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Tinnitus

Phantom im Ohr

25.03.2015
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Von Marion Hofmann-Aßmus / Personen mit Tinnitus hören ­Geräusche, die von Außenstehenden nicht wahrgenommen ­werden. Das kann enorm belastend sein. Eine Herausforderung besteht darin, die individuell passende Therapie zu finden. Dabei kann das Apothekenpersonal helfen.

Tinnitus aurium (lateinisch: Klingeln der Ohren) gilt nicht als eigenständige Erkrankung, sondern stellt ein Symptom dar, dem zahlreiche Ursachen zugrunde liegen können. Die phantom­artig wahrgenommenen Geräusche sind sehr unterschiedlich. 

Sie werden als pfeifende, klingelnde, summende, zirpende (tonal) oder auch zischende, knackende, rauschende oder brummende Töne (nicht tonal) beschrieben. Eine einfache, effektive Heilung gibt es nicht. Die Betroffenen können jedoch mithilfe moderner Therapien lernen, besser damit umzugehen.

 

Selten ist diese Wahrnehmung nicht: Laut einer Studie der Deutschen Tinnitus Liga (DTL e. V.) hat etwa jeder vierte Bundesbürger schon einmal Erfahrung mit Ohrgeräuschen gemacht (1). Rund 2,7 Millionen leiden länger als einen Monat unter einem Tinnitus und etwa 1,5 Millionen Menschen fühlen sich davon mittelschwer, wechselhaft oder bis zur Unerträglichkeit beeinträchtigt. Hinzu kommen jedes Jahr schätzungsweise 250 000 Neuerkrankungen, wovon 10 bis 20 Prozent einen chronischen Tinnitus entwickeln. Neuere Untersuchungen aus 2010 gehen von etwa 3 Millionen Betroffenen in Deutschland aus (1).

 

Das Ohrgeräusch tritt meist ab dem 40. Lebensjahr auf, der Altersgipfel liegt bei 65 bis 74 Jahren. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen (nicht signifikant). Oft kommt eine ­Hörminderung des betroffenen Ohres (53 Prozent) sowie eine gesteigerte Geräusch­empfindlichkeit (Hyperakusis, 44 Prozent) hinzu (1). Personen mit Hyperakusis empfinden bereits leise oder durchschnittliche Alltagsgeräusche als unangenehm oder schmerzhaft.

Tabelle 1: Einteilung der Schweregrade; nach (2)

Schweregrad Merkmale
Grad I Tinnitus ist gut kompensiert, es besteht kein Leidensdruck.
Grad II Tinnitus tritt hauptsächlich in stiller Umgebung auf und wirkt störend bei Stress und Belastungen.
Grad III Das Ohrgeräusch beeinträchtigt das Privat- und Berufsleben andauernd. Es kommt zu Störungen im emotionalen, kognitiven und körperlichen Bereich.
Grad IV Der Tinnitus führt zur völligen Dekompensation im privaten Bereich sowie zur Berufsunfähigkeit.

Tinnitus ist nicht gleich Tinnitus

 

Für die Therapie ist es bedeutsam, den akuten vom chronischen Tinnitus zu unterscheiden. Von akutem Tinnitus spricht man, wenn dieser weniger als drei Monate andauert; als chronisch wird er bei einer längeren Beschwerdedauer bezeichnet. Ist von subakutem Tinnitus die Rede, ist eine Dauer zwischen drei und sechs Monaten gemeint.

 

Bei der akuten Form bestehen gute Chancen, dass das Ohrgeräusch von alleine wieder vergeht (etwa 80 Prozent). Chronischer Tinnitus verschwindet bei etwa einem Viertel der Betroffenen nach einiger Zeit oder wird erträglich: Die Patienten gewöhnen sich daran. Eher selten ist der Dauerton unerträglich; dann sprechen Ärzte von einem dekompensierten Tinnitus. Darunter leiden etwa 0,5 Prozent aller Betroffenen. Bei diesen Menschen hat das Ohrgeräusch massive Auswirkungen auf alle Lebensbereiche und führt zu Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angstzuständen oder Konzentrationsstörungen. Die Lebensqualität ist deutlich vermindert.

 

Eine gängige Einteilung der Schweregrade berücksichtigt die Auswirkung des Ohrgeräusches auf den beruflichen und privaten Bereich (Tabelle 1) (2).

