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Generalisierte Angststörung

Krank vor lauter Sorgen

17.03.2014
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Von Claudia Borchard-Tuch / Die generalisierte Angststörung ist eine schwere Erkrankung. Ständige Sorgen um alltägliche Dinge quälen den Betroffenen. Die Angst kann das ganze Leben beherrschen und den Patienten sogar in den Suizid treiben. Dennoch ist die Erkrankung nicht leicht zu erkennen.

Angst ist an sich ein sinnvolles und wichtiges Gefühl, das vor Selbstüberschätzung und riskantem Verhalten ­bewahrt. Somit hat sie eine wichtige Schutzfunktion. Wer keinerlei Angst empfindet, hat nur geringe Chancen, gefährliche Situationen zu erkennen, zu vermeiden oder unbeschadet zu meistern. Ein Zuviel an Angst – vor allem wenn es dauerhaft besteht – kann jedoch schädlich sein und krankhaft werden. Die »Kampf-oder-Flucht«-Reaktion der Angst treibt den Körper zu Maximalleistungen an. Er gerät in höchste Anspannung, ohne dass die Leistung benötigt wird. Herzklopfen, Schwitzen, Atemnot und Zittern sind die körperlichen Folgen (6). Aber auch die Seele leidet schwer an den ständigen Furchtgedanken.

 

Angsterkrankungen sind häufig. Es gibt viele Arten krankhafter Angst. Oft ist es die generalisierte Angststörung (Generalized Anxiety Disorder, GAD), deren Prävalenz auf 8 Prozent geschätzt wird (10). Damit ist sie eine der häufigsten psychischen Störungen. ­Depressive Verstimmungen, Schlafstörungen oder gar eine Suchterkrankung verdecken oft das eigentliche Krankheitsbild. Besteht bei einem Apothekenkunden der Verdacht auf eine Angsterkrankung, sollte der Apotheker ihn unbedingt an einen Arzt verweisen. Denn rechtzeitig therapiert, ist die Prognose der GAD gut.

 

Wie sich eine GAD bemerkbar macht

 

Eine GAD beginnt meist langsam und schleichend (3). Charakteristisch sind Sorgen, die sich zunächst auf wirkliche Gefahren beziehen – etwa dass es den Kindern nicht gut geht oder das Geld nicht reicht. Die Sorgen können sich rasch auf viele Bereiche ausweiten, beispielsweise auf die Partnerschaft oder die berufliche Situation, und den Alltag schließlich ganz und gar bestimmen. Alles kreist nur noch um die Angst.

 

Wochenlang andauernde angstvolle Erwartungen führen dazu, dass der Betroffene vermeintlich gefährliche Situationen gänzlich meidet und beispielsweise seine Wohnung nicht mehr verlässt. Die Befürchtungen führen zu körperlichen Beschwerden wie Schlafstörungen, Herzschmerzen, Übelkeit oder Schwindel. Die Betroffenen sind sich ihrer übersteigerten Angst meist nicht bewusst und geben sowohl in der Apotheke als auch beim Arzt nicht Angst, sondern Schmerzen oder Schlafstörungen als Beschwerden an. Oft leitet der Arzt aufgrund dieser Symptomatik ausführliche diagnostische Untersuchungen ein (12).

 

Eine GAD wird dennoch häufig nicht erkannt. Es wird geschätzt, dass Hausärzte weniger als ein Drittel der Patienten mit Angststörungen richtig diagnostizieren (9). Die ICD-10-Kriterien können die Diagnosefindung erleichtern (Kasten).

 

Neben internistischen und neurologischen Erkrankungen müssen andere psychische Störungen, vor allem andere Angststörungen, ausgeschlossen werden. Die anfallsartige Panikstörung zählt wie die GAD zu den sogenannten ungerichteten Angsterkrankungen, die nicht durch konkrete Objekte oder Situationen ausgelöst werden. Menschen mit einer Panikstörung überfällt mehrmals im Monat, manchmal auch etliche Male täglich, ein intensives Gefühl von Furcht. Diese Todesangst geht mit körperlichen Symptomen wie Herzrasen oder Schweißausbrüchen einher. Zu den sogenannten gerichteten Angststörungen gehören die Phobien; hierbei kommt es zu einer übermäßigen Furcht vor Objekten oder Ereignissen, die für andere Menschen nicht oder nur wenig angstauslösend sind. Nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, verlaufen Angststörungen oft chronisch.

