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Geriatrie

Schwächen bei Schlucken und Sprechen

16.03.2010  15:08 Uhr

Von Bettina Sauer, Berlin / Auch die Schluck- und Stimmorgane zeigen oft Zeichen von Alterschwäche. Doch Logopäden und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte können vielen betroffenen Senioren helfen.

Wie der ganze Organismus, so unterliegen auch Kehlkopf und Speiseröhre natürlichen Alterungsprozessen. »Wir beobachten neuronale, hormonelle und organisch-strukturelle Veränderungen, die zu Stimm- und Schluckstörungen führen können«, sagte Professor Dr. Tamás Hacki, Leiter der Abteilung Phoniatrie und Pädaudiologie der HNO-Klinik am Universitätsklinikum Regensburg, bei einem interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer in Berlin.

So komme es zum Abbau von Muskel-, Schleimhaut- und Drüsengewebe, zur Verknöcherung knorpeliger Strukturen und zur Degeneration von Bändern. Das beeinträchtige die Kehlkopffunktion, insbesondere die Form und Beweglich­keit der Stimmlippen (umgangssprach­lich »Stimmbänder«), die dann unter anderem die zwischen ihnen befindliche Stimmritze (Glottis) nur unzureichend verschlössen. »Verschiedenen internationalen Untersuchungen zufolge leiden 8 bis 30 Prozent der älteren Menschen an einer Stimmschwäche«, sagte Hacki. Sie könnten nur leise, mühevoll und schwer verständlich sprechen – vermeiden es also nach Möglichkeit, wodurch sie leicht in die soziale Isolation gerieten.

 

Doch in der Regel eigneten sich spezielle logopädische Übungen sowie chirurgische Eingriffe am Kehlkopf, um schwache Stimmen wieder zu stärken. Beispielhaft stellte Hacki die Stimmlippen-Augmentation vor. »Dabei injizieren Ärzte dem Patienten Hyaluronsäure oder Kollagen in die Stimmlippen, sodass sich diese verdicken und die Stimmritze wieder verschließen.« Der Eingriff dauert Hacki zufolge keine 15 Minuten, lässt sich ambulant unter Lokalanästhesie durchführen und bei Bedarf wiederholen. Er verleiht selbst kaum noch hörbaren Flüsterstimmen wieder Kraft.

 

»Schwieriger gestaltet sich die Therapie der Schluckstörungen. Daran leiden verschiedenen internationalen Studien zufolge 10 bis 38 Prozent der Über-65-Jährigen.« Noch weit höher liege die Rate bei Heimbewohnern sowie Senioren mit Demenz oder einem erlittenen Schlaganfall. »Das Problem lässt sich auf die gleichen Prozesse zurückführen wie die Stimmstörungen. Zudem verschlechtern sich im Alter vielfach der Schluckreflex und die Koordination von Atmen und Schlucken.« Vielfach verlören die Betroffenen die Freude am Essen und Trinken, was die Lebensqualität erheblich senke und zudem unbehandelt leicht zu Mangelernährung und Austrocknung führe. Zusätzlich erhöht wird diese Gefahr, weil im Alter oft auch Appetit, Durstempfinden, Geschmacksinn und Kauvermögen nachlassen. Etwa jeder zwölfte Über-60-Jährige in Deutschland leide unter einer Mangelernährung, schreibt die Deutsche Seniorenliga auf ihrer Homepage und warnt vor gravierenden Folgen. Demnach führt der Nährstoffmangel zu allgemeiner Schwäche und Verwirrtheit und erhöht das Risiko für Stürze, Knochenbrüche, Infektionen und damit letztlich für Pflegebedürftigkeit und Tod. Doch nicht nur das macht die Schluckstörungen bedrohlich. »Dabei kommt es zudem häufig zur Aspiration«, sagte Hacki, »also dem Eindringen von Nahrung und Speichel in die Luftwege unterhalb der Stimmlippen, was Bronchitiden und Lungenentzündungen verursachen kann.« Letztere stellten die häufigste Todesursache im Alter dar.

 

Daher sei jeder Verdacht auf eine Schluckstörung möglichst frühzeitig vom HNO-Arzt oder einem spezialisierten Mediziner, dem Phoniater, abzuklären. Das erfordere neben einer gründlichen Anamnese und logopädischen Funktionsdiagnostik eine endoskopische Untersuchung des Schluckvorgangs. Dabei bekommt der Patienten gefärbte Flüssigkeiten unterschiedlicher Konsistenz verabreicht, deren Weg durch die Speiseröhre die Ärzte mit dem Endoskop beobachten und meist per Videoaufnahme dokumentieren. »Als Ergebnis dieser Untersuchung lassen sich oft sehr genaue individuelle Empfehlungen geben, bei welcher Art der Ernährung und welcher Körperhaltung das Aspirationsrisiko am geringsten ist«, sagte Hacki. In der Regel lasse sich angedickte Nahrung sehr viel besser schlucken als dünnflüssige. »Sie sollte zudem grundsätzlich eine homogene Konsistenz sowie einen gut wahrnehmbaren Geschmack haben und entweder deutlich wärmer oder kälter sein als die Körpertemperatur.« »Mischformen« wie klare Suppen mit festen Einlagen oder lauwarme Getränke erschwerten dagegen den geordneten Schluckvorgang.

 

Das Schlucken trainieren

 

Dieser lasse sich darüber hinaus durch eine logopädische Behandlung fördern. Dabei erlernen Patienten spezielle Schlucktechniken und trainieren die daran beteiligten Muskeln und Reflexe. »Möglicherweise hilft auch eine Umstellung von Arzneimitteltherapien«, sagte Hacki. Denn manche Medikamente, vor allem Beruhigungsmittel und Psychopharmaka, erschwerten den Schluckvorgang. »Dagegen wirken sich ACE-Hemmer mehreren klinischen Studien zufolge positiv aus, da sie Schluck- und Hustenreflexe fördern und dadurch der Aspiration vorbeugen.« Zudem zeigen kleine klinische Studien von japanischen Forschern um Dr. Takae Ebihara von der Tohoku-Universität im japanischen Sendai einen positiven Effekt auf den Schluckreflex von Capsaicin, Menthol und Pfeffer. Doch sie kommen Hacki zufolge noch nicht als Routinebehandlung zum Einsatz.

 

Wenn sämtliche Maßnahmen nicht ausreichend helfen, benötigen Patienten mit Schluckstörungen eine Ernährung via Magensonde, was allerdings ihre Lebensqualität stark beeinträchtigt. Deshalb forderte Hacki Ärzte und Pflegende auf, die Methode nicht voreilig einzusetzen, sondern erst die logopädischen Behandlungsmöglichkeiten auszuschöpfen. »Dass sich das lohnt, zeigt eine neue Untersuchung an alten Menschen mit Schluckstörung und Magensonde, die zwei Monate lang eine logopädische Intensivtherapie erhielten. 55 Prozent von ihnen konnten sich anschließend wieder vollkommen selbstständig ernähren.« /

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