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Multiple Sklerose

Besser gehen mit Fampridin

13.03.2012
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Der selektive Kalium- kanalblocker Fampridin kann die Gehfähigkeit bei etwa einem Drittel der Patienten mit Multipler Sklerose (MS) verbessern. Bislang gibt es keinen Prädiktor, der erkennen lässt, welcher Patient auf das Arzneimittel anspricht. Ein Versuch lohnt sich.

MS never sleeps: Der englische Slogan beschreibt treffend das Tückische der demyelinisierenden Erkrankung. Eine MS kann individuell sehr unterschiedlich – auch langsam – verlaufen, schreitet unbehandelt aber immer fort. Die immunmodulatorische Therapie kann diesen Prozess aufhalten. »Wir sehen heute weniger schwere Fälle. Waren Anfang der 1990er-Jahre etwa 70 Prozent der 40-jährigen MS-Patienten berentet und nur 30 Prozent berufstätig, so ist es heute umgekehrt«, sagte Professor Dr. Volker Limmroth von den Kliniken der Stadt Köln bei einem Pressegespräch der Biogen Idec in München. Die weitverbreitete Vorstellung, dass die MS-Diagnose gleichbedeutend mit einem Leben im Rollstuhl ist, treffe aber nicht mehr zu.

Als wichtigen Faktor für die Berufstätigkeit nannte der Arzt die Mobilität. Schon bei relativ geringen Einschränkungen nehme die Erwerbstätigkeit signifikant ab. Eine Gehbehin­derung belastet auch das Privatleben stark. Laut Studien leiden 64 bis 85 Prozent aller MS-Patienten daran. 70 Prozent der Betroffenen geben an, dass die Einschrän­kung des Gehens der am meisten belastende Aspekt ihrer Erkrankung sei.

 

Zur Behandlung von erwachsenen MS-Patienten mit Geh­be­hinderung ist seit Juli 2011 Fampridin als Retardarznei­mittel zugelassen (Fampyra®). Das 4-Aminopyridin ist ein selekti­ver Hemmstoff spannungsabhängiger neuronaler Kalium­ka­näle. Ärzte setzen diesen Arzneistoff ebenso wie 3,4-Diaminopyridin (Amifampridin) seit Langem beim Lambert-Eaton-Myasthenischen Syndrom (LEMS), einer nicht heilbaren neuromuskulären Erkrankung, ein. Amifampridin ist in Europa seit Ende 2009 zur Behandlung der Muskelschwäche bei Patienten mit LEMS zugelassen.

 

»Unter Fampridin verbessern sich Gehfähigkeit und -geschwin­digkeit bei etwa einem Drittel der Patienten innerhalb von wenigen Tagen bis zu zwei Wochen«, berichtete der Neurologe. Da der Arzneistoff nur wirken kann, wenn die Axone zwar demyelinisiert, aber noch intakt sind, profitiert nur ein Teil der Patienten davon. Laut Limmroth gibt es bislang keinen Prädiktor für ein Ansprechen. Da Fampridin aber »sehr praktisch im Handling« ist, lohne sich immer ein Therapieversuch. »Wenn die Patienten innerhalb von zwei Wochen keinen Effekt bemerken, setzen wir das Medikament wieder ab.« Ebenso könne man einen Auslassversuch starten, wenn Patienten meinen, dass Fampridin ihnen nicht mehr hilft. Verschlechtert sich da-raufhin das Gehvermögen, wird das Medikament wieder angesetzt.

 

Das Ansprechen wird mit dem »Timed 25-Foot-Walk« gemessen. Der einfache Test erfasst, wie schnell die Patienten eine Strecke von 25 Fuß, etwa 8,5 Metern gehen können. Das Ergebnis korreliere gut mit der maximalen Gehstrecke, der Ausdauer beim Gehen und der subjektiven Wahrnehmung der Patienten, sagte Limmroth. Alle Responder auf Fampridin erlebten fühlbare Fortschritte beim Gehen; etwa ein Drittel erreiche sogar die nächsthöhere »Gehklasse«. Damit ist die Gehstrecke pro Sekunde gemeint: Wer normal geht, schaffe mehr als 0,8 m/sec, erläuterte der Arzt. Zwischen 0,4 und 0,8 m/sec sei die Mobilität außer Haus eingeschränkt. Menschen, die weniger als 0,4 m/sec erreichen, seien meist an ihre Wohnung gebunden und brauchen Betreuung.

 

Auch bei progredienter MS wirksam

 

Die klinische Wirksamkeit von Fampridin ist unabhängig von Verlaufsform und Dauer der Erkrankung sowie von der bereits bestehenden Gehbehinderung. In Studien hätten auch Patienten mit primär und sekundär progredienter MS angesprochen. Ebenso profitierten Patienten, die seit mehr als 16 Jahren an MS litten oder deren Gehvermögen bereits erheblich eingeschränkt war, betonte Limmroth. Das Ansprechen war unabhängig davon, ob und welche Immuntherapie die Patienten bekamen.

 

Fampridin könne mit allen Basistherapeutika bei MS, zum Beispiel Interferonen und Glatirameracetat, sowie mit Natalizumab kombiniert werden, sagte Limmroth. Auch Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes seien kein Hindernis. Einzige Ausnahme sind Patienten mit Epilepsie oder Krampfanfällen; hier ist der Kaliumkanalblocker kontraindiziert, da er das Anfallsrisiko steigern kann. Bei allen Patienten, insbesondere bei Älteren sollte die Nierenfunktion vor Beginn der Therapie und dann regelmäßig kontrolliert werden. / 

Interferon beta-1a im Fertipen

MS-Patienten, die ihre Basistherapeutika exakt einsetzen, haben ein geringeres Schubrisiko als Menschen, die damit nachlässiger umgehen. Je seltener der Patient sich spritzen muss, umso höher sei die Adhärenz, sagte Dr. Ralf A. Linker vom Uniklinikum Essen. Seit Juni 2011 gibt es einen Pen mit Interferon beta-1a zum Einmalgebrauch; das Arzneimittel wird einmal wöchentlich intramuskulär gespritzt (Avonex® Fertigpen). Der Pen werde die Adhärenz weiter verbessern, so Linker. Nach einmaliger Schulung konnten 89 Prozent der Patienten damit korrekt umgehen.

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