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Darmkrebs

Arztwahl bestimmt Heilungschancen

08.04.2008  17:31 Uhr

Darmkrebs

Arztwahl bestimmt Heilungschancen

Von Christiane Berg, Hamburg

 

Die Ergebnisse der Darmkrebschirurgie konnten in den letzten Jahrzehnten zwar erheblich verbessert werden. Doch die Prognose ist abhängig vom operierenden Arzt.

 

»Die Auswahl des Chirurgen bestimmt die Heilungschancen.« Das sagte Professor Dr. Hans-Rudolf Raab, Direktor der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie im Klinikum Oldenburg, auf einer Pressekonferenz anlässlich des Darmkrebsmonats März. Zwar spielen auch jeweilige Besonderheiten der Patientenkollektive oder spezifische Zu- und Überweisungen niedergelassener Gastroenterologen eine Rolle. Insgesamt jedoch werden die zum Teil sehr gravierenden Ergebnisunterschiede in der Darmkrebschirurgie durch individuell unterschiedliche OP-Techniken durch wiederum unterschiedliche Ausbildung der Operateure hervorgerufen, so Raab. »Die Ausbildung hat einen größeren Einfluss auf Heilungsaussichten und Sterblichkeit als die jährliche Fallzahl eines Chirurgen oder einer Klinik«, betonte er.

 

Raab verwies auf starke Schwankungen der Heilungsraten von Dickdarm- und Enddarmkrebs an deutschen Krankenhäusern selbst im Stadium 1, das eigentlich als nahezu vollständig heilbar gilt. In einer 1999 publizierten prospektiven Untersuchung der Studiengruppe »Kolorektales Karzinom« (SGKRK) der Universität Erlangen an sieben deutschen Kliniken sei die Wahl der chirurgischen Klinik als unabhängiger Prognosefaktor beim Kolon- und Rektumkarzinom nachgewiesen worden. So betrug die relative Fünf-Jahres-Überlebensrate im lymphknotenpositiven Stadium des Kolonkarzinoms je nach Klinik zwischen 34 und 71 Prozent, die Lokalrezidivrate zwischen 9 und 38 Prozent. Beim Rektumkarzinom lag die Lokalrezidivrate je nach Klinik zwischen 10 und 37 Prozent und die tumorbezogene Fünf-Jahres-Überlebensrate zwischen 54 und 75 Prozent.

 

Zentren bringen keinen Vorteil

 

Zur weitgehenden Minimierung der Risiken und Optimierung der Prognose sollte die Operation in einem spezialisierten Zentrum angestrebt werden, so lautet der Rat der SGKRK. »Zwar kann die Fallzahl Einfluss auf die Prognose nehmen. Doch dieser Einfluss ist nur gering. US-amerikanische Studien haben gezeigt, dass die Behandlung in speziellen, vom National Cancer Institute zertifizierten Krebszentren keinen Vorteil für das Langzeitüberleben der Betroffenen bringt«, sagte Raab. »Mindestmengenregelungen sind nur von begrenztem Nutzen«, zeigte er sich überzeugt. »Es kommt auf den einzelnen Chirurgen an.«

 

Zwar hätten die Chirurgen in den letzten zehn Jahren in Eigenverantwortung zur Verbesserung der OP-Technik durch Stärkung der Aus- und Fortbildung beigetragen. Doch sei die generelle Datenlage mangelhaft. Raab forderte weitere, vor allem flächendeckende Studien zur bundesweiten Qualitätserfassung der chirurgischen Therapie des Kolon- und Rektumkarzinoms. Diese Qualitätserfassung sei das Hauptproblem, doch hätten für entsprechende Studien bislang die finanziellen Mittel gefehlt. Auch verfüge die große Mehrheit der Kliniken derzeit weder über das Geld, noch über die Infrastruktur, den Krankheitsverlauf ihrer Patienten beziehungsweise Langzeitergebnisse in Abhängigkeit zum Beispiel vom Tumorstadien, Alter oder Begleiterkrankungen zu verfolgen. »Hier besteht dringender Handlungsbedarf.«

 

Das Angebot prüfen

 

Was kann der Patient tun? Raab riet, nach der Diagnose Darmkrebs »nichts zu überstürzen«. Es bleibe genug Zeit, Entscheidungen reiflich zu überlegen, sagte er. Bei der Suche nach einem geeigneten Chirurgen gelte es in Vorgesprächen nicht nur Ausbildung und Erfahrung, sondern auch die Art der Vorgehensweise des operierenden Arztes zu erfragen. Zu erkunden sei zudem, ob in der Klinik eine Tumorkonferenz zur Beurteilung fortgeschrittener Stadien und spezifischer Metastasen existiert.

 

Jeder Patient sollte sein Recht auf eine Zweitmeinung nutzen, allemal wenn nur die geringsten Zweifel an der Qualität einer chirurgischen Klinik bestehen. Bei der Suche nach qualifizierten Adressen helfen die Ärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen, sagte Dr. Arno Theilmeier, KV Nordrhein, Düsseldorf. Damit eine Zweitmeinung ausgesprochen werden kann, sind allerdings lückenlose und aktuelle Befunde notwendig. Die Zweitmeinung diene nicht nur der Unterstützung von Darmkrebspatienten bei der Entscheidungsfindung. Sie vermeide außerdem unnötige Therapiekosten und Ressourcenverschwendung im Gesundheitswesen auch und gerade durch Minderung von Komplikations- und Rückfallquoten.

 

Nicht nur in der Therapie, auch bei der Vorsorgekoloskopie wird zunehmend auf strenge Qualitätskontrollen gesetzt, ergänzte Theilmeier. Neben Zugangsbeschränkungen für Ärzte nur mit nachweisbaren fachlichen Qualifikationen werden die Darmspiegelungen der Gastroenterologen in Nordrhein stichprobenartig regelmäßig unter anderem auf Bildqualität geprüft. Geprüft wird auch, ob Krebsvorstufen wie Adenome oder Polypen in einer Sitzung vollständig entfernt wurden. Bei Mängeln drohe der Entzug der Zulassung zur Vorsorgekoloskopie. Sind auf diese Weise Praxen und Kliniken mit schlechter Arbeitsqualität »aussortiert« worden, so habe die »Auslese« der tatsächlich befähigten Leistungserbringer zu einer Zunahme der entdeckten Polypen bei gleichzeitiger Abnahme der eigentlich niedrigen Komplikationsrate geführt. Theilmeier: »Die Ergebnisse sprechen für sich.« Ob Vorsorge oder Therapie, der mündige Patient ist gefordert, wie beim Kauf von Alltagsgegenständen auch das ärztliche Angebot vorab detailliert zu prüfen.

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