 

Der seltene objektive Tinnitus ist von außen wahrnehmbar. Der Arzt kann das Geräusch, zum Beispiel mit einem Stethoskop hören. Als Ursachen sind unter anderem Gefäßmissbildungen oder Tubenfunktionsstörungen bekannt. Sehr viel häufiger tritt jedoch der subjektive Tinnitus (99 Prozent) auf, der nur für den Betroffenen hörbar ist. Man unterscheidet Innenohr­ge­räusche (Tinnitus aureus) von Kopf­geräuschen (T. cerebri). Die Geräusche können bilateral, unilateral oder mittig auftreten. Am häufigsten wird ein hochfrequentes Pfeifen beschrieben, gefolgt von Rauschen und tiefem Brummen (1). Auf einer Skala von 1 (leise) bis 10 (sehr laut) geben viele eine Lautstärke von etwa 6 an. Eher selten übertönt der Ohrton die Umgebungsgeräusche.

 

Unterschätzte Beeinträchtigung

 

Bei einem Patienten-Seminar der DTL in München berichtete deren Präsident Volker Albert, was Tinnitus aus der Sicht eines Betroffenen bedeutet (3). »Für Normal-Hörende ist es nicht nachvollziehbar, wie sehr ein Tinnitus und die damit häufig einhergehende Hörminderung die Bewältigung des Alltags und vor allem die soziale Interaktion beeinflusst.«

Oft werde eine Äußerung zwar inhaltlich verstanden, doch das Nebengeräusch könne das Erkennen der Sprachmelodie verhindern. Genau diese sei aber für das emotionale Verstehen essenziell. »Für uns ist es daher oft nicht eindeutig, ob es sich um eine Frage, eine Feststellung oder eine Bitte handelt«, erklärt Albert. Das Ohrgeräusch mache es deutlich schwieriger, fremde Emotionen zu verstehen und sensibel zu reagieren. Vermeintlich falsche Reaktionen stießen jedoch häufig auf Abwehr und Verständnislosigkeit. »Darum ist es sehr wichtig, dass wir den Mitmenschen unser Handicap erklären und es nicht verstecken.«

 

Belastend ist der Tinnitus auch aus einem anderen Grund: Oft ist der Ton hochfrequent und entspricht somit einem Alarmton. Betroffene sind deshalb häufig angespannt und in Habachtstellung. Viele seien sehr schreckhaft, da wichtige akustische Reize ihre Bedeutung verlieren und unwesentliche als gefährlich eingestuft werden. Diese Schreckreaktionen reichen laut Albert bis ins Unterbewusstsein und tragen zu den Schlafstörungen bei, die viele Tinnitus-Leidende beklagen.

 

Die erschwerte Kommunikation ist anstrengend und führt zu rascher Erschöpfung und Konzentrationsproblemen. »Wir sollten daher sehr achtsam mit uns umgehen und uns gewisse Rückzugzeiten gönnen«, rät Albert. Ein Fehler sei aber, sich aus dem sozialen Leben zurückzuziehen. »Das steigert nur den Stresspegel!«

Tabelle 2: Krankheiten und Medikamente als mögliche Auslöser eines Tinnitus; modifiziert nach DTL und (15)

Mögliche Auslöser Beispiele
Erkrankungen
Ohr Morbus Menière (Drehschwindel), Cochlea- Verletzungen, Hörsturz, Cerumenverfestigung (Ohrschmalzblockade), chronische Mittelohr- entzündung, Otosklerose (Verknöcherung im Ohr)
Kopf HWS-Schleudertrauma, Schädel-Hirn-Trauma, Kiefer-Fehlstellung
Psyche Depression, Ängste
Metabolismus Schilddrüsenfehlfunktion, Hyperlipidämie, Diabetes
Kreislauf Hypertonie, Hypotonie, Arteriosklerose, Herzrhythmusstörungen
Infektionen grippale Infekte, Borreliose, Mumps, HIV-Infektion
Tumor Akustikus-Neurinom: gutartiger Tumor, der von den Schwann’schen Zellen des Hör- und Gleichgewichtsnerven (Nervus vestibulocochlearis) ausgeht und im inneren Gehörgang lokalisiert ist
Medikamente
Analgetika Salicylate (ASS), NSAR
Antibiotika Aminoglycoside, Chloramphenicol, Erythromycin, Tetracycline, Vancomycin
Schleifendiuretika Furosemid, Bumetanid, Ethacrynsäure
Chemotherapeutika Methotrexat, Cisplatin, Bleomycin, Vincristin
Malaria-Medikamente Chinin, Chloroquin

