Pharmazeutische Zeitung online
Vergiftungen im Kindesalter

Für den Notfall gewappnet

20.03.2018
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Von Michaela Röckelein / Vergiftungen sind ein Unfallschwerpunkt im Kleinkindalter. Doch wie vergiften sich Kinder, und welche Substanzen sind wirklich gefährlich? Die Apotheke kann einen ­Beitrag zum Schutz der Kinder leisten und (Groß-)Eltern und ­Betreuer unterstützen.

In Deutschland gehen pro Jahr rund 200 000 Anrufe in den Giftinforma­tionszentren ein. Und circa 100 000 Kinder müssen pro Jahr wegen Vergiftungen ärztlich behandelt werden, die meisten davon im Kleinkindalter. 20 bis 40 von ihnen sterben an der Intoxika­tion.

 

Das Bundesinstitut für Risikobewertung definiert eine Vergiftung (Intoxikation) als »eine gesundheitsschädigende Einwirkung von chemischen, tierischen, pflanzlichen, bakteriellen oder sonstigen Stoffen auf den Körper. Die Aufnahme kann über den Verdauungskanal, die Atmungsorgane, die unverletzte Haut, durch Wunden oder durch Injektion erfolgen. Der Schweregrad der Gesundheitsschädigung wird von der aufgenommenen Menge (Dosis) bestimmt, die Art der Schädigung von der Besonderheit der Stoffwirkungen« (1).

Wie es zu Vergiftungen bei Kindern kommen kann, wie man ihnen vorbeugt und im Notfall richtig reagiert, wird im Folgenden aufgezeigt. Viele Maßnahmen eignen sich ebenso zur Prävention von Vergiftungsunfällen bei Menschen, die verwirrt, dement oder verringert wahrnehmungs- und reaktionsfähig sind.

 

Vergiftungen mit ­Arzneimitteln

 

Mit 19 Prozent stellen Arzneimittel gemäß den ärztlichen Mitteilungen das größte Gefahrenpotenzial für Vergiftungen im Kindesalter dar. Direkt nach den Medikamenten werden Reinigungs-, Putz- und Pflegemittel mit ­einer Häufigkeit von 14 Prozent aufgeführt. Dagegen entfallen nur 4 Prozent der gemeldeten Fälle auf Vergiftungen mit Pflanzen (2).

 

Bei den Arzneimitteln sind Intoxikationen mit Paracetamol häufig, das in nahezu jedem Haushalt verfügbar und aufgrund seiner hohen Hepatotoxizität und geringen therapeutischen Breite für Kinder besonders gefährlich ist. Die Tageshöchstdosis von 50 mg/kg Körpergewicht erreicht ein 15 kg schweres Kind (etwa dreieinhalb bis vier Jahre) bereits mit eineinhalb Tabletten à 500 mg Paracetamol (3). Für ein Kind in diesem Alter ist somit bereits nach ­Einnahme von zwei Paracetamol-Tabletten mit hepatotoxischen Effekten zu rechnen. In diesen Fällen wird immer der Anruf in einem Giftinformationszentrum empfohlen (Kasten 1).

 

Besonders viele Anfragen gehen bei den Giftinformationszentren auch zu oralen Kontrazeptiva ein. Dies hängt offenkundig mit der häufig leichten ­Zugänglichkeit für Kinder zusammen. Die Einnahme von Kombinationen aus Estrogenen und Gestagenen oder nur von Gestagenen (Minipille) ist in der Regel harmlos (1). Hat das Kind bis zu einer Monatspackung geschluckt, ist eine Vorstellung beim Arzt/Klinikum nicht erforderlich. Enthält das Präparat Drospirenon, muss aufgrund der kalium­sparenden entwässernden Wirkung (Drospirenon ist ein Aldosteron-Ant­agonist) ein Giftinformationszentrum kontaktiert werden, um die Auswirkungen beurteilen zu können.

Giftinformationszentren anrufen!

