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Neue Rückenschule

Die Wirbelsäule ganzheitlich behandeln

08.04.2008  17:31 Uhr

Neue Rückenschule

Die Wirbelsäule ganzheitlich behandeln

Von Hildegard Tischer

 

Der 15. März steht im Zeichen der Rückengesundheit. Die Tatsache, dass dieser ein spezieller Tag gewidmet wird, spiegelt ihre Bedeutung wider: Fast ein Fünftel aller Frühberentungen gehen auf das Konto von Wirbelsäulenleiden. Ein neues Konzept für Rückenschulen soll die Probleme ganzheitlich angehen.

 

Rückenschmerzen entstehen nicht nur durch einseitige Belastung und Bewegungsmangel. Auch Stress, Depressionen, Angst, Unzufriedenheit am Arbeitsplatz und familiäre Konflikte machen sich an der Wirbelsäule bemerkbar. Rückenschulen dagegen zielten bislang in erster Linie auf die Korrektur von Fehlhaltungen und rückenbelastenden Bewegungsabläufen ab, weshalb ihr langfristiger Nutzen in den vergangenen Jahren sogar von den anbietenden Verbänden selbst angezweifelt wurde, wie aus einem Artikel vom Dezember 2006 im »ZVK-Journal« des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK) hervorgeht. Nicht nur, aber auch um die Wirksamkeit präventiver Rückenschulen zu verbessern, haben sich die neun führenden deutschen Rückenschulverbände zur Konföderation der deutschen Rückenschulen (KddR, www.kddr.de) zusammengeschlossen. Die KddR, der neben dem ZVK unter anderem der Bundesverband deutscher Rückenschulen und das Forum gesunder Rücken angehört, entwickelte ein neues, ganzheitliches Konzept für präventive Rückenschulen und begann im vergangenen Jahr, die Aus- und Weiterbildungspläne ihrer Mitglieder auf diese sogenannte Neue Rückenschule zuzuschneiden. Die »Neue Rückenschule« basiert auf einem, wie es die KddR nennt, bio-psycho-sozialen Modell, das auch Faktoren wie emotionalen und sozialen Stress berücksichtigt. In die Ausbildung für Rückenschullehrer werden dementsprechend auch Psychologen einbezogen.

 

Körperwahrnehmung schulen

 

Zu den Grundbausteinen der »Neuen Rückenschule« gehören die Schulung der Körperwahrnehmung und -erfahrung, motorisches Grundtraining, Entspannung und Stressmanagement, Spiele, Haltungs- und Bewegungstraining, Wissensvermittlung, Strategien zur Schmerzbewältigung, Gruppen- und Einzelgespräche. Die Methode soll die Teilnehmer dazu motivieren, regelmäßig Sport zu treiben, psychische Überlastungen abzubauen und die Einstellung zu den eigenen Schmerzen zu verändern. »Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Rückenschulkurse lernen zu erkennen, dass langfristige Rückengesundheit nur dann erreichbar ist, wenn diese drei Aspekte gemeinsam Beachtung finden«, erklärt KddR-Sprecher Carsten Löwenkamp.

 

Tipps wie »Sitz gerade« oder »Gehe beim Bücken in die Hocke« würden nicht reichen, um Menschen vor chronischen Rückenschmerzen zu bewahren. Deshalb lehne es die »Neue Rückenschule« auch ab, in falsche oder richtige Körperhaltungen zu unterscheiden. Die Patienten sollen im Gegenteil für ihren Körper sensibilisiert werden, sodass sie von sich aus spüren, was ihm gut tut. Nicht schonen, sondern adäquat und regelmäßig bewegen, lautet die Devise. Zur Verbesserung der Körperwahrnehmung setzen die Rückenschullehrer Elemente aus der Feldenkrais-Methode (siehe Kasten), der Alexander-Technik, der Eutonie, des Qi Gong ein oder auch passive Bewegungen, Shiatsu und Massage.

