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Gesundheitswirtschaft

Ausgaben rentieren sich

15.03.2011
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Von Martina Janning, Berlin / Medizinisch-technische Neuheiten schaffen Umsätze und Arbeitsplätze – im Gesundheitswesen und in anderen Branchen. Das mache die oftmals hohen Kosten wett, sagt eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums. Am Ende steht danach sogar ein Gewinn.

Neuheiten in der Medizin haben der deutschen Volkswirtschaft in den vergangenen Jahren 22,3 Milliarden Euro gespart. Zu diesem Schluss kommt die Studie »Innovationsimpulse der Gesundheitswirtschaft«, die das Bundeswirtschaftsministerium vorige Woche in Berlin vorstellte. Laut der Untersuchung stand den Gesundheitsausgaben, die von 2002 bis 2008 um 101 Milliarden Euro stiegen, im gleichen Zeitraum eine Bruttowertschöpfung in Höhe von 123 Milliarden Euro gegenüber.

»Wir dürfen Gesundheitsausgaben nicht nur als Kostenfaktor sehen, sondern müssen zu einer gesundheitspolitischen Gesamtrechnung kommen«, sagte Ernst Burgbacher (FDP), Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Innovationen in der Gesundheitswirtschaft senkten Ausgaben und gäben Impulse für andere Branchen. Weiter erhöhe medizinischer Fortschritt die Lebenserwartung und verbessere die Arbeitsproduktivität.

 

Volkswirtschaft wächst

 

Für die 300 Seiten starke Studie analysierten das Institut für Europäische Gesundheits- und Sozialwirtschaft (IEGUS) und die Technische Universität Berlin, wie medizinisch-technischer Fortschritt auf die Volkswirtschaft wirkt. Dazu untersuchten die Wissenschaftler die Effekte auf das ökonomische Wachstum und den Strukturwandel, gingen den Verflechtungen mit anderen Branchen und den Wirkungen auf den Arbeitsmarkt nach. Außerdem fragten sie, welche Hemmnisse für Innovationen bestehen.

 

Das Ergebnis: »Innovationen in der Gesundheitswirtschaft tragen ganz entscheidend zum volkswirtschaftlichen Wachstum und zum Anstieg der Beschäftigung bei«, sagte IEGUS-Leiterin Dr. Grit Braeseke. Während die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland zwischen den Jahren 2000 bis 2008 insgesamt um knapp drei Prozent zunahm, betrug der Zuwachs in der Gesundheitswirtschaft mehr als 12 Prozent. Braeseke: »Vor allem im ambulanten Bereich entstanden neue Arbeitsplätze. Krankenhäuser hingegen bauten auch Personal ab.«

 

Im Jahr 2005 arbeiteten bereits 13,7 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland im Gesundheitswesen. Das waren knapp 5,38 Millionen Menschen. In der Gesundheitsbranche entstünden auch neue Arbeitsfelder, zum Beispiel Assistenzberufe und im Markt der privat zu zahlenden Gesundheitsangebote.

 

Besonders die Medizintechnik habe sich als Beschäftigungsmotor erwiesen, erklärte Braeseke. Mit derzeit 137 000 Beschäftigten arbeiteten zwar relativ wenig Menschen in medizinisch-technischen Unternehmen. »Jeder Arbeitsplatz in der Medizintechnik sichert aber 0,75 Arbeitsplätze in anderen Branchen«, sagte Braeseke. Auf eine noch höhere Quote kommt die Pharmaindustrie mit 1,23 zusätzlichen Arbeitsplätzen pro Beschäftigtem. Insgesamt zeigte die Studie, dass Fortschritt im Gesundheitswesen auch neue Produktions- und Marktchancen in anderen Branchen schafft. Als Beispiele nannte Braeseke die Kosmetik-, die Ernährungs- und die Automobilindustrie.

 

Indirekte Krankheitskosten sinken

 

Medizinisch-technischer Fortschritt sei zwar oft ein Kostentreiber. Die Betrachtung der finanziellen Mehrbelastungen greife aber zu kurz, sagte Braeseke. »Auf der einen Seite steigen die Ausgaben für Arzneimittel, auf der anderen Seite sinken aber die indirekten Krankheitskosten.« Großes Einsparpotenzial sieht Braeseke durch neue biotechnologisch hergestellte Medikamente. Im Jahr 2015 soll bereits jedes zweite neue Arzneimittel ein Biopharmazeutikum sein.

 

Ambulante Operationen haben ihr Sparpotenzial hingegen schon unter Beweis gestellt und kommen daher verstärkt zum Einsatz. »Die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung für ambulante Operationen haben sich in zehn Jahren fast verdreifacht«, sagte Braeseke. Anders verhält es sich mit der Informationstechnik. Sie findet in der Gesundheitswirtschaft bisher wenig Anwendung. Braeseke hält sie aber im Punkte Einsparungen für eine »Schlüsseltechnologie«. »Etwa 40 Prozent aller Kosten im Gesundheitswesen entstehen durch Kommunikation«, berichtete die IEGUS-Chefin.

 

Um die positiven Effekte von Innovationen in der Gesundheitswirtschaft zu fördern, mahnte Braeseke eine bessere Zusammenarbeit der Ministerien an. »Wir brauchen eine Gesundheitspolitik aus einem Guss.« Außerdem müssten Krankenkassen Neuheiten schneller erstatten.

 

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist die Empfehlung, mehr auf Exporte zu setzen. Das betrifft nicht nur Medizintechnik oder Arzneimittel, sondern auch Versorgungsmodelle in der Pflege. Zum Bespiel habe Indien einen großen Bedarf an geriatrischem Know-how. »Bei der alternden Bevölkerung ist Deutschland Vorreiter«, betonte Braeseke.

 

Um den Absatz deutscher Gesundheitsprodukte im Ausland anzukurbeln, hat das Bundeswirtschaftministerium vor Kurzem die »Exportinitiative Gesundheitswirtschaft« ins Leben gerufen. Denn bislang sei der Exportüberschuss in der Gesundheitswirtschaft im Vergleich zu anderen Branchen gering, erklärte Dr. Karsten Neumann von der Unternehmensberatung Roland Berger auf der Veranstaltung in Berlin.

 

Es gehe nicht nur darum, hierzulande eingesetzte Produkte ins Ausland zu verkaufen. Deutsche Unternehmen müssten vielmehr schauen, »was die Welt braucht und Produkte für spezielle ausländische Märkte entwickeln«.  /

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