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Arzneimittelnebenwirkungen

Steroide als Diabetesrisiko

12.03.2013
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Glucocorticoide beeinflussen den Glucosestoffwechsel und können sogar einen Diabetes auslösen. Vor allem Patienten, die Steroide langfristig oder in hoher Dosis einnehmen, sind gefährdet. Meist steigt zunächst der postprandiale Blutzucker an.

Die gute Nachricht vorweg: Topisch angewandte Steroide beeinflussen die Blutglucose in der Regel nicht. Inhaliert ein Patient die Medikamente, zum Beispiel bei Asthma oder chronisch-obstruktiver Bronchitis (COPD), sollte jedoch der Blutzucker kontrolliert werden.

»Bei Menschen mit manifestem Diabetes mellitus erhöhen orale Steroide immer den Blutzucker«, sagte Professor Dr. Wolfgang Sippel vom Klinikum München-Bogenhausen beim Kongress »Diabetologie grenzenlos« Anfang März in München. Doch auch 10 bis 40 Prozent der Patienten, die bislang keinen Diabetes haben, entwickeln unter einer Langzeittherapie einen Steroid- oder Typ-3e-Diabetes. Dabei sei das Risiko umso größer, je höher die Dosis und je länger die Therapiedauer sind. Besonders gefährdet seien Patienten, die adipös sind, eine familiäre Vorbelastung oder einen Langzeit-Blutzuckerwert HbA1C über 5,7 Prozent haben.

 

Glucocorticoide greifen auf vielfältige Weise in den Zuckerstoffwechsel ein. Sie senken die Insulinsekretion aus den Betazellen des Pankreas, reduzieren die Insulinsensitivität in Muskeln und Geweben und steigern die hepatische Gluconeogenese. Der Blutzuckeranstieg beginnt etwa zwei bis vier Stunden nach der Einnahme des Corticoids. »Die Wirkung auf den Blutzucker kann bis zu 16 Stunden anhalten und ist damit deutlich länger, als die Halbwertszeit der Corticoide erwarten lässt«, informierte Sippel.

 

Nüchternglucose oft normal

 

Ungeeignet zur Diagnose eines Steroid-induzierten Diabetes ist die Messung der Nüchternwerte, da die Nüchtern-Blutglucose meistens normal ist, wenn der Patient sein Corticoid-Präparat nur einmal täglich morgens einnimmt. Erst bei hohen Dosen oder zweimal täglicher Einnahme steige auch die Nüchternglucose an. Dagegen biete sich die postprandiale Messung an, da der Blutzucker bei morgendlicher Corticoideinnahme im Lauf des Vormittags deutlich ansteigt. Ein Wert über 200 mg/dl eine bis zwei Stunden nach der Mahlzeit zeigt laut Sippel einen Diabetes an.

 

Die Therapie basiert wie beim Typ-2-Diabetes auf Ernährungsumstellung und mehr Bewegung. Bei postprandialen Werten bis 220 mg/dl empfehlen sich orale Antidiabetika (OAD), bei Werten zwischen 220 und 260 mg/dl ist eine orale Kombitherapie indiziert und ab 260 mg/dl die Insulingabe. Dabei ist zu berücksichtigen, ob der Patient bislang keinen Diabetes hat oder ob er bereits eine antidiabetische Therapie erhält, die intensiviert werden muss.

 

Von den OAD eigne sich Metformin, da es die hepatische Gluconeogenese hemmt, sagte Sippel. Ebenfalls günstig seien DPP4-Hemmstoffe (Gliptine), da sie die postprandialen Blutzuckerspitzen senken können. Glinide eigneten sich zur prandialen Gabe, haben aber eine kurze Wirkdauer und seien eventuell zu schwach wirksam. Sulfonylharnstoffe seien nur bedingt geeignet, da sie nächtliche Hypoglykämien auslösen können.

 

Für die orale Kombitherapie riet der Arzt klar zu Metformin plus DPP4-Hemmern. Die Kombination von Metformin und Gliniden könne man erwägen. Als weniger sinnvoll bezeichnete er die Kombination mit Sulfonylharnstoffen oder die BOT (basal unterstützte orale Therapie), also die Kombination von OAD mit einem lang wirksamen Insulin einmal täglich.

 

Ist aufgrund hoher Blutzuckerwerte eine Insulingabe angezeigt, kann der – bislang nicht-diabetische – Patient zum Essen, das heißt in der Regel dreimal täglich ein Normalinsulin spritzen. Analoginsuline seien nicht geeignet, da sie zu kurz wirken. Eine Alternative bietet die einmal tägliche Injektion eines Mischinsulins am Morgen, bei erhöhten Nüchternwerten gegebenenfalls zusätzlich abends. Die Initialdosis des Insulins solle sich am Körpergewicht orientieren, sagte der Arzt und empfahl zum Einstieg 0,2 I.E. pro kg Körpergewicht pro Tag. Der Patient solle morgens und mittags mehr Einheiten spritzen als abends. In jedem Fall muss er seinen Blutzucker kontrollieren. Anhand der Messwerte wird die Insulindosis gegebenenfalls hochtitriert.

 

Diabetes-Therapie anpassen

 

Wenn Diabetes-Patienten bereits medikamentös behandelt werden und der Blutzucker unter einer Glucocorticoid-Einnahme ansteigt, muss das bisherige Therapieschema angepasst werden. Für Personen, die bisher OAD einnahmen, empfahl Sippel zusätzlich Insulin. Die Startdosis sei ähnlich wie bei Nicht-Diabetikern.

 

Bei Insulin-pflichtigen Diabetikern steigt der tägliche Insulinbedarf in Abhängigkeit von der zugeführten Steroid­dosis. Der Mehrbedarf kann bei 30 bis 100 Prozent liegen. Die Insulinzufuhr wird – bei regelmäßiger Blutzuckerkontrolle – schrittweise erhöht, vor allem morgens und mittags. Einfacher ist das Vorgehen bei Beendigung der Steroidtherapie. Dies erfolgt ausschleichend. In dem Prozentsatz, in dem die Steroiddosis reduziert wird, wird auch die Insulindosis abgesenkt. /

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