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Impfstoffentwicklung

Das Kreuz mit der Effektivität

30.03.2016
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Von Christina Müller, Berlin / Die Entwicklung neuer Impfstoffe hat in den letzten Monaten für Schlagzeilen gesorgt – nicht zuletzt, weil auch gegen das Ebola-Virus eine vielversprechende Vakzine in der Pipeline ist. Doch gerade dieses hoch wirksame Mittel stellt die Zulassungsbehörden vor ein ethisches Dilemma.

Eine Wirksamkeit von 100 Prozent – das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Genau dieses Ergebnis erzielte jedoch eine klinische Studie mit dem Impfstoff rVSV-ZEBOV der Firma Merck, die die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen im April 2015 in Guinea durchführte. Die Vakzine könnte dem Schrecken, den das Ebola-Virus lange Zeit verbreitet hat, ein Ende setzen, hoffen Experten.

 

Auch Dr. Wolfram Metzger vom Institut für Tropenmedizin am Universitätsklinikum Tübingen zeigte sich auf dem Kongress des Zentrums für Reisemedizin (CRM) in Berlin von der hohen Wirksamkeit der Vakzine überzeugt. Aber ob die Effektivität wirklich 100 Prozent beträgt, sei zweifelhaft. »Aus seiner Sicht weist das Studiendesign Mängel auf. Weder sei die Kontrollgruppe mit einer Placebo-Spritze behandelt worden, noch könne eine Verzerrung der Ergebnisse durch Kofaktoren ausgeschlossen werden.

 

Für die Studie wurden die Probanden in sogenannte Cluster eingeteilt. Ein Cluster bestand dabei aus allen Kontaktpersonen eines neu diagnostizierten Ebola-Infizierten plus deren Kontaktpersonen. Die erste Gruppe umfasste 48 Cluster und erhielt die Impfung sofort, die zweite Gruppe enthielt 42 Cluster und wurde am 21. Tag immunisiert. Während sich in der ersten Gruppe niemand mit dem Virus ansteckte, stellten die Ärzte in der zweiten Gruppe bis zum Tag der Impfung 16 Neuinfektionen fest. »Da­raus ergibt sich rein rechnerisch eine Effektivität der Vakzine von 100 Prozent«, fasste Metzger zusammen.

 

Das Problem sei jedoch, dass die erste Gruppe von Beginn der Studie an von einem speziell geschulten Impfteam begleitet wurde. Dieses habe die Probanden unter anderem zur Prävention beraten. Die Kontrollgruppe sei dagegen nicht betreut worden, sagte der Experte. »Wir wissen jedoch, dass Aufklärung und Verhaltensänderungen der Schlüssel zum Erfolg sind, um eine Ansteckung zu verhindern.« So sei etwa der Kontakt zu Verstorbenen bei afrikanischen Begräbnissen sehr intensiv – und damit steige die Gefahr, sich zu infizieren, erheblich.

 

Mögliche Verzerrungen

 

Die zusätzliche Intervention in der Impfgruppe könnte demnach mit dazu beigetragen haben, neue Infektionen zu verhindern, erklärte Metzger. Sollte die Vakzine trotz der möglichen Verzerrung der Studienergebnisse für 100 Prozent wirksam erklärt werden, sei es »aus ethischen Gründen nie wieder möglich, eine Wirksamkeitsstudie für einen anderen Ebola-Impfstoff durchzuführen«. Damit wäre die Entwicklung weiterer Impfstoffe praktisch blockiert.

 

Absolut wirksam oder nicht – für Urlauber ist der Impfstoff laut Metzger wenig bedeutsam. »Für Afrika-Reisende besteht nur ein sehr geringes Risiko, sich mit Ebola anzustecken. Dazu wäre ein direkter Kontakt zu Körperflüssigkeiten von Infizierten nötig. Im Urlaub ist das meist nicht relevant.« Auch das Risiko, dass Flüchtlinge aus Afrika das Virus nach Deutschland einschleppen könnten, sei äußerst gering. »Die Inkubationszeit beträgt 2 bis 21 Tage. Die Menschen, die zu uns kommen, sind aber weitaus länger unterwegs.« Von Geflüchteten gehe daher so gut wie keine Gefahr aus, konnte Metzger beruhigen.

