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Senioren

Apotheker sollten Mut machen

16.03.2010
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Von Daniel Rücker / Senioren sind die wichtigste Zielgruppe der Apotheken. Aber sind diese auch auf alte Menschen richtig eingestellt? Insgesamt schon, sagt die Altersforscherin Professor Dr. Ursula Lehr. Die ehemalige CDU-Politikern war in den Achtziger Jahren Bundesgesundheitsministerin und steht heute an der Spitze der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO).

PZ: Wie gefallen Ihnen die Apotheken in Deutschland?

 

Lehr: Ich kann natürlich nicht über alle Apotheken in Deutschland reden. Ich kenne aber ziemlich viele und habe bei diesen mit Freude zur Kenntnis genommen, dass sie sich gut auf den demografischen Wandel eingestellt haben.

PZ: Woran machen Sie dies fest?

 

Lehr: Es beginnt mit der Einrichtung. Für jüngere Menschen sind es oft Kleinigkeiten, die für Senioren aber eine große Bedeutung haben. Das sind zum Beispiel einer oder zwei Stühle zum Hinsetzen. Ganz wichtig sind auch Ablagen vor dem HV-Tisch, auf die ein älterer Mensch seine Tasche stellen oder seinen Stock anlehnen kann. Wichtig sind auch gut lesbare Beschriftungen.

 

PZ: Die Einrichtung ist wichtig, noch bedeutsamer ist aber sicherlich die Beratung. Wie sind hierbei Ihre Erfahrungen?

 

Lehr: Das kann man natürlich schwer generalisieren. Nach meiner Erfahrung gibt es Apothekerinnen und Apotheker, die ausgezeichnet beraten. Die sehr detailliert nachfragen, für wen das Medikament ist, ob es bekannt ist, welche Medikamente sonst noch eingenommen werden. Besonders wichtig ist dies meiner Meinung nach bei nicht-verschreibungspflichtigen Arzneimitteln, da hier der Apotheker die einzige Informationsquelle ist. Viele Apotheker machen dies sehr gründlich und sehr verantwortungsbewusst. Es gibt aber auch Apotheker, die die wichtigen Fragen nicht stellen und Arzneimittel der Selbstmedikation kommentarlos abgeben. Das dürfte bei Senioren, die ja sehr oft gleichzeitig eine Reihe von rezeptpflichtigen Arzneimitteln einnehmen, nicht passieren.

 

Generell ist es aber ganz sicher so, dass der Kauf von Arzneimitteln in einer Apotheke sicherer ist als bei einer Versandapotheke. Das belegen auch die Ergebnisse einer Studie der ABDA in 109 Apotheken. Dabei hat sich gezeigt, dass die vom Kunden gewünschten Medikamente gegen Erkältung oder Magen-Darm-Beschwerden oft ungeeignet waren. In der Studie hieß es auch, dass die Apotheker in rund 30 Prozent der Fälle den Kunden einen Arztbesuch empfehlen mussten. Hinzu kamen Probleme mit Doppelmedikation, Wechselwirkungen und falschen Dosierungen. Das Ergebnis macht deutlich, wie wichtig eine gute Beratung in der Apotheke ist.

 

PZ: Worauf sollten die Apotheker bei der Beratung von Senioren ganz besonders achten?

Lehr: Auch das lässt sich nicht generalisieren. Ältere Menschen sind sehr verschieden. Zunächst sollten die Apotheker allgemeinverständlich sprechen. Manche Senioren haben auch die Diagnose des Arztes nicht richtig verstanden, trauen sich aber nicht, nachzufragen. Hier ist dann der Apotheker gefragt. Ganz wichtig ist auch die Art und Weise, wie Apotheker mit ihren älteren Patienten reden.

 

Wir wissen aus Studien, dass die Lebensqualität und sogar die Lebenserwartung ganz entscheidend vom subjektiven Empfinden geprägt wird. Wer sich gesund fühlt, ist aktiver und unternimmt mehr. Das hält ihn auch objektiv gesünder. Der subjektive Gesundheitszustand ist mindestens so wichtig, wie der objektive. Ärzte und Apotheker sollten deshalb ihren Patienten immer auch Mut machen und ihnen Zweifel oder Verunsicherung nehmen. Aus demselben Grund sollten Patienten gegen Aufzahlung ihr gewohntes Medikament weiter nehmen dürfen, wenn dies die Krankenkasse aus wirtschaftliche Gründen nicht mehr erstatten will. Die Umstellung auf ein neues Medikament verunsichert viele Senioren und diese Verunsicherung kann den Gesundheitszustand negativ beeinflussen.

 

PZ: Gibt es noch Defizite bei den Apotheken?

 

Lehr: Viele Apotheken liefern heute schon Medikamente zu immobilen Patienten. Dies sollte ein Standardangebot der Apotheker werden. Außerdem sollten Leistungen wie Blutdruck- oder Blutzuckermessen in den Apotheken selbstverständlich sein. Aus Befragungen wissen wir auch, dass Senioren in Apotheken oft eine Toilette vermissen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Apotheker ihre Patienten noch stärker über die Arzneimitteleinnahme hinaus beraten. Zum Beispiel, welche Pflegedienste gibt es in der Nähe? Welche sind gut? Wer kümmert sich um meinen zu pflegenden Partner, wenn ich unterwegs bin?

 

PZ: In Deutschland gibt es immer mehr Apotheken, die sich als Discounter positionieren. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

 

Lehr: Natürlich ist es gut, wenn Arzneimittel nicht zu teuer sind. Discount widerspricht aber in der Regel einer umfassenden persönlichen Beratung. Senioren haben meistens eine Stammapotheke, in der sie bekannt sind und wo ihre Medikation dokumentiert ist. Nach einer Untersuchung der BAGSO sind dies 87 Prozent. Ich denke nicht, dass viele eine Discount-Apotheke dafür auswählen.

 

PZ: Wo sehen Sie außerhalb der Apotheken Defizite in der Arzneimittelversorgung?

 

Lehr: Schwierigkeiten gibt es bei Medikamentenstudien. Arzneimittel werden vor allem an jungen Männern getestet. Diese haben aber einen anderen Stoffwechsel als Senioren, deshalb lässt sich aus den Untersuchungen nicht schließen, wie gut ältere Menschen diese Arzneimittel vertragen. Hinzu kommt das Problem von Wechselwirkungen, die in den Studien nicht getestet werden. / 

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