In Deutschland gibt es acht Giftinformationszentren. Die Zentren in Berlin, Bonn, Freiburg, Göttingen, Homburg/Saar, Mainz und München sind erreichbar unter der Ortsvorwahl plus 19240, das Zentrum in Erfurt unter der Nummer 0361/730730. Die Giftinfokarte der PZ enthält alle wichtigen ­Daten (als Beilage in dieser PZ-Ausgabe und online unter: www.pharma zeutische-zeitung.de → Service → Gift­info). Unter den Notrufnummern steht kompetentes Fachpersonal an sieben Tagen die Woche 24 Stunden am Tag, zur Verfügung. Um die Hemmschwelle für einen Anruf zu senken, hilft es, wenn bekannt ist, was gefragt wird.

 

  • Wer ist betroffen? Erwachsener/Kind? Wie alt? Wie schwer?
  • Was hat derjenige eingenommen? Genauer Name des Stoffs oder Produkts, am besten von der Packung ablesen, sofern vorhanden.
  • Wie wurde die Substanz eingenommen? Geschluckt, eingeatmet, auf die Haut oder ins Auge gebracht?
  • Wie viel wurde eingenommen? Genaue Mengenangabe oder maximal mögliche Aufnahmemenge
  • Wann wurde es eingenommen? Genaue Zeitangabe oder Vermutung
  • Was wurde bisher unternommen?
  • Wie geht es dem Betroffenen?
  • Wie ist der Anrufer erreichbar (Rückrufnummer)?

 

Im Telefonat erfragen die Experten alle entscheidungsrelevanten Details und geben konkrete Ratschläge, wie weiter vorzugehen ist. Häufig können sie direkt Entwarnung geben oder vermitteln leicht umsetzbare Ratschläge, wie Eltern oder Betreuer zu Hause selbst vorgehen können. Kann zusätzlich auf ein häusliches Notfallset (Aktivkohle, Entschäumer) zurückgegriffen werden, können die meisten Notfälle adäquat direkt versorgt werden.

 

Reicht dies ausnahmsweise einmal nicht aus, so empfehlen die Toxikologen dem Anrufer, den Notruf 112 anzurufen. Gegebenenfalls kontaktiert auch der Notarzt oder das Krankenhaus im Anschluss nochmals das Giftinformations­zentrum.

Weniger häufig, aber besonders ­gefährlich ist die versehentliche Einnahme von Antiarrhythmika, Antidiabetika, Psychopharmaka, Opioiden, H1-Anti­histaminika und größeren Mengen an Levothyroxin. All diese Substanzen sind bei Kindern unter Umständen ­lebensgefährlich. Daher ist sofort der Notruf 112 zu wählen.

 

Selten wird über eine Intoxikation mit transdermalen therapeutischen Systemen (TTS) berichtet. Hier ist in jedem Fall ein Giftinformationszentrum und wirkstoffabhängig, zum Beispiel bei Opioiden oder Nikotin-«Pflastern«, auch der Notruf 112 anzurufen. An TTS gelangen Kinder häufig über den Hausmüll.

 

Vorsicht Tenside

 

Reinigungs-, Putz- und Pflegemittel sind aufgrund der regelmäßigen Verwendung im Haushalt oft leicht für Kinder zugänglich. Sehr häufig erhalten die Giftinformationszentren Anfragen zu Spülmitteln. Diese enthalten meist Tenside, die den Magen reizen und infolgedessen zu Erbrechen führen können. Dabei besteht immer die Gefahr der Aspiration des aufschäumenden Mageninhalts. Um dieses Risiko zu minimieren, wird empfohlen, dem Kind einen Teelöffel eines »Entschäumers« (Dimeticon, Simeticon) zu geben und anschließend ein Giftinformationszentrum zu kontaktieren.

Auch die beliebten »Liquid Caps«, auch Waschmittelkissen oder Gel Caps genannt, enthalten Tenside – und zwar in hochkonzentrierter Form, was die Caps besonders gefährlich macht. Es kommt immer wieder zu Verwechslungen mit Süßigkeiten oder Beiß-Kissen. Beißen die Kinder in die Kapseln, kann der Inhalt verschluckt werden oder ins Auge spritzen und auch dort zu Gesundheitsschäden führen (4). Nach Verschlucken sollte sofort ein Entschäumer gegeben werden; bei Kontakt mit dem Auge muss dieses sofort mehrere Minuten lang mit lauwarmem Wasser gespült werden. Dabei muss ein Helfer das Auge offen halten. Wichtig ist, dass sich das betroffene Auge beim Spülen unterhalb des unverletzten Auges befindet, damit dieses nicht auch benetzt wird. Danach ist jeweils ein Giftinformationszentrum zu kontaktieren.

