als überzeugter Demokrat begrüßte Heine die Revolutionen in Europa und insbesondere die deutsche Märzrevolution, wendet sich jedoch angesichts der Entwicklungen bald enttäuscht ab. Als im Februar 1848 die Revolution in Frankreich ausgebrochen war, hatte er einen Zusammenbruch auf Grund eines Nervenleidens erlitten, von dem man bis heute nicht weiß, ob es Multiple Sklerose, amyotrophe Lateralsklerose oder doch Syphilis war. Heine verbrachte die verbleibenden acht Jahre bis zu seinem Tod 1856 fast vollständig gelähmt in der von ihm so genannten »Matratzengruft«.

 

Ein ambivalentes Verhältnis zur preußischen Obrigkeit pflegte auch Theodor Fontane (1819 bis 1898). Am 30. Dezember 1819 wurde er als Sohn des Apothekers Louis Henri Fontane im märkischen Neuruppin geboren. Zur Begleichung von Spielschulden musste der Vater 1826 seine Apotheke verkaufen, 1827 zog die Familie nach Swinemünde. 1836 begann Fontane seine Ausbildung zum Apotheker. 1839 veröffentlichte er seine erste Novelle. Nach dem Abschluss seiner Lehre 1840 trat Fontane eine Stelle als Apothekergehilfe in Burg bei Magdeburg an. Es entstanden die ersten Gedichte.

 

Kampf auf den Barrikaden

 

Nach einer Typhuserkrankung arbeitete Fontane als Apothekergehilfe zuerst in Leipzig, danach in Dresden, schließlich in der Apotheke des Vaters in Letschin. Nach einem einjährigen freiwilligen Militärdienst von 1844 bis 1845 ging er nach einer weiteren Arbeitszeit in der väterlichen Apotheke nach Berlin in die Polnische Apotheke von Dr. Julius Eduard Schacht. Im März 1847 erhielt er seine Approbation als »Apotheker erster Klasse«. Im folgenden Jahr beteiligte sich Fontane als Revolutionär an den Berliner Barrikadenkämpfen. Zu dieser Zeit entstanden erste radikale Texte. Fontane ging zunächst als Apotheker an das Krankenhaus Bethanien, bevor er sich 1849 entschloss, diesen Beruf völlig aufzugeben und verstärkt seinen schriftstellerischen Neigungen nachzugehen.

 

Zunächst sah er sich jedoch 1850 gezwungen, sich bei der preußischen Regierung als Journalist im »Literarischen Cabinett« des Innenministeriums, einer Art preußischer Propagandaeinrichtung, zu verdingen. Nachzulesen ist, dass Fontane angesichts der Tatsache, dass er 1848 noch auf die Barrikaden gegangen ist, diesen politischen »Frontwechsel« in späteren autobiographischen Zeugnissen ironisierend herunterzuspielen versucht. Es war für den jungen Familienvater kein leichter Entschluss, sein Geld bei der konservativen preußischen Regierung zu verdienen. Wirtschaftlich hatte er aber kaum Alternativen. »Ich habe mich heute der Reaktion für monatlich 30 Silberlinge verkauft und bin wiederum angestellter Scriblifax.  ... man kann nun mal als anständiger Mensch nicht durchkommen«, schrieb Fontane resigniert an einen Freund.

 

Überlebte Sitten

 

Nach weiteren Tätigkeiten, zumeist als Journalist und allmählich berühmt werdender Theaterkritiker, beschloss Fontane schließlich zum Entsetzen seiner auf mehr finanzielle Sicherheit drängenden Frau, seinen Lebensunterhalt gänzlich als freier Schriftsteller zu bestreiten. Die Konflikte Fontanes mit der preußischen Obrigkeit hielten sich zwar fortan in Grenzen, dennoch pflegte er zeitlebens entlarvende Distanz zu Preußen. In seinem Werk, vor allem aber in seinen erst später veröffentlichten Briefen und in seinen Gesellschaftsromanen zeigt er sich wie kaum ein zweiter Autor als Kritiker der zeitgenössischen, brüchig gewordenen preußisch-deutschen Gesellschaft mit ihren überlebten preußischen Sittengesetzen und Standesgrenzen.

 

Am treffendsten, so Literaturkritiker, werden die steife Starre, der überlebte und falsche Moralismus sowie der rigorose Pflichtbegriff der damaligen preußischen Lebensauffassung in der Person des Landrates Instetten in »Effi Briest« aufgezeigt, der die natürlichen Freiheitsbedürfnisse seiner Frau unterdrückt und damit beider Leben zerstört. Fontane sezierte in seinem Werk mit wachem Blick die politisch-sozialen Fehlentwicklungen und Missstände und entwickelte sprachliche Meisterschaft in der Beschreibung des preußischen Niedergangs.

Mehr von Avoxa