 

Ein vergleichbar effektiver Impfstoff gegen Malaria sei dagegen nicht in Sicht, sagte der Experte Dr. Michael Saeftel vom Pharmaunternehmen Glaxo-Smith-Kline. Die Entwicklung gestalte sich äußerst schwierig. Die Vakzine Mosquirix (RTS,S) des Herstellers zur Anwendung bei Kindern befindet sich aktuell in Phase 3 der klinischen Prüfung. In der Gruppe der sechs bis zwölf Wochen alten Säuglinge sei die Studie jedoch bereits abgebrochen worden, berichtete er. »Der Impfstoff war nicht effektiv genug – warum, wissen wir nicht.«

 

Einziger Lichtblick: An Kindern zwischen 5 und 17 Monaten wird weiter getestet. Bei ihnen konnte die Immunisierung das Malaria-Risiko im Beobachtungszeitraum von vier Jahren laut Saeftel um knapp 40 Prozent senken. »Ein positives Votum der Europäischen Arzneimittelagentur ist bereits erfolgt.« Die Weltgesundheitsorganisation WHO sprach sich Ende Januar in einem Positionspapier dafür aus, das Mittel in einem groß angelegten Pilotprojekt in Afrika weiter zu untersuchen. Es seien noch einige Unsicherheiten zu klären, bevor ein breiter Einsatz erwogen werden könne, schrieb die Organisation. Die Vakzine ist zur Zulassung bei der EMA angemeldet.

 

Die Malaria-Impfung stellt die Forscher jedoch vor ein Problem: Sie verhindere, dass die Menschen in den Hochendemie-Gebieten eine sogenannte Semi-Immunität entwickeln, so der Experte. »Die meisten von ihnen infizierten sich im Kindesalter. Entweder sterben sie dann an der Erkrankung, oder der Körper arrangiert sich mit dem Erreger.« Das bedeutet im Klartext: Bei Neuinfektionen zirkulieren die Plasmodien zwar im Blutkreislauf, lösen aber keine Symptome aus. Daraus folge letztlich auch die geringe Effektivität des Impfstoffs, erklärte er. »Wer nicht geimpft ist, entwickelt oft eine Semi-Immunität. Das wirkt sich natürlich auch auf die Studienergebnisse aus.«

 

Lebenslange Immunität ist nicht zu erwarten

 

Zudem beschränke sich die Semi-Immunität auf den Erregerstamm im jeweiligen Endemie-Gebiet. Verlässt die Person das Gebiet, bricht der Schutz Saeftel zufolge innerhalb weniger Monate zusammen. »Das zeigt, dass auch die Natur noch keinen Weg gefunden hat, eine dauerhafte Immunität zu gewährleisten.« Dasselbe gilt für den Impfstoff: Eine lebenslange Wirkung sei nicht zu erwarten. Je öfter er verabreicht werde, desto höher sei zwar der Schutz, so Saeftel. »Aber es ist natürlich nicht praktikabel, die Menschen in Afrika so regelmäßig zu impfen, wie nötig wäre.«

 

Das aktuelle Impfschema ist ein Kompromiss – und einer der Hauptkritikpunkte der WHO. Trotz aller Abstriche, die mit Blick auf die Wirksamkeit möglich waren, sind immer noch mindestens vier Impfdosen erforderlich. Im Alter von 5 bis 18 Monaten müssten die Kinder insgesamt drei Spritzen erhalten, plus eine Booster-Impfung zwischen dem 16. und 19. Lebensmonat. Nur so ließe sich eine akzeptable Wirkung erzielen. Die entscheidende Frage sei nun, ob dieses Impfschema in der routinemäßigen Gesundheitsversorgung abgebildet werden könne, so die WHO.

 

Für Reisende sei die Vakzine aufgrund des geringen Schutzes ohnehin keine Option, sagte Saeftel. Daran wird sich aus seiner Sicht in naher Zukunft auch nichts ändern. »Bis wir einen ausreichend wirksamen Impfstoff haben, werden noch mindestens zehn Jahre vergehen«, prognostizierte er. /

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