 

Von Tensid-haltigen Mitteln sind Produkte mit ätzenden Substanzen zu unterscheiden. Dies betrifft vor allem Rohrreiniger, Entkalkerlösungen und bestimmte WC-Reiniger. Hier wird die sofortige Gabe von einem Glas Tee, Leitungswasser oder Saft empfohlen, um eventuell an der Speiseröhre anhaftende Reste abzuspülen. Anschließend ist ein Giftinformationszentrum zu kontaktieren. Bei solchen Intoxikationen ist es besonders wichtig, kein Erbrechen hervorzurufen, damit die Speiseröhre nicht erneut mit den ätzenden Stoffen in Berührung kommt.

 

Noxe Nikotin

 

In vielen Haushalten ist Nikotin in verschiedenen Formen zu finden: Tabak, Zigaretten, E-Liquids und TTS. Nikotin ist giftig! Die möglicherweise inkorporierte Dosis hängt in besonderem Maß von der Darreichungsform ab. Das Essen von Tabak ist in der Regel nicht bedrohlich, vor allem da dieser aufgrund seiner Konsistenz schwer zu schlucken ist und Kinder kaum größere Mengen aufnehmen. Gefährlich ist die Einnahme von mehr als einer halben Zigarette oder mehr als einer Zigarettenkippe. Bekommt das Kind Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Unruhe oder Herzklopfen, sollte das weitere Vorgehen mit einem Giftinformationszentrum geklärt werden.

Besonders gefährlich ist Tabaksud, wie man ihn häufig in Raucherbereichen, die dem Regen ausgesetzt sind, in Aschenbechern findet. Da die Zigarettenkippen in einer Flüssigkeit schwimmen, reichern sich Giftstoffe darin an. Mindestens beim Auftreten von Beschwerden sollte ein Giftinformationszentrum hinzugezogen werden.

 

Mit der zunehmenden Verbreitung von E-Zigaretten mehren sich die Meldungen von Intoxikationen bei Kindern. Abgepackte Einzellösungen sind gesundheitsgefährdend, große Gefahr geht jedoch vor allem von nikotinhaltigen Nachfülllösungen aus. Im Fall des Verschluckens ist ein Giftinformationszentrum anzurufen. Aus den Angaben des Anrufers (unbedingt Packung bereithalten) schätzen die Experten die eventuell aufgenommene Nikotinmenge ab. Unter Umständen ist die Aufnahme in eine Kinderklinik zur Über­wachung erforderlich.

 

Lebensbedrohliche Beschwerden kann die Einnahme von Nikotinkaugummis oder Anwendung von Nikotinpflastern auslösen. Bereits das Aufkleben eines gebrauchten TTS kann zur Intoxikation zu führen. Daher sollte sofort ein ­Giftinformationszentrum angerufen werden (1).

 

Giftiges Grünzeug

 

Giftige Pflanzen werden von Eltern und Betreuungspersonen immer wieder als besondere Gefahrenquelle genannt. Grundsätzlich kommen schwere Vergiftungen mit Pflanzen gemessen an anderen Risiken (Medikamente, Chemikalien oder andere Stoffe) sehr selten vor. Meist beschränken sich die Symptome auf den Mund- und Rachenraum, zum Beispiel Speicheln und Schmerzen durch Scharfstoffe, sowie gastrointestinale Beschwerden. Die meisten Pflanzenteile schmecken bitter, sodass ­Kinder in der Regel nur sehr geringe Mengen aufnehmen.

Drei besonders wichtige Pflanzen sind Giftaron (Dieffenbachia, Zimmerpflanze), Blauer Eisenhut (Aconitum napellus, Gartenstaude) und Engels­trompete (Brugmansia, Kübelpflanze). Schwerere Vergiftungen stehen häufig in Zusammenhang mit Engelstrompete, Goldregen (Laburnum), Bohne (Phaseolus) und Lebensbaum (Thuja) (9).

