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Kopf-Hals-Tumoren

Cetuximab bald mit neuer Indikation

28.03.2006
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Kopf-Hals-Tumoren

Cetuximab bald mit neuer Indikation

von Conny Becker, Berlin

 

Cetuximab blockiert gezielt den epidermalen Wachstumsfaktorrezeptor (EGFR), der nicht nur von Darmkrebszellen exprimiert wird, sondern auch von Zellen bei Kopf-Hals-Tumoren. Studien mit dem monoklonalen Antikörper bei der neuen Indikation sind viel versprechend, die Zulassung könnte in den nächsten Wochen erfolgen.

 

Sind Kopf-Hals-Tumoren bereits im fortgeschrittenen Stadium, ist die Prognose für die Patienten schlecht. So überleben die Betroffenen die nächsten fünf Jahre nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 22 bis 50 Prozent, je nach Stadium und Lokalisation, berichtete Professor Dr. Rainald Knecht, Frankfurt, auf einer Pressekonferenz der Firma Merck im Rahmen des Deutschen Krebskongresses in Berlin. Leider würden die Tumoren in der Regel erst in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert. Für die Patienten bedeute dies, dass der Tumor nicht mehr primär chirurgisch entfernt werden kann, sondern eine Kombination aus Platin-basierter Chemo- und Strahlentherapie (eventuell mit nachfolgender OP) den Standard bildet.

 

In dieser Situation wurde auch der Einsatz von Cetuximab getestet. Denn 95 bis 100 Prozent der Kopf-Hals-Tumoren exprimieren EGFR, sagte Professor Dr. Jürgen Debus, Heidelberg. In einer Phase-III-Studie erhielten Patienten mit lokal fortgeschrittenen Kopf-Hals-Tumoren randomisiert entweder nur eine Hochdosis-Strahlentherapie (n = 213) oder zusätzlich wöchentlich Cetuximab intravenös (n = 211). Die Dosierung betrug dabei 400 mg/m2 Körperoberfläche initial, dann 250 mg/m2 in den Wochen 2 bis 8; bestrahlt wurde je nach Zentrum ein oder zweimal täglich, beginnend ab Woche 2.

 

Wie das Follow-up von durchschnittlich 54 Monaten zeigte, konnte die zusätzliche Gabe von Cetuximab die lokoregionale Tumorkontrolle signifikant bessern (primärer Endpunkt). Des Weiteren verlängerte die Kombinationstherapie die mittlere Überlebenszeit mit einem Gewinn von 20 Monaten deutlich gegenüber der alleinigen Radiotherapie (29 versus 49 Monate). »Das Drei-Jahres-Überleben war um 10 Prozentpunkte gesteigert«, sagte der Strahlentherapeut. So lebten nach diesem Zeitraum noch 55 Prozent der Patienten aus dem Kombinationsarm gegenüber 45 Prozent aus dem Radiotherapiearm.

 

Zwar sind ähnlich gute Ergebnisse auch von Kombinationen aus Radiotherapie und Cisplatin bekannt, im Gegensatz dazu sei es unter Cetuximab jedoch zu keiner wesentlichen Nebenwirkungszunahme gekommen, so Debus. Auffällig sei allein der bereits aus der Therapie des Kolonkarzinoms bekannte akneähnliche Hautausschlag, von dem 87 Studienteilnehmer betroffen waren. Dieser scheint allerdings mit dem Ansprechen zu korrelieren, was die Patienten vorher wissen sollten. »Cetuximab ist somit eine Alternative für Patienten, die keine klassische Chemotherapie wollen«, resumierte der Mediziner. Derzeit in Prüfung sei, ob eine sich anschließende Erhaltungstherapie noch günstigere Ergebnisse liefern könnte. Auch die Dreierkombination Radiotherapie/Cispatin/Cetuximab werde getestet.

 

Auf Grund der Phase-III-Studie hat Cetuximab vor einem Monat bereits eine positive Stellungnahme zur Indikationserweiterung von der europäischen Zulassungsbehörde erhalten. Bereits zugelassen ist Erbitux® zur Behandlung von lokal fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinomen des Kopfes und Halses in der Schweiz und in den USA/Argentinien (jeweils in Kombination mit Strahlentherapie, in den USA/Argentinien zudem als Monotherapie bei Rezidiven oder Metastasen). Die europäische Zulassung der Kombination mit einer Radiotherapie bei fortgeschrittenen Stadien erwartet der Hersteller im April.

 

Rezidivtherapie im Test

 

Auch bei rezidivierenden oder metastasierten Kopf-Hals-Tumoren wird der Einsatz von Cetuximab geprüft. Derzeit erhalten die Patienten als Kombinationstherapien in der First-line zum Beispiel Cis- oder Carboplatin plus 5-Fluoruracil oder mittlerweile auch Kombinationen mit Taxanen, berichtete Professor Dr. Hansjochen Wilke aus Essen. Zwar habe die kombinierte Behandlung die Tumorrückbildung gegenüber der Monotherapie auf 30 Prozent verdoppelt, das Überleben sei aber nicht wesentlich verbessert (5 versus 6 bis 6,5 Monate).

 

Eine Phase-III-Studie beleuchtete nun, welchen Vorteil eine zusätzliche Infusion von Cetuximab gegenüber einer alleinigen Cisplatin-Therapie (100 mg/m2 alle 28 Tage) bringt. 116 Patienten mit rezidivierter oder metastasierter Erkrankung erhielten randomisiert neben der Platintherapie entweder wöchentlich den Antikörper oder Placebo. Primärer Endpunkt war die Ansprechrate, die unter der Verumtherapie mit 26 gegenüber 10 Prozent deutlich erhöht war. Zudem lebten die Patienten unter Cetuximab durchschnittlich mehr als einen Monat länger als diejenigen des Kontrollarms, was allerdings nicht signifikant war (9,3 versus 8 Monate). Nach zwei Jahren betrug die Überlebensrate 16 gegenüber 9 Prozent. Als weiterer sekundärer Endpunkt wurde die Verträglichkeit untersucht, die Wilke als gut bezeichnete. Grad-3/4-Nebenwirkungen waren im Verumarm nicht signifikant gegenüber dem Kontrollarm erhöht, ausgenommen der akneähnliche Hautausschlag, der jedoch signifikant mit dem Ansprechen korrelierte.

 

Neben dieser Erstlinientherapie könnte Cetuximab auch eine Option für Patienten mit metastasierten oder rezidivierten Tumoren darstellen, deren Erkrankung unter Platin-basierter Therapie fortgeschritten ist. In dieser Situation gibt es laut Wilke derzeit kein standardisiertes Vorgehen, die Alternativen sind Best supportive Care (BSC), Chemo- oder Strahlentherapie. Zum Einsatz von Cetuximab liegen bislang drei kleinere Studien vor, die auf Grund der Einschlusskriterien gut miteinander vergleichbar sind. Egal ob, der Antikörper zunächst allein, mit Cis- oder Carboplatin gegeben wurde - das Ansprechen lag mit 10 bis 13 Prozent deutlich über dem einer retrospektiven Analyse (3 Prozent), bei der die Patienten nur BSC, Chemotherapie und/oder eine Strahlenbehandlung erhielten. »Wir haben hier fast eine Verdopplung der Lebenszeit«, betonte Wilke. So betrug die mediane Überlebenszeit in den drei Cetuximab-Studien 5,2, 5,9 und 6,1 Monate, während nach der retrospektiven Analyse die Patienten im Mittel nur 3,4 Monate überlebten. Auch hier verstärkte die Antikörpergabe die Nebenwirkungen der Platin-basierten Chemotherapie nicht.

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