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Immer größer

12.03.2007
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Immer größer

Größe ist ein bestimmendes Merkmal. Klein ist zwar fein, aber Größe ist in der Wirtschaft meistens mehr. Die Deutschen haben ihre Erfahrungen mit dem Drang nach Größe schmerzvoll gemacht. Deshalb ist Größe in der deutschen Politik verdächtig. Sie bezeichnet den Staat gerne als Mittelmacht.

 

In der Industrie ist das anders. Hier geht es um Kennzahlen. Die sind erst dann bedeutend, wenn Umsatz und Ertrag möglichst groß und Steigerungszahlen deutlich positiv sind. Sogar die AOK ist sich dieser Strategie bewusst und schließt für ihre 25 Millionen Versicherten Arzneimittelverträge im ganz großen Stil ab. Weil die ganz großen deutschen Hersteller aber nicht so recht wollten, hat man sich kleinerer Anbieter bedient. Und auch hier ist nichts wie es scheint: Manche dieser Hersteller sind hierzulande klein, aber international ganz groß.

 

Größe ist dabei kein Garant für Erfolg. Der weltgrößte Pharmahersteller Pfizer, über Jahre ein Hort der Gewinnmaximierung, entlässt seine Mitarbeiter zu Tausenden. Man kehrt mit eisernem Besen, um - die Perversion der Ökonomie - wieder zu alter Stärke und Größe zu finden. Und auch Bayer-Schering tickt nicht anders. Der Drang nach Größe hat seinen Preis - auch für Mitarbeiter in Deutschland. Gleichzeitig belohnt Bayer seine Aktionäre mit einer Dividendenerhöhung. In Großbritannien wollen unterdessen Finanzinvestoren für etliche Milliarden Euro den Apothekenketten-Betreiber Alliance Boots übernehmen. Es geht um globales Wachstum. Die Denkstrukturen sind längst verändert.

 

Wer das für eine verkehrte Welt hält, liegt falsch. Das ist die reale Welt. Und wer ausschließlich den Kapitalismus als Ursache des Übels vermutet, liegt nicht minder falsch. Denn das Streben nach Größe in der Einheitskasse, der Einheitsversorgung nach sozialistischem Idealbild wird jetzt wieder von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) postuliert. Es soll nur noch die eine, große Versorgungslandschaft geben. Aus Gleichmacherei wird Größe. Aber weder Gleichmacherei noch Größe sind per se Synonyme für Qualität.

 

Dabei ist es Vielfalt, die Qualität sichert. Vielfalt bedeutet Wettbewerb bei Kosten und Preisen, aber eben auch Wettbewerb bei der Qualität. Der Größenwahn von Großkonzernen, Großkassen und mancher Großhandelskooperationen wird nicht bei allen Versicherten und Kunden gut ankommen. Die Apotheken haben eine Chance, wenn sie sich positionieren.

 

Thomas Bellartz

Leiter der Hauptstadtredaktion

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