Zahlreiche Ursachen

 

Etwa 400 mögliche Ursachen und deren Kombinationen können zu einem Tinnitus führen (Tabelle 2). Dennoch findet der Arzt bei fast der Hälfte der Betroffenen keine eindeutige Ursache. Übermäßiger Lärm einschließlich Knalltraumata gilt als der häufigste bekannte Auslöser. Er schädigt die für das Gehör essenziellen Haarzellen irreversibel. Folglich warnt etwa die DTL zum Beispiel vor Silvesterknallern und Raketen, die zu Innenohrverletzungen führen können.

 

Auch laute Musik, zum Beispiel in Diskotheken, kann einen Tinnitus auslösen. Neueren Untersuchungen zufolge liegt das Risiko bei Berufsmusikern 57 Prozent über dem von Nicht-Musikern (4). Berühmtes Beispiel ist Ludwig van Beethoven, der 1801 an einen Freund schrieb: »Nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort, ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu.« Sein Tinnitus war vermutlich die Folge einer Otosklerose (Verknöcherung der Gehörknöchelchen).

Stress ist ein wichtiger »Verstärker« des Symptoms. Unter Druck und Stress wird der Tinnitus oft lauter, das Bedürfnis nach Ruhe größer. Allerdings fokussieren die Menschen in stiller Umgebung (noch) stärker auf das Geräusch. Dies fördert die Empfindlichkeit (Sensibilisierung) und lässt Angst und Sorge steigen, was wiederum den Stress erhöht. Dieser Teufelskreis kann letztlich zur Dekompensation führen und bietet einen Ansatzpunkt für die Therapie.

 

Weitgehend abgekommen ist man von der Meinung, dass Durchblutungsstörungen des (Innen-)Ohres ursächlich sind. Hingegen können einige Arzneistoffe zum Tinnitus-Syndrom beitragen (Tabelle 2). Als ototoxisch gelten etwa Salicylate sowie Aminoglycosid-Antibiotika, Schleifendiuretika, Chemotherapeutika oder Malaria-Medikamente. Die Schädigung betrifft insbesondere die äußeren Haarzellen. Der zugrunde liegende Mechanismus ist noch nicht vollständig geklärt. Oft ist die Wirkung vorübergehend, und der Tinnitus vergeht nach Absetzen der Medikamente. Dennoch ist die gleichzeitige Gabe mehrerer ototoxischer Medikamente möglichst zu vermeiden. Bei der Kombination von Aminoglycosiden und Schleifendiuretika sollte das Diuretikum möglichst lange vor dem Antibiotikum gegeben werden.

 

Wird eine Ototoxizität beobachtet, ist das Medikament abzusetzen oder die Dosis zu verringern. Besonders ­gefährdet sind Personen mit vorgeschädigtem Gehör oder mit Niereninsuffizienz. Bei Letzteren werden die Arzneimittel langsamer ausgeschieden und können somit ihre ototoxische Wirkung länger entfalten.

 

Tinnitus entsteht im Kopf

 

Eine wichtige Rolle beim Hören spielen die Haarzellen, die sich im Innenohr, in der mit Flüssigkeit (Lymphe) gefüllten Hörschnecke (Cochlea) befinden. Sie tragen winzige »Haarbündel« auf ihrer Oberfläche. Werden diese Haare durch ein vom Mittelohr kommendes Schallsignal bewegt, öffnen sich bestimmte Ionenkanäle und verwandeln so das mechanische in ein bioelektrisches Signal, das den Hörnerv enerviert. Dieser leitet die Erregung bis zum auditorischen Cortex im Großhirn weiter, wo sie in Klänge oder Sprache verarbeitet wird. Daher kommt dem Gehirn ein wichtiger Anteil des Hörens zu.

