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Vergiftungen bei Kindern

Arzneimittel häufigster Grund

18.08.2015
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Von Christina Müller / Es kann so schnell gehen: Das Telefon klingelt, Mama oder Papa verlassen kurz den Raum – und müssen bei ihrer Rückkehr feststellen, dass sich in der Zwischenzeit der kleine Liebling an der Putzmittel-Flasche oder Arzneimittel­packung bedient hat. Was nun? In jedem Fall gilt: einen kühlen Kopf bewahren und sich zunächst einen Eindruck vom Gefährdungs­potenzial des Giftstoffs verschaffen.

Dass Kinder versehentlich Reinigungsmittel trinken, ist keine Seltenheit. Doch welche sind wirklich gefährlich? In der Broschüre »Risiko Vergiftungsunfälle bei Kindern« fasst das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die gängigsten Substanzen zusammen, bewertet sie und stellt wichtige Erste-Hilfe-Maßnahmen vor (http://www.bfr.bund.de/cm/350/risiko-vergiftungsunfaelle-bei-kindern.pdf)

Beispielsweise enthalten die meisten Putzmittel Tenside, die den Magen reizen und so zu Erbrechen führen können. Der aufschäumende Mageninhalt wird dann häufig vom betroffenen Kind eingeatmet. Das BfR empfiehlt, dem Kind einen Teelöffel Entschäumer zu verabreichen, zum Beispiel mit Simeticon, keine größeren Trinkmengen einzuflößen und kein Erbrechen auszulösen. Falls das Kind heftig und anhaltend hustet, sollte ein Kinderarzt aufgesucht werden. Die Einnahme Tensid-haltiger Reiniger wird insgesamt als eher harmlos eingestuft.

 

Als deutlich größer sieht das BfR die Gefahr an, die vom Verschlucken ätzender Substanzen ausgeht. Im Haushalt betrifft das beispielsweise Rohrreiniger, Entkalker für Wasserkocher oder Kaffeemaschinen und bestimmte WC-Reiniger. Hier sollte dem Kind sofort ein Glas Wasser, Tee oder Saft zugeführt und ein Giftinformationszentrum (GIZ) kontaktiert werden (siehe Kasten). Erbrechen sollte unter keinen Umständen ausgelöst werden, damit die Speiseröhre nicht ein zweites Mal mit dem ätzenden Stoff in Berührung kommt. Falls größere Mengen Rohrreiniger getrunken wurden, ist laut BfR unverzüglich der Notruf 112 zu wählen.

 


Gefährliche Medikamente

 

Das größte Gefährdungspotenzial im elterlichen Haushalt bringen jedoch Arzneimittel mit sich. Eine Auswertung aller Anfragen, die zwischen 2002 und 2011 beim Gemeinsamen Giftinformationszentrum (GGIZ) der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen eingingen, belegt: Medikamente waren nicht nur allgemein mit 43 Prozent, sondern auch bei Kindern mit 34 Prozent der häufigste Grund, den Giftnotruf zu wählen. Auf Platz zwei rangieren in der Auflistung Chemikalien mit 25 Prozent; die Gruppe der Pflanzen, Tiere und Pilze folgt mit 21 Prozent an dritter Stelle.

Giftinformationszentren

In Deutschland gibt es neun Gift­informationszentren: in Berlin, Bonn, Erfurt, Freiburg, Göttingen, Homburg/Saar, Mainz und München. Unter der Telefonnummer 19240 samt örtlicher Vorwahl (für Erfurt unter 0361 730730) beantworten sie rund um die Uhr Fragen aus der Bevölkerung. Im Jahr 2012 waren es zusammen knapp 230 000 Anfragen – mit steigender Tendenz. In durchschnittlich rund 90 Prozent der Fälle hatte tatsächlich eine Exposition stattgefunden, etwa 10 Prozent der Anfragen hatten präventiven Charakter.

Der Wirkstoff, wegen dessen sich besorgte Eltern besonders oft an die Experten des GGIZ wandten, ist im Zusammenhang mit Vergiftungen ein alter Bekannter: Paracetamol. Das Analgetikum ist berüchtigt für seine leberschädigende Wirkung und seine geringe therapeutische Breite. Hepato­toxische Effekte sind ab dem Überschreiten der Tageshöchstdosis von 50 mg pro kg Körpergewicht möglich – das entspricht bei einem 15 kg schweren Kind gerade einmal eineinhalb Tabletten à 500 mg. Gefährlich wird es ab Dosen von mehr als 150 mg pro kg Körpergewicht.

Für Eltern ist es nahezu unmöglich, eine Paracetamol-Vergiftung bei ihrem Kind als solche zu erkennen, wenn kein unmittelbarer Hinweis darauf vorliegt, das Kind also zum Beispiel bei der Einnahme beobachtet wird. Denn der Verlauf ist schleichend und die Anzeichen wie Übelkeit, Erbrechen, abdominelle Schmerzen und ein allgemeines Krankheitsgefühl sind unspezifisch. Am zweiten Tag der Vergiftung lassen die Symptome sogar häufig nach, obwohl zu diesem Zeitpunkt die Leber bereits schwer geschädigt sein kann. Nach spätestens drei Tagen treten massive Blutgerinnungsstörungen, metabolische Azidose, Hypoglykämie, Enzephalopathie und Nierenversagen auf. Der Verlauf der Vergiftung ist dann kaum mehr aufzuhalten und kann zum Tod des Kindes führen.