 

Ein veränderter Umgang mit dem Schmerz soll zum einen eine Chronifizierung verhindern, zum anderen Patienten befähigen, besser mit ihm zu leben. Wiederkehrender Schmerz zieht bei vielen Betroffenen einen Teufelskreis nach sich, der sowohl die Chronifizierung als auch bestehende Depressionen untermauert. Aus Angst vor Schmerzen nehmen sie entsprechende Vermeidenshaltungen ein, die eine weitere Muskelatrophie begünstigen, was wiederum den Schmerz verstärkt. Der Schmerz wird dramatisiert, er bestimmt den Alltag der Patienten, sie können nicht mehr arbeiten, lassen Hobbys fallen, vernachlässigen soziale Kontakte und fühlen sich umso mehr isoliert. Andere dagegen wollen um jeden Preis durchhalten. Sie versuchen, die Beschwerden zu ignorieren, oder lehnen sich gegen sie auf und gehen trotz Schmerz ihren gewohnten Aktivitäten nach. Dieser Patiententyp muss erst lernen, dass der Körper auch Entspannung braucht.

 

Beide Verhaltensweisen will die ganzheitliche Rückenschule berücksichtigen, indem sie verstärkt Strategien zur Stress- und Schmerzbewältigung, sogenannte Coping-Strategien, vermittelt, zu denen beispielsweise auch das Führen von Schmerztagebüchern oder der Austausch in Selbsthilfegruppen gehören, aber auch Entspannungstechniken wie autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Imagination und Atemübungen.

 

Auf der physiologischen Ebene setzt das neue Konzept auf Spaß an der Bewegung anstatt auf stures Befolgen von Haltungs- und Trainingsregeln. Denn wie der Name Rücken-»Schule« schon sagt, können die Kurse lediglich Wissen und Techniken vermitteln und Anregungen geben. Ausschlaggebend ist, dass die Patienten die Anstöße anschließend in ihrem Alltag umsetzen. »Das individuelle Wohlbefinden, verknüpft mit Freude und Spaß, nimmt dabei einen wichtigen Platz ein ­ es gilt, locker und aktiv mit der eigenen Rückengesundheit umzugehen«, beschreibt Löwenkamp das Konzept. »Man achtet beim Bewegen nicht so sehr auf Bandscheibenentlastung, sondern vielmehr auf den ständigen Wechsel von Be- und Entlastung.« Die in der Rückenschule erfahrene Freude an der Bewegung könne die Patienten dazu motivieren, regelmäßig Sport zu treiben, sei es Schwimmen, Nordic Walking, Rad fahren, Tanzen oder Yoga. Insgesamt orientiert sich das Konzept mehr an der Salutogenese als an der Pathogenese; die Kursleiter verstehen sich mehr als Moderatoren und Partner denn als Dozenten. Neu ist auch, dass der Erfolg eines Kurses mithilfe standardisierter Evaluationsbögen überprüft wird. In diesen Bögen können die Teilnehmer unter anderem Angaben zum Grad ihrer Schmerzen, ihrem Bewegungsverhalten und ihren Beschwerden insgesamt machen.

 

Bis Ende dieses Jahres sollen alle bereits praktizierenden Rückenschullehrer die Qualifikation nach den neuen Richtlinien erwerben können. Das Bundesgesundheitsministerium und die gesetzlichen Krankenkasse begrüßen das neue Konzept.

Körperwahrnehmung

Feldenkrais-Methode: Die körperorientierte Lernmethode wurde von Moshé Feldenkrais gegründet und soll den Ausübenden helfen, mehr über den eigenen Körper und seine Bewegungsmuster zu erfahren. Nachteilige Bewegungsmuster sollen erkannt und gelöst und neue Bewegungsalternativen aufgezeigt werden. Die Methode hat sich vor allem zur Wiedererlangung der vollen Mobilität nach Verletzungen in der Rehabilitation und dem Abbau von fehlhaltungsbedingten Schmerzen bewährt (www.feldenkrais.de).

 

Alexander-Technik: Auch diese Lehrmethode, benannt nach ihrem Gründer Frederick Matthias Alexander, soll den Schüler befähigen, seine Haltungs- und Bewegungsgewohnheiten zu beobachten und zu analysieren und körperlich dysfunktionale Gewohnheiten abzulegen. Die Methode beruht auf der Überzeugung, dass im Menschen alle geistigen, seelischen und körperlichen Prozesse untrennbar miteinander verbunden sind (www.alexander-technik.org).

 

Eutonie: Das bewegungspädagogische Programm, das übersetzt »Wohlspannung« bedeutet, hat das Ziel, im Alltag seinen eigenen Rhythmus zu finden und zu mehr Ausgeglichenheit zu kommen. Die Übungen, entwickelt von der dänischen Physiotherapeutin Gerda Alexander, richten die Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper und sollen dazu führen, dass man auf die jeweilige Situation abgestimmte Spannungszustände annimmt (www.eutonie.de).

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