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Senioren

Medikamente schlecht im Griff

16.03.2010  14:19 Uhr

Von Bettina Sauer, Berlin / Auch die Feinmotorik leidet mit zunehmendem Alter. Deshalb bereitet vielen Senioren die Anwendung von Arzneimitteln Probleme, hieß es bei der Sitzung der Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker (AMK) vergangene Woche in Berlin.

Der Umgang mit Insulin-Pen, Inhalator und Co erfordert eine gewisse Fingerfertigkeit – und bereitet deshalb vielen älteren Patienten Probleme. Das berichtete Dr. Wolfgang Kircher, Pharmazierat und Inhaber einer Apotheke im bayerischen Peißenberg, bei einer Tagung der Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker (AMK) in Berlin.

»Im Alter kommt es oft zu Einschränkungen bezüglich der Feinmotorik, insbesondere der Griffstärke«, sagte Kircher. Mithilfe seiner Apothekenkunden hat er schon mehrere Studien zu diesem Thema durchgeführt. Unter anderem bestimmte er die Kraft, die 70 männliche und weibliche Testpersonen maximal aufbringen, wenn sie die Spitzen von Daumen und Zeigefinger beim sogenannten Spitzgriff zusammenpressen. »Unter 60-jährige Frauen erreichen dabei Werte über 60 Newton, Männer sogar um die 100 Newton.« Doch ab diesem Alter sinke die durchschnittliche maximale Griffstärke. »Bei über 90-jährigen Männern liegt sie nur noch bei etwa 40 Newton, bei Frauen sogar unter 10 Newton.«

 

Zusätzlich beeinträchtigt werde sie internationalen Studien zufolge durch Krankheiten wie Gelenk-Arthritis oder -Arthose, Diabetes oder Schlaganfall. Zudem hänge sie stark von der Körperhaltung sowie der Stellung von Handgelenk, Unter- und Oberarm ab. Deshalb lautete Kirchers grundsätzlicher Rat an Apothekenmitarbeiter: »Lassen Sie sich von Ihren Patienten vorführen, wie sie Insulin-Pens, Dosiersprays und weitere spezielle Darreichungsformen und Applikationssysteme handhaben, und zwar unter realistischen Bedingungen.« So komme es beispielsweise vor, dass sich Augentropfen auf dem Handverkaufstisch problemlos aus dem Fläschchen entnehmen ließen, nicht aber nach dem Positionieren am eigentlichen Einsatzort, dem Bindehautsack.

 

Möglicherweise könne der Apotheker die Arzneimittel-Anwendung durch Hilfsmittel vereinfachen oder eine effektivere Griffart vorschlagen. So entstehe in der Regel mehr Kraft, wenn Patienten anstelle des Spitzgriffs drei Finger, beide Hände oder den Schlüsselgriff benutzen. Bei Letzterem drückt das Endglied des Daumens auf das Mittelglied des Zeigefingers. »Mitunter empfiehlt sich, gegebenenfalls in Kooperation mit dem verordnenden Arzt, auch ein Wechsel der Arzneiform oder des Applikationssystems«, sagte Kircher.

 

Denn zwischen den einzelnen Modellen gebe es bezüglich des Kraftaufwands bei der Handhabung enorme Unterschiede. Auch das hat Kircher durch eigene Messungen überprüft. Demnach sind je nach Gerät oder Präparat zur Bedienung von Pulverinhalatoren etwa 20 bis 30 Newton erforderlich, zur Abgabe von Insulin 5 bis 35 Newton und zum Freisetzen eines einzelnen Augentropfens zwischen 5 und 45 Newton. »Wer diese Kraft nicht aufzubringen vermag, erleidet womöglich eine Fehl- oder Unterdosierung.« So werde dann beispielsweise die Kapsel im Innern eines Pulverinhalators nicht ausreichend perforiert. In der Folge gelange beim Einatmen nicht deren ganzer Inhalt in die Lunge.

 

Deshalb sei die Kapsel in Pulverinhalatoren nach jedem Einsatz auf vollständige Entleerung zu überprüfen und gegebenenfalls mehrfach zu inhalieren. Auch zu weiteren heiklen Darreichungsformen gab Kircher spezielle Empfehlungen: »Pen-Kanülen sollten lang genug in der Haut bleiben, um das Insulin auch bei geringer Kraft vollständig freizusetzen.« Zudem müssten sie weitlumig sein und häufig gewechselt werden, um störende Verkrustungen zu vermeiden. »Um Augentropfen erfolgreich einzuträufeln, hilft es, sie vorher auf Körpertemperatur zu erwärmen – zum Beispiel in der Hosentasche.« Zudem empfahl er die sogenannte kanthale Applikation: Dabei liegt der Anwender flach auf dem Rücken und träufelt jeden Tropfen bei geschlossenem Auge und unter Verwendung beider Hände auf den inneren Lidwinkel. Nun öffnet er das Auge kurz, wobei sich die Arznei von allein auf Horn- und Bindehaut verteilt, schließt es wieder und bleibt noch etwa eine Minute so liegen.

 

Spezielle Anwendungsempfehlungen

 

Detaillierte Empfehlungen finden sich übrigens in Titelbeiträgen, die Kircher 2005 und 2007 in der Pharmazeutischen Zeitung veröffentlichte (Anwendung von Augentropfen: Ergonomische Probleme individuell lösen, PZ 50/2005 und Anwendung von Arzneimitteln: Wie sich ergonomische und audiologische Probleme lösen lassen, PZ 26/2007).

 

Auf ein aus seiner Sicht zentrales Problem wies Kircher am Ende seines Vortrags hin: »Viele ältere Patienten müssen ihre Tabletten teilen, was oft sehr viel Kraft erfordert.« 50, 100 oder gar 200 Newton seien nicht ungewöhnlich – mitunter sogar selbst dann, wenn es sich laut Herstellerangaben um »leicht teilbare Tabletten« handele. Auch andere AMK-Mitglieder bestätigten nach dem Vortrag die große Bedeutung dieses Problems. Das Plenum beschloss, sich in Zukunft intensiv damit zu beschäftigen und nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. /

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