 

Laut Statistik des GGIZ waren orale Kontrazeptiva der zweithäufigste Grund für Nachfragen besorgter Eltern. Die gute Nachricht: Das BfR beurteilt die Einnahme von bis zu einer Monats­packung als harmlos. Zwar können nach etwa zwölf Stunden gastrointestinale Wirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit auftreten, diese verschwinden im Allgemeinen jedoch nach etwa einem Tag wieder. Nur wenn die verschluckten Pillen Drospirenon enthielten, sollte Rat bei einem GIZ eingeholt werden. Aufgrund seiner kaliumsparenden, entwässernden Komponente nimmt der Aldosteron-Antagonist eine Sonderstellung ein.

Als besonders gefährlich für Kinder klassifiziert das BfR Antiarrhythmika und Antidiabetika. Hier sollte schon bei versehentlicher Einnahme von nur einer Tablette unverzüglich der Notarzt gerufen werden. Doch auch Psycho­pharmaka, Opioide, H1-Anti­histaminika oder größere Mengen Levothyroxin können bei Kindern unter Umständen eine lebensgefährliche Wirkung haben. Je nach Wirkstoff und Dosis sollte laut BfR entweder ein GIZ oder gleich der Rettungsdienst kontaktiert werden.

 

Giftige Zahnpasta

 

Dass Reinigungsmittel und Medikamente nicht in Kinderhände gelangen sollten, ist Eltern in der Regel bewusst. Der Warnhinweis auf der Zahnpasta-Tube dürfte dagegen den Wenigsten aufgefallen sein. Doch auch mit Kosmetikprodukten können sich Kinder schnell vergiften. Eine handelsübliche 100-g-Tube Zahnpasta für Erwachsene enthält bis zu 150 mg Fluorid. Die toxische Dosis für Kinder liegt bei 5 mg pro kg Körper­gewicht. Bei einem 15 kg schweren Kind sind das 75 mg – also eine halbe Tube.

 

Aufgrund des angenehmen Geschmacks ist es hier sogar noch wahrscheinlicher, dass große Mengen verschluckt werden, als bei Putzmitteln. Als Erste-Hilfe-Maßnahme kann ein Glas Milch verabreicht werden – die Fluoridvergiftung ist der einzige Fall, in dem der Einsatz von Milch nach wie vor vom BfR empfohlen wird. Ein GIZ kann helfen, die aufgenommene Menge an Fluorid zu berechnen und bei bedenklichen Dosen an eine Klinik verweisen.

Vergiftungs-App

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat die App »Vergiftungsunfälle bei Kindern« entwickelt. Sie soll als Informations- und Nachschlagewerk dienen und ist sowohl für das iOS- als auch für das Android-Betriebssystem verfügbar. Im Notfall kann direkt aus der App ein für das jeweilige Bundesland zuständiges Giftinformationszentrum angerufen werden.

Auch Pflanzen sind für Kinder leicht zugänglich und enthalten unter Umständen giftige Substanzen. Häufig sind es Alkaloide wie Aconitin (blauer Eisenhut), Colchicin (Herbstzeitlose) oder Hyoscyamin und Scopolamin (beide Engelstrompete). Auf Platz eins der am häufigsten abgefragten Pflanzen rangiert aber nach Auswertung des GGIZ die Eibe. Sie enthält Taxin, ein zytostatisch wirksames Diterpen, das mit den Wirkstoffen aus der Gruppe der Taxane eng verwandt ist. Taxin ist in Nadeln und Samen der heimischen Eibe enthalten, nicht aber im roten Samenmantel. Vergiftungen mit Taxin verlaufen oft tödlich. Symptome sind Übelkeit, Schwindel, Bauchschmerzen und Bewusstlosigkeit. Der Tod tritt durch Atemlähmung oder Herzstillstand ein.

 

Alle Pflanzen kennzeichnen

 

Aufgrund der Vielzahl der giftigen Inhaltsstoffe gibt es kein typisches Beschwerdebild bei Pflanzenvergiftungen. Die Situation kann daher auch vom Fachmann nur richtig eingeschätzt werden, wenn der Name der Pflanze bekannt ist. Das BfR rät Eltern dazu, alle Gewächse im Haus und im Garten mit Schildern zu kennzeichnen. Die offizielle Liste giftiger Pflanzen des Bundesumweltministeriums kann zum Beispiel auf der Internetseite des GIZ Nord unter http://www.giz-nord.de/cms/index.php/liste-giftiger-pflanzenarten.html eingesehen werden. Enthalten sind ausschließlich Pflanzen, die schon bei Aufnahme geringster Mengen mittelschwere bis schwere Vergiftungen hervorrufen können. Sie sollen nicht an Orten angepflanzt werden, an denen sich häufig Kinder aufhalten. /

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