 

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit hat im April 2000 die offizielle Liste giftiger Pflanzen im Bundesanzeiger veröffentlicht (5), die die Giftpflanzen mit ihrer Toxizität auflistet. Die Liste wird derzeit vom Ausschuss »Giftigkeit von Pflanzen« der Kommission »Bewertung von Vergiftungen« beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) überarbeitet (6).

 

Grundsätzlich ist es sinnvoll, Pflanzenreste aus dem Mund durch Ausspucken und Ausspülen zu entfernen. Danach kann Flüssigkeit gegeben werden. Eine adäquate weitere Behandlung ­erfordert zwingend die korrekte Bestimmung der Pflanze. Daher sollten Pflanzenreste unbedingt gesammelt und bei einem eventuellen Transport in ein Krankenhaus mitgenommen werden. Über ein Giftinformations­zentrum besteht die Möglichkeit, die Pflanze oder Pflanzenteile, zum Beispiel durch Übersendung von Fotos, bestimmen zu lassen. Für Intoxikationen mit Pilzen gibt es speziell qualifizierte Pilzberater, deren Kontaktdaten bei den Zentren hinterlegt sind.

 

Risikoerkennung

 

Um Vergiftungen vorzubeugen, ist es nötig Risiken zu kennen. Die Apotheke kann im Beratungsgespräch zur erfolgreichen Prävention von Intoxikationen beitragen.

 

Immer wieder werden die Fähig­keiten und die Kreativität von Kindern unter­schätzt. Der natürliche Entdeckerdrang, der für eine gesunde Entwicklung wesentlich ist, birgt auch Gefahren. Es empfiehlt sich, die Umgebung der Kinder immer wieder aus deren Sicht zu betrachten. Das Apothekenteam kann die Eltern ermutigen, sich einmal auf den Boden zu setzen oder zu legen (je nach Alter des Kindes) – das eröffnet eine völlig neue Betrachtungsweise. Was sieht besonders interessant aus, zum Beispiel bunte Flaschen, und was ist erreichbar? Mit der Entwicklung kann sich die Perspektive schnell ändern, denn Kinder lernen krabbeln, ziehen sich an Gegenständen hoch, stehen und klettern auf Hilfsgegenstände wie Hocker. ­Besonderes Augenmerk ist auf Keller- und Abstellräume sowie Garagen zu legen, da dort in aller Regel die meisten und giftigsten Substanzen lagern.

Präventive Maßnahmen

  • Vorrat an giftigen Substanzen möglichst gering halten und nur wirklich ­Nötiges kaufen, besser noch nach ungiftigen Alternativen suchen
  • nicht mehr benötigte Giftstoffe über den Sondermüll entsorgen
  • niemals giftige Substanzen neben Lebensmitteln aufbewahren oder solche Substanzen in Lebensmittelbehältnisse umfüllen
  • niemals Kinder unbeaufsichtigt in Garage oder Hobbyraum lassen
  • Notfallset bereithalten!

Hand- und Manteltaschen, auch von Besuchern, sind für Kinder besonders spannend. Wenn diese, wie meist üblich, in der Garderobe der Wohnung abgelegt werden, sind sie nahezu frei zugänglich. Auch ein Besuch bei anderen kann Risiken bergen. Eventuell ist der Haushalt nicht auf Kinderbesuch ausgelegt oder die Bewohner haben ein anderes Risikobewusstsein. Vielleicht kennen die Kinder im besuchten Haushalt bereits gewisse Gefahren, die die Besucher noch nicht kennen. Daran sollten Eltern und Betreuungspersonen denken.

 

Akut und chronisch kranke Personen im Haushalt können aus zwei Gründen unter Umständen zu gefährdenden Situationen führen. Meist benötigen sie Arzneimittel, die sie – da regelmäßig einzunehmen – oft in Griffnähe aufbewahren und die dann auch für Kinder zugänglich sind. Bei akuten Infekten erkranken oft mehrere Personen eines Haushalts nacheinander, da sie sich gegenseitig anstecken. Dann kann es passieren, dass Arzneimittel für Erwachsene und Kinder, zum Teil auch unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen Wirkstoffen und Dosierungen bereitliegen. Hier besteht das Risiko einer Verwechslung und damit der Gabe von ungeeigneten Arzneistoffen oder falschen, zum Teil gefährlichen Dosierungen an Kinder.

