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Übergewicht beeinträchtigt das Geschmacksempfinden

28.03.2018  10:13 Uhr

Judith Lorenz / Ob süß, sauer, salzig, bitter oder umami: Übergewichtige Menschen empfinden viele Lebensmittel als fade. Für ein befriedigendes Geschmackserlebnis müssen sie stark fett- und zuckerhaltige Produkte zu sich nehmen – der Teufelskreis schließt sich.

 

US-amerikanische Wissenschaftler haben nun herausgefunden, warum bei Adipositas der Geschmackssinn leidet: Vermutlich nimmt die Anzahl der Rezeptoren auf der Zunge ab, berichten sie im Fachjournal »PLOS Biology« (DOI: 10.1371/journal.pbio.2001959).

 

Dr. Andrew Kaufman und Kollegen von der Cornell University in Ithaca, New York, gingen dem Phänomen des abstumpfenden Geschmackssinns bei zunehmendem Gewicht im Tierversuch nach. Ihre Hypothese: Die durch das Übergewicht hervorgerufene chronische systemische Entzündung – insbesondere das Bauchfett produziert eine Vielzahl proinflammatorischer Botenstoffe – beeinträchtigt die Geschmacksknospen auf der Zunge. In einem ersten Versuch fütterten die Forscher Labormäusen hochkalorische Nahrung. Nach acht Wochen hatten die Tiere im Vergleich zu ihren gesund ernährten Art­genossen nicht nur übermäßig an Gewicht zugenommen, bei der mikroskopischen Untersuchung ihrer Zungen fiel zudem eine deutliche Reduktion der Geschmacksknospen auf.

 

Genetisch veränderte Mäuse, die nicht in der Lage sind, den Entzündungsmediator Tumornekrosefaktor (TNF) zu produzieren, legten durch die fettreiche Ernährung ebenfalls stark an Gewicht zu, die Zahl ihrer Geschmacksknospen unterschied sich dagegen nicht von der schlanker Kontrollen. Dies unterstützt die Vermutung, dass tatsächlich die dauerhafte unterschwellige Entzündung für die Abnahme des Geschmackssinns ursächlich ist. Ferner konnten die Wissenschaftler zeigen, dass nicht die orale Exposition gegenüber der fettreichen Nahrung, sondern metabolische Effekte das Abstumpfen des Geschmacksempfindens triggern: Tiere, die aufgrund einer genetischen Manipulation nicht dick werden können, wiesen trotz hochkalorischer ­Ernährung eine normale Anzahl von Geschmacksrezeptoren auf.

 

Übergewicht und das Geschmacksempfinden stehen in einer bidirektionalen Wechselbeziehung, schlussfolgern Kaufman und Kollegen. Die gute Nachricht: Bei einer Gewichtsreduktion, beispielsweise nach einer Magenverkleinerung, kommt der Geschmackssinn wieder zurück. Einen möglichen therapeutischen Ansatz sehen die Forscher in der Hemmung der proinflammatorischen Kaskade. Durch die Blockade der Entzündungsreaktion könnte übergewichtigen Patienten das Essen wieder schmackhaft gemacht werden. /

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