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Interview

»Ein sehr sicheres System«

28.03.2006
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Interview

»Ein sehr sicheres System«

von Christina Hohmann, Eschborn

 

Der missglückte Arzneimitteltest in London wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie sicher ist unser Zulassungsverfahren? Welche Konsequenzen sind nun zu ziehen? Die PZ sprach mit Dr. Christian Steffen, Leiter des Fachgebiets klinische Prüfung am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).

 

PZ: Für wie sicher halten Sie das momentan geltende Zulassungsverfahren?

Steffen: Wir haben ein sehr sicheres Verfahren. Meiner Meinung nach ist die Arzneimittelprüfung sicherer als die normale spätere Anwendung von Medikamenten. Zum Teil werden Arzneimittel außerhalb der Zulassung oder in allen möglichen Kombinationen eingesetzt. In klinischen Untersuchungen werden die Patienten dagegen sehr stark medizinisch überwacht, und viele Patientengruppen werden ausgeschlossen, so dass das Risiko für die Probanden sehr gering ist.

 

PZ: Wie viele klinische Studien werden in Deutschland pro Jahr durchgeführt?

Steffen: Zwischen 1200 und 1400 klinische Studien pro Jahr. Davon sind etwa ein Viertel, also rund 300, Phase-I-Studien. Dabei muss man allerdings differenzieren: Nicht alle neuen Arzneistoffe, die in Phase I gelangen, sind völlig unbekannt. Viele sind neue Vertreter einer bereits bekannten Substanzklasse. Es ist etwas ganz anderes, wenn ich einen Antikörper das erste Mal bei Menschen einsetze, als wenn ich einen Betablocker, der sich von seinem Vorgänger nur in einer Methylgruppe unterscheidet, anwende.

 

PZ: Wie häufig sind Zwischenfälle dieser Art? Ist etwas Vergleichbares schon einmal vorgekommen?

Steffen: So etwas ist noch nie passiert. Unerwartete Reaktionen kann man aber nie hundertprozentig ausschließen, da alle unsere Testsysteme, die wir in präklinischen Untersuchungen verwenden, auf Erfahrungen beruhen. Bei einem völlig neuen Wirkmechanismus der Testsubstanz könnte es sein, dass deren Risiken in den bisherigen Prüfungen nicht erfasst werden. Dies ist allerdings eine sehr seltene Situation.

 

PZ: Wie sehen die Bestimmungen für die präklinischen Untersuchungen aus?

Steffen: Das ist sein umfassendes Regelwerk, wie die Studien zu den verschiedenen Wirkstoffen auszusehen haben. Je nachdem, ob es sich um eine Substanz für eine einmalige Anwendung oder für eine Langzeitanwendung handelt, wird vor Beginn der klinischen Studien eine ganze Batterie von Parametern getestet: Akute, subchronische oder chronische Toxizität, Genotoxizität, Kanzerogenität, Embryotoxizität oder Auswirkungen auf nachfolgende Generationen.

 

PZ: Wie gut sind die Ergebnisse aus Tierversuchen auf den Menschen übertragbar?

Steffen: Antikörper sind generell sehr speziesspezifisch. Daher ist bei ihnen die Übertragbarkeit schlechter als bei kleinen Molekülen. Bei Blausäure zum Beispiel ist die Wirkung vom Käfer über die Schnecke bis zum Säugetier gleich, weil das Molekül die Cytochrom-Oxidase hemmt, die in der Evolution stark konserviert wurde. Differenziertere Arzneimitteln wie Psychopharmaka dagegen wirken bei verschiedenen Tierarten durchaus unterschiedlich. Bei Antikörpern kann es sein, dass die Zielstruktur bei den verschiedenen Spezies etwas unterschiedlich gebaut ist.

Da ist eine Übertragbarkeit sicherlich schwieriger. Es könnte auch vorkommen, dass der Mensch eine Mutation in einer Zielstruktur aufweist und ganz anders reagiert als die Versuchstiere. Das ist sicherlich theoretisch möglich, aber insgesamt ist das Zulassungsverfahren ein sehr sicheres System.

 

PZ: Welche Konsequenzen sollten aus dem Zwischenfall gezogen werden?

Steffen: Das Zulassungsverfahren funktioniert wie gesagt sehr gut. Der Vorschlag von Herrn Löwer (Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts), dass man zunächst einen Probanden behandelt, dann abwartet und nach zwei Stunden oder am nächsten Tag den nächsten Probanden behandelt, ist sicherlich vernünftig. Dies ist sinnvoll bei Arzneistoffen, die völlig unbekannt sind und deren Wirkung nicht abzuschätzen ist. Bei solchen kritischen Arzneistoffen sollte man mit sehr geringen Dosen anfangen und diese langsam erhöhen. Dass diese Vorgehensweise generell bei allen Arzneistoffen angewendet werden sollte, kann ich nicht .

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