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HIV-Infektion

Viele Virusträger sind ahnungslos

16.03.2010
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / In Europa werden je nach Land 15 bis 80 Prozent der mit HIV infizierten Menschen nicht oder erst spät diagnostiziert. Das ist für die Betroffenen und ihre Partner gefährlich. Denn ohne es zu ahnen, infizieren viele ihre Sexualpartner. Zudem steigt bei fortgeschrittener Infektion die Sterblichkeitsrate.

Auch in Deutschland ist die Zahl der nicht diagnostizierten HIV-Träger hoch. »30 bis 50 Prozent der Infizierten haben bei der Erstdiagnose bereits CD4-Zellzahlen unter 350 pro Mikroliter«, berichtete Privatdozent Dr. Christian Hoffmann vom Infektionsmedizinischen Centrum Hamburg (ICH) Anfang März bei den 13. Münchner Aids-Tagen.

Unterhalb dieses Wertes ist in der Regel bereits eine antiretrovirale Therapie indiziert. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten leiden nach Angaben des Arztes bei der Erstdiagnose der Infektion schon an einer Aids-Erkrankung. Die Rate der sogenannten »Late Presenters« (siehe Kasten) hat sich in den vergangenen Jahren trotz vieler Aufklärungsaktionen nicht verändert.

 

Es sind vor allem Ältere, Heterosexuelle und Menschen mit Migrationshintergrund, die spät eine Diagnose erhalten. Die Gründe sind laut Hoffmann vielschichtig: mangelnde Aufklärung über die Erkrankung, Angst vor Stigmatisierung und schlechter Zugang zum Gesundheitssystem. Außerdem würden Ärzte und andere Heilberufler zu selten an eine HIV-Infektion denken und daher nicht testen, beklagte der HIV-Spezialist in München.

 

Die europaweite interdisziplinäre Initiative »HIV in Europe«, die seit 2007 für eine Änderung dieser Situation kämpft, hat eine Liste von Indikatorkrankheiten erarbeitet (www.hiveurope.eu). Stellt sich ein Patient mit einer dieser Krankheiten beim Arzt vor, sollte dieser grundsätzlich an die Möglichkeit einer HIV-Infektion denken. Zu den Indikatoren zählen unter anderem sexuell übertragbare Krankheiten (STD), maligne Lymphome, zervikale oder anale Dysplasien oder Tumoren, Herpes zoster, Infektion mit Hepatitis-B- und -C-Viren oder seborrhoische Dermatitis und Exantheme.

Definition

Für den Begriff »Late Presenter« gibt es keine international einheitliche Definition. Im Allgemeinen gelten eine CD4-Zellzahl unter 200 pro Mikroliter und/oder eine manifeste Aids-Erkrankung bei der Diagnose als Kriterien.

»Wir brauchen niedrigschwellige Testangebote«, forderte Hoffmann. Empfehlenswert seien auch häufig wiederholte Tests in Risikogruppen. Eine frühzeitige Entdeckung der Infektion bringt Vorteile für den Patienten, seine Partner und die Gesellschaft, betonte der Arzt. Sie vereinfacht nicht nur die Behandlung, sondern kann auch die Sterblichkeit des Betroffenen sowie die Aids-Rate und Kosten in der Bevölkerung senken. Und sie reduziert das Übertragungsrisiko. »Patienten, die von ihrer Infektion wissen, verhalten sich anders.« Zudem werden sie schneller gezielt behandelt. Die antiretrovirale Therapie wirke ebenfalls präventiv, da sie die Übertragungswahrscheinlichkeit senkt.

 

Die Behandlung der »Late Presenters« sei oft sehr komplex und berge ein erhöhtes Risiko für Neben- und Wechselwirkungen. Zudem gibt es laut Hoffmann wenige gute Studien dazu. Denn eine aktive Aids-Erkrankung ist fast immer ein Ausschlusskriterium bei klinischen Studien. /

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