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HIV-Infektion

Funktionelle Heilung ist möglich

25.03.2014
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Was lange Zeit als unmöglich galt, rückt in greifbare Nähe: die Heilung einer HIV-Infektion. Experten halten an diesem Ziel fest.

Inzwischen sind etwa 20 HIV-positive Patienten bekannt, die als »funktionell geheilt« gelten. Diese bleiben nach Absetzen der antiretroviralen Therapie (ART) praktisch virusfrei, obwohl das Virus nicht vollständig aus dem Körper eliminiert ist. Von einer »sterilisierenden Heilung« sprechen Wissenschaftler dagegen, wenn das Virus komplett aus dem Körper entfernt wird. Dies ist nach wie vor ein Fernziel. Aber die funktionelle Heilung scheint in greifbare Nähe gerückt. »In den nächsten Jahren werden wir eher eine Heilung als eine Schutzimpfung bekommen«, sagte Dr. Hans Jäger, Leiter der 15. Münchner Aids- und Hepatitis-Tage, vor Journalisten in München.

 

Dass eine Heilung lange Zeit unmöglich erschien, liegt an den Besonderheiten des Retrovirus. Bei einer HIV-Infektion wird die Virus-RNA umgeschrieben und als provirale DNA in das Genom menschlicher Zellen integriert. In dieser Form persistiert das Virus in langlebigen T-Zellen, im Lymphgewebe, im Mukosa-assoziierten lymphatischen Gewebe des Darms oder im Zentralnervensystem. Viren, die sich in diesen Reservoiren »verstecken«, werden von der Therapie nicht erreicht, und können jederzeit reaktiviert werden.

 

Maximal 1 Prozent der HIV-infizierten Menschen könne die Virusvermehrung ohne jegliche Therapie mithilfe ihres Immunsystems dauerhaft kon­trollieren, berichtete Dr. Eva Wolf aus Jägers Team. Zu den Charakteristika dieser »Elite controller« (EC) gehören breite HIV-spezifische T-Zell-Antworten, genetische Faktoren wie bestimmte HLA-Allele und geringe HIV-Reservoire. Diese Personen entwickeln von Anfang an eine starke Immunantwort gegen das Virus.

 

Welche Faktoren hier bedeutend sind, wurde in Studien an sogenannten Transmissionspaaren untersucht, berichtete Privatdozentin Dr. Rika Dränert von der LMU München. Bei diesen Paaren ist ein Partner ein EC, während die Erkrankung bei dem anderen schnell fortschreitet. Man habe Polymorphismen auf Chromosom 6 im Bereich von HLA-Klasse-I-Allelen gefunden. Vor allem die HLA-Allele B57 und B27 wurden als günstige Faktoren entdeckt. Diese modifizieren CD8-T-Zell-Antworten. Außerdem gab es Punktmutationen in den Genen für die Corezeptoren CCR-5 und -2, die HIV als Zugang zur Wirtszelle nutzt. Dränert resümierte: »Viele Einzelfaktoren sind an der Kontrolle der Virämie beteiligt. Diese gelten aber oft nur für eine Untergruppe der EC.«

 

Viruskontrolle ohne Therapie

 

Anders als »Elite controller« haben »Post treatment controller« (PTC) keine protektiven HLA-Allele und zeigen eine hohe Viruslast während der primären Infektion, berichtete Wolf. Zu den PTC zählen 18 Patienten aus der Visconti-Studie, die sehr früh, noch während der primären HIV-Infektion antiretroviral behandelt wurden und nach Therapieende seit einigen Jahren keine nachweisbare Viruslast mehr haben. Die PTC haben eher ein normales Immunsystem, zeichnen sich aber durch eine hohe T-Helfer-Zellzahl und niedrige Titer an Zell-assoziierter proviraler DNA aus.

 

Einen ähnlichen Fall gibt es in Hamburg. Der Mann wurde während der akuten Phase der HIV-Infektion und dann fünf Jahre lang antiretroviral behandelt. Nach dem Absetzen ist bei ihm seit mittlerweile neun Jahren keine Virämie mehr nachweisbar.

 

Neben den »Visconti-Patienten«, dem Hamburger und zwei Berliner Patienten, die als funktionell geheilt gelten, hat auch das »Mississippi-Baby« für Aufsehen gesorgt. Nachdem HIV-DNA und -RNA im Blut nachgewiesen waren, erhielt es umgehend nach der Geburt eine Dreifachkombinationstherapie. Auch nach Absetzen der 18-monatigen Therapie blieb die Viruslast supprimiert. Virale DNA-Spuren können aber nachgewiesen werden, berichtete Wolf. Die Wissenschaftler vermuten, dass die frühe ART die Ausbildung von langlebigen Virus-Reservoiren geblockt hat. Bei Säuglingen wurde bereits beobachtet, dass die HIV-Reservoire limitiert sind und zum Teil weiter abnehmen, wenn die ART innerhalb von sechs Wochen nach der Geburt eingeleitet wurde.

 

Die Forscher gehen davon aus, dass 5 bis 15 Prozent der frühzeitig behandelten Patienten zu PTC werden könnten. Auch Jäger ist zuversichtlich: »Wir untersuchen derzeit, ob nicht mehr von den früh behandelten Personen zu den funktionell geheilten gehören als bisher angenommen.« Es gebe aber noch keine Laborparameter für die Prognose, welche Patienten das Virus ohne Therapie unterdrücken können. In den meisten Fällen flammt die Infektion nach Absetzen der ART wieder auf, und es kommt zum Virusrebound. /

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