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Generikabranche

Teva kauft Ratiopharm

23.03.2010
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Von Stephanie Schersch / Der monatelange Bieterwettstreit um Ratiopharm ist entschieden: Der Ulmer Pharmahersteller geht für rund 3,6 Milliarden Euro an den israelischen Konkurrenten Teva Pharmaceutical Industries. Die Merckle-Gruppe ist damit einen großen Teil ihrer Schulden auf einen Schlag los.

Die Übernahmegenehmigung durch die zuständige Aufsichtsbehörde steht zwar noch aus. Teva rechnet aber mit einem Abschluss noch in diesem Jahr. Die Transaktion sei für sein Unternehmen sehr wichtig, sagte Teva-Chef Shlomo Yanai. »Sie fügt sich perfekt in unsere langfristige Strategie ein, in der Europa eine wichtige Säule und ein entscheidender Wachstumstreiber ist.«

Ratiopharm biete eine ideale Plattform zum Ausbau einer Führungsposition auf europäischen Schlüsselmärkten. Das sei allen voran Deutschland, aber auch Märkte wie Spanien, Italien und Frankreich zählten dazu.

 

Neue Nummer eins in Europa

 

Teva ist weltweit Marktführer von Nachahmerprodukten. Durch die Übernahme von Ratiopharm wird der Hersteller nun auch die Nummer eins auf dem europä­ischen Generikamarkt und nach der zu Novartis gehörenden Firma Sandoz die Nummer zwei in Deutschland. Hier wird der Marktanteil des gemeinsamen Unternehmens bei geschätzten 27 bis 28 Prozent liegen.

 

Ratiopharm zeigte sich zufrieden mit der Übernahme. »Es ist eine gute Lösung für Ratiopharm und auch für die Mitarbeiter«, sagte Oliver Windholz, Vorsitzender der Geschäftsführung. »Wir freuen uns, Teil der Wachstumsstrategie von Teva zu sein.« Auch der Alleinerbe der Unternehmensgruppe, Ludwig Merckle, lobte das Ergebnis. »Ich glaube, dass der Zusammenschluss mit dem größten Generikahersteller weltweit es Ratiopharm ermöglichen wird, weiter zu wachsen und erfolgreich zu sein«, sagte er. Teva sei ein starker neuer Eigentümer, der ein klares Bekenntnis zu den Standorten Ulm und Blaubeuren abgegeben habe. Dennoch betonte er auch: »Die Trennung von Ratiopharm ist ein schmerzvoller Schritt für uns als Gründerfamilie.«

 

Am Verkauf des Arzneimittelherstellers führte aber kein Weg vorbei. Durch die Finanzkrise und Spekulationen am Aktienmarkt war die Merckle-Gruppe Ende 2008 in finanzielle Schieflage geraten. Die Gläubigerbanken wollten daraufhin nur noch einen Kredit gewähren, wenn sich die Unternehmensgruppe von einigen Firmenteilen trennte – darunter Ratiopharm. Mit dem Verkauf kommt die Entschuldung der Gruppe nun einen großen Schritt voran. Die bisherige Ratiopharm-Eignerin VEM Holding konnte ihre Schulden auf einen Schlag tilgen, teilte der Geschäftsführer der Holding, Hans-Joachim Ziems, mit. Auch die Verbindlichkeiten der VEM beim Pharmagroßhändler Phoenix, der auch zur Merckle-Gruppe gehört, seien damit vom Tisch. Mit 3,625 Milliarden Euro lag der Verkaufspreis für Ratiopharm sogar noch über dem von Branchenexperten geschätzten Wert des Herstellers. Ludwig Merkle will die Neustrukturierung der Unternehmensgruppe jetzt weiter vorantreiben. »Ich sehe es als meine Aufgabe an, die Schuldentilgung abzuschließen und die verbleibende Unternehmensgruppe für die Zukunft aufzustellen«, sagte er.

 

Stada als Nächstes im Visier?

 

Am Ratiopharm-Standort Ulm möchte Teva seine Deutschlandzentrale aufbauen. Nach Aussage von Teva-Chef Yanai soll Ulm außerdem zur »Drehscheibe des Europageschäfts« werden. Mit Ratiopharm zusammen liegt der jährliche Umsatz des israelischen Herstellers in Europa bei 5,2 Milliarden Euro. Teva erwartet durch die Übernahme weiter Synergieeffekte von 300 Millionen Euro in den nächsten drei Jahren. Weltweit wird das gemeinsame Unternehmen rund 40 000 Mitarbeiter beschäf­tigen.

 

Die Übernahme von Ratiopharm ist die größte Transaktion in der Branche seit dem Kauf des US-Konzerns Barr durch Teva im Jahr 2008. Auch der isländische Konzern Actavis, der auf die Unterstützung der Deutschen Bank angewiesen war, und der weltgrößte Pharmahersteller Pfizer hatten bis zuletzt um Ratiopharm gebuhlt. Teva hatte jedoch das höchste Angebot vorgelegt. Analysten vermuten, Actavis und Pfizer könnten nun ein Auge auf den Hersteller Stada werfen. Die Aktie des Unternehmens aus Bad Vilbel zog an der Börse zeitweise deutlich an.

 

Stada wollte zu diesen Gerüchten keine Stellung nehmen. Pfizer und Actavis dürften jedoch großes Interesse an einer Übernahme haben. Fachleute sagen der Generikabranche ein überdurchschnittliches Wachstum voraus. Nach ihrer Niederlage im Bieterwettstreit um Ratiopharm werden die Hersteller daher nach neuen Gelegenheiten Ausschau halten, in diesem Markt zu expandieren. / 

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