Sowohl Hörstörungen als auch der Tinnitus nehmen ihren Ausgang meist im Innenohr beziehungsweise bei den Haarzellen. Diese sind tonotop angeordnet; das bedeutet, dass die für hohe Töne zuständigen Zellen sich am Eingang der Hörschnecke befinden, solche für tiefere Frequenzen weiter im Inneren. Häufig sind die Haarzellen am Eingang der Hörschnecke als Erste geschädigt. Dadurch fehlt der enervierende Input für die korrespondierenden Neurone in der Hörrinde. Hohe Tonlagen können also nicht mehr wahrgenommen werden. Lange Zeit war daher ­unklar, weshalb die Tinnitus-Töne oft hochfrequent sind, also genau die Tonlage haben, für die die zerstörten ­Haarzellen zuständig waren.

 

Aktuelle Untersuchungen am Tiermodell (Ratten) liefern eine Erklärung dafür (5). Sie zeigen, dass die Hemmung der nicht mehr enervierten Neurone in der Hörrinde abnimmt. In der Folge werden sie übererregbar und geben spontane Impulse ab, die die Tinnitus-Geräusche hervorbringen. Erhöhten die Forscher die Konzentration des hemmenden Botenstoffs GABA (γ-Amino­butter­säure) mit Medikamenten, verschwand der Tinnitus bei den Tieren.

 

Diese Ergebnisse lassen die bisherige Vermutung, dass eine fehlerhafte Umstrukturierung der Hörrinde für den Tinnitus verantwortlich ist, in anderem Licht erscheinen. Womöglich stellt der Umbau einen Versuch dar, den Tinnitus zu bekämpfen. Zugleich bietet diese Erklärung einen möglichen therapeutischen Ansatz – die Hemmung der blind feuernden Neurone.

 

Als Beleg für die Vorgänge im Gehirn gilt, dass der Tinnitus auch nach einer (operativen) Durchtrennung des Hörnervs bestehen bleibt. Der chronische Tinnitus entsteht also nicht im Innenohr, sondern im Gehirn. An seiner Entwicklung sind nach aktueller Expertenmeinung mehrere neuronale Zentren beteiligt. Dafür spricht, dass nicht alle Menschen mit lärmbedingtem Hörverlust unter Tinnitus leiden. Bei manchen wird das Geräusch offensichtlich unterdrückt. Dafür macht die Arbeitsgruppe des Hirnforschers Professor Josef Rauschecker, Washington D.C., das limbische System verantwortlich, das unter anderem für die emo­tionale Verarbeitung zuständig ist. Es scheint darüber zu entscheiden, ob und in welchem Maß es durch die fehlerhafte Aktivität der Neuronen zu ­einer bewussten Tinnitus-Empfindung kommt (6).

 

Andere Forscher gehen davon aus, dass noch weitere neuronale Systeme, etwa das »Gedächtnisnetzwerk« um den Hippocampus, an der Chronifizierung des Tinnitus beteiligt sind. Sie entwickelten ein Modell, das das Geräusch als eine Art Phantom-Wahrnehmung ­beschreibt (vergleichbar mit dem ­Phantom-Schmerz), das durch die Interaktion verschiedener neuronaler Netzwerke entsteht (7).

Hörsturz

Bei einem Hörsturz bemerken die Patienten typischerweise einen plötzlichen, meist einseitigen Gehörverlust (taubes Ohr), der ohne erkennbaren Grund auftritt. Wie ein Hörsturz genau entsteht, ist bislang unklar. Häufig erfolgt eine Spontanheilung, doch ist der Verlauf keineswegs vorhersagbar. Die gängige ­therapeutische Maßnahme besteht in einer systemischen Therapie mit Glucocorticosteroiden. Den Betroffenen sollte man Ruhe empfehlen!

Diagnostische Erfassung

 

Bei einer ausführlichen Anamnese erfragt der Arzt die Dauer, Ausprägung und Art des Tinnitus. Die physische Untersuchung umfasst die Otoskopie (Betrachtung des äußeren Gehörgangs und des Trommelfells), eine Hals/Kopf-Untersuchung und eventuell bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanz- und Computer­tomografie sowie die Sonografie. Mittels Audiometrie (Messung der Gehörfunktion) werden Tonhöhe, Klangcharakter sowie Lautstärke des Tinnitus ermittelt.

 

Fragebögen wie das strukturierte Tinnitus-Interview (STI) oder der Tinnitus-Fragebogen (TF) helfen, den Schweregrad und die Tinnitus-bedingten psychischen Beeinträchtigungen einzuschätzen.

