Pharmazeutische Zeitung online
ADHS

Sozialer Ausgrenzung vorbeugen

28.03.2006
Datenschutz bei der PZ

ADHS

Sozialer Ausgrenzung vorbeugen

von Christiane Berg, Hamburg

 

Etwa 3 bis 10 Prozent aller Schulkinder in Deutschland weisen Symptome einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auf. Unbehandelt laufen die Kinder Gefahr, sozial isoliert zu werden.

 

Die Symptome einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) äußern sich bei jedem Kind anders und lassen sich zumeist nicht scharf von Normvarianten abgrenzen. »Es muss immer sorgfältig geprüft werden, ob nicht doch andere Ursachen für das Krankheitsbild vorliegen«, sagte Dr. Sabine Döring, München, auf einer Veranstaltung der Lilly Deutschland GmbH.

 

Differentialdiagnostisch ausgeschlossen werden müssten psychische Überforderung (Anpassungsstörung), intellektuelle Unter- und Überforderung (IQ-Test), Entwicklungs- oder Teilleistungsstörungen beim Schreiben, Lesen und Rechnen sowie höhergradige Seh- oder Hörstörungen. Auch potenzielle organísche Ursachen wie eine Schilddrüsenüberfunktion (Labor), Anfallserkrankung (EEG), körperliche Erkrankung mit ZNS-Beteiligung, Allergie oder juckendes Ekzem (zum Beispiel Neurodermitis), Zwangs- und Angststörung, psychiatrische Erkrankung sowie Autismus und Tourette-Syndrom müssen vorab geklärt werden.

 

Voraussetzung für eine saubere Diagnose von ADHS sei, dass die Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten in einem dem Entwicklungsstand des Kindes nicht angemessenen Maß persistieren. Die Auffälligkeiten müssen bereits vor dem sechsten Lebensjahr vorhanden sein und sich in mindestens zwei Lebensbereichen wie in Familie, Kindergarten oder Schule manifestieren. Döring machte deutlich, dass etwa 3 bis 10 Prozent aller Kinder im schulpflichtigen Alter Symptome einer ADHS zeigen. Dabei sind Jungen etwa viermal häufiger als Mädchen betroffen. Bei bis zu 60 Prozent der betroffenen Kinder können die Symptome in unterschiedlicher Ausprägung bis in das Erwachsenenalter fortbestehen. Die Erkrankung ist individuell unterschiedlich stark ausgeprägt und von unterschiedlichen Krankheitszeichen gekennzeichnet.

 

Die Probleme der ADHS-Kinder ziehen sich meist wie ein roter Faden durch den Tag. Die Kinderärztin sprach von der »ständigen Diskussion um Selbstverständlichkeiten« sowie von »Nerven zerreibenden Auseinandersetzungen« und »einem fortwährenden Hickhack«, das den Alltag von Eltern und Kindern prägt. Vor allem Jungen neigten dazu, den Klassenkasper zu mimen und den Unterricht zu stören. Mädchen zeichnen sich in der Schule durch Chaos und Vergesslichkeit aus. Nachmittags schließe sich der »Kriegsschauplatz Hausaufgaben« an, auf dem die Situation oftmals zu eskalieren droht. Da die Kinder sozial nicht richtig integriert seien, wolle häufig keines der Gleichaltrigen mit ADHS-Kindern spielen. Sie werden häufig nicht zu Kindergeburtstagen eingeladen. Auch aus Sportvereinen und Musikgruppen werden sie zum Teil ausgeschlossen.

 

Abends kehre zumeist erst spät Ruhe ein, da die betroffenen Kinder unter Ein- und Durchschlafstörungen leiden, erklärte Döring. Auf Grund der ständigen Reibereien sei die Mutter-Kind-Beziehung stark belastet. In Familien mit ADHS-Kindern komme es drei- bis fünfmal häufiger zu Scheidungen oder Trennungen der Eltern. Auch die Geschwister seien in vielen Fällen strapaziert. Die ständige Aufmerksamkeit für das »Problemkind« könne Eifersucht und Rivalität erzeugen, so die Kinderärztin.  

