Pharmazeutische Zeitung online
Jubiläum

Kunst schafft Kreativität

26.03.2013
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Von Conny Becker, Berlin / Das Pharmaunternehmen Bayer feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen. Den Auftakt der Jubiläumsveranstaltungen bildet eine Übersichtsschau im Martin-Gropius-Bau in Berlin, in der die Kunstsammlung Bayer erstmalig im größeren Umfang präsentiert wird. Bislang konnten ausschließlich Mitarbeiter und Kunden die Arbeiten aus dem 20. und 21. Jahrhundert in den Räumen des Unternehmens betrachten.

Das Büro des Bayer-Vorstandsvorsitzenden muss derzeit wie umgekrempelt aussehen. Denn Dr. Marijn Dekkers’ Lieblingswerke aus der Kunstsammlung des Unternehmens – ein mehr als 3,5 Meter breites Bild des Amerikaners David Shapiro und eine Frauenbronze von Gerhard Marcks – haben sein Büro verlassen und sind auf die Reise gegangen. Wie weitere 240 Arbeiten von 89 Künstlern kann man sie bis Juni in Berlin sehen, als Auswahl der insgesamt rund 2000 Werke umfassenden Sammlung Bayer. Gezeigt werden Bilder, Skulpturen oder Lithografien renommierter Künstler wie Max Beckmann, Andy Warhol oder Gerhard Richter, aber auch von wenig bekannten Gegenwartskünstlern, die Bayer in einem eigenen Förderprogramm unterstützt.

Hundert Jahre sammeln

 

Die Sammlung Bayer gilt als eine der ältesten Firmensammlungen Deutsch­lands, und mit Blick auf die Kulturarbeit des Unternehmens könnte man sogar von einem doppelten Jubiläum sprechen: Zum einen dem der Firmen­gründung am 1. August 1863 durch den Kaufmann Friedrich Bayer und den Färbermeister Friedrich Weskott in Wuppertal, zum anderen dem einer rund hundertjährigen Kulturarbeit im Unternehmen. Nachdem schon die beiden Gründerväter Gemälde für ihr Kontor gekauft haben sollen, wurde 1907 – ganz im Geiste des zu Beginn des Jahrhunderts verbreiteten Volksbildungsgedankens – eine Abteilung für Bildungswesen gegründet. Beeinflusst wurde diese Entscheidung wohlmöglich auch durch die Aktivitäten des Industriellensohns Karl Ernst Osthaus aus dem benachbarten Hagen, der sich die »kulturelle Hebung des industriellen Westens« durch Erziehung, Veredlung und Bildung auf die Fahne geschrieben hatte und dessen Aktivitäten die Region stark prägten.

 

Den eigentlichen Grundstein der Kunstsammlung Bayer legte Carl Duisberg, der den Konzern als erster Generaldirektor von 1912 bis 1925 leitete und zu einem international tätigen Großunternehmen aufsteigen ließ. »Duisberg war nicht nur Chemiker, sondern auch sehr interessiert an der Kunst«, sagte Michael Schade, Leiter der Unternehmenskommunikation bei Bayer, anlässlich der Ausstellungseröffnung in Berlin. Duisberg habe Geschäftsreisen nach Berlin gern mit Atelierbesuchen verbunden und sich unter anderem von dem deutschen Impressionisten Max Liebermann porträtieren lassen.

Zudem erwarb er Kunst für das Unternehmen, sodass die Kollektion zunächst ausschließlich von seinem Geschmack geprägt war. »Duisberg sammelte nicht systematisch, sondern nach dem Motto: Was mir gefällt, das kaufe ich«, erklärte Schade. Auch nachdem sich Friedr. Bayer & Co im Jahre 1925 mit weiteren deutschen Farbenfabriken zur I.G. Farbenindustrie zusammenge­schlos­sen hatte, kaufte Duisburg weitere Kunstwerke an. Mit seinem Tod 1934 kam die Sammlungstätigkeit zum Erliegen und wurde erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Firmenneugründung 1950 wieder aufgenommen.