Tipps für Tinnitus-Betroffene

Die Apotheke kann Kunden mit Tinnitus einige Ratschläge anbieten. So sollte der Teufelskreis aus Stress, Tinnitus, mehr Stress, mehr Tinnitus nach Möglichkeit unterbrochen werden. Dabei helfen beispielsweise Entspannungstechniken. Völlige Ruhe ist allerdings nicht zuträglich, weil das Geräusch dann überlaut wird und man sich darauf konzen­triert. Laute Veranstaltungen und Orte sind ebenfalls zu meiden.

 

Da es keine für alle passende Heilmethode gibt, sollte der Apotheker dazu raten, verschiedene Therapiekonzepte auszuprobieren. Insgesamt kann man Betroffene beruhigen, denn ihr Leiden ist zwar ein Warnzeichen für Stress, jedoch kein Anzeichen für schwere Erkrankungen wie einen Herzinfarkt oder Atherosklerose. Unterstützung und Beratung erhalten sie bei Selbsthilfegruppen.

 

Die Deutsche Tinnitus-Liga e. V. bietet individuelle Beratung, Informationen und Veranstaltungen an und betreut Selbsthilfegruppen (www.tinnitus-liga.de, E-Mail: dtl@tinni tus-liga.de). Weiterführende Informa­tionen zu Tinnitus sowie zu aktuellen Forschungsvorhaben und -ergebnissen bietet die Deutsche Tinnitus-Stiftung der ­Charité in Berlin (www.deutsche-­tinnitus-stiftung-charite.de).

Akuter Tinnitus ist kein Notfall

 

Ein akuter Tinnitus erfordert baldige therapeutische Maßnahmen, daher ist der Besuch bei einem HNO-Arzt anzuraten. Im Gegensatz zu früheren Bewertungen stellt er nach heutiger Ansicht jedoch keinen Notfall dar, der sofort therapiert werden muss. »Wir wissen inzwischen, dass es für den Therapieerfolg keine Rolle spielt, ob wir ­sofort oder erst nach sieben Tagen mit der Therapie beginnen«, erklärte Dr. Volker Kratzsch, Chefarzt der Abteilung Hörbehinderung und Tinnitus an der Helios Klinik in Bad Grönenbach, bei einem Patienten-Seminar der DTL in München (3).

 

Gleiches gilt für den Hörsturz, der häufig (bei 85 Prozent der Patienten) begleitend auftritt (Kasten). Gemäß der S1-Leitlinie von 2010 (die derzeit überarbeitet wird) lehnt sich die Therapie des akuten Tinnitus an die des Hörsturzes an. »Der akute Tinnitus ohne Hörverlust wird heute ebenfalls wie ein Hörsturz behandelt«, bestätigt Kratzsch.

 

Für Hörsturz liegt seit Januar 2014 eine neue Leitlinie vor (8). Aufgrund der mageren Datenlage machen die Autoren lediglich Behandlungsvorschläge und weisen darauf hin, dass nicht jeder Hörsturz (oder Tinnitus) behandlungsbedürftig ist. Bei einer geringen Beeinträchtigung des Hörvermögens besteht die Möglichkeit, abzuwarten, ob eine Spontanremis­­sion erfolgt. Ansonsten wird eine systemische Therapie mit einem hoch dosierten Glucocorticosteroid über drei bis sieben Tage empfohlen. Diese kann alternativ auch intratympanal, also direkt ins Mittelohr injiziert werden. Dieser Applikationsweg dient zudem als sekundäre Option, wenn nach der systemischen Anwendung keine Erholung erfolgt.

 

»Alle anderen Therapieoptionen wurden weitestgehend verlassen«, berichtet Kratzsch. Dies gilt auch für die hyperbare Sauerstofftherapie, die gemäß der Hörsturz-Leitlinie »bei Patienten mit Hörsturz das Hörvermögen zwar signifikant verbessert; deren klinische Signifikanz jedoch unklar bleibt«. Weiterhin werden Hydroxyethyl-Stärke (HES), Naftidrofuryl oder Pentoxifyllin nicht mehr angewandt, da kein Wirksamkeitsnachweis besteht oder keine aussagekräftigen Studien vorliegen.