 

Viele unter einer GAD ­leidende Menschen ­bekämpfen ihre Angst mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln. Das hilft den Betroffenen zwar kurzfristig, ist auf Dauer aber keine Lösung, da das Risiko einer Abhängigkeit besteht. Zahlreiche Betroffene leiden zusätzlich unter einer Depression. Insbesondere dann steigt die Suizidgefahr. Welche Konsequenzen die Erkrankung für das Privat- und Berufsleben hat, hängt von der Schwere der Sympto­matik und der individuellen Lebens­situation ab.

Symptome der generalisierten

<typohead type="2" class="balken">Anspannung, Besorgnis und Befürchtungen in Bezug auf alltägliche Ereignisse und Probleme über mindestens sechs Monate mit folgenden Symptomen:</typohead type="2">

  • vegetative Beschwerden wie erhöhte Herzfrequenz, Schwitzen, Zittern oder Mundtrockenheit
  • Beschwerden im Brust- oder Bauchbereich: Atembeschwerden, Beklemmungsgefühl, Brustschmerzen, Missempfindungen im Bauchbereich
  • psychische Symptome: Schwindel, Angst vor Kontrollverlust, Angst zu sterben
  • Allgemeinsymptome: Hitzewallungen oder Kälteschauer, Missempfindungen
  • Anspannung: Muskelverspannung, Ruhelosigkeit, Kloßgefühl im Hals
  • andere unspezifische Symptome: übertriebene Schreckreaktion, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit, Einschlafstörungen

Viele Ursachen sind möglich

 

Noch ist nicht genau bekannt, wie eine generalisierte Angststörung entsteht. Offenbar führen mehrere Faktoren dazu, dass die Krankheit meist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr ausbricht. Vermutet werden traumatische Einflüsse, beispielsweise Vernachlässigung, Alkohol- und Drogenabhängigkeit der Eltern, Armut, mangelnde Anerkennung, soziale Isolation und Alkohol- und Medikamentenmissbrauch.

 

Zudem scheint es eine genetische Komponente zu geben, denn die GAD tritt familiär gehäuft auf (3). Ist ein Verwandter ersten Grades erkrankt, ist das Erkrankungsrisiko um das 1,5- bis 3-Fache erhöht (6). Die genetischen Befunde von Patienten mit Angsterkrankungen überschneiden sich teilweise mit denen bei Patienten mit Depressionen – beispielsweise Polymorphismen im Serotonin-Transporter-Gen oder von Genen, die an der Steuerung der Hypothalamus-Hypophysen-Achse beteiligt sind. In Zwillingsstudien wurde ein Erbfaktor gefunden, der mit einem erhöhten Risiko für eine GAD einhergeht. Doch der Zusammenhang zwischen dem Gen und der GAD war deutlich ­geringer ausgeprägt als bei anderen Angsterkrankungen, zum Beispiel der Panikstörung (7).

Zu den neurobiologischen Veränderungen, die offenbar im Zusammenhang mit der GAD stehen, zählen Störungen des Serotonin-Systems, des adrenergen Systems und der GABA-Bindung (GABA: Gamma-Amino-Buttersäure) (5, 11). Man hat beobachtet, dass Angst-Patienten in akuten Stresssituationen vermehrt biogene Amine, vor allem Noradrenalin, freisetzen. Bei Dauerstress kommt es zur vermehrten und anhaltenden Ausschüttung von Cortison. Dies kann zu einer Schädigung im Bereich von Hippokampus und Großhirnrinde (Neocortex) führen, da neuroprotektive und neuroregenerative Prozesse nicht mehr in ausreichendem Umfang ablaufen. In Bildgebungsuntersuchungen erscheint der Neocortex weniger aktiv, während subkortikale Bereiche (Amygdala, Thalamus, Hirnstamm) stärker aktiv sind. Offenbar sind die aktiven Hirnrindenareale, die das menschliche Verhalten bewusst steuern, von den subkortikalen Bereichen entkoppelt, die automatisch die Flucht- oder Verteidigungsprogramme ablaufen lassen (6).

