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Hoher Preis für feindliche Übernahme

13.03.2006
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Pharmaindustrie

Hoher Preis für feindliche Übernahme

von Thomas Bellartz und Dieter Pada, Berlin

 

Nachdem am vergangenen Wochenende erste Gerüchte aufgekommen warne, überschlagen sich seit dem offiziellen Angebot der Darmstädter Merck an die Aktionäre der Schering AG die Ereignisse. Immerhin geht es um rund 15 Milliarden Euro, zwei traditionsreiche Konzerne und jede Menge Arbeitsplätze.

 

Am Dienstag abend wurde das Bild immer deutlicher: Der Pharma- und Chemiekonzern Merck will den Widerstand gegen die Übernahme des Berliner Konkurrenten Schering brechen. Die Unternehmsspitze zeigte sich am Dienstag zuversichtlich, die Aktienmehrheit beim drittgrößten deutschen Pharmahersteller zu gewinnen. Hauptanliegen sei es, «mit Schering doch noch ins Gespräch zu kommen», sagte Merck-Aufsichtsratschef Wilhelm Simson in Berlin. Das Darmstädter Unternehmen schließt nicht aus, sein Übernahmeangebot in Höhe von 14,63 Milliarden Euro für Schering aufzustocken.

 

Zunächst wolle man abwarten, ob von dritter Seite mehr geboten werde, sagte Simson. Merck werde aber keinesfalls so viel zahlen, dass die Transaktion am Ende nur mit einer Zerlegung von Schering und dem Verkauf einzelner Teile finanziert werden könne.

 

Schering hatte die Merck-Offerte von 77 Euro pro Aktie in bar bereits als «unerwünscht» abgelehnt. Der Aufsichtsrat von Schering wollte sich am Dienstag mit dem Angebot befassen. Für den Abend wurde eine Stellungnahme erwartet.

 

Der Schering-Betriebsrat und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) äußerten die Sorge, bei einer Fusion drohe ein Teil der 6000 Arbeitsplätze in der Hauptstadt verloren zu gehen. Der Senat sei jedoch nicht Verhandlungspartner und könne «keine Bedingungen stellen», sagte Wowereit. Derzeit sehe er nicht, dass die beiden Unternehmen noch zu einer «einvernehmlichen Lösung» kommen.

 

Betriebsratschef Norbert Deutschmann sagte im RBB-Inforadio, außer Geschäftsfeldern, in denen es Überschneidungen gebe, wären weitere Bereiche betroffen, falls die Zentrale aus Berlin abgezogen würde. Der Vorstand müsse die bisherigen Aktionäre bei der Stange halten.

 

Merck versuchte, die Bedenken zu zerstreuen und warb in Zeitungsanzeigen bei den Schering-Mitarbeitern dafür, «ein deutsches Pharma- und Chemieunternehmen der Weltklasse» zu schaffen. Merck habe schon in der Vergangenheit gezeigt, dass es seine Geschäftspolitik «nicht auf dem Rücken der Mitarbeiter austrägt», sagte Simson. Die Merck-Spitze hatte angekündigt, durch Synergien rund 500 Millionen Euro einsparen zu wollen. Simson nannte am Dienstag vier Aspekte, von denen er sich Synergien erwarte: Ein schnellerer Marktzugang für neue Produkte, die gemeinsame Nutzung teurer Forschungsgeräte, gemeinsame klinische Tests und Zusammenlegung des Verkaufs im Ausland.

 

Schering und Merck sind gemessen an Umsatz und Mitarbeiterzahl etwa gleich groß. Schering ist der einzige Berliner DAX-Konzern. Mit dem Zusammenschluss entstünde ein Anbieter mit einem Pro-Forma-Umsatz für 2005 in Höhe von 11,2 Milliarden Euro.

