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Seuchen weltweit

Infektionsrisiken auf Reisen

22.03.2011
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Von Annette Mende, Berlin / Die mit Abstand häufigste Infektionskrankheit auf der Welt ist der Durchfall. Er macht nicht nur Bewohnern südlicher Länder zu schaffen, sondern hat auch schon so manchem Touristen die Reisefreude verdorben. Über Durchfallerreger und andere Keime, die einem unterwegs begegnen können, sprach Dr. Klaus-Jörg Volkmer vom Centrum für Reisemedizin beim 12. Forum Reisen und Gesundheit in Berlin.

Auf etwa 2 Milliarden Fälle pro Jahr schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Zahl der Durchfallerkrankungen weltweit. Allein unter Kindern fordern Darminfektionen nach WHO-Angaben jährlich 1,5 Millionen Todesopfer. In Ländern mit schlechtem Hygiene-Standard steht dabei vor allem die Cholera im Mittelpunkt. »Bei dieser Erkrankung rechne ich mit einer hohen Dunkelziffer, da sie eine relativ niedrige Manifestationsrate hat«, so Volkmer. Hohe Keimzahlen des Erregers Vibrio cholerae seien erforderlich, damit die Krankheit klinisch manifest wird. Wie leicht die Schwere eines Cholera-Ausbruchs unterschätzt werden kann, zeigt sich aktuell in Haiti, wo die Zahl der Erkrankungsfälle doppelt so hoch sein könnte als bislang von der WHO angenommen (siehe dazu Choleraepidemie in Haiti unterschätzt).

Für westliche Touristen spielt die mögliche Infektionsgefahr mit Cholera hingegen nur eine untergeordnete Rolle. Weitaus bedeutender ist hier die Reisediarrhö. Allein unter deutschen Touristen erkranken jährlich etwa 15 Millionen auf Reisen an Durchfall. »Hätte die Reisediarrhö eine einheitliche Ätiologie, würde sie allein schon aufgrund ihrer Häufigkeit zu den Seuchen zählen«, sagte der Mediziner. Sich dagegen zu schützen, ist meist schwierig. Generell sollten Reisende in südlichen Ländern bei der Auswahl ihrer Nahrungsmittel die Regel befolgen »Cook it, peal it or forget it« (»Koch es, schäl es oder vergiss es«).

 

Polio ist noch nicht besiegt

 

Ein weiterer Erreger, der wie Vibrio cholerae und die Erreger von Reisedurchfällen oral übertragen wird, ist das Poliovirus. »Seit 23 Jahren bemühen wir uns, diese Krankheit auszurotten, aber es ist uns bisher noch nicht gelungen«, sagte Volkmer. Eine lückenhafte Populationsimmunität habe vor allem in Afrika und Asien dazu geführt, dass die Krankheit in zuvor bereits Polio-freie Länder wieder eingeschleppt wurde. Zur Immunisierung kommt laut Volkmer in Ländern der sogenannten Dritten Welt nur die Schluckimpfung infrage, da der parenterale Impfstoff keine Darmimmunität erzeugt. Auch für Reisende in entsprechende Regionen sei ein belastbarer Impfschutz wichtig.

 

Infektionskrankheiten, deren Erreger von Insekten übertragen werden, haben sich in den letzten Jahren aufgrund der Klimaerwärmung immer weiter nach Norden ausgebreitet. Volkmer nannte als Beispiele Ausbrüche von Dengue-Fieber in Kroatien, von Chikungunya-Fieber in Italien und Südfrankreich sowie von West-Nil-Fieber in Griechenland, der Türkei und Russland. Kurioses Detail: Die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus), die sowohl Dengue-, Chikungunya- als auch West-Nil-Viren übertragen kann, legt ihre Eier bevorzugt in alten Autoreifen ab. Ursprünglich in Südostasien beheimatet, ist sie mittlerweile auch in einigen Regionen Südeuropas und Amerikas heimisch. Das ebenfalls von der Tigermücke übertragene Gelbfieber blieb bisher jedoch auf die Kontinente Asien und Afrika beschränkt.