 

Frauen leiden doppelt so häufig unter einer GAD wie Männer (3, 6). Man geht davon aus, dass die Erkrankung deutlich häufiger ist als früher angenommen wurde.


Therapie auf mehreren Ebenen

 

Wie die neue S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen (1) feststellt, benötigen die meisten Patienten, die unter einer GAD leiden, eine Kombination aus Psycho- und Pharmakotherapie. Wichtig: Diese S3-Leitlinie befindet sich in der Konsultationsphase und ist noch nicht verabschiedet.

 

Eine vertrauensvolle Beziehung zum Apotheker, Hausarzt, Psychiater oder Psychotherapeuten ist eine wesentliche Grundlage für den Erfolg der Therapie (6). Einige allgemeine Hinweise zur Alltagsgestaltung können dazu beitragen, dass der Patient von seinen pathologischen Sorgen wieder loskommt Dazu gehören: Verbesserung der Schlafhygiene, Entspannungsübungen, Sport und Einschränkung des Kaffeekonsums. Wichtig: Dies sind nur ergänzende Maßnahmen; eine manifeste Angsterkrankung kann der Patient nicht in Eigenregie behandeln. Wie bei anderen psychischen Erkrankungen braucht er professionelle Unterstützung.

 

Verschiedene Psychotherapien


Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) hat sich in der Behandlung der GAD als psychotherapeutisches Verfahren der ersten Wahl erwiesen und soll den Patienten angeboten werden (1, 6). Die KVT geht davon aus, dass der Mensch sein Verhalten mit seinen Gedanken beeinflussen kann. Ihre Wirksamkeit wurde in zahlreichen klinischen Studien nachgewiesen. Zu den wichtigsten bei GAD eingesetzten Techniken zählen die Exposition und die systematische Desensibilisierung (3).

 

Bei der Exposition wird der Erkrankte mit einer unangenehmen Situation konfrontiert, in der er seine übertriebenen Ängste besonders stark spürt. Ziel ist es, einen Lernprozess in Gang zu setzen, der dem Betroffenen verdeutlicht, dass die Situation harmlos ist. Diese Technik erfordert viel Überwindung, mindert aber nicht nur Ängste, sondern stärkt auch das zumeist beeinträchtigte Selbstbewusstsein. Natürlich begleitet der Therapeut den Patienten bei der Exposition.

 

Bei der Technik der systematischen Desensibilisierung stellt sich der Betroffene im entspannten Zustand Situationen und Dinge vor, die ihm Sorgen bereiten. Hierbei ist wichtig, die Gedanken »zu Ende zu denken«. Da Entspannung und Sorgen miteinander unvereinbare Gefühlsebenen sind, wird die durch Sorgen ausgelöste Angstreaktion bei erfolgreicher Entspannung unterdrückt.


Relativ neu ist die internetbasierte kognitive Verhaltenstherapie. Hierbei handelt es sich entweder um eine reine Selbsttherapie am Computer oder um eine durch kurze Kontakte mit Therapeuten per E-Mail oder Telefon unterstützte Behandlung. Noch ist die internetbasierte KVT ein Zukunftsmodell. Verschiedene Einrichtungen bieten sie im Rahmen von Studien an, beispielsweise das Universitätsklinikum Leipzig oder das Karolinska-Institut in Stockholm. Bei anderen Angeboten sollte der Patient unbedingt zuvor mit seinem Arzt sprechen, denn es finden sich zahlreiche unseriöse Angebote im Netz. Die Wirksamkeit des Verfahrens ist umstritten. Bislang fehlen Studien zum Vergleich mit der herkömmlichen KVT mit persönlichem Therapeutenkontakt; daher kann die Internettherapie zurzeit nicht empfohlen werden (3).

Wie bei der kognitiven Verhaltenstherapie gibt es auch verschiedene Formen der psychodynamischen Therapie. Diese soll GAD-Patienten angeboten werden, wenn eine KVT nicht wirksam war, nicht verfügbar ist oder der Patient diese bevorzugt (1). Ausgehend von der sogenannten supportiv-expressiven Psychotherapie wurde für GAD-Patienten eine spezielle Behandlung entwickelt (3).