 

Der »Mann des Übergangs«

 

Eine besondere Rolle im anstehenden Showdown spielt Merck-Vorstandschef Michael Römer. Sein Aufstieg auf den Chefsessel beim Pharma-und Chemiekonzern Merck kam überraschend und ist noch keine vier Monate her: Michael Römer wurde im vergangenen November zum Vorsitzenden der Geschäftsleitung berufen, als sich das Darmstädter Unternehmen von einem Tag auf den anderen von seinem ersten Mann Bernhard Scheuble trennte. Römer rückte vom Stellvertreterposten, den er seit dem Jahr 2000 innehatte, in die erste Reihe auf. Seine Zuständigkeit für Produktion, Einkauf und Logistik behielt er bei. Der promovierte Chemiker arbeitet seit 1978 mit einer zweijährigen Unterbrechung für Merck. Nach Studium und Promotion in seiner Geburtsstadt Darmstadt trat er als Laborleiter in das Unternehmen ein. 1990 übernahm er die Leitung der Sparte Industriechemikalien einschließlich des Geschäfts mit Flüssigkristallen, das heute Mercks wichtigstes Zugpferd ist. 1993 wurde er stellvertretendes, ein Jahr darauf reguläres Mitglied der Geschäftsleitung der Merck KGaA.

 

Nicht nur wegen seines Alters von 59 Jahren galt Römer schnell als Übergangslösung. Er verfügt auch über keinerlei Erfahrung in der Pharma-Sparte, mit der Merck zwei Drittel seines Umsatzes bestreitet. Zudem wurde ihm im Gegensatz zu seinem Vorgänger ein Mangel an strategischer Vision nachgesagt. Unbestätigten Spekulationen zufolge waren es Scheubles ehrgeizige Pläne für Unternehmensübernahmen, die ihn bei der mächtigen Familie Merck in Ungnade fallen ließen. Um so mehr überraschte, dass ausgerechnet Römer den Angriff auf den Konkurrenten Schering verkündete. Das Image als Übergangskandidat haftet ihm dennoch weiter an. Nachdem Merck am Montag die geplante Berufung des Lufthansa-Finanzvorstands Karl-Ludwig Kley (54) zu Römers Stellvertreter bestätigte, wurde sofort über weitere Aufstiegschancen des künftigen Vizes gemutmaßt. Schon bisher gehörte der ehemalige Bayer-Manager neben dem Merck-Aufsichtsrat auch dem Gesellschafterrat der E. Merck OHG an.

 

Auf seinem neuen Posten soll Kley vom 1. September an für die Integration von Schering verantwortlich sein. Der Vorsitzende des Gesellschafterrates, Frank Stangenberg-Haverkampf, führte ihn als »Garant für die Fortsetzung des Erfolgskurses« bei Merck ein. Auch die Antwort des Familienrats-Vorsitzenden Jon Baumhauer auf Frage nach Kleys weiterer Zukunft lässt Raum für Spekulationen: »Allein der Altersunterschied macht natürlich eher die jüngeren Mitglieder der Geschäftsleitung zu Kandidaten für die Nachfolge als die älteren.».

Unternehmens-Porträts

PZ/dpa  Der traditionsreiche Darmstädter Pharma- und Chemie-Konzern Merck ist Weltmarktführer im Geschäft mit Flüssigkristallen. Im Pharmabereich ruhen die Hoffnungen vor allem auf dem Darmkrebsmedikament Erbitux. Zum Umsatz 2005 von 5,87 Milliarden Euro trug die Medikamenten-Sparte mit 3,89 Milliarden Euro einen Löwenanteil bei. Das operative Ergebnis von 883 Millionen Euro wurde zu gleichen Teilen in Pharma und Chemie erwirtschaftet.

 

Schwerpunkte der Pharma-Sparte sind neben der Krebstherapie Herz-Kreislauf-Medikamente, Generika sowie Vitamin- und Erkältungspräparate. Zur Chemiesparte gehören auch die Bereiche Pigmente sowie Analyse-Produkte. Merck, das sich selbst als ältestes pharmazeutisch-chemisches Unternehmen der Welt bezeichnet, produziert in 24 Ländern mit rund 29.000 Mitarbeitern. Das Unternehmen ist seit 1995 börsennotiert, 73 Prozent der Anteile sind im Familienbesitz. Die restlichen Anteile liegen nach Unternehmensangaben zu zwei Dritteln in der Hand institutioneller Investoren.