 

Die von der Anopheles-Mücke übertragene Malaria gehört mit jährlich 250 Millionen Erkrankungen nach Einschätzung der WHO zu den zehn häufigsten Infektionskrankheiten weltweit. Fast eine Million Todesfälle jährlich gehen laut WHO auf das Konto von Plasmodien. »Alle 30 Sekunden stirbt in Afrika ein Kind an der Malaria«, erinnerte Volkmer. Wichtig zum Schutz vor einer Infektion ist vor allem die Expositionsprophylaxe durch Mückennetze und Repellentien. Halten sich Reisende nur für begrenzte Zeit in einem Malaria-Gebiet auf, stehen zusätzlich Arzneimittel zur Chemoprophylaxe zur Verfügung. Voraussichtlich im April 2011 wird neben den bekannten Präparaten Lariam® (Mefloquin) und Malarone® (Atovaquon/Proguanil) ein neues Kombinationspräparat aus Dihydroartemisinin und Piperaquin (Eurartesim®) in Deutschland zugelassen.

 

Reisekrankheiten Grippe und Masern

 

Die häufigste Infektions-bedingte Todesursache weltweit ist laut WHO jedoch nicht die Malaria, sondern die durch akute respiratorische Infekte ausgelöste Pneumonie. Besonders bedroht von solchen aerogenen Infektionen sind dem Referenten zufolge Kinder, Ältere und Immungeschwächte. In der reisemedizinischen Beratung oft unterschätzt würden die Erreger der Influenza. Verkehrsmittel, Hotels und Massenveranstaltungen böten ideale Übertragungsmöglichkeiten für Grippe-Viren. Das Gleiche gelte auch für Masern-Viren, deren globale Ausrottung eigentlich ein erklärtes Ziel der WHO ist. Ähnlich wie bei der Polio verursachen aber auch hier immer wieder eingeschleppte Viren in nicht ausreichend immunisierten Populationen Ausbrüche der Krankheit. Touristen, die zu Großveranstaltungen reisen, können dabei zum Vektor werden. So erkrankten im Jahr 2010 bei den Olympischen Spielen in Vancouver 49 Menschen an Masern, nachdem die Masern-Viren aus Asien eingeschleppt worden waren.

 

Ein Erreger, mit dem Reisende in der Regel eher selten in Berührung kommen, sind Meningokokken (Neisseria meningitidis). Von den gramnegativen Bakterien gibt es zwölf verschiedene Serogruppen, die sich in der Zusammensetzung ihrer Kapselpolysaccharide unterscheiden. In Afrika bilden mehrere Länder südlich der Sahara den sogenannten »Meningitis-Gürtel«, in dem Meningokokken der Serogruppe A dominieren. Volkmer zufolge wurden dort zu Beginn dieses Winters Massenimpfungen mit einem monovalenten Meningokokken-Impfstoff gestartet. Der Experte bewertete das als problematisch, da Meningokokken unter entsprechendem Selektionsdruck mit einem sogenannten Kapselswitch leicht ihre Kapselantigene verändern und damit die Immunität unterwandern könnten.

 

Mit jährlich mehr als 55 000 menschlichen Todesopfern stellt auch die Tollwut eine nennenswerte Gefahr für Reisende dar. »Hauptüberträger ist in Asien der Hund, in Amerika sind es in den letzten Jahren vorwiegend Fledermäuse«, informierte Volkmer. Touristen sollten sich daher vor Reiseantritt genau über mögliche Tollwut-Vorkommen im Zielgebiet informieren. Dabei ist zu beachten, dass die Einstufung als tollwutfreies Gebiet nach Definition der Internationalen Tiergesundheitsorganisation (OIE) die von Fledermäusen übertragene Tollwut nicht erfasst. Ein Gebiet kann also von der OIE als »tollwutfrei« eingestuft sein, obwohl dort Tollwut bei Fledermäusen vorkommt. Nur nach den strengeren Kriterien der WHO bedeutet »tollwutfrei« auch frei von Tollwut, die von Fledermäusen übertragen wird.

 

Nur kurz ging Volkmer auf die HIV-Infektion ein, die dennoch seiner Meinung nach »aus globaler Sicht die höchste Priorität unter den Weltseuchen hat.« Etwa 35 Millionen Menschen seien derzeit mit dem HI-Virus infiziert, zwei Drittel davon in Afrika südlich der Sahara. Mit je etwa 2,4 Millionen Fällen jährlich hielten sich Neuinfektionen und Todesfälle die Waage. Prekär sei vor allem, dass HIV-infizierte Patienten ein etwa 80-fach erhöhtes Risiko für eine Co-Infektion mit Tuberkulose hätten (siehe dazu auch PZ 6/11, Seite 42). »Beide Seuchen haben die Menschheit vor Probleme gestellt, deren Lösung noch nicht in Sicht ist«, schloss der Referent. /

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