 

Nach der Ära Duisberg wechselten die Verantwortlichen häufiger, sodass eine recht heterogene Sammlung entstand. Dennoch ergeben sich einige Schwerpunkte, die sich auch in der Berliner Ausstellung erkennen lassen. Den Anfang bilden hier die deutschen Expressionisten mit Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel oder Karl Schmidt-Rottluff, von denen Arbeiten auf Papier zu sehen sind. Ein Credo für den Kunstankauf nach 1950 lautete, dass die Kunst nicht zu teuer sein sollte. So wurde auch aus der sogenannten École de Paris ausschließlich Druckgrafik erworben, wovon in Berlin unter anderem eine Lithografiefolge eines Mädchenkopfes von Pablo Picasso, Drucke von Georges Braque oder farbenreiche Lithografien von Joan Miró und Marc Chagall gezeigt werden.

 

Besonders gelungen ist die Präsentation des abstrakten Malers Ernst Wilhelm Nay mit zwei großformatigen sogenannten Scheibenbildern in den Primärfarben Rot, Gelb und Blau, die von Bleistiftzeichnungen des Künstlers ergänzt werden. Die deutsche informelle, nichtfigurative Malerei ist beispielsweise mit Bernhard Schulze vertreten und auch die neue Begeisterung für Malerei in den achtziger Jahren spiegelt die Sammlung wider. Damals schufen die als »Neue Wilde« bezeichneten Künstler um Martin Kippenberger und Albert und Markus Oehlen »schlechte Malerei«, um Kritik an traditionellen Vorstellungen zur Kunst zu üben. Zu dieser Zeit hielt auch die Fotografie Einzug in die Gegenwartskunst – in der Ausstellung repräsentiert durch einige Arbeiten von Schülern des in Düsseldorf lehrenden Fotografenpaares Bernd und Hilla Becher, die in keiner Museumssammlung mehr fehlen dürfen. Neben großen Namen sind aber auch regionale Künstler aus dem Leverkusener und Kölner Gebiet vertreten sowie im letzten Jahrzehnt entstandene Werke von jungen Nachwuchskünstlern.

 

Kunst am Arbeitsplatz

 

Neben seiner Sammeltätigkeit fördert Bayer mit seinem stART-Programm seit 2009 junge Talente aus den Bereichen Musik, Tanz, Schauspiel und bildende Kunst und organisiert Ausstellungen von Klassen verschiedener deutscher Kunsthochschulen. Bereits seit Anfang der siebziger Jahre vergab der Kulturkreis des BDI Stipendien an junge Künstler, die bei Bayer mit neuen Werkstoffen und Techniken experimentieren konnten. In der Kunststoff-Anwendungstechnik arbeiteten beispielsweise Roberto Cordone, der mit seinen amorphen Skulpturen dreidimensionale Molekülmodelle künstlerisch nachempfand, oder Hildegard Tolkmitt, die als »Künstler-Forscherin« sogar zwei Patente anmelden konnte. Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst finden schon seit 1950 im Kulturhaus in Leverkusen statt, in dem auch Teile der Sammlung bereits themenbezogen zu sehen waren.

Wenngleich auch großformatige Meister­werke eher in der Konzernzentrale zu finden sind, so kann sich doch prinzipiell jeder Mitarbeiter Kunstwerke seiner Wahl für das Büro, den Flur oder das Konferenz­zimmer in der betriebs­eigenen Artothek ausleihen. »Die Arbeiten, die in Berlin zu sehen sind, stammen nicht aus einem Depot, sondern aus den Büro­räumen, auch aus denen des Vorstands«, unterstrich Schade. Dem Unternehmen sei es ein besonderes Anliegen, bildende Kunst mit der Arbeit zu verbinden, denn schließlich sei sie »Stimulanz für kreative Denkan­sätze«. Und so vermisst derzeit der ehemalige Vorstands­vorsitzende Werner Wenning in seinem Büro die Bronzeskulptur »Der singende Mann« von Ernst Barlach ebenso wie viele Bayer-Mitarbeiter ihre persönlichen Lieblingsstücke. /

Die Sammlung Bayer

Von Beckmann bis Warhol – Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

 

Bis 9. Juni 2013, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, www.berlinerfestspiele.de.

 

Zur Ausstellung entstand ein Katalog.

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