 

Der drittgrößte deutsche Pharmakonzern Schering konzentriert sich auf vier Geschäftsbereiche: Gynäkologie und Andrologie, Kontrastmittel, Spezial-Therapeutika für schwere Krankheiten und Onkologie. Die wichtigsten Präparate sind Betaferon, die Anti-Baby-Pille Yasmin und die Hormonspirale Mirena. Der Vorstandsvorsitzende Hubertus Erlen nannte 2005 kürzlich das »erfolgreichste Jahr in der Firmengeschichte«. Nach der vorläufigen Bilanz stieg der Konzerngewinn um 23 Prozent auf 619 Millionen Euro, das Betriebsergebnis um 21 Prozent auf 928 Millionen Euro und der Umsatz um 8 Prozent auf 5,3 Milliarden Euro.

 

Schering hat derzeit liquide Mittel von rund 1,2 Milliarden Euro. Schering hat weltweit 25.000 Mitarbeiter und über 150 Tochtergesellschaften. Die Produkte werden in über 100 Ländern weltweit verkauft. 

Seit 338 Jahren alles fest im Griff

PZ/dpa  Nicht nur der Name des Darmstädter Pharma- und Spezialchemieunternehmens Merck geht auf seinen Gründer Friedrich Jacob Merck zurück. Auch die Macht in dem heute weit verzweigten Konzern liegt noch 338 Jahre nach der Firmengründung in den Händen der Familie Merck. Deren Abkömmlinge tragen zwar nur noch selten den Namen des Gründers, doch durch die Besitzverhältnisse und ein kompliziertes Geflecht von Beratungs- und Kontrollgremien haben sie in allen wesentlichen Unternehmensentscheidungen das letzte Wort.

 

Als Hauptgesellschaft wurde mit dem Börsengang 1995 die Merck KGaA installiert, die das operative Geschäft der Merck-Gruppe führt. An ihr hält die Familie über die E. Merck OHG rund 73 Prozent des Kapitals. Diese Obergesellschaft, die selbst nicht operativ tätig ist, trifft alle unternehmerischen Grundsatzentscheidungen. Als Aktien frei handelbar sind nur etwa 27 Prozent des Kapitals der Merck KGaA. Zwei Drittel der Anleger sind institutionelle Investoren.

 

E. Merck OHG und Merck KGaA sind faktisch wechselseitig an Ergebnis und Vermögen der jeweils anderen Gesellschaft beteiligt. Durch die Zwitter-Rechtsform der Kommanditgesellschaft auf Aktien ergeben sich mehrere Unterschiede zu einer Aktiengesellschaft: Es gibt keinen Vorstand, und dem Aufsichtsrat fehlen wesentliche Rechte wie das zur Bestellung der Geschäftsleitung. Diese Befugnis liegt bei der E. Merck OHG, die auch den von der Hauptversammlung beschlossenen Jahresabschluss absegnen muss. Von der Geschäftsführung der Merck KGaA ist die Obergesellschaft ausgeschlossen.

 

Zentrales Gremium der E. Merck OHG ist der Gesellschafterrat, dessen Funktion dem Aufsichtsrat einer AG entspricht. Neben fünf Familienmitgliedern gehören ihm vier externe Unternehmerpersönlichkeiten an. Berufen wird das Gremium vom Familienrat, der seinerseits von der Versammlung der rund 130 überwiegend stillen Gesellschafter - einer Art Hauptversammlung - gewählt wird. Die Mitglieder des Familienrates gehören der Merck-Sippe an, nehmen deren unternehmerische Interessen wahr und legen die strategische Ausrichtung sämtlicher Merck-Gesellschaften fest. Koordiniert werden diese Organe vom Vorstand der E. Merck OHG.

 

Den größten Einfluss in diesem Konstrukt haben derzeit zwei Familienmitglieder: Frank Stangenberg-Haverkamp ist Vorsitzender des Gesellschafterrates und stellvertretender Vorstandschef der Merck OHG. Sein Stellvertreter im Gesellschafterrat und zugleich Vorsitzender des Familienrates ist der 1944 geborene Psychologe Jon Baumhauer, der auch den Vorstand der E. Merck OHG führt und Mitglied im Aufsichtsrat der Merck KGaA ist. 

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