 

Die supportiv-expressive Therapie geht davon aus, dass den Symptomen ein zentraler Beziehungskonflikt zugrunde liegt. Das Verfahren analysiert verinnerlichte problematische Beziehungsmuster, oft Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen der frühen Kindheit. Wenn die hieraus entstandenen Denkmuster erstarrt sind, ist eine flexible Auseinandersetzung mit neuen Beziehungen blockiert. Ziel der Psychotherapie ist es, die problematischen Denkmuster zu erkennen und dem Betroffenen bewusst zu machen. So soll er die Freiheit für neue, bessere Verhaltensalternativen gewinnen.

 

Die heutigen psychodynamischen Behandlungen sind häufig Kurzzeittherapien, bei denen eine eher aktive therapeutische Haltung bevorzugt wird: Mit einer stärker direktiven Haltung, einem klaren therapeutischen Fokus auf einen umrissenen Problembereich und zielorientiertem Vorgehen kann der Therapeut Veränderungen schneller anstoßen und den Therapieprozess verkürzen.

 

Eine im Deutschen Ärzteblatt kürzlich veröffentlichte Literaturanalyse ergab nur zwei evaluierbare randomisierte kontrollierte Untersuchungen zur Wirkung einer psychodynamischen Therapie bei der GAD (3). In einer Studie war eine Verhaltenstherapie wirksamer als die psychodynamische Therapie. In einer zweiten Studie sahen die Autoren eine vergleichbare Wirkung. Die Ergebnisse zeigten aber erhebliche Unterschiede zugunsten der KVT. Nach Ansicht der Autoren ist noch nicht belegt, dass die psychodynamische Therapie gleich wirksam ist wie die kognitive Verhaltenstherapie. Über andere Formen der psychodynamischen Therapie könne aufgrund fehlender Daten nichts ausgesagt werden (3).

 

Ohne Medikamente geht es kaum

 

Jede medikamentöse Therapie benötigt eine einfühlsame Führung und Begleitung des Patienten. Gemäß der Konsultationsfassung der neuen S3-Leitlinie (1) ist eine Monotherapie grundsätzlich vorzuziehen. Psychopharmaka-Kombinationen sind nur in therapieresistenten oder schweren Fällen anzuraten. In den ersten Wochen einer Antidepressiva-Therapie können bei sorgfältiger Nutzen-Risiko-Bewertung zusätzlich Benzodiazepine gegeben werden (6).

 

Medikamente der ersten Wahl sind Antidepressiva wie die selektiven Serotonin/Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) Venlafaxin oder Duloxetin sowie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Escitalopram und Paroxetin (1) (Tabelle). Venlafaxin und Duloxetin hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin, binden aber nicht an adrenerge, cholinerge oder histaminerge Rezeptoren. Die Medikamente wirken daher nicht anticholinerg oder sedierend. Das Wirkspektrum der SSRI ist ähnlich. Sie wirken nicht sedierend, sondern eher aktivierend. Bei beiden Arzneistoffgruppen müssen der langsame Wirkeintritt von zwei bis vier Wochen und ein hohes Interaktionspotenzial berücksichtigt werden (8).

Tabelle: Medikamentöse Therapie der GAD; mod. nach (1, 3)

Stoffgruppe Wirkstoff (Beispiel) Dosierung (mg/Tag)
Medikamente der ersten Wahl
SSRI Escitalopram Paroxetin 10 bis 20
20 bis 50
SNRI Duloxetin Venlafaxin 60 bis 120
75 bis 225
Calciummodulator Pregabalin 150 bis 600
Medikamente der zweiten Wahl
Anxiolytikum Buspiron 15 bis 60,
in der Regel 30
Trizyklisches Antidepressivum Imipramin 75 bis 200,
in der Regel 100 bis 150
Trizyklikum Opipramol 50 bis 300,
in der Regel 200
Antihistaminikum Hydroxyzin 37,5 bis 75
Zur Überbrückung bis zum Wirkungseintritt der Antidepressiva und in begründeten Ausnahmefällen
Benzodiazepin Alprazolam 1,5 bis 6,
in der Regel 3

Die Dosierung der Antidepressiva entspricht weitestgehend der Behandlung depressiver Störungen. Verschiedene Studien legen nahe, die Behandlung nach Eintritt der Besserung noch ein halbes bis ein ganzes Jahr fortzuführen. Vor dem Absetzen sollte die Dosis schrittweise reduziert werden (3, 4).

