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Mutter krank

Abstillen meist nicht nötig

11.03.2013
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Von Karin Muß / Ist Muttermilch einer erkrankten Frau gut für den Säugling? Wie verändern mütterliche Erkrankungen die Milch? In welchem Ausmaß werden Arzneimittel über die Muttermilch auf das Kind übertragen? Fragen, die eine erkrankte Stillende ebenso beschäftigen wie ihre Therapeuten.

Muttermilch enthält alle für das Wachstum und die gesunde Entwicklung des Säuglings nötigen Nährstoffe in der indivi­duell optimalen Zusammensetzung, schützt vor Krankheiten und Allergien, ist stets richtig temperiert und kostengünstig. Das Stillen an sich trägt erheblich zu einem guten Mutter-Kind-Kontakt (Bonding) bei. Nicht nur das Kind profitiert davon, sondern auch die Mutter. Zahlreiche Studien belegen ein geringeres Risiko für Gebärmutterhals-, Eierstock- und Brustkrebs sowie für Osteoporose durch ausreichend langes Stillen.

Muttermilch stellt den Goldstandard der Säuglingsernährung dar. Daher sollte bei Erkrankungen der stillenden Mutter abgewogen werden, welche Auswirkungen die Krankheit selbst und die Therapie auf die Muttermilch und das Kind haben könnten. Gute Nachricht: Abstillen ist in den meisten Fällen nicht nötig.

 

Stadien der Milchproduktion

 

Die Milchproduktion (Laktogenese) läuft in drei Phasen ab. Bereits im ersten Schwangerschafts­trimenon kommt es unter dem hormonellen Einfluss zur Proliferation des Drüsengewebes. Insbesondere die lang anhaltende Estrogenwirkung bewirkt das Wachstum der lobulären Bereiche (4). Progesteron und weitere Hormone (Prolaktin, Humanes Plazentalaktogen, Adrenocorticotropes Hormon, Schilddrüsenhormone, Insulin und Wachstumshormone) führen zur Ausdifferenzierung der Ducti und Alveolen sowie zur funktionellen Reifung der Laktozyten im weiteren Schwangerschaftsverlauf (Laktogenese I). Fettgewebe weicht dem wachsenden Drüsengewebe.

 

Nach Abschluss dieses Stadiums kann die werdende Mutter bereits Milch bilden und ein Frühgeborenes ernähren. In diesem Fall produziert sie sogar spezielle Frühgeborenenmilch (Preterm-Milch). Während der Schwangerschaft unterdrücken neurologische (Dopamin) und hormonelle Mechanismen (humanes Plazentalaktogen, Progesteron) den Beginn der Milchproduktion.

 

Nach Geburt des Kindes und vollständigem Ausstoß der Plazenta entfällt die hormonelle Unterdrückung. Prolaktin als Milchbildungshormon kann nun seine Wirkung an den Laktozyten entfalten. Das Saugen des Babys an der Brust regt neuronale Prozesse an, die eine weitere Dopaminsekretion verhindern, die Freisetzung von Prolaktin aus dem Hypophysenhinterlappen fördern und damit die Milchbildung in Gang setzen (Laktogenese II). Etwa 36 Stunden nach der Geburt (post partum) ist der Prozess abgeschlossen, und die Phase der reichlichen Milchproduktion beginnt.

 

Für die weitere Milchproduktion (Laktogenese III) sind autokrine Mechanismen entscheidend. Effektives Saugen und häufiges Entleeren der Brust bestimmen die Milchmenge.

 

Vom Kolostrum bis zur reifen Milch

 

Die Zusammensetzung der Muttermilch passt sich den Bedürfnissen des Kindes an und hängt von seinem Alter und der Tageszeit ab. Die mütterliche Ernährung hat nur geringe Auswirkungen. Nur eine hohe Zufuhr wasserlöslicher Vitamine und die Aufnahme langkettiger ungesättigter Fettsäuren spiegeln sich in der Milch wider.

 

Muttermilch besteht zu 87 Prozent aus Wasser, in dem alle anderen Substanzen – Fette, Eiweiße, Proteine, Mikronährstoffe – gelöst oder emulgiert vorliegen. Die Epithelzellen der alveolären Endstücke der Milchgänge sind über Tight junctions miteinander verbunden. Diese sind vor und unmittelbar nach der Geburt noch relativ permeabel. Größere Proteine, Immunglobuline, Lymphozyten und Arzneistoffe können die Membranen passieren (2). Diese Durchlässigkeit ist für die besondere Zusammensetzung der ersten Neugeborenenmilch (Kolostrum) und dessen Ähnlichkeit mit dem Blutplasma verantwortlich.

 

Während der Laktogenese II schließen sich die Tight junctions weitgehend. Dies beeinflusst die Zusammensetzung der Milch post partum (Tabelle 1) (15). Während der Laktation erfolgen die meisten Transportprozesse transzellulär durch Diffusion oder aktiven Transport. Muttermilch enthält pro Tropfen bis zu 4000 lebende Zellen wie Makrophagen, Lymphozyten und natürliche Killerzellen sowie Enzyme und Wachstumsfaktoren.

 

Eine stillende Frau produziert nach vier Wochen täglich zwischen 500 bis 800 ml Milch, später 1000 ml und mehr (10, 15). Der Richtwert entspricht etwa einem Sechstel des kindlichen Gewichts.

 

Wie Erkrankungen die Milch beeinflussen

 

Nur in Ausnahmefällen eignet sich die mütterliche Milch nicht für die Ernährung des Babys. Ein Beispiel ist die seltene Stoffwechselerkrankung Hyperlipoproteinämie Typ 1. Die Milch der Patientin hat eine veränderte Zusammensetzung mit geringem Gesamtfettgehalt, bizarrem Fettsäurespektrum und geringen Konzentrationen an Linolensäure und Arachidonsäure (12).

Anatomie der laktierenden Brust

Die weibliche Brust gliedert sich in Bindegewebsbereiche, Fettgewebe und Drüsenkörper. Der größte Anteil des Drüsengewebes (65 Prozent) befindet sich in einem Radius von drei Zentimetern rund um die Brustwarze (Mamille). Es besteht aus mehreren radial angeordneten Drüsenlappen (Lobi), die sich aus kleineren Drüsenläppchen (Lobuli) zusammensetzen. Diese verzweigen sich sehr stark in die einzelnen Milchgänge (Ducti), an deren Ende sich die Alveolen befinden. Die Drüsenstrukturen sind umgeben von Bindegewebssträngen (Cooperschen Ligamenten), die bis zum großen Brustmuskel (M. pectoralis) ziehen, sowie von Fettgewebe und fibrösen Scheidewänden (intra­lobuläres Mantelgewebe). Die Versorgung des Drüsensystems wird durch das mit Nerven, Blut- und Lymphgefäßen durchzogene Mantelgewebe gewährleistet.

 

In den endständigen Alveolen befinden sich Laktozyten, hoch spezialisierte Zellen für die Milchproduktion, sowie Myoendothelialzellen, die sich auf hormonelle Reize hin kontrahieren und die Milch in die Milchgänge drücken. Weitere Kontraktionen der Ducti transportieren die Muttermilch zu den acht bis 15 Ausführungsgängen an der Mamille.

Häufiger sind Erkrankungen, die die Milchbildung drosseln. Beispielsweise können abnorm starke Blutungen während oder nach der Geburt einen Hypophyseninfarkt provozieren (Sheehan-Syndrom). Der dadurch bedingte Hormonausfall führt unter anderem zur Brustdrüsenatrophie. Stillen ist nicht oder nur in geringsten Mengen möglich.

 

Bei einer Plazentaretention (Nichtausstoßung des Mutterkuchens) werden weiterhin hohe Mengen an Progesteron gebildet, die den Stillbeginn hemmen. Selbst wenn nur Reste der Plazenta im Uterus zurückbleiben, kann dies die Milchbildung drosseln.

 

Nicht selten ist eine Hypothyreose die Ursache einer verminderten Milchbildung (6). Eine optimale euthyreote Einstellung ist sowohl in der Schwangerschaft als auch in der Stillzeit erforderlich. L-Thyroxin ist in der Stillzeit unproblematisch und indiziert, um die physiologische Schilddrüsenfunktion wiederherzustellen.

Tabelle 1: Zusammensetzung und Energiegehalt von Muttermilch in unterschiedlichen Reifestadien; modifiziert nach (9) *) Täglich 500 bis 900 ml im Stadium III der Laktogenese

Inhaltsstoff Kolostrum Reife Muttermilch*
Gesamteiweiß (g/l) 23 11
Lactose (g/l) 57 71
Fette (g/l) 30 45
Kalorien (kcal/l) 671 747

Das PCO-Syndrom (polycystisches Ovarsyndrom) ist mit einer hohen Androgenproduktion verbunden. Häufig werden die Frauen daher gar nicht schwanger. Da die Erkrankung stark mit einer Insulinresistenz korreliert, wird bei Kinderwunsch Metformin unterstützend zur hormonellen Substitution eingesetzt. Meist haben die betroffenen Frauen auch zu wenig Brustdrüsengewebe und bilden daher zu wenig Milch. Die hohen Androgenkonzentrationen reduzieren die Milchmenge zusätzlich. Unter Metformin darf die Frau weiter stillen. Es gelangen nur geringe Mengen in die Muttermilch, Unterzuckerungen wurden bei den Kindern nicht festgestellt (9).

 

Das Fettgewebe ist ein Speicherort für Estrogene und hat einen Depot­effekt. Daher gelangen bei adipösen Frauen laufend zu hohe Estrogenmengen in den systemischen Kreislauf und bremsen die Milchbildung.

 

Einfluss von Arzneistoffen

 

Antidopaminerg wirkende Arzneistoffe wie Phenothiazine, Haloperidol, Sulpirid und Risperidon können die Milchproduktion steigern. Gleiches gilt für α-Methyldopa, das Antihypertonikum der ersten Wahl. Auch die Prokinetika Domperidon und Metoclopramid zeigen diesen Effekt. Sie werden bei zu geringer Milchproduktion auch therapeutisch zur Anregung der Laktozyten eingesetzt, wenn andere Maßnahmen (»Stillmanagement«) nicht ausreichen. Die Relaktation (Wiederaufnahme der Milchbildung nach erfolgtem Abstillen) ist ebenfalls eine Indikation für die beiden Arzneistoffe. Bevorzugt wird Domperidon, da es weniger zentrale Neben­wirkungen hat.

 

Nimmt die Frau Arzneistoffe ein, die die Milchproduktion steigern, sollte das Apothekenteam sie auf die erhöhte Milchstaugefahr hinweisen. Die Frau sollte ihre Brust vorsorglich nach jedem Stillen abtasten, um verhärtete Stellen rasch zu entdecken.

 

Dopamin-Agonisten wirken antiprolaktinämisch und reduzieren die Milchbildung. Hierzu gehören die Wirkstoffe Bromocriptin, Cabergolin, Lisurid, Pergolid und Quinagolid. Sie werden auch zum Abstillen eingesetzt. Auch Diuretika, Estrogene, Androgene, Amphetamine und hohe Pyridoxin-Konzentrationen können die Laktogenese über verschiedene Mechanismen hemmen.

 

Opioide und Alkohol beeinträchtigen die Sekretion von Oxytocin und damit die Milchejektion (Milchspendereflex) (9).

 

Übertragung von Erregern via Muttermilch

 

Erkrankt die stillende Mutter an einer Infektion, ist zu klären, ob sich der Säugling durch alleinigen Kontakt mit ihr infizieren kann (zum Beispiel bei Windpocken) und/oder ob die Erreger via Muttermilch übertragen werden können. Erfreulicherweise birgt Stillen nur selten ein Gesundheitsrisiko für den Säugling. Zu berücksichtigen ist ferner, ob eingesetzte Medikamente stillverträglich sind.

Bei Erkrankungen wie Magen-Darm- und Harnwegsinfekten, Tonsillitis, Otitis und Sinusitis ist Stillen möglich. Bakterien werden nicht über die Muttermilch übertragen, eine entsprechende (Hand-)Hygiene ist erforderlich. Bei einer Infektion mit Streptokokken Typ A und B ist eine Stillpause von 24 bis 48 Stunden nötig, bis die Antibiose Wirkung zeigt. Medikamentös kann die stillende Mutter optimal therapiert werden: Penicilline, Cephalosporine und Makrolide (vorzugsweise Erythro- und Roxithromycin) stehen zur Verfügung.

 

Viren sind Zellparasiten und können über die Muttermilch aufgrund deren hohen Zellanteils übertragen werden. Bei banalen Virusinfektionen, zum Beispiel Magen-Darm- oder grippalen Infekten, besteht keine Einschränkung beim Stillen. Eine Gefahr stellen vor allem HIV, Humane T-Zell-Leukämie- und Hepatitis-C-Viren (8) dar, für Früh­ge­borene auch Zytomegalie-Viren (CMV). Für Industrieländer gilt die Empfehlung: nicht stillen.

 

Hat sich die Mutter mit Hepatitis A oder B (11) infiziert, kann das Kind gestillt werden, nachdem es eine passive Immunisierung mit Immunglobulinen erhalten hat. Gleiches gilt bei akut ausgebrochener Windpocken- oder Maserninfektion. Das Kind wird passiv geimpft und kann dann gestillt werden. Über die Muttermilch erhält es zudem Antikörper, die die Mutter bereits gebildet hat. Bei anderen Viruserkrankungen wie Mumps, Röteln oder Mononukleose (Pfeiffersches Drüsenfieber) ist Stillen ohne Einschränkung möglich.

 

Parasitäre Erkrankungen werden meist nicht über die Muttermilch übertragen. Bei Infektion mit Borrelien, Protozoen (Malaria), Toxoplasmen und Trichomonaden ist Stillen daher erlaubt.

 

Die von der Mutter gebildeten unspezifischen Immunstoffe und spezifischen Antikörper werden via Muttermilch zum Kind übertragen. Sie entsprechen im gewissen Sinn einer Impfung. Daher ist es bei den häufigsten Erkrankungen der Mutter sinnvoll, weiter zu stillen. Eine Unterbrechung des Stillens kann zur Erkrankung des Säuglings führen.

 

Stillen trotz Arzneimittel?

 

Der Einsatz von Arzneimitteln in der Stillzeit erfordert eine strenge Indikationsstellung. Bei der Auswahl sollen folgende Kriterien beachtet werden (9):

 

  • Die nicht-medikamentösen Möglichkeiten sind ausgeschöpft.
  • Der Arzneistoff ist seit Jahren eingeführt; Neben- und Wechselwirkungsspektrum und Toxizität für das Kind sind bekannt.
  • Eine Monotherapie ist einer Kombination vorzuziehen.
  • Das Arzneimittel sollte so gering wie möglich dosiert werden.

 

Grundsätzlich stehen für die meisten Erkrankungen stillverträgliche Medikamente zur Verfügung. Antibiotika, Lokal­anästhesie beim Zahnarzt, selbst eine Narkose sind kein Grund abzustillen! Bei der Beratung sollte das Apothekenteam in der Selbstmedikation auch an Hausmittel und Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen denken (Tabelle 2).

 

Ein Stillverbot besteht nur bei wenigen Medikamenten. Grundsätzlich problematisch sind folgende Stoffgruppen:

 

  • Zytostatika,
  • Radionuklide,
  • Opioide (können zur Atemdepression und damit zum Kindstod führen),
  • Kombinationstherapien mit mehreren Psychopharmaka oder Antiepileptika, insbesondere Kombinationen mit Lamotri­gin, Benzodiazepinen oder Lithium, sowie
  • Iod-haltige Arzneimittel, zum Beispiel Kontrastmittel oder Expektorantien, und großflächige Iod-haltige Desinfektion.

 

Ist eine solche Anwendung unverzichtbar, muss im Einzelfall entschieden werden, ob die Frau vorübergehend oder endgültig das Stillen beenden muss (9).

 

Transfer in die Muttermilch

 

Faktoren wie orale Verfügbarkeit, Metabolisierung und renale Exkretion eines Arzneistoffs bestimmen die Arzneistoffmenge, die über die Blutbahn bei der Brustdrüse ankommt. Dies gilt natürlich auch bei Prodrugs, die zum Wirkstoff aktiviert werden, und aktiven Metaboliten. Damit Stoffe in die Milch gelangen, müssen sie die interstitielle Flüssigkeit und weitere Strukturbarrieren wie Kapillarwände, alveoläre Epithelien und Plasmamembranen überwinden.

Tabelle 2: Medikamente für banale Infekte in der Stillzeit; nach (9)

Indikation Arzneistoffe (Auswahl)
Schmerzen und Fieber Ibuprofen, Paracetamol
Halsschmerzen Chlorhexidin
Husten Cineol, Acetylcystein, Ambroxol, Bromhexin
Reizhusten Dextromethorphan (Einzelgaben)
Schnupfen Kochsalzlösung, Cineol, Dexpanthenol, kurzzeitig abschwellende Nasentropfen für Kinder (kein Phenylephrin!)
Übelkeit, Erbrechen Dimenhydrinat
Durchfall orale Rehydratation, medizinische Kohle, Pektin, Saccharomyces, Loperamid (nur wenn unbedingt nötig)
Sodbrennen Magaldrat, Hydrotalcid, Sucralfat
Verstopfung Bisacodyl, Natriumpicosulfat, Lactulose, Lactitol, Sorbitol
Schlafstörungen, Unruhe Doxylamin (nur wenn nötig)

Die Distribution des Wirkstoffs im Brustdrüsengewebe hängt von Faktoren wie Lipophilie, Molekülgröße, Ionisationsgrad und Plasmaeiweißbindung ab. Lipophile Substanzen passieren die alveolären Membranen leichter. Gleiches gilt für kleine Moleküle. Arzneistoffe unter 300 Dalton durchdringen die Membranen schnell und gelangen in die Muttermilch (3). Substanzen mit hoher Plasmaproteinbindung passieren die Zellbarriere mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht oder nur in geringer Menge, sobald sich die Tight junctions geschlossen haben. Im mütterlichen Blut ionisiert vorliegende Arzneistoffe gelangen nur zum geringen Teil in die Muttermilch, nicht dissoziiert vorliegende Substanzen durchdringen die Zellmembranen leichter. Schwach basische Substanzen wie Amphetamin liegen im Plasma bei pH 7,4 undissoziiert vor. Sie weisen gleich hohe oder sogar höhere Konzentrationen in der Muttermilch (pH 6,8 bis 7,1) auf. Schwach saure Arzneistoffe sind dagegen im mütterlichen Plasma höher konzentriert (1).

 

Aufgrund der noch lockeren alveo­lären Zellverbände in den ersten drei Tagen post partum können auch größere Stoffe fast ungehindert in die Muttermilch eindringen. Nimmt die Frau in dieser Zeit Arzneistoffe, zum Beispiel Analgetika, ein, sind generell höhere Konzentrationen in der Muttermilch zu finden. Die Auswirkungen für das Kind sind jedoch gering, da kurz nach der Geburt nur wenig Milch gebildet wird.

 

Junge Säuglinge eher gefährdet

 

Die meisten Arzneistoffe erreichen in der Milch nur Konzentrationen, die weit unter dem therapeutischen Bereich für den Säugling liegen. Nur selten werden toxische Mengen gemessen. In Zweifelsfällen sollten sich Apotheker beim Pharmakovigilanz- und Beratungszen­trum für Embryonaltoxikologie zur Stillverträglichkeit eines Arzneistoffs Rat holen.

 

Bei Frühgeborenen, Neugeborenen (1. bis 6. Woche) und jungen Säuglingen (6. Woche bis 6. Monat) sind toxische Effekte eher möglich als beim älteren Säugling (7. Monat bis 12. Monat). Die besondere Empfindlichkeit hat mehrere Gründe. In den ersten Lebenswochen und -monaten ist die Darmwand des Säuglings hoch permeabel; dies vereinfacht die Resorption auch größerer Moleküle. Zudem ist die Darmmotilität gering, was die Verweildauer von Nahrung und Medikamenten verlängert und deren Resorption erhöhen kann. Leber und Niere sind funktionell nicht ausgereift und können Arzneistoffe schlechter metabolisieren. Zudem sind die Blut-Hirn-Schranke und andere Barrieresysteme noch nicht ausreichend entwickelt.

Nimmt die Frau während der Stillzeit Medikamente ein, sollte sie das Kind auf mögliche Reaktionen hin beobachten. Vermehrte Durchfälle oder Blähungen, verändertes Trinkverhalten, häufige Müdigkeit, Gewichtsverlust oder schlechte Zunahme, plötzlicher Hautausschlag oder gar Gelbsucht können unerwünschte Arzneimittelwirkungen sein. Manchmal ist es sinnvoll, das Medikament abends nach dem Stillen oder vor einer längeren Stillpause einzunehmen. Arzneistoffe mit kurzer Halbwertszeit sind bis zur nächsten Stillmahlzeit teilweise abgebaut. So gelangen nur noch geringe Mengen in die Muttermilch – vorausgesetzt es entstehen keine aktiven Metaboliten.

 

In Einzelfällen kann die Frau die Milch abpumpen und verwerfen, wenn sie bei einer akuten Erkrankung vorübergehend Medikamente einnimmt. Danach ist das Stillen – je nach Halbwertszeit des Arzneistoffs – relativ bald wieder möglich. Die Mutter muss genau so oft abpumpen, wie sie stillen würde.

 

Wenige Erkenntnisse liegen über die Auswirkungen von Langzeittherapien vor. Dies gilt insbesondere für Psychopharmaka, Antirheumatika, Antiepileptika und Mittel gegen Bluthochdruck.

 

Keine Einschränkung bei Diabetes

 

Frauen mit Diabetes mellitus jeglicher Art sollen zum Stillen ermutigt werden, müssen jedoch die Insulindosis anpassen. Stillen senkt den Insulinbedarf um etwa 20 Prozent. Gleichzeitig ist der Energieverbrauch höher (um 500 bis 800 Kalorien/Tag). Zur Vorbeugung von Unterzuckerungen muss die Frau daher zusätzliche Kohlenhydrate aufnehmen. Stillen gleicht einer körperlichen Anstrengung! Um Hypoglykämien rechtzeitig zu erkennen, sollte die Frau vor und nach jedem Stillen ihren Blutzucker messen (5).

 

Diabetes mellitus schränkt das Stillen nicht ein, es können jedoch leichter Komplikationen auftreten. Die Frauen kommen später in die Milchbildung (um den 5. Tag) als gesunde Mütter (3. Tag post partum). Zudem entbinden Frauen mit Diabetes häufiger mit Kaiserschnitt (Sectio caesarea), was den initialen Milcheinschuss oft verzögert. Die Kinder müssen in der zu überbrückenden Zeit mit künstlicher Säuglingsmilch gefüttert werden, solange die Milchmenge der Mutter noch nicht ausreicht. Mastitiden (Brustentzündungen) sind während der Wochenbettzeit bei stillenden Müttern mit Diabetes häufiger als bei stoffwechselgesunden Frauen. Gleiches gilt für Soorinfektionen.

 

Insulin ist in der Stillzeit das Antidiabetikum der ersten Wahl. Metformin und Glibenclamid sind akzeptabel, sofern beim Säugling gut auf hypoglykämische Anzeichen geachtet wird. Andere orale Antidiabetika sollen nicht genommen werden; einzelne Gaben erfordern aber keine Einschränkung des Stillens (9).

 

Chronisch krank und trotzdem stillen?

 

Asthma und Antiasthmatika sind kein Ausschlusskriterium für das Stillen. Zur antiallergischen Therapie werden Cetirizin, Loratadin und Cromoglicinsäure eingesetzt. Auch Corticosteroide sind kein Stillhindernis. Terbutalin, Salbutamol und Fenoterol können zur Asthmakontrolle angewandt werden, ebenso die lang wirksamen β2-Sympathomimetika Formoterol und Salmeterol. Ist Theophyllin erforderlich, sollte die Dosis so niedrig wie möglich sein (7).

 

Bluthochdruck kann in der Stillzeit therapiert werden mit Dihydralazin, α-Methyldopa und verschiedenen Beta­rezeptoren­blockern (Metoprolol, Oxprenolol, Pindolol, Propranolol und Labetalol). Auch unter einer Therapie mit Calcium-Antagonisten kann die Frau weiter stillen, wobei Diltiazem, Nife­dipin, Nitrendipin und Verapamil zu bevorzugen sind. Diuretika können die Milchbildung vor allem bei bereits bestehender Laktationsschwäche weiter drosseln und sollten daher nicht eingesetzt werden (9).

 

Bei Epilepsie gilt eine strenge Indikationsstellung. Während einer Monotherapie kann die Frau unter genauer Beobachtung des Kindes stillen. Kritisch zu bewerten ist die Gabe von Lamotrigin, Barbituraten (Clon­azepam) und Ethosuximid. Bei antiepileptischen Kombinationstherapien ist Stillen kontra­indiziert (3).

Leidet die Mutter an einer Depression, ist eine Therapie – medikamentös oder Psychotherapie – unabdingbar. In der Schwangerschaft stabil eingestellte Frauen sollten in der Stillzeit nicht unkritisch auf ein anderes Medikament umgestellt werden, zumal keines der in der Schwangerschaft verträglichen Anti­depressiva ein Abstillen erfordert. Bei den meisten Wirkstoffen findet man nur Spuren im Serum gestillter Kinder (9). Mittel der Wahl bei der Neueinstellung ist der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) Sertralin; eingesetzt werden auch Citalopram und Paroxetin. Aus der Reihe der Trizyklika können Amitripylin und Nortrip­tylin angewandt werden. Doxepin ist nicht empfehlenswert, da es zur Sedierung und Atemdepression beim Kind führen kann.

 

 

 

Fazit

 

Absolute Kontraindikationen für das Stillen sind selten. Dies gilt sowohl für mütterliche Erkrankungen als auch für die Arzneitherapie. Der Stellenwert der Muttermilchernährung wird von der Weltgesundheitsorganisation so hoch angesetzt, dass er mögliche Nebenwirkungen durch Medikamente meist aufwiegt. Bei Unsicherheit im Beratungsgespräch sollten sich Apotheker beim Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie (www.embryotox.de) Rat holen. /

Die Autorin

Karin Mußhat Pharmazie studiert und erhielt 1990 die Approbation. Seit 1998 arbeitet sie als angestellte Apothekerin. Sie ist Stillberaterin der La Leche Liga Deutschland und legte 2003 ihr Examen als Still- und Laktationsberaterin IBCLC (International Board Certified Lactation Consultant) ab. Zusatzausbildungen in Klassischer Homöopathie sowie Phytotherapie am Zentrum für Naturheilkunde in München folgten ebenso wie eine zweijährige Ausbildung als Heilpraktikerin. Am Dr. von Haunerschen Kinderspital in München absolvierte Muß eine Ausbildung als SAFE®-Mentorin (Sichere Ausbildung für Eltern). 2005 initiierte sie das Konzept »Babyfreundliche Apotheke«, das mehrfach ausgezeichnet wurde, und gründete 2007 den Verein »Babyfreundliche Apotheke e. V.«. Muß ist Referentin der Bayerischen Landesapothekerkammer und verschiedener Landesapothekerverbände.

 

 

Karin Muß, Arnika Apotheke am Sportpark, Am Sportpark 5, 82008 Unterhaching E-Mail: karin.muss(at)arnika-apo.de

Literatur und Quellen

  1. Biancuzzo, M., Stillberatung – Mutter und Kind professionell unterstützen. 1. Aufl., Urban & Fischer 2005.
  2. Chaves, R. G, Lamounier, J. A., Breastfeeding and maternal medications. J. Pediatria 80 (2004) 5 Suppl.
  3. Hale, T., Hartmann, P., Textbook of human lactation. Hale Publishing 2007.
  4. Helms, G., Parlesak, A., Stillen – Anatomische, physiologische und biologische Grundlagen. In: Scherbaum, V., Perl, F. M., Kretschmer, U. (Hrsg.), Stillen – Frühkindliche Ernährung und reproduktive Gesundheit. Dt. Ärzte-Verlag 2003, S. 83-101.
  5. Jäckle, R., Gut leben mit Typ-1-Diabetes. 7. Aufl., Urban & Fischer 2010.
  6. Lawrence, R., Breastfeeding – A guide for the medical profession. 7. Ed., Elsevier Mosby 2010.
  7. Paulus, E., Lauritzen, C., Medikamente und Schadstoffe in Schwangerschaft und Stillzeit – Reproduktionstoxikologie. Spitta 2005.
  8. Roberts, et al., Maternal-infant transmission of hepatitis C virus infection. Hepatology 36 (2002) 106-113.
  9. Schaefer, C., et al., Arzneimittel in der Schwangerschaft und Stillzeit. 8. Aufl., Elsevier 2011.
  10. Scherbaum, V., Perl, F. M., Kretschmer, U. (Hrsg.), Stillen – Frühkindliche Ernährung und reproduktive Gesundheit. Dt. Ärzte-Verlag 2003.
  11. Schneider, T., et. al., Hepatitisinfektionen des Neugeborenen. In: Friese, K. (Hrsg.), Infek­tions­krank­heiten in der Schwangerschaft und des Neugeborenen. 2. Aufl., Springer 1998.
  12. Steiner, G., et al., Milk and Plasma lipid composition in a lactating patient with type 1 hyperlipoproteinemia. Am. J. Clin. Nutr. 41 (1985) 121-128.
  13. Strehl, E., Blümle, H., Reckzeh, H., Schwangerschaft und Stillzeit: Antibiotika nur gezielt einsetzen. Pharm. Ztg. 155, Nr. 14 (2010) 1308-1319.
  14. Von der Ohe, G., Erkrankungen der Mutter und Medikamente in der Stillzeit – was ist möglich, was ist kontraindiziert? Vortrag Inter­disziplinäre Fachtagung am 8.12.2012.
  15. Welsch, U., Lehrbuch der Histologie: Zytologie, Histologie, mikroskopische Anatomie. Urban & Fischer Verlag 2003.

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