 

Je nach Schweregrad der Erkrankung erfolgt die Therapie multimodal bei gleichzeitiger Aufklärung und Beratung der Eltern (ambulantes Elterntraining, Familientherapie) sowie zielgerichteter psychosozialer Intervention auch in Kindergarten und Schule, sagte Dr. Andrea Caby, Aschendorf. Es gelte, das individuell unterschiedliche Potenzial des ADHS-Kindes durch spezifisches Coaching aller Beteiligten zu nutzen und zu fördern. Eine medikamentöse ADHS-Therapie mit dem Psychoanaleptikum Methylphenidat, MPH (Ritalin®, Medikinet® et cetera), als Mittel der Wahl sei in vielen Fällen ergänzend notwendig, um zunehmenden Entwicklungs- und Sekundärstörungen sowie nachhaltig prägender sozialer Ausgrenzung, die die spätere Anfälligkeit für »falsche Kreise« fördert, vorzubeugen. Laut Caby griffen verhaltenstherapeutische, ergo- und logopädische Maßnahmen oft erst unter der Medikation.

 

Individuelles Potenzial fördern

 

Als eine weitere Option nannte die Referentin den selektiven Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) Atomoxetin (Strattera®), der seit März 2005 zur Behandlung von Kindern ab sechs Jahren und Jugendlichen mit ADHS als Teil eines umfassenden Behandlungsprogramms zugelassen ist. Manche Eltern würden eine Therapie mit MPH ablehnen, da es als Psychostimulanz dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt, gab Caby an. Eine Ersteinstellung auf Atomoxetin sei indiziert bei Komorbiditäten wie Tic-Störungen, Ängsten und Depressionen, autistische Verhaltensweisen oder Impulskontrollstörungen. Zu einer Umstellung von MPH auf Atomoxetin rate sie bei mangelnder Wirksamkeit oder unzureichender Verträglichkeit von Methylphenidat. So könne dieser Wirkstoff bei manchen Kindern zu Appetitlosigkeit, Reizbarkeit, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen führen.

 

Charakteristisch für das Psychoanaleptikum sei zudem der diskontinuierliche Wirkverlauf bei mehrmals täglicher Gabe. Daraus, so Caby, können Schwankungen der Symptomkontrolle besonders am Abend und am Morgen resultieren. Die einmal tägliche Gabe von Atomoxetin trage nicht nur zur kontinuierlichen Linderung der ADHS-Symptome über den Tag und die Nacht und somit zur Verbesserung der familiären Situation am Morgen und am Abend, sondern auch zur Stärkung der Compliance bei. Auch wenn langjährige Erfahrungen mit Atomoxetin in Deutschland noch fehlen: Mit dem SNRI, das zeige eine eigene, seit 24 Monaten laufende Patientenbeobachtung an 60 Kindern mit ADHS im Alter von sechs bis 18 Jahren, seien therapeutische Erfolge bei zwei Drittel der Kinder zu erzielen. Doch nebenwirkungslos ist das Präparat nicht. In einem Rote-Hand-Brief vom 29. September 2005 warnt der Hersteller Lilly vor einer erhöhten Suizidalität unter Atomoxetin. In einer Meta-Analyse von Daten mehrerer klinischer Studien zeigte sich ein signifikanter Unterschied zwischen der Verum- und der Placebogruppe. Unter dem SNRI hatten insgesamt fünf Jugendliche Suizidgedanken, einer verübte einen Selbstmordversuch. In der Placebogruppe traten keine Ereignisse dieser Art auf, meldet das Unternehmen.

 

Niedriger sozialer Status, häufiger Jobwechsel, Depressionen: Beide Referentinnen betonten, dass eine unbehandelte ADHS schwer wiegende Folgen im Erwachsenenalter nach sich ziehen kann. Etwa 35 Prozent der ADHS-Jugendlichen brechen vorzeitig die Schule ab. Andere ADHS-Kinder erlangen nur einen sehr niedrigen, nicht ihrer Intelligenz entsprechenden Schulabschluss. Die Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz gestalte sich somit oftmals sehr schwierig, ein niedriges Einkommen sei die Regel. Döring betonte, dass neben einem erhöhten Unfallrisiko auch ein beträchtliches Risiko für Alkohol- und Drogenmissbrauch zu verzeichnen sei. Bei unbehandelten ADHS-Kindern werde eine höhere Strafanfälligkeit im Erwachsenenalter, vor allem im Bereich von Straftaten mit hoher Affektentladung (Körperverletzungen und Sexualdelikte) beobachtet.

 

ADHS als neurobiologische Störung multifaktorieller Ursache mit striatofrontaler Dysfunktion komme heutzutage nicht häufiger als früher vor, trete aber aktuell verstärkt und offensichtlicher zu Tage. Die zunehmende, mit einer steigenden Strukturlosigkeit einhergehende Komplexität des Lebens und fortschreitende Vernetzung der Gesellschaft, die wiederum zur Reizüberflutung durch TV, Computer, Internet und Handy führt, habe zur erhöhten Zahl der behandlungsbedürftigen Betroffenen in den letzten Jahrzehnten beigetragen.

Mehr von Avoxa