 

Unerwünschte Wirkungen der Antidepressiva können gerade in den ersten Tagen der Behandlung stören, da der Patient noch keinen Therapie­erfolg, aber Nebenwirkungen verspürt. Der Apotheker sollte den Patienten über den späten Wirkungseintritt und die möglichen Nebenwirkungen, beispielsweise Unruhe, Übelkeit, Diarrhö und Schlaflosigkeit bei den SSRI, aufklären. Dies kann die Compliance erhöhen (3, 6).

 

Der Calciumkanalmodulator Pregabalin wird neben den SNRI und den SSRI in der Leitlinie der World Federation of Societies of Biological Psychiatry ­(WFSBP) (2) als First-Line-Medikament bei Patienten mit GAD empfohlen. Wegen seines geringen Interaktionspotenzials kann Pregabalin zudem mit SNRI/SSRI kombiniert werden, falls diese nicht ausreichend wirken (Augmentationstherapie) (2). Der Wirkmechanismus unterscheidet sich von dem anderer Anxiolytika. Pregabalin bindet an die α2-δ-Proteinuntereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle und vermindert die präsynaptische Freisetzung verschiedener exzitatorisch wirkender Neurotransmitter. Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit und Übelkeit zählen zu den Nebenwirkungen.

 

Trizyklische Antidepressiva

 

Zu den Medikamenten zweiter Wahl gehören die trizyklischen Antidepressiva (3). Die Therapie sollte in einer niedrigen Dosierung begonnen und alle drei bis fünf Tage erhöht werden, wenn die niedrige oder mittlere Dosis nicht erfolgreich war. Besonders zu Beginn können Nebenwirkungen wie verstärkte Angst, anticholinerge Effekte, Sedierung oder eine Gewichtszunahme auftreten (6). Insgesamt sind Nebenwirkungen bei den Trizyklika häufiger als bei SSRI oder SNRI, die daher vorzuziehen sind. Bei älteren Patienten sollten Trizyklika mit Vorsicht und in niedrigeren Tagesdosen eingesetzt werden.

 

Wenn jedoch andere Standardmedikamente nicht wirksam waren oder der Patient sie nicht vertragen hat, können sie eine Therapieoption darstellen (Beispiel: Imipramin, off-label). Die Wirklatenz beträgt zwei bis sechs Wochen oder mehr.

 

Benzodiazepine

 

Einige Benzodiazepine wurden bei GAD-Patienten untersucht, insbesondere Alprazolam, Diazepam, Lorazepam und Bromazepam (3, 6). Der anxiolytische Effekt setzt nach peroraler oder parenteraler Gabe sofort ein. Es ist jedoch zu beachten, dass Benzodiaze­pine kaum Einfluss auf die oft bestehende depressive Begleitsymptomatik haben. Müdigkeit, Verlängerung der Reaktionszeit und Stürze sind nur einige der unerwünschten Nebeneffekte.

 

Da Benzodiazepine das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren, besteht ein hohes Suchtpotenzial. Experten schätzen, dass der Benzodiazepin-Missbrauch mit 1,5 Millionen Abhängigen an der Spitze des schädlichen Arzneimittelkonsums in Deutschland steht. Um schwere Krisen der GAD zu beherrschen, können Benzodiazepine bei sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung kurzzeitig (zwei bis vier Wochen) verordnet werden.

Sorgen über Sorgen

Die 33-jährige Frau S. wacht morgens meist schon gegen drei Uhr auf. Sie hat das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und fühlt sich bedrückt. Sie fängt an, sich Sorgen zu machen: »Habe ich an alles gedacht? Was müssen die Kinder heute tun? Hoffentlich geht bei ihnen in der Schule alles gut.« Sie beginnt nun, sich über ihre finanzielle Situation Sorgen zu machen. »Wird das Geld für diesen Monat reichen?« Die Gedanken kreisen und Frau S. kann nicht wieder einschlafen. Sie hört, dass ihre Kinder aufstehen und sich für die Schule bereit machen. Doch sie fühlt sich wie gelähmt. Es gelingt ihr nicht aufzustehen. Sie hört, dass ihre Kinder das Haus verlassen. Stundenlang bleibt Frau S. im Bett und wartet, dass die Angst wieder verschwindet.