 

Therapie des chronischen Tinnitus

 

Die Behandlungsangebote gegen chronischen Tinnitus sind zahlreich und nicht immer seriös. Darauf verweist Professor Dr. Gerhard Goebel, ehemaliger Chefarzt der Schön-Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee (3). Insbesondere vor schnellen Heilungsversprechen sollten Apotheker ihre Kunden warnen und sie auf die Vielfalt der Therapiekonzepte hinweisen (Kasten).

»Je mehr man das Geräusch nicht hören will, desto mehr hört man hin«, berichtet Goebel. Daher zielen verschiedene Ansätze darauf ab, die subjektive Wahrnehmung zu verändern und auf diese Weise dem Geräusch weniger Aufmerksamkeit zu schenken. Zur gezielten Ablenkung dient etwa ein Rauschgenerator (RG; wird wie ein Hörgerät getragen), der mittels leisem Rauschen den Tinnitus-Ton maskiert und so aus der bewussten Wahrnehmung verdrängt. Bereits bei einer geringgradigen Hörstörung kann ein ­Hörgerät (Hörsystem) zu besseren ­Höreindrücken führen, die den Tinnitus überdecken können.

 

Am besten hat sich bislang die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) bewährt. Dies ist ein langfristiges Konzept mit mehreren Modulen: ausführliche Beratung und Aufklärung (Counseling), Entspannungstechniken, kognitive Verhaltenstherapie und eventuell Hörtraining (mit RG oder Hörgerät). »Eine entängstigende Aufklärung, die mit den Ursachen und Auswirkungen des Tinnitus vertraut macht, ist die wichtigste Voraussetzung, um den aufreibenden Kreislauf zwischen Tinnitus und Aufmerksamkeit zu beenden«, erklärt ­Goebel. »Denn ich kann nur weghören, wenn ich keine Angst davor habe.«

 

Verschiedene Studien belegen die Erfolge dieser Methode. So etwa eine Cochrane-Analyse, die die Überlegenheit gegenüber RG feststellt (9). Eine weitere Untersuchung zeigt, dass die TRT sowohl hinsichtlich der Tinnitus-Belastung als auch bei der Lebensqua­lität einer Standardtherapie mit RG überlegen ist (10).

 

Zahlreiche passive Musiktherapien werden derzeit erprobt. Dabei wird die Lieblingsmusik bei Betroffenen mit tonalem Tinnitus und Normalhörigkeit ­individuell modifiziert, um so neuro­physiologische Vorgänge auszulösen, die die Lautstärke und Lästigkeit des Tinnitus vermindern sollen. In einer Pilot­studie hörten die Probanden bis zu zwölf Monate lang täglich eine bis zwei Stunden lang diese Musik. Der Tinnitus verbesserte sich daraufhin, ein durchschlagender, dauerhafter Erfolg konnte bislang jedoch nicht gezeigt werden (11).

 

Nur ein Medikament (Ginkgo-biloba-Extrakt) ist für die adjuvante Therapie bei Tinnitus mit vaskulärer und involutiver Genese zugelassen. Allerdings zieht eine Cochrane-Metastudie dessen Nutzen in Zweifel (12). Es wurden vier Studien analysiert. Drei davon schlossen 1143 Patienten mit Tinnitus als Hauptbeschwerde ein, an einer ­nahmen 400 Patienten mit milder bis moderater Demenz teil, von denen manche unter Tinnitus litten. Die Autoren fanden keine Evidenz dafür, dass Ginkgo biloba bei Tinnitus effektiv sei. Bei dementen Patienten mit niedrigen Tinnitus-Ausgangswerten (1,7 bis 2,5 auf einer 10-stufigen Skala) wurde eine geringe, aber signifikante Reduktion der Werte beobachtet. Die Autoren schlossen daraus, dass Ginkgo biloba bei Tinnitus als primärer Erkrankung nicht effektiv ist.

 

Im Tiermodell hingegen schützte ein Ginkgo-Extrakt (EGb761®) mongolische Wüstenrennmäuse vor Tinnitus durch Schalltraumata. Die Autoren führen dies auf eine durch den Extrakt ­erhöhte Neuroplastizität des Gehirns zurück (13). Nicht geklärt ist, inwieweit sich diese Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen.

 

Begleiterscheinungen wie Ängste oder Depressionen lassen sich mit Benzodiazepinen, Antidepressiva oder Tranquillizern lindern. Dies gilt vor allem im Stadium des dekompensierten Tinnitus.

