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Kassenleistungen

Beske fordert Richtungswechsel

30.03.2010  16:46 Uhr

Von Martina Janning, Berlin / Eine zunehmende Zahl alter Menschen mit mehr medizinischem Bedarf und sinkende Kasseneinnahmen erfordern einen Paradigmenwechsel in der Versorgung, sagt Professor Fritz Beske. Er plädiert für eine Priorisierung und Rationierung von Kassenleistungen.

»Gesammelte Werke von Fritz Beske« könnte der Titel des neuen Bandes aus der Schriftenreihe des Instituts für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) in Kiel lauten. Er heißt stattdessen »Bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung bei begrenzten Mitteln«, aber Institutsleiter Professor Dr. Fritz Beske wiederholt darin seine bekannten Ansichten. So warnt er davor, die demografische Entwicklung hin zu einer Gesellschaft mit überwiegend alten Menschen drohe, die Möglichkeiten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu sprengen.

»Mit begrenzten Mitteln sind nicht unbegrenzte Leistungen zu erbringen«, sagte er in Berlin bei der Präsentation seiner Analyse. »Die Schere zwischen dem, was möglich ist und was finanziert werden kann, geht auseinander.« Wenn nichts geschehe, erreiche der Beitragssatz zur GKV im Jahr 2050 die 28-Prozent-Marke, schätzt der Institutsleiter.

 

Kassenkatalog abspecken

 

Beskes Konsequenz: den Angebotskatalog der Kassen abspecken. »Die GKV muss sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Eine Methode dazu ist die Priorisierung und Rationierung von Leistungen«, sagte er. Nach seiner Ansicht sollte die Politik die Bundesärztekammer (BÄK) beauftragen, eine Priorisierung in die Wege zu leiten. Danach könnten Gremien zur Rationierung ihre Arbeit aufnehmen. Der Gesundheitsökonom sieht die zukünftige Finanzierbarkeit nicht als ein exklusives Problem des deutschen Gesundheitssystems: Skandinavische Länder wie Schweden, Norwegen und Finnland suchten schon seit Jahren nach Möglichkeiten, wie die Solidargemeinschaft medizinische Leistungen weiterhin bezahlen könne, erklärte Beske.

 

Auch die Ärzteschaft sieht die Notwendigkeit, Kassenleistungen zu priorisieren und zu rationieren. »Ein universelles Leistungsversprechen ist nicht länger zu verantworten. Das betrifft das gesamte Gesundheitswesen«, sagte der BÄK-Hauptgeschäftsführer Professor. Dr. Christoph Fuchs. Er mahnte einen Paradigmenwechsel an, wonach die Zuteilung nicht mehr nach Bedarf, sondern nach Mitteln erfolgen müsse. Um die vorhandenen Ressourcen möglichst sinnvoll einzusetzen, will Fuchs die Felder der Gesundheitsversorgung nach Dringlichkeit ordnen. Das sollte seiner Meinung nach aber nicht die BÄK tun, sondern ein »Gesundheitsrat«, der nach dem Vorbild des Nationalen Ethikrates politisch angebunden und »Ausdruck eines breiten gesellschaftlichen Konsens« ist. Fuchs betonte, dass Priorisierung nicht zwangsläufig zu Rationierung führen müsse, räumte aber ein, dass dies – zum Beispiel über Wartelisten – geschehen kann.

 

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, forderte, die Begriffe Priorisierung und Rationierung zu »entdämonisieren«. Eine implizite Rationierung sei bereits heute an der Tagesordnung. Diese müsse aber nicht der einzelne Arzt in seiner Praxis vornehmen, sondern die Gesellschaft, sagte Köhler.

 

Der neuste Beske-Band wurde von der KBV und der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe gesponsert. Es handele sich aber um eine unabhängige Arbeit, betonte der IGSF-Chef. /

75 Prozent mehr Infarkte

Mehr alte Menschen bedeuten mehr altersbedingte Krankheiten, sagt Professor Dr. Fritz Beske. Der Gesundheitsökonom schätzt, dass bis zum Jahr 2050 die Zahl der Herzinfarkte um 75 Prozent steigt. Schlaganfälle werden nach seiner Meinung um 62 Prozent zunehmen. Bei der Zahl der Krebserkrankungen sieht er ein Plus um 27 Prozent im Jahr, bei Demenzleiden sogar einen Zuwachs um 100 Prozent.

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