Weitere Medikamente der zweiten Wahl

 

Wenn Antidepressiva oder Pregabalin unwirksam waren oder der Patient sie nicht vertragen hat, können Buspiron oder Opipramol eine Alternative bieten (1). Buspiron erwies sich in einigen Studien als wirksam, war jedoch weniger effektiv als Venlafaxin (3). Für den Arzneistoff wurde eine partialantagonistische Wirkung an 5-HT1A-Rezeptoren (5-HT: 5-Hydroxytryptamin) sowie eine Blockade von Dopamin-D2-Rezeptoren nachgewiesen. Eine Kombination mit Monoaminoxidase-Hemmern sollte we­gen der Gefahr einer Bluthoch­druck­krise vermieden werden. Die Wirk­latenz beträgt zehn bis 14 Tage (6).

 

Das Anxiolytikum Opipramol ähnelt in seiner Struktur den trizyklischen Antidepressiva, unterscheidet sich jedoch in seiner Wirkung. Es war in einer dreiarmigen Studie effektiver als Placebo und ebenso wirksam wie Alprazolam. Langzeitstudien fehlen (3).

 

Auch die Wirksamkeit des Antihistaminikums Hydroxyzin wurde in einigen kontrollierten Studien gezeigt. Allerdings fehlen Rückfallverhinderungsstudien über Zeiträume von sechs bis zwölf Monaten (3).

 

Das trizyklische atypische Antipsychotikum Quetiapin wurde für die Therapie der Schizophrenie entwickelt. Es war jedoch auch bei GAD-Patienten wirksam, wobei deutlich geringere Dosen als zur Therapie der Schizophrenie eingesetzt wurden. Quetiapin ist für die Behandlung der GAD nicht zugelassen. Es kommt daher – als Off-label-Use – nur für Patienten infrage, bei denen Standardtherapien nicht wirksam oder unverträglich sind (1, 3).

 

Das Antidepressivum Agomelatin ist ein Melatonin-Agonist und ein 5-HT2C-Antagonist. In einer Studie war Agomelatin einem Placebo überlegen. Auch eine Rückfallverhinderungsstudie zeigte seine Überlegenheit gegenüber Placebo. Das Medikament ist nicht für die Therapie der GAD zugelassen (3).

 

Pflanzliche Präparate

 

In einer Studie ohne Placebokontrolle war ein Lavendelölextrakt ebenso effektiv wie das Benzodiazepin Lorazepam. Allerdings war die Teilnehmerzahl (n = 77) gering. Lorazepam wurde zudem nur einmal täglich (statt zwei- bis dreimal täglich) gegeben. Daher war seine Wirksamkeit in der Studie möglicherweise geringer als bei üblicher Applikation. Placebokontrollierte Studien mit Patienten mit klinisch gering ausgeprägten »subsyndromalen« Angststörungen weisen auf eine mögliche Wirksamkeit des Lavendelöl­extrakts hin (3).

 

Therapie bei mangelndem Ansprechen anpassen

 

Tritt nach einer medikamentösen Standardtherapie keine Besserung ein, sind verschiedene Vorgehensweisen möglich. Sprechen die Patienten nach vier- bis sechswöchiger Therapie nur partiell auf die Medikation an, kann der Arzt die Dosis erhöhen und die Behandlung über weitere vier bis sechs Wochen fortführen.

 

Spricht der Patient auf eine vier- bis sechswöchige Initialtherapie jedoch gar nicht an (Non-Response), ist ein Wechsel des Medikaments indiziert. Allerdings zeigte eine Analyse mehrerer GAD-Studien, dass nur bei 38 Prozent der Patienten, die unter SSRI nach der zweiten Woche kein Ansprechen gezeigt hatten, eine Wirkung bis zur achten Therapiewoche eintrat.

 

Für den Wechsel gibt es mehrere Strategien, wobei »Switching-Studien« fehlen. Der Arzt kann innerhalb der Standardpräparate (SSRI, SNRI, Prega­balin) auf einen anderen Wirkstoff wechseln oder Medikamente der zweiten Wahl (trizyklische Antidepressiva, Buspiron, Opipramol) einsetzen (1). Möglich ist auch eine Umstellung auf Medikamente, die bei anderen Angststörungen in Studien erfolgreich waren, aber bei der GAD noch nicht ausreichend untersucht sind. Beispiele sind Moclobemid, Mirtazapin und Quetiapin.

 

Schließlich gibt es auch Add-on-Strategien: Der Arzt verordnet zusätzlich zu Wirkstoffen aus der Gruppe der SSRI oder SNRI noch Pregabalin oder – in therapieresistenten Fällen – off-label Olanzapin oder Risperidon (1).

 

Fazit: Die generalisierte Angststörung ist schwer zu erkennen und bedarf einer mehrdimensionalen Therapie. Welche Kombination der verschiedenen Therapieverfahren günstig ist, muss individuell auf den Patienten abgestimmt werden. Bei optimaler Therapie ist die Prognose gut. /

Die Autorin

Claudia Borchard-Tuch studierte Medizin an der Universität Düsseldorf, erhielt 1982 die Approbation und schloss ein Jahr später ihre Promotion ab. Nach einer Tätigkeit als Assistenzärztin studierte sie Informatik an der Fernuniversität Hagen und schloss mit dem Diplom ab. Seit 1983 ist Borchard-Tuch freiberuflich als Autorin und Wissenschaftsjournalistin für medizinische Fachzeitschriften tätig.

 

Dr. med. Claudia Borchard-Tuch
Forsthofweg 9
6441 Zusmarshausen
claudia.borchardtuch(at)gmail.com

Literatur

  1. Bandelow, B., et al., S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. Konsultationsfassung. Stand: 19. Dez. 2013. www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/LL-Angst_GESAMTTEXT.pdf.
  2. Bandelow B., et al., World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP) guidelines for the pharmacological treatment of anxiety, obsessive-compulsive and post-traumatic stress disorders. First revision. World J. Biol. Psychiatry 9 (4) (2008) 248-312.
  3. Bandelow, B., et al., Generalisierte Angststörung: Diagnostik und Therapie. Dtsch. Aerztebl. 17 (2013) 300-310; Schlusswort zu den ­Leserbriefen unter www.aerzteblatt.de/archiv/145656/Schlusswort 2014.
  4. Benkert, O., et al., Psychopharmakologischer Leitfaden für Psychologen und Psychotherapeuten. Springer Berlin Heidelberg 2012, S. 153-156.
  5. Brawman-Mintzer, O., Lydiard, R. B., Biological basis of generalized anxiety disorder. J. Clin. Psychiatry 58 (1997) 16-25.
  6. Förstl, H., Schweiger, H., Angsterkrankungen und Schlafstörungen: Fortbildung kompakt. Govi-Verlag, Eschborn 2013.
  7. Hettema, J. M., Prescott, C. A., Kendler, K. S., A population-based twin study of generalized anxiety disorder in men and women. J. Nerv. Ment. Dis. 189 (2001) 413-420.
  8. In-Albon, T., Generalisierte Angststörung. In: Schneider, S., Margraf, J. (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie: Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter. Springer Berlin Heidelberg 2009, S. 593-608.
  9. Managing Anxiety in Practice (MAP) Meeting »The GAD Patient in Focus«, London, 20. bis 21. April 2012.
  10. Rickels, K., et al. Pregabalin for treatment of generalized anxiety disorder: a 4-week, multicenter, double-blind, placebo-controlled trial of pregabalin and alprazolam. Arch. Gen. Psychiatry 62 (2005) 1022-1030.
  11. Tiihonen, J., et al., Cerebral benzodiazepine receptor binding and distribution in generalized anxiety disorder: a fractal analysis. Mol. Psychiatry 2 (1997) 463-471.
  12. Wittchen, H. U., et al., Generalized anxiety and depression in primary care: prevalence, recognition, and management. J. Clin. Psychiatry 63 (Suppl 8) (2002) 24-34.

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