 

Bei einer Reihe von Ansätzen ließ sich der Nutzen anhand von Studien jedoch nicht bestätigen. Dazu zählen etwa die Behandlung mit Zink, Vitamin B12 oder Neramexan, einem NMDA-Rezeptor-Antagonist, der in einer Phase-III-Studie scheiterte. Besteht zusätzlich zum Tinnitus eine Schwerhörigkeit oder Ertaubung, ist ein Cochlea-Implantat (elektronische Hörprothese) sehr hilfreich. Laut einer Studie profitieren von dieser Operation insbesondere Ältere, das heißt über 70-jährige Menschen (14). /

Literatur 

  1. Pilgramm, M., et al., Tinnitus in der Bundesrepublik Deutschland – eine repräsentative epidemiologische Studie. HNO aktuell 7 (1999) 261-265. Hesse, G., Gestörte Hörwahrnehmung: Pharmakotherapie des Tinnitus im Überblick. HNO 58 (10) (2010) 990-998.
  2. Biesinger, E., et al., Strategien in der ambulanten Behandlung des Tinnitus. HNO 46 (1998) 157-169.
  3. Patienten-Seminar »Tinnitus – Ursachen, Therapien, Bewältigungsmöglichkeiten« am 12. Febr. 2015 in München, veranstaltet von der Deutschen Tinnitus-Liga e. V.
  4. Schink, T., et al., Incidence and relative risk of hearing disorders in professional musicians. Occup. Environ. Med. 71 (2014) 472-476.
  5. Yang, S., et al., Homeostatic plasticity drives tinnitus perception in an animal model. PNAS 108 (36) (2011) 14974-14979.
  6. Seydell-Greenwald, A., et al., Diffusion Imaging of Auditory and Auditory-Limbic Connectivity in Tinnitus: Preliminary Evidence and Methodological Challenges. Neural Plasticity (2014) 1-16.
  7. De Ridder, D., Phantom percepts: Tinnitus and pain as persisting aversive memory networks. Proc. Natl. Acad. Sci. USA 108 (20) (2011) 8075-8080.
  8. S1-Leitlinie zu Hörsturz. Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e. V., Stand 01/2014.
  9. Phillips, J. S., et al., Tinnitus Retraining Therapy (TRT) for tinnitus. Cochrane Database Syst. Rev. 2010, 3.
  10. Cima, R. F. F., et al., Specialised treatment based on cognitive behaviour therapy versus usual care for tinnitus: a randomised controlled trial. The Lancet 379 (9830) (2012) 1951-1959.
  11. Okamoto, H., et al., Listening to tailor-made notched music reduces tinnitus loudness and tinnitus-related auditory cortex activity. Proc. Natl. Acad. Sci. USA 107 (2010) 1207-1210.
  12. Hilton, M. P., et al., Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database Syst Rev. 2013, Mar 28;3:CD003852
  13. Tziridis, K., et al., Protective Effects of Ginkgo biloba Extract EGb 761 against Noise Trauma-Induced Hearing Loss and Tinnitus Development. Neural Plasticity Vol 2014 (2014) Article ID 427298.
  14. Olze, H., et al., Elderly patients benefit from cochlear implantation regarding auditory rehabilitation, quality of life, tinnitus, and stress. Laryngoscope 122 (1) (2012) 196-203.
  15. Wagner, J. H., Ernst, A., Ototoxizität als ­Nebenwirkung von Medikamenten. Prakt. Arbeitsmed. 7 (2007) 8-11. Stark, H., Das Klingeln im Ohr. Ursachen und Therapiemöglichkeiten von Tinnitus. Pharmazie forum 2010 in Schladming. http://user.uni-frankfurt.de/~dingerma/Podcast/Stark_Tinnitus_Aigen2010.pdf

Die Autorin

Marion Hofmann-Aßmus absolvierte eine Ausbildung als veterinärmedizinisch-technische Assistentin (VMTA) und studierte anschließend Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Promoviert wurde sie 1999 mit einer Arbeit zu molekularer Kardiologie an der Chemischen Fakultät der LMU München. Seither ist sie freiberuflich in verschiedenen Redaktionen und als Fachjournalistin tätig.

 

Dr. Marion Hofmann-Aßmus

Abt-Führer-Straße 9a

82256 Fürstenfeldbruck

E-Mail: hofmann_assmus@t-online.de

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