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Lob und Tadel für die Apotheker

30.03.2010  16:46 Uhr

Von Fritz Becker / Einen Ostergruß der besonderen Art zogen viele Apothekerinnen und Apotheker in den vergangen Tagen und Wochen aus dem Briefkasten. Der Absender: die AOK Baden-Württemberg! Das Osterei: Vorhaltungen und Drohungen in Sachen Rabattverträge.

Weit über 2000 Kolleginnen und Kollegen in Baden-Württemberg wird in dem Serienbrief vorgeworfen, dass sie ihrer Verpflichtung zur Umsetzung der Rabattvereinbarungen der AOK Baden-Württemberg nur ungenügend nachkämen. Individuell auf die einzelne Apotheke bezogen wurden in den Schreiben fein säuberlich die aus Sicht der Kasse ungenügenden Erfüllungsquoten aufgelistet.

Die vorgebrachten Zahlen decken sich nicht mit den Zahlen, die die Apotheken in dieser Sache aus ihrem Rechenzentrum erhalten haben. Unverklausuliert droht man den Kolleginnen und Kollegen im Weiteren entsprechende Retaxationen, Vertragsstrafen und sogar den Ausschluss von der Versorgung an, wenn sich die Erfüllungsquote nicht deutlich verbessere.

 

Pikant an diesem Brief sind gleich mehrere Dinge: Erstens drängt sich die Frage auf, auf welcher Datenbasis und durch welche zugrunde liegenden Rechenoperationen die betreffende AOK die angegebenen Erfüllungsquoten ermittelt hat. Dazu ein Beispiel: Seit Monaten streiten die Kassen mit den Apothekern unter anderem um die Auslegung der Frage, ob eine Verordnung über 100 Tabletten durch ein Rabattarzneimittel, das allerdings nur 98 Tabletten enthält, ausgetauscht werden darf. Die juristische Position der Apothekerschaft ist klar und eindeutig. Sie lautet: Nein – ein Austausch darf in einem solchen Fall nicht erfolgen. Entsprechend zeigt die Apothekensoftware auch nicht an, dass ein Austausch zu einem Rabattarzneimittel erfolgen muss. Also gibt der Apotheker in diesem Fall mit gutem Gewissen auch kein Rabattarzneimittel ab. Aus Sicht des Apothekers wird also die Rabattquote statistisch gar nicht berührt, denn die Abgabe eines Rabattartikels wäre rechtlich verboten.

 

Exakter Packungsinhalt zweitrangig

 

Die AOK sieht die Sache offenkundig völlig anders. Sie ist der Auffassung, dass nur die N-Größen-Bezeichnung, nicht aber der konkrete Packungsinhalt übereinstimmen muss. Aus unserer Sicht ein Irrtum, aber für die Kasse liegt durch ihre Interpretation statistisch gesehen ein Verstoß gegen die Pflicht zur Abgabe eines Rabattarzneimittels vor und die Erfüllungsquote des Apothekers sinkt.

 

Ähnliches gilt wohl für den Themenkomplex Indikation. Hier scheint es AOK-Meinung zu sein, es sei ausreichend, wenn eine (!) Indikation bei verordnetem und zu ersetzendem Arzneimittel identisch ist. Zweiter Irrtum! Aus unserer Sicht muss Gleichheit in allen Indikationen gegeben sein, um ein Arzneimittel austauschen zu dürfen. Wieder wird die abgebende Apotheke hinsichtlich ihrer Erfüllungsquote ungerechtfertigt belastet.

 

Drittens: Unklar ist, ob die AOK bei ihrer Berechnung der Erfüllungsquoten die berechtigten pharmazeutischen Bedenken anerkennt, die über eine Sonder-PZN dokumentiert werden. Tut sie es nicht, widerspricht sie auch hier der Gesetzes- und Vertragslage sowie unserer Rechtsauffassung.

 

Der Serienbrief in Baden-Württemberg erhält zusätzliche Brisanz, wenn man das Treiben der AOK in anderen Bundesländern etwas genauer betrachtet. Nahezu zeitgleich mit den baden-württembergischen Drohungen der AOK erhielten im Nachbarbundesland Bayern viele Kolleginnen und Kollegen ein Schreiben der bayerischen AOK, die sich – ebenfalls unter Nennung der einzelnen Erfüllungsquoten in Sachen Rabattverträge – für die Umsetzung dieser Verträge ausdrücklich bedankte. Die Erfüllungsquoten der bayerischen und der baden-württembergischen Kolleginnen und Kollegen sind dabei nahezu identisch. Weiß hier die eine AOK nichts von der anderen? Gehen in den einzelnen Bundesländern die AOK-Uhren so unterschiedlich? Wie kann es sein, dass man von der gleichen Kasse für gleiches Tun einmal gelobt und einmal abgemahnt wird? Die bayerischen Apotheken erhalten ab 60 Prozent Umsetzungsquote einen Bonus von einem Euro pro Packung und in Baden-Württemberg erhält man für Umsetzungsquoten von an die 90 Prozent die Androhung einer Vertragsstrafe von 25000 Euro. Baden-Württemberg Grund für eine Abmahnung. Und es zeigt sich: Hier wird mancherorts Partnerschaftlichkeit durch Selbstherrlichkeit ersetzt.

 

Aufforderung zum Rechtsbruch

 

Aber die AOK kann sogar noch mehr: Im Bundesland Rheinland-Pfalz erhielten Kolleginnen und Kollegen Retaxationen dafür, dass sie bei einer verordneten Menge 60Tabletten auch tatsächlich eine Packung mit 60 Tabletten abgegeben haben. Wohlbemerkt ein Rabattarzneimittel. Beanstandung der AOK: Die Abgabe von zwei 30er- Packungen wäre preiswerter gewesen. War nicht das Thema »Stückelung« noch vor wenigen Monaten Gegenstand immens laut geäußerter Kritik an uns Apothekerinnen und Apothekern? Wurde uns nicht Rabatterschleichung durch die Hintertür vorgeworfen, und wurden wir nicht deutlich auf die Rechtslage hingewiesen? Und nun fordert die AOK über das Mittel der Retaxation zum Rechtsbruch auf. Unglaublich – aber wahr!

 

Die unterschiedliche Reaktionen der einzelnen AOK zeigen mir: Hier weiß die linke Hand nicht, was die rechte tut. Was in Bayern Grund für ein Lob ist, ist in längst aus den Augen verloren zu haben. Vergessen scheint auch das Lieferanten-Debakel bei der Einführung der Rabattverträge. Vergessen, welche immensen Anstrengungen unser Berufsstand hat aufbringen müssen, um die handwerklich schlechten Rabattverträge mit Leben zu erfüllen. Vergessen, welche immensen Einsparungen aus Rabattvereinbarungen durch unsere Umsetzungsarbeit in den vergangenen Jahren eingespielt wurde. Vergessen auch das AOK-hausgemachte Problem der derzeitigen Rabattverträge, die wieder einmal bei vielen Schlüssel-Wirkstoffen nur einen Lieferanten benannt haben. Offenbar nicht präsent ist auch, dass zum 1. April eine neue Tranche von AOK-Rabattverträgen auf die Umsetzung durch uns Apothekerinnen und Apotheker wartet.

 

Den rheinland-pfälzischen Kollegen solche Taxationsbeanstandungen vorzulegen, ist ein Rechtsbruch. Den baden-württembergischen Apothekerinnen und Apothekern den kollektiven Vorwurf zu machen, die AOK-Rabattverträge nicht gewissenhaft genug umzusetzen, ist weder gerecht noch lauter. Parallel dazu über die Öffentlichkeitsarbeit der Kasse anfragen zu lassen, ob nicht die Apotheken in Baden-Württemberg einen AOK-Flyer zum Start der neuen Rabattverträge im April auslegen würden, mutet dabei zynisch an.

 

Eindeutige Rechtslage notwendig

 

Was wir brauchen ist eine eindeutige Rechtslage in Sachen Austauschbarkeit. Hier darf es keinen Interpretationsspielraum geben. Die Meindungsverschiedenheiten darüber dürfen nicht auf dem Rücken von uns Apothekern ausgetragen werden. Gefordert ist hier der Gesetzgeber, der seine Gesetze handwerklich sauber machen muss oder – wie in diesem Fall – überarbeiten muss. Das Ministerium kennt unsere Forderungen, und es kennt das Dilemma, in dem wir uns befinden. Zumindest die AOK Baden-Württemberg scheint sich indes vorgenommen zu haben, den aus ihrer Sicht existierenden Graubereich in ihrem Sinne durch Drohgebärden und Einschüchterungen auszufüllen. Dagegen werden wir uns gemeinsam mit den betroffenen Kollegen wehren – mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. /

Der Autor

Fritz Becker ist seit Januar 2009 Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes und seit 1998 Präsident des Landesapothekerverbandes Baden-Württemberg. Er kann auf unzählige Gespräche und Verhandlungen mit der AOK zurückblicken.

 

Fritz Becker

Deutscher Apothekerverband

Jägerstraße 49/50

10117 Berlin

Lesen Sie dazu auch AOK: Zweifelhafte Rabattquoten

 

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