 

Risikovorbeugung

 

Bei der Prävention von Vergiftungen helfen bereits einfache pragmatische Hinweise (Kasten 2). Das Apothekenpersonal kann direkt bei der Abgabe von Arzneimitteln für potenzielle Gefahren sensibilisieren. Um Verwechslungen zu vermeiden, ist es hilfreich, die Arzneimittel direkt, zum Beispiel mit dem Vornamen des Patienten, zu beschriften.

 

Arzneimittel sollten ebenso wie Reiniger, Entkalker und andere gefährliche Stoffe immer für Kinder unzugänglich aufbewahrt werden. Besonders zu achten ist auf die Entsorgung. Falls giftige Substanzen über den Restmüll entsorgt werden, sollte dies direkt in die Mülltonne erfolgen, denn der haushaltsübliche Mülleimer ist in aller Regel für Kinder leicht zu erreichen. Ebenso sollten Einkaufs- und Handtaschen nicht unbeaufsichtigt sein. Besser ist es, Handtaschen außer Kinderreich­weite aufzubewahren und Einkäufe ­direkt wegzuräumen.

Vergiftungs-App des BfR

Die Vergiftungs-App des Bundesinstituts für Risikobewertung (www.bfr.bund.de) liefert Informationen zu Chemikalien, Medikamenten, Pflanzen und Pilzen, die Vergiftungsunfälle bei Kindern verursachen können. Sie enthält Hinweise, wie sich Unfälle vermeiden lassen. Die App steht für Smartphones mit den Betriebssystemen Android und iOS kostenlos zum Download zur Verfügung (www.bfr.bund.de/de/apps_vergiftungsunfaelle.html). Im Notfall kann direkt aus der App, auch ohne online zu sein, ein für das jeweilige Bundesland zu­ständiges Giftinformationszentrum angerufen werden.

 

Viele Informationen bietet auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr ­Sicherheit für Kinder e.V. unter www.kindersicherheit.de

 

Die Apotheke kann auf Produkte mit dem Zusatzstoff Bitrex® (Denatoniumbenzoat) hinweisen. Diese schmecken sehr bitter, wodurch das Risiko der Aufnahme größerer Mengen erheblich sinkt. Bitrex® ist zum Beispiel in vielen Reinigungsmitteln, Kosmetika, Mäuse- und Rattengift enthalten.

 

Grundsätzlich sollten Kinder Ge­fahren in Haus und Garten frühzeitig kennenlernen und entsprechende Eigenkompetenz entwickeln. Man sollte Kindern zum Beispiel erklären, dass sie ein bestimmtes Medikament bekommen, weil sie krank sind, um (schneller) gesund zu werden. Dies sollten auch die Apotheker ihren Kunden vermitteln. Arzneimittel dürfen niemals als »Zauberbonbon« oder ähnlich bezeichnet werden, denn dies verleitet unter Umständen zu gefährlicher Fehlanwendung.

 

Genauso kann man Kindern Gefahren, die von manchen Pflanzen ausgehen, erklären. Wenn sie verschiedene Giftpflanzen erkennen, ist viel erreicht. Dazu ist es hilfreich, die Pflanzen im Haus und Garten einmal in Ruhe zu ­bestimmen und eventuell giftige Vertreter zu kennzeichnen.

 

Erkennen von Vergiftungen

 

Da Vergiftungen zu sehr unspezifischen Symptomen führen können, sind sie häufig schwierig zu erkennen. Anzeichen können sein:

 

  • Übelkeit, Erbrechen und Durchfall,
  • Schweißausbrüche,
  • Kopfschmerzen und Schwindel,
  • Bauchschmerzen und Krämpfe,
  • Bewusstseinstrübung,
  • Atem- und Kreislaufstörungen.

 

Einzig eindeutig ist, wenn das Kind bei der Giftaufnahme beobachtet wurde. Aufmerksam sollten Betreuende sein, wenn das Kind eine leere oder ange­brochene Packung vorzeigt oder von einem üblen Geschmack berichtet. Ein starker Hinweis sind Spuren der giftigen Substanz an Mund, Gesicht oder Händen oder auch gerötete Augen und Lippen.

 

Schildert ein Kunde solche unspezifischen Symptome, kann das Apothekenpersonal auch nach den Geschehnissen der letzten Stunden fragen. Vielleicht war das Kind eine gewisse Zeit unbeobachtet oder hatte Zugriff auf potenzielle Giftstoffe. Wichtig ist der Hinweis auf das nächst gelegene Giftinformationszentrum (siehe Giftinfokarte der PZ: www.pharmazeutische-zeitung.de → Service → Giftinfo) und die Vergiftungs-App des BfR (Kasten).

Richtige Reaktion im Vergiftungsfall

  • Ruhe bewahren und das Kind ­beruhigen
  • kein Erbrechen auslösen
  • keine Milch und kein Salzwasser trinken lassen
  • zum Spülen von Mund und ­Speiseröhre nur kleine Mengen Tee, Leitungswasser oder Saft zu trinken geben
  • hustendes Kind aufrecht halten
  • bei Augen-/Hautkontakt: sofort mit fließendem Wasser gründlich spülen
  • Giftinformationszentrum oder Notruf 112 anrufen (europaweit!)
  • Spuren sichern: Substanz, Etikett, Verpackung oder Pflanze bereithalten

Beratung in der Apotheke

 

Tödliche oder lebensbedrohliche Vergiftungen sind selten. Die Therapie beschränkt sich in den meisten Fällen auf die Gabe von Flüssigkeit, medizinischer Kohle oder eines Entschäumungsmittels. Für die meisten Noxen ist kein spezifisches Gegengift bekannt; daher kommen Antidote nur sehr selten zum Einsatz. Zudem erfordert deren Einsatz aufgrund ihres Nebenwirkungsprofils meist eine strenge Indikationsstellung. In der Regel beschränkt sich die Behandlung auf die Symptome, da es ­keine spezifischen Behandlungsmöglichkeiten gibt (10).

 

In der Beratung sollte das Apothekenteam die richtigen Reaktionen im Vergiftungsfall besprechen (Kasten 4). Wichtigste Maßnahme: Sicherheit geht immer vor Geschwindigkeit und ruhig bleiben! Besonders wichtig ist auch, den altbekannten Erste-Hilfe-Hausmitteln wie Gabe von Milch und Erbrechen auslösen (mechanisch oder mit Kochsalzlösung) entgegenzutreten. Milch kann die Aufnahme von giftigen Substanzen sogar beschleunigen, da sich fettlösliche giftige Substanzen in den feinverteilten Fetttröpfchen der Milch (Emulsion) anreichern und anschließend über den Darm gut aufgenommen werden. Erbrechen sollte auf keinen Fall ausgelöst werden, da das Risiko einer Aspiration des aufschäumenden Mageninhalts sehr groß ist. Zudem kann es bei mechanischem ­Auslösen durch Reizung des Nervus ­vagus und dessen parasympathischen Einfluss zu einer Senkung der Herz­frequenz und damit verbunden zu bedroh­lichen Kreislaufreaktionen kommen. Bei Gabe von Kochsalzlösung und unvollständigem Erbrechen droht eine NaCl-Vergiftung (8).

 

Die beiden wichtigsten häuslichen Notfallmittel sind medizinische Kohle und ein flüssiges entschäumendes ­Medikament mit den Wirkstoffen Dimeticon oder Simeticon (7). Diese sind zusammen mit der Telefonnummer des zuständigen Giftinformationszen­trums griffbereit aufzubewahren.

Pro Kind im Haushalt sollten 5 g medizinische Kohle in Pulverform bevorratet werden (1). Medizinische Kohle in anderer Form ist erfahrungsgemäß für die Anwendung bei Kindern ungeeignet. Das Zerkleinern und Auflösen von Kohle-Tabletten kostet im Notfall viel Zeit. Viel schneller gelingt das Einrühren von Kohlepulver in Wasser, Tee oder Saftschorle (auf keinen Fall Milch). Aufgrund der wenig ansprechenden Optik kann ein undurchsichtiges Trinkgefäß, gegebenenfalls durch Ummanteln mit Aluminiumfolie oder einer bunten Serviette, die Compliance erheblich erhöhen.

 

Aktivkohle kann zu Obstipation, Erbre­chen und Schwarzfärbung des Stuhls führen. Hierauf sollte das Apotheken­personal hinweisen, wenn es Koh­le-Präparate abgibt oder wenn Kun­den in der Apotheke berichten, dass es zu einem Vergiftungsfall kam und Aktiv­kohle gegeben wurde. Be­trof­fene sollten möglichst viel trinken und am nächsten Tag ballaststoffreiche Kost bevorzugen.

 

Sehr wichtig für die Praxis ist der Rat, alle betreuenden Personen (Großeltern, Babysitter) im eigenen Haushalt auf das Notfallset hinzuweisen. Eine vorbildliche Bevorratung ist nutzlos, wenn keiner davon weiß.

 

Mit kompetenter Beratung leistet die Apotheke einen Beitrag zur Prävention von Vergiftungen und zum richtigen Verhalten im Notfall. Auch Laienvorträge zur Primär- und Sekundärprävention werden erfahrungsgemäß von Eltern, Großeltern und Betreuern gerne angenommen. /

 

Literatur

 

BfR-Pressestelle, Risiko Vergiftungsunfälle bei Kindern, Berlin 2017. www.bfr.bund.de/cm/350/risiko-vergiftungsunfaelle-bei-kindern.pdf

BfR-Pressestelle, Ärztliche Mitteilungen bei Vergiftungen 2011–2013. Berlin 2015. www.bfr.bund.de/cm/350/aerztliche-mitteilungen-bei-vergiftungen-2011-2013.pdf

Müller, C., Vergiftungen bei Kindern. Pharm. Ztg. Nr. 34 (2015) 14–16; www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=59371

BfR-Presseinformation 07/2014, Neue Flüssigwaschmittel können Vergiftungsunfälle bei Kindern verursachen. www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2014/07/neue_fluessigwaschmittel_koennen_vergiftungsunfaelle_bei_kindern_verursachen-189849.html

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Liste giftiger Pflanzenarten. BAnz. 52, Nr. 86 (2000) 8517.

Herrmanns-Clausen, M., et al., Neubewertung von Giftpflanzen. Berlin, 2014; www.bfr.bund.de/cm/343/neubewertung-von-giftpflanzen.pdf; zuletzt abgerufen am 21. 2. 2018.

Schrettl, V., Eyer, F., Prävention in der klinischen Toxikologie. Bayer. Ärztebl. 12 (2013) 632–638.

Brockstedt, M., Kochsalz. In: von Mühlendahl, K. E., et al., Vergiftungen im Kindesalter. Thieme Verl. Stuttgart 2003, 247 f.

Pietsch, J., et al., Pediatric Plant Exposures in Germany, 1998–2004. Clinical Toxicology 46 (7) (2008) 686–691.

von Mühlendahl, K. E., Antidotbehandlung. In: von Mühlendahl, K. E., et al., Vergiftungen im Kindesalter. Thieme Verl. Stuttgart 2003, 36 f.

Die Autorin

Michaela Röckelein studierte Pharmazie an der Universität Regensburg und erhielt 2005 die Approbation als Apothekerin. Anschließend studierte sie Lebensmittelchemie an der Universität Bonn und erhielt 2009 die Erlaubnis zum Tragen der Berufsbezeichnung »staatlich geprüfte Lebensmittelchemikerin«. Im Anschluss war sie Dezernentin im ­Bereich Arzneimittel- und Lebensmittelüberwachung. Seit 2011 ist sie in der forensischen und klinischen Toxiko­logie des Zentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe als Toxikologin tätig. 2016 schloss sie die Weiterbildung Prävention und Gesundheitsförderung ab und ist Prä­ventionsmanagerin WIPIG®. Röckelein engagiert sich als Referentin für die Bayerische Landesapothekerkammer. Für ihre Arbeit in der Prävention von Vergiftungen im Kindesalter wurde sie mit dem Deutschen Apotheken Award 2017 in der Kategorie »Gesunde Lebens­führung« ausgezeichnet.

 

mail@michaelaroeckelein.de

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