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PIM-Liste

Ungeeignete Arzneistoffe für Senioren

16.03.2010
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Von Brigitte M. Gensthaler / Etwa 20 Prozent der älteren Menschen erhalten Arzneimittel, die möglicherweise ungeeignet sind, einen fraglichen Nutzen haben oder sogar schädlich sein können. Zu diesem Ergebnis kommt die Arbeitsgruppe um Professor Dr. Petra Thürmann aus Wuppertal, die eine Liste potenziell inadäquater Medikation (PIM) erstellt hat.

Die Idee einer Medikamentenliste für ältere Menschen ist nicht neu. Der amerikanische Altersmediziner Mark H. Beers veröffentlichte 1991 erstmals eine Liste mit 60 Arzneistoffen, die Senioren möglichst nicht bekommen sollten. Denn diese Stoffe können bei Älteren vermehrt zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) führen.

Die Bewertung wurde später fortgeführt. Warum ist dennoch eine eigene Liste für Deutschland nötig? Dies erklärt Thürmann, Direktorin des Philipp-Klee-Instituts für Klinische Pharmakologie des Helios Klinikums Wuppertal und Lehrstuhlinhaberin für Klinische Pharmakologie an der Universität Witten/Herdecke im Gespräch mit der PZ.

 

Internationale Listen nicht übertragbar

 

»Bisherige internationale Listen von potenziell inadäquater Medikation sind zum Teil widersprüchlich und nur bedingt auf Deutschland übertragbar. Mehr als 40 Prozent der dort genannten Arzneimittel sind hierzulande nicht im Handel.« Man müsse davon ausgehen, dass jedoch andere Arzneistoffe auf dem deutschen Markt vorhanden sind, die ungeeignet für ältere Menschen sind. Thürmanns Aufgabe im Forscherverbund Priscus (siehe dazu Kasten) ist es daher, in Anlehnung an die Beers-Liste eine PIM-Liste für ältere multimorbide Patienten in Deutschland zu erstellen und zu etablieren.

 

Zunächst wählten Thürmann und Apothekerin Stefanie Holt, Doktorandin im Arbeitskreis Pharmakologie, 131 in Deutschland häufig im Alter verordnete Arzneistoffe aus, die anhand von Literaturrecherchen und Studien überprüft und detailliert bewertet wurden. Aufgenommen in die PIM-Liste wurden Arzneimittel oder -gruppen, die bei älteren Patienten aufgrund mangelnder Wirksamkeit, eines hohen UAW-Risikos oder des Vorhandenseins sicherer Alternativen generell vermieden werden sollten. Andere Arzneimittel sind zwar allgemein bei älteren Patienten geeignet, sollten aber bei bestimmten Erkrankungen oder speziellen gesundheitlichen Problemen nicht verordnet werden. Bei einigen Medikamenten wurden bestimmte Dosierungen oder Freisetzungsformen differenziert bewertet.

 

»Nach einer zwei Runden umfassenden, strukturierten Expertenbefragung entwickelten wir die PIM-Liste mit Medikationsempfehlungen«, erklärt Thürmann das Procedere und fügt hinzu: »Es war uns wichtig, keine Schwarz-Weiß-Liste zu erstellen.« Aus diesem Grund nennen die Wissenschaftler neben den potenziell riskanten Arzneistoffen auch Therapiealternativen und geben Hinweise zu Dosierung und Monitoring für den Fall, dass der Arzt die Arzneistoffe trotzdem verordnen will.

 

Die Expertengruppe bewertete insgesamt 83 Arzneistoffe als »potenziell inadäquat«, darunter nicht-steroidale Antirheumatika (NSAID) wie Indometacin, einige Psychoanaleptika wie Amitriptylin und Psycholeptika wie Thioridazin. »Diese Stoffe gelten aufgrund eines erhöhten Risikos unerwünschter Arzneimittelwirkungen und ihrer pharmakologischen Effekte als potenziell ungeeignet für ältere Patienten«, begründet die Pharmakologin die Einstufung. 46 Arzneimittel, zum Beispiel Amiodaron-haltige Präparate, wurden als fraglich beurteilt. Hier sei eine Nutzen-Risiko-Abwägung ebenfalls sehr zu empfehlen und Dosisanpassungen und Monitoring zu beachten.

 

Publikation in Planung

 

Demnächst soll die Liste veröffentlicht werden; die Publikation sei beim Deutschen Ärzteblatt eingereicht. Dann können Apotheker und Ärzte von der Arbeit der Forschergruppe profitieren. »Die PIM-Liste kann als Entscheidungshilfe für die Verordnung beziehungsweise Abgabe und Empfehlung von Arzneimitteln dienen«, sagt Thürmann. Eine Einarbeitung in Therapieleitlinien und eine Hinterlegung in die Verordnungs- und Apotheken-Software seien ebenfalls denkbar. »Die Liste ist somit äußerst vielfältig einsetzbar.«

 

Eindringlich warnt die Pharmakologin aber vor einem Denken nach Schema F. Arzt und Apotheker müssten die Ausarbeitung vielmehr in ihre individuelle Arzneimittelbewertung integrieren »Die PIM-Liste erhebt weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch ersetzt sie eine auf den einzelnen Patienten bezogene Nutzen-Risiko-Abwägung.« /

Forscherverbund Priscus

Seit Herbst 2007 arbeitet ein interdisziplinärer Forscherverbund unter Leitung der Ruhr-Universität Bochum an Fragen zur Gesundheitsversorgung von Senioren. Der Verbund heißt »Prerequisites for a new health care model for elderly people with multi-morbidity« oder kurz Priscus, lateinisch für »altehrwürdig«. In sieben Teilprojekten geht es unter anderem um Datengewinnung, hausärztliche Betreuung, neue Behandlungsstandards oder den Einfluss der körperlichen Aktivität auf die Gesundheit. Im Teilprojekt »Multimorbidität und Polypharmakotherapie: Analyse von Interaktionen, inadäquater Medikation und Nebenwirkungen« untersuchen Forscher, welche Medikamente sich für ältere Menschen eignen und erstellen eine praxistaugliche Liste der nicht geeigneten Arzneistoffe. Dieses Projekt leitet die Pharmakologin Professor Dr. Petra Thürmann von der Universität Witten-Herdecke. Priscus wird als eines von sechs Verbundprojekten im Programm